1.300 Kilometer bis nach Hause – mit Vespas, Mortadella und mysteriösem Olivenöl
Der letzte Morgen beginnt noch einmal genau so, wie ich mir inzwischen jeden Morgen in Pompeji wünschen würde: mit dem Frühstück. Und weil wir wissen, dass es das letzte ist, genießen wir das Buffet vielleicht sogar noch ein bisschen mehr. Noch einmal frisch gepresster Orangensaft, noch einmal dieser herrliche Cappuccino aus dem Siebträger, Wurst, Käse, kleine Kuchen, süße Teilchen und all die anderen Dinge, bei denen man sich bereits morgens einreden kann, man müsse sich für einen langen Reisetag schließlich ordentlich stärken. Ich finde, das ist eine ausgesprochen vernünftige Argumentation. Außerdem liegt eine ziemlich lange Fahrt vor uns. Wie lang sie tatsächlich werden wird, ahne ich zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nicht.

Dann heißt es Abschied nehmen. Von Pasquale, aber auch von den beiden Damen, die uns morgens beim Frühstück versorgt haben. Wir waren nur ein paar Tage hier und trotzdem fühlt es sich nicht an, als würden wir einfach irgendeinen Campingplatz verlassen. Pasquale, mit dem ich mich seit unserem ersten Besuch in meinem sehr überschaubaren Italienisch und er in seinem ebenso überschaubaren Englisch irgendwie wunderbar verständige, ist uns längst ans Herz gewachsen. Vieles funktioniert mit Händen, Gesichtsausdrücken, einzelnen Wörtern und meinen kurz zuvor auswendig gelernten italienischen Sätzen, auf die ich immer ein bisschen stolz bin, wenn sie tatsächlich verstanden werden. Es gibt Menschen, mit denen braucht man offenbar keine gemeinsame Sprache. Ein herzliches Lachen, ein „Buongiorno“, ein „Buona giornata“ und zwischendurch mein tapfer herausgepresstes Italienisch reichen vollkommen.
Und dann gibt es natürlich noch ein weiteres verbindendes Element: meine Scuderia Limoncello. Pasquale ist von meiner weißen Vespa völlig verzückt. Schon bei unserer Ankunft hatte ich das Gefühl, dass er sich über die Vespa fast genauso freut wie über uns, und jedes Mal, wenn er an ihr vorbeikommt, wird geguckt, gezeigt, gelacht und kommentiert. Die Zitronen, die Tricolore-Streifen, die Startnummer 38, die Zielflaggen – für einen Italiener ist meine kleine Limoncello-Rennsemmel offenbar ungefähr das, was für andere Menschen ein besonders niedlicher Hundewelpe ist. Er kriegt sich kaum wieder ein. Und ich natürlich auch nicht, weil ich innerlich jedes Mal ein bisschen platze vor Stolz. Da klebe ich zu Hause stundenlang Zitronen und italienische Flaggen auf eine Vespa, und dann komme ich nach Pompeji und bekomme von Pasquale praktisch die inoffizielle italienische Abnahme dafür. Mehr Anerkennung braucht die Scuderia Limoncello nun wirklich nicht.

Natürlich gibt es zum Abschied wieder Bussi links, Bussi rechts, herzliche Umarmungen und das Versprechen, dass wir wiederkommen. Pasquale verabschiedet sich von uns – und vermutlich mindestens genauso innig von der Limoncello-Vespa. Wann wir uns wiedersehen, steht allerdings noch in den Sternen. Im Mai geht es zwar wieder nach Italien, diesmal mit der ganzen Familie nach Rom und an den Gardasee, aber Pompeji steht dabei eher nicht auf dem Plan. Andererseits kennen wir uns: Nur weil etwas nicht auf dem Plan steht, heißt das bei uns noch lange nichts. Irgendwann werden wir jedenfalls wieder hier auf den Platz rollen – und spätestens dann dürfte Pasquale auch kontrollieren, ob die Scuderia Limoncello noch alle Zitronen an der richtigen Stelle trägt.
Dann rollen wir vom Platz. Der Camper ist voll. Und mit voll meine ich nicht nur Schränke, Kleidung und den üblichen Urlaubskram. Wir haben Italien eingepackt. Olivenöl aus der Ölmühle, Olivenöl aus einer höchst vertrauenswürdigen Flasche ohne jedes Etikett, Mortadella, Prosciutto, Salami, Käse und diverse andere essbare Erinnerungen. Dazu Klamotten und Schuhe für Noah und Emilia aus unseren Outlet-Eskalationen und all die Kleinigkeiten, bei denen man während des Urlaubs immer denkt: Ach, das passt noch irgendwo rein. Es passt tatsächlich immer irgendwo rein. Unser Camper ist inzwischen weniger Reisemobil als italienischer Importhandel auf vier Rädern.
Unser Plan für die Heimfahrt ist dabei denkbar entspannt. Wir fahren einfach ein paar Stunden Richtung Norden und schauen am frühen Abend bei Park4Night, wo wir übernachten können. Das haben wir vor zwei Jahren schon einmal genauso gemacht. Damals war der Plan ebenfalls, irgendwann aufzuhören. Und auch damals saß Stefan am Steuer. Ich hätte es also wissen können.
Wir fahren an Rom vorbei, weiter Richtung Florenz und immer weiter nach Norden. Die Kilometer verschwinden unter uns, und irgendwann ungefähr in der Gegend von Bologna machen wir wenigstens eine vernünftige Pause bei einem Autogrill. Und Autogrill kann Italien einfach. Während man auf deutschen Autobahnraststätten bei manchen Gerichten das Gefühl hat, sie hätten bereits mehrere Legislaturperioden unter einer Wärmelampe verbracht, bekommen wir hier im Restaurant Amore tatsächlich richtig gutes Essen. Ich nehme gleich ein Drei-Gänge-Menü: Bruschetta, Pasta und zum Abschluss Tiramisu (Für nur 20 €). Stefan entscheidet sich für einen Burger, der auf den Bildern noch völlig harmlos ausgesehen hatte und in Wirklichkeit eine ganze Familie satt machen könnte. Nach dem essen bekommt draußen auch der Camper seine Mahlzeit. Diesel. Jeder das, was er braucht.
Danach könnten wir natürlich langsam anfangen, über einen Stellplatz nachzudenken. Tun wir aber nicht. Stefan fährt. Und fährt. Und fährt. Irgendwann verschiebt sich der gedankliche Stellplatz von „heute Abend“ auf „vielleicht später“, anschließend auf „wir schauen gleich mal“ und schließlich in jene nebulöse Zukunft, in der offenbar auch Dinge wie Steuererklärungen und Kelleraufräumen stattfinden. Italien zieht draußen vorbei, wir kommen Richtung Brenner und erreichen Österreich. Spätestens dort bin ich froh, dass Stefan seinen persönlichen Langstreckenmodus aktiviert hat, denn Österreich scheint beschlossen zu haben, seine komplette Straßeninfrastruktur gleichzeitig umzubauen. Vom Brenner bis Reutte besteht das Land gefühlt aus Baustellen. Fahrbahnverengungen, Baustellenbeleuchtung, Absperrbaken, Spurwechsel – und wenn man glaubt, jetzt müsse es doch irgendwann vorbei sein, beginnt einfach die nächste. Österreich ist heute Nacht keine Republik, sondern eine einzige langgezogene Baustelle mit Bergen.

Immerhin fahren wir nachts. Und darüber sind wir wirklich froh. Jetzt kommen wir einigermaßen problemlos durch, aber ich möchte mir gar nicht vorstellen, wie das hier morgen aussieht, wenn sich tagsüber deutlich mehr Autos, Camper und Lkw durch dieselben Engstellen schieben. Also weiter. Innsbruck, Fernpass, Reutte, Füssen. Deutschland. Und spätestens jetzt ist aus unserem ursprünglichen Plan endgültig eine dieser Geschichten geworden, bei denen man hinterher sagt: „Na ja, dann können wir auch gleich heimfahren.“ Genau das tun wir.
Füssen verschwindet hinter uns, irgendwann kommt Ulm, und inzwischen ist klar: Wir suchen keinen Stellplatz mehr. Der nächste Stellplatz ist unserer. Zu Hause. Aus „Wir fahren heute ein Stück und schlafen unterwegs“ sind mal eben rund 1.300 Kilometer geworden. Stefan hat damit wieder einmal bewiesen, dass man ihm bei einer Heimfahrt niemals die Formulierung „Fahr einfach mal“ überlassen sollte. Er interpretiert das nicht als Vorschlag, sondern als Auftrag.
Um ungefähr zwei Uhr nachts rollen wir schließlich tatsächlich zu Hause ein. Müde, vollgefuttert, mit zwei Vespas auf dem Anhänger und einem Camper, dessen Inhalt die Frage aufwerfen würde, ob wir einen Feinkosthandel eröffnen wollen. Wir sind wieder da.
Und morgen früh habe ich schon den nächsten Plan. Noah und Emilia rechnen nämlich erst am Abend mit uns. Dass Oma und Opa nachts um zwei bereits wieder zu Hause stehen, wissen sie nicht. Und wenn ich nach so einer Fahrt schon viel zu früh wieder in Deutschland bin, kann ich daraus wenigstens etwas Vernünftiges machen. Morgen früh werde ich die beiden überraschen. Allein dafür lohnt sich beinahe, dass Stefan gestern Abend den Stellplatz konsequent überfahren hat. Und wahrscheinlich auch den nächsten. Und den nächsten.
Fazit – Italien, du machst es uns wirklich nicht leicht
Wenn ich auf diese Reise zurückblicke, weiß ich gar nicht, wo ich anfangen soll. Wir wollten nach Sorrent, Capri und an die Amalfiküste, und natürlich haben wir genau das gemacht. Aber wie so oft sind es am Ende gar nicht nur die großen Ziele, die hängen bleiben. Es sind diese völlig ungeplanten Geschichten dazwischen. Ein singender Wirt in Orvieto. Eine Ölmühle, in der ich mich durch gefühlt das halbe Sortiment probiere. Zwei Flaschen vollkommen nacktes Olivenöl, deren Herkunft wahrscheinlich für immer ein kleines Familiengeheimnis bleiben wird. Eine Bar irgendwo in den Bergen, in die wir eigentlich überhaupt nicht wollten. Treppen, von denen meine Knie vermutlich heute noch Albträume haben. Ein 9-Euro-Cappuccino auf Capri. Stefans Hut, der jetzt irgendwo im Golf von Neapel unterwegs ist und vielleicht inzwischen von einem ausgesprochen eleganten Delfin getragen wird. Busfahrten, bei denen die Straße schmaler wirkt als der Bus. Vespafahrten über die Amalfitana, bei denen hinter jeder Kurve der nächste Grund wartet, schon wieder anzuhalten und ein Foto zu machen.
Und dann Neapel.
Ich glaube, diese Stadt hat mich endgültig. Sie ist laut, wild, eng, manchmal bröckelt der Putz, überall hängen Kabel und Wäsche über den Gassen, Roller tauchen aus Richtungen auf, aus denen eigentlich überhaupt nichts auftauchen dürfte, und trotzdem empfinde ich dieses Durcheinander nicht als unangenehm. Im Gegenteil. Ich könnte stundenlang durch diese Straßen laufen und einfach nur zuschauen. Wie eine Nonna ihre Schüssel vom Balkon herunterlässt, damit unten jemand Waschmittel hineinlegt. Wie auf einem Markt Gemüse durch die Gegend fliegt und fünf Minuten später vermutlich wieder ganz normal Artischocken verkauft werden. Wie Espresso an der Bar getrunken wird, als wäre das keine Freizeitbeschäftigung, sondern ein Grundrecht. Neapel ist nicht glattgebügelt und möchte es offensichtlich auch gar nicht sein. Vielleicht liebe ich es genau deshalb so sehr.
Auch die Amalfiküste hat sich mit den eigenen Vespas noch einmal völlig anders angefühlt als im vergangenen Jahr mit dem Auto. Einfach irgendwo anhalten, weil die Aussicht gerade unfassbar ist. Durch Positano rollen und dabei so dicht an den Geschäften vorbeifahren, dass man theoretisch während der Fahrt einkaufen könnte. Hoch nach Ravello, kreuz und quer durch die Berge, nach Termini, Sorrent, Amalfi und wieder zurück. Die beiden Vespas auf dem Anhänger mitzunehmen war genau die richtige Entscheidung. Sie haben uns eine Freiheit gegeben, die gerade dort unten kaum zu bezahlen ist.

Und deshalb fühlt sich diese Reise trotz der 1.300 Kilometer langen Schlussetappe überhaupt nicht wie ein endgültiger Abschied an. Wir wissen schließlich schon, dass wir wiederkommen. Im Mai geht es mit der ganzen Bande nach Italien: Rom und Gardasee stehen auf dem Plan. Darauf freue ich mich jetzt schon, denn Reisen mit Noah und Emilia ist noch einmal eine ganz eigene Form des Wahnsinns.
Bis dahin stehen Camper und Vespas erst einmal zu Hause. Es sei denn, irgendwo tauchen plötzlich ein paar freie Tage auf. Dann sollten wir uns besser nicht darauf verlassen, dass der Camper bis Mai stillsteht.




