Vier Kerzen waren der Auftrag. Jetzt machen die Wichtel eine Online-Fortbildung.
Noahs Lehrerin, hatte mich gefragt, ob ich auch dieses Jahr wieder einen Adventskranz für die Klasse basteln könnte. Natürlich konnte ich.
Eine nette, überschaubare Aufgabe. Vier Kerzen, etwas Tannengrün, ein bisschen Weihnachtsstimmung. Andere Menschen brauchen dafür einen Nachmittag und einen freien Küchentisch. Ich brauche inzwischen einen Bebauungsplan und jemanden, der mich rechtzeitig fragt, ob das Gebäude wirklich noch eine zweite Etage benötigt. Wobei die Frage zwecklos gewesen wäre. Selbstverständlich benötigt es eine zweite Etage. Wo soll denn sonst der Wald hin?
Man hätte gewarnt sein können. Spätestens seit 2025. Damals saßen kleine Engel an Schulbänken und lernten beim Weihnachtsmann, wie man Geschenke verpackt. Vorne stand eine Tafel mit einem aufgezeichneten Päckchen, hinten warteten ein Winterwald, ein Hirsch und ein großer beleuchteter Stern. Eine himmlische Berufsschule mit ausgesprochen guter Weihnachtsausstattung.
Denn Flügel allein machen noch keine ordentliche Schleife. Auch ein Engel muss erst lernen, wie viel Geschenkpapier man abschneidet, damit am Ende nicht auf einer Seite drei Zentimeter fehlen und auf der anderen eine komplette Tischdecke übrig bleibt. 2025 war also die Ausbildung. 2026 läuft der Betrieb.
Unten arbeiten die Wichtel, oben liefert der Weihnachtsmann aus. Dazwischen liegt eine dicke Schneedecke. Aus dem Adventskranz ist ein kleines Weihnachtsunternehmen geworden, mit Geschenkverpackung und Bäckerei. Die vier Kerzen sind ebenfalls vorhanden. Ich habe den Auftrag also durchaus im Blick behalten. Er ist nur inzwischen von einem Gewerbegebiet umgeben.
Am Anfang stand allerdings erst einmal die Materialbeschaffung. Wochenlang suche ich nach kleinen Dingen, die sich irgendwie gebrauchen lassen. Miniaturen, Perlen, winzige Gefäße, irgendetwas mit einer brauchbaren Form. Andere Menschen sehen eine Perle. Ich prüfe gedanklich bereits, ob sie als Lampe, Möbelknopf oder Bestandteil eines Backwarensortiments Karriere machen könnte.
Dabei besitze ich selbstverständlich längst einen Materialvorrat. Verteilt auf Kartons in sämtlichen Größen, vom Schmuckkästchen bis zur Schuhschachtel. Die Kartons selbst sind ebenfalls potenzielles Baumaterial. Man weiß schließlich nie, wann man dringend eine Wand, eine Ladentheke oder einen tragfähigen Unterbau für einen Weihnachtswald benötigt. Etwas wegzuwerfen, nur weil ich aktuell noch nicht weiß, welche Funktion es später in einem Wichtelhaushalt übernehmen wird, wäre ausgesprochen kurzsichtig.
Was sich trotz wochenlanger Suche nicht finden lässt, wird aus Modelliermasse hergestellt. Ich weigere mich doch nicht kurz vor Weihnachten an einem fehlenden Miniaturgegenstand zu scheitern. Dann sitze ich eben da und forme etwas, das später irgendwo im Regal steht und von den meisten Menschen vermutlich erst auf dem dritten Foto entdeckt wird.
Ich weiß aber, dass es da ist. Und dass es fehlen würde. Mir jedenfalls.
Die kleinen Geschenke sind übrigens tatsächlich einzeln verpackt. Dafür habe ich kleine Holzplättchen aufeinandergeklebt, bis unterschiedlich große Würfel und Päckchen entstanden waren. Anschließend bekam jedes davon Geschenkpapier und ein Band.
Ich habe also erst Gegenstände hergestellt, damit ich etwas zum Einpacken hatte. Andere Leute kaufen ein Geschenk und suchen anschließend eine passende Verpackung. Ich baue mir den Verpackungsinhalt vorher selbst. Er besteht aus Holz, niemand kann etwas damit anfangen, und trotzdem müssen die Ecken ordentlich gefaltet sein.
Während die Päckchen noch eine relativ saubere Angelegenheit sind, beginnt spätestens beim Schnee die persönliche Verschmelzung mit dem Projekt. Heißkleber und Watte kleben irgendwann überall an mir. An den Fingern, an der Kleidung und an Stellen, die nach meiner Erinnerung überhaupt nicht am Bau beteiligt waren.
Man möchte nur kurz eine Schneekante befestigen, zieht die Hand zurück und hat plötzlich selbst einen Winterpelz. Dazu diese feinen Heißkleberfäden, die sich quer durch die Baustelle ziehen. Zeitweise ist schwer zu beurteilen, ob ich gerade eine Weihnachtswelt baue oder von einer festlich gestimmten Riesenspinne eingesponnen werde. Und wenn dann alles hübsch aussieht, soll es natürlich auch leuchten. Damit beginnt die Elektroabteilung.
Ich sitze also zwischen Geschenkpapier, Watte und Miniaturgebäck und löte Kabel zusammen, damit ich das Ganze betreiben kann, ohne später zig einzelne 1,5-Volt-Batterien versorgen zu müssen. Vier Adventslichter und ein bisschen stimmungsvolle Beleuchtung klingen zunächst übersichtlich. Bis man feststellt, dass offenbar jedes Bauteil gerne seine eigene kleine Energieversorgung hätte. Da habe ich dann doch gewisse organisatorische Einwände. Ich möchte einen Adventskranz übergeben und keinen Wartungsvertrag mit Batteriewechselplan.
Irgendwann sind die Kabel verbunden, die Lichter funktionieren, und ich kann wieder zur eigentlichen Kernfrage zurückkehren: Fehlt auf diesem winzigen Tisch vielleicht noch etwas?
Auf der einen Seite befindet sich der Geschenk- und Verpackungsservice. Zwei Wichtel, ein Arbeitstisch, Geschenkpapierrollen an der Wand und ein Korb mit weiterem Material. Fertige Päckchen stapeln sich auf dem Boden. Oben auf dem Regal wartet Spielzeugnachschub, darunter sitzen ein kleiner rosa Teddy und ein weißes Stofftier zwischen den Geschenken.
Auf dem Tisch liegen Schere, Klebeband und eine winzige Packung Buntstifte. Daneben steht ein aufgeklappter Laptop. Und jetzt kommen wir zu dem Punkt, an dem man meine Detailverliebtheit vermutlich amtlich bestätigen lassen könnte. Auf diesem Laptop ist tatsächlich eine passende Internetseite geöffnet. Da steht: „Geschenke verpacken leicht gemacht: 3 Falttechniken für Geschenkpapier“.
Ich habe also einen Miniatur-Arbeitsplatz eingerichtet und anschließend dafür gesorgt, dass das erfundene Personal fachlich auf dem Laufenden bleibt. Ein beliebiges Bild auf dem Bildschirm hätte es natürlich auch getan. Ein Weihnachtsbaum zum Beispiel. Aber dann hätte der Wichtel vor einem Weihnachtsbaum gesessen und immer noch nicht gewusst, wie man die Ecken ordentlich faltet. Damit wäre niemandem geholfen gewesen.
Neben dem Laptop liegt sogar ein kleiner Taschenrechner. Vermutlich berechnet der Kollege gerade den Papierbedarf. Oder die Überstunden. Ich hoffe auf Ersteres, denn für Letzteres ist nach der Einrichtung der Bäckerei kein Budget mehr vorhanden.
Ja, ich bin detailverliebt. Wenn auf einem winzigen Laptop eine Internetseite geöffnet ist, dann soll die bitteschön auch zur Tätigkeit des winzigen Menschen passen, der davorsteht. Ich kann doch nicht sämtliche Geschenke einzeln verpacken und anschließend beim Bildschirm sagen: „Ach, kleb halt irgendwas drauf.“ Es gibt schließlich Grenzen. Meine liegen offenbar nur an einer etwas ungewöhnlichen Stelle.
Auf der anderen Seite liegt die Weihnachtsbäckerei. Die kam dazu, weil irgendjemand für die Verpflegung sorgen muss. So etwas klingt in meinem Kopf immer vollkommen vernünftig. Erst hinterher fällt auf, dass ich gerade mit einem hungrigen Plastikmännchen den Bau einer vollständigen Backstube begründet habe.
Dort steht ein Wichtel mit einem Nudelholz am Tisch. Vor ihm Eier, Milch und eine Rührschüssel, hinter ihm ordentlich aufgehängte Küchenhelfer. Dazu eine kleine rote Küchenmaschine und ein Backblech mit Lebkuchenformen. Die Küchenmaschine war selbstverständlich notwendig. Der Mann hat Oberarme im Durchmesser eines Streichholzes. Ich kann von ihm schlecht verlangen, dass er damit die komplette Weihnachtsproduktion von Hand durchknetet. Ein bisschen Fürsorge gehört dazu, wenn man Personal aus der Verpackung holt und direkt zur Dezemberarbeit verpflichtet.
Im Regal stehen kleine Kuchen, Törtchen, Muffins und ein Korb mit Brezeln. Darunter warten mehrere Tassen mit Heißgetränken. Auf einem kleinen Tablett transportiert die zweite Wichtelfigur Lebkuchenmännchen. Die haben winzige Gesichter und kleine Verzierungen. Natürlich haben sie die. Ich höre doch nicht ausgerechnet beim Gesicht eines Lebkuchenmannes auf, sorgfältig zu werden.
Vorne an der Arbeitsplatte hängen vier Weihnachtsstrümpfe, auf dem Boden stehen Mehlsäcke, unter dem Tisch warten weitere Vorräte, daneben Milchflaschen. Und mitten auf den schwarz-weißen Fliesen liegen zwei Spiegeleier. Offenbar gab es einen Zwischenfall.
Der Wichtel lächelt weiterhin mit einer Gelassenheit, die ich persönlich spätestens dann verliere, wenn die Watte an meinem Ärmel besser hält als am vorgesehenen Dach. Er steht einfach da. Nudelholz in der Hand, Eier auf dem Boden. Vielleicht hofft er, dass die Kollegin es zuerst bemerkt und sich zuständig fühlt. Wer meine Geschichte über unsere Weihnachts-Elfen kennt, weiß allerdings: Zwei Eier auf dem Fußboden sind bei uns noch ein ausgesprochen aufgeräumter Zustand. Solange keiner kopfüber im Nutellaglas steckt, läuft die Schicht offenbar gut.
Über den Werkstätten liegt die zweite Welt. Kleine Weihnachtshäuser zwischen verschneiten Tannen, Zapfen am Waldrand und Geschenke, die auf ihre Auslieferung warten. Dort oben ist der Weihnachtsmann unterwegs.

Er hat es allerdings mit einer gewissen Vegetationsdichte zu tun. Ich habe beim Pflanzen der Tannen offenbar den Moment verpasst, an dem aus „ein paar Bäumchen“ ein Gebiet wird, für das man eine eigene Forstverwaltung benötigt. Zwischen manchen Bäumen sieht man hauptsächlich noch seine rote Mütze. Aber er kennt sich aus. Hoffentlich. Ich habe unten zwar einen Rechner für die Geschenkverpackung eingerichtet, oben aber kein Navigationsgerät.
Natürlich gibt es auch außen etwas zu entdecken. Eine rote Tür mit kleinem Kranz, einen gelben Briefkasten, einen Schlitten, einen Besen und eine Leiter. Schließlich besitzt dieses Gebäude vier Seiten. Nur zwei davon einzurichten, wäre mir vorgekommen, als würde man ein Haus renovieren und hinten einfach die Tapetenrollen stehen lassen. Der Briefkasten sorgt für die ordentliche Annahme der Wunschzettel. Der Schlitten steht bereit. Der Besen ebenfalls.
Inzwischen ist alles fertig, und Noah bekommt die kleine Weihnachtswelt in den nächsten Tagen mit in die Schule.
Und bei allem Spaß über meine offensichtlich dehnbare Vorstellung von „ein bisschen basteln“: Genau auf diesen Moment freue ich mich. Wenn die Kinder näher herankommen und immer noch etwas finden. Erst die Bäckerei. Dann die kleinen Lebkuchen. Dann den Teddy zwischen den Päckchen. Und irgendwann schaut jemand ganz genau auf den Laptop und merkt, dass der Wichtel tatsächlich gerade lernt, Geschenke einzupacken.
Dafür klebe ich Holzplättchen aufeinander, verpacke winzige Würfel, suche wochenlang nach Kleinteilen und löte Kabel zwischen Weihnachtsgebäck. Weil aus all diesen einzelnen Dingen irgendwann eine Welt wird, in der es etwas zu entdecken gibt.
Bis dahin bin ich eben selbst gelegentlich eingeschneit und an drei Stellen festgeklebt.
Nächstes Jahr mache ich trotzdem etwas Kleineres. Das nehme ich mir fest vor.
Die leere Schuhschachtel hebe ich aber vorsichtshalber auf.












