Wir hatten da noch eine Rechnung mit dem Pfad der Götter offen – 1.700 Stufen Richtung Positano
Heute Morgen entdecke ich tatsächlich noch etwas am Camping Fortunata, das mich mit diesem Platz zumindest ein kleines bisschen versöhnt. Direkt neben dem schicken Restaurant hat morgens eine Bar geöffnet, und dort gibt es genau das, was ich zu dieser Uhrzeit brauche: Croissants und Cappuccino. Und diesmal sogar zu einem Preis, bei dem ich nicht sofort nach einer versteckten Capri-Steuer suche. Zwei Croissants und zwei Cappuccino kosten zusammen 10,80 Euro. Nach unseren jüngsten gastronomischen Erfahrungen empfinde ich das beinahe als Sonderangebot. Also stehe ich gegen halb acht an der Bar, hole unser Frühstück und bringe es zum Camper. Lange zelebrieren können wir es allerdings nicht, denn heute haben wir einen Zeitplan – und vor allem eine Mission.
Diese Mission ist ziemlich genau ein Jahr alt und heißt Sentiero degli Dei – Pfad der Götter. Den sind wir im vergangenen Jahr gewandert, hoch über der Amalfiküste mit diesen unglaublichen Ausblicken, bei denen man unterwegs ständig stehen bleibt und aufs Meer hinunterschaut. Am Ende kamen wir in Nocelle an – und dort hätten wir eigentlich nur noch den berühmten Abstieg über die rund 1.500 bis 1.700 Stufen hinunter Richtung Positano dranhängen müssen. „Nur noch“ ist allerdings leicht gesagt, wenn man den Pfad der Götter bereits in den Beinen hat und vor einem eine Treppe liegt, die offenbar bis zum Meer reicht. Damals war unsere Motivation an genau diesem Punkt vollständig aufgebraucht und wir haben uns den Abstieg geschenkt. Vernünftig betrachtet überhaupt kein Problem. Dummerweise hat es seitdem an mir genagt. Wir hatten den Pfad der Götter gemacht – aber eben nicht ganz. Da war noch diese offene Rechnung mit den Treppen nach Positano, und wenn ich eines schlecht kann, dann ist es, einen angefangen Weg irgendwo halbfertig liegen zu lassen. Heute, ziemlich genau ein Jahr später, sind wir deshalb wieder hier. Und diesmal sind die Treppen fällig.
Unser Plan ist eigentlich ziemlich clever. Wir fahren mit den Vespas über die Amalfitana in Richtung des Endpunkts unserer heutigen Wanderung, stellen sie dort so ab, dass wir später nach dem Abstieg direkt bei ihnen herauskommen, laufen zurück zur Bushaltestelle und nehmen um 9:20 Uhr den Bus nach Nocelle. Von dort aus geht es dann zu Fuß zurück nach Positano. Kein Zurücklaufen zur Bushaltestelle, kein zweiter Bus am Nachmittag, sondern unten warten unsere Vespas auf uns. Zumindest in der Theorie klingt das hervorragend organisiert, und weil wir eine feste Buszeit haben, müssten wir eigentlich einfach zügig hinfahren.
Eigentlich. Nur liegt zwischen uns und unserem Parkplatz die Amalfitana. Und die sieht an diesem Morgen wieder derart unverschämt schön aus, dass jeder Zeitplan automatisch an Bedeutung verliert. Das Wetter ist perfekt, der Himmel tiefblau, das Meer ebenso, und die Straße klebt wie gewohnt zwischen Felswand und Abgrund. Wir fahren durch die kleinen Orte, unter Bögen hindurch, an Kirchen mit bunt glasierten Kuppeln vorbei und immer wieder um Kurven, hinter denen sich der nächste Blick aufs Meer öffnet. Eigentlich müssten wir weiter. Stattdessen halten wir an. Foto. Weiterfahren. Nächste Aussicht. Wieder anhalten. Noch ein Foto. Wir haben diese Küste inzwischen aus ungefähr 4.000 verschiedenen Winkeln fotografiert, aber offenbar fehlt immer noch genau dieser eine.
Schließlich erreichen wir unseren geplanten Parkplatz und stellen die Vespas am Straßenrand ab, ziemlich genau dort, wo wir nach unserer heutigen Treppenaktion später wieder herauskommen wollen. Damit ist zumindest der Rückweg schon einmal hervorragend vorbereitet. Jetzt müssen wir nur noch rechtzeitig zum Bus. Also Helme verstauen, Sachen zusammenpacken und zu Fuß zurück zur Haltestelle.

Der Bus kommt tatsächlich, wir steigen ein, und damit beginnt der Teil des Tages, bei dem ich ziemlich schnell froh bin, dass heute jemand anderes fährt. Wir kennen diese Bergstraße bereits vom vergangenen Jahr, allerdings in der anderen Richtung. Diesmal geht es hinauf – und aus dem Bus heraus bekommt man noch einmal eine ganz andere Vorstellung davon, wie schmal diese Straßen wirklich sind. Der Bus selbst ist schon nicht besonders groß, aber stellenweise habe ich trotzdem das Gefühl, dass zwischen Außenspiegel und Felswand nur noch Platz für eine mittelgroße Briefmarke bleibt. Auf der anderen Seite geht es dafür sehr zuverlässig bergab. Sehr weit bergab.
Der Fahrer scheint davon vollkommen unbeeindruckt zu sein. Er fährt diese Strecke vermutlich so oft, dass sie für ihn ungefähr denselben Nervenkitzel besitzt wie für mich der Weg zum Supermarkt. Vor unübersichtlichen Kurven wird kurz gehupt. Nicht gebremst und vorsichtig hineingetastet – nein, gehupt. Damit ist die Kurve verkehrstechnisch offenbar ausreichend vorbereitet, und anschließend geht es mit bemerkenswertem Vertrauen in die Kurve hinein.
Das Hupen bedeutet vermutlich so viel wie: „Ich komme jetzt. Wenn du auch kommst, haben wir gleich ein gemeinsames Problem.“ Manchmal kommt tatsächlich etwas entgegen. Dann beginnt dieses typisch italienische Rangierballett, das wir inzwischen schon von der Amalfitana kennen. Einer fährt ein Stück zurück, der andere ein Stück vor, irgendwo werden fünf Zentimeter Straßenbreite entdeckt, die vorher nicht da waren, Die eh permanent eingklappten Außenspiegel nähern sich einander auf eine Distanz, bei der sie vermutlich Telefonnummern austauschen könnten, und am Ende passen plötzlich doch alle aneinander vorbei. Wie genau, kann ich nicht erklären. Italienische Straßen scheinen sich in solchen Momenten kurzfristig auszudehnen.

Wir sitzen währenddessen im Bus und bekommen kostenlos eine Mischung aus Linienverkehr und Freizeitparkattraktion geboten. Felswand rechts, Abgrund links, nächste Kurve, hupen, durch. Dann wieder Meerblick, ein paar Häuser, nächste Engstelle und das nächste entgegenkommende Fahrzeug. Zwischendurch sehe ich aus dem Fenster ziemlich viel Landschaft direkt unter uns und denke, dass ich möglicherweise gar nicht so genau wissen möchte, wie nah die Räder gerade am Straßenrand sind.
Aber unser Fahrer weiß offensichtlich, was er tut. Nach einer ausgesprochen unterhaltsamen, stellenweise ziemlich wilden und vor allem sehr kurvenreichen Fahrt erreichen wir tatsächlich Nocelle. Kaum sind wir aus dem Bus gestiegen, stehen wir auf dem kleinen Kirchplatz und entdecken dort den Lemon Point. Und bevor wir uns freiwillig in 1.500 oder 1.700 Stufen stürzen, erscheint es uns ausgesprochen vernünftig, dem Körper vorher noch etwas Energie zuzuführen. Der kleine Stand sieht schon so aus, wie man sich einen Zitronenstand an der Amalfiküste ausmalt: Körbe voller Zitronen und Orangen, alles bunt, frisch und völlig ohne den Versuch, daraus irgendein schickes Konzept zu machen. Wir kommen mit dem Mann hinter dem Stand ins Gespräch, lassen uns frisch gepressten Orangensaft machen und stehen erst einmal mit unseren Bechern in der Sonne.
Nach der wilden Busfahrt hier hoch fühlt sich das gerade ziemlich gut an. Der Saft ist eiskalt, süß und frisch, das Wetter traumhaft und unter uns liegt dieses absurd blaue Meer. Man könnte an dieser Stelle eigentlich auch einfach sitzen bleiben und behaupten, man habe den zweiten Teil des Sentiero degli Dei nun emotional abgeschlossen. Aber dafür bin ich leider nicht gebaut.

Also los. Die offene Rechnung vom vergangenen Jahr wartet. Schon nach kurzer Zeit taucht der Wegweiser Richtung Positano auf, und dann beginnen sie tatsächlich: die Treppen. Ich hatte mir das im Vorfeld relativ einfach vorgestellt. Es geht schließlich bergab. Bergab kann ich. Ein Bein vor das andere, immer schön nach unten, zwischendurch Pause machen, Aussicht genießen und irgendwann steht man in Positano. Rein physikalisch sollte das deutlich einfacher sein, als 1.700 Stufen hinaufzulaufen.

Was ich bei dieser Rechnung nicht berücksichtigt habe: Diese Treppen sind nicht dafür gebaut worden, dass ein menschlicher Körper sie angenehm hinuntergeht. Das sind nämlich nicht diese normalen Treppen, bei denen man einen Schritt macht und der Fuß landet automatisch auf der nächsten Stufe. Nein. Viele Stufen sind zu tief, um sie mit einem normalen Schritt zu nehmen, aber gleichzeitig zu kurz, um bequem zwei Schritte darauf zu machen. Vielleicht 30 oder 40 Zentimeter, genau dieses herrlich unbrauchbare Zwischenmaß. Man setzt einen Fuß hinunter, macht oben noch einen merkwürdigen halben Zwischenschritt, sortiert die Beine neu und nimmt die nächste Stufe. Und das nicht zehnmal. Auch nicht hundertmal. Sondern immer und immer und immer wieder. Irgendjemand hat diese Treppen irgendwann vermessen und offenbar exakt die Schrittlänge gewählt, bei der ein Mensch nach spätestens einer halben Stunde anfängt, persönlich beleidigt zu sein.

Dabei ist die Umgebung wunderschön. Was ausgesprochen gemein ist, denn ständig gibt es einen Grund stehen zu bleiben und zu fotografieren. Zwischen Olivenbäumen, Kakteen und dichtem Grün öffnet sich immer wieder der Blick auf die Küste. Positano liegt weit unter uns am Hang, davor dieses unglaubliche Blau des Meeres, weiße Boote ziehen winzige Linien durchs Wasser und gegenüber steigen die Berge steil aus der Küste auf. Bougainvillea leuchtet zwischen den Mauern, alte Steinwände begleiten den Weg, und immer wieder verschwinden die Treppen für ein Stück unter Bäumen, bevor sich der nächste grandiose Ausblick öffnet. Landschaftlich ist das wirklich traumhaft. Körperlich beginnt dagegen langsam eine Gewerkschaftsversammlung. Zuerst melden sich die Knie. Die Knie möchten mitteilen, dass sie mit der heutigen Streckenplanung nicht einverstanden sind.
Kurz darauf schließen sich die Waden an. Die Oberschenkel warten noch ein bisschen, erkennen dann aber offenbar die Chance auf einen gemeinsamen Arbeitskampf und treten ebenfalls bei. Irgendwann meldet sich sogar der Hintern, obwohl ich bis dahin der Meinung war, dass der bei einer Wanderung bergab eigentlich eine eher beobachtende Funktion hätte. Falsch gedacht. Nach einer Weile befindet sich meine untere Körperhälfte geschlossen im Streik, während der Kopf weiterhin behauptet: Wir wollten das letztes Jahr nicht fertig machen, also machen wir es jetzt fertig. Und die Treppen gehen weiter.
Manchmal sind sie ordentlich gepflastert, dann wieder alt und unregelmäßig, teilweise führen sie zwischen Mauern hindurch, anschließend durch schattiges Grün und dann wieder vollkommen offen mit Blick aufs Meer. Wir steigen und steigen und steigen – wobei „steigen“ für eine Bewegung nach unten eigentlich das falsche Wort ist, aber „wir lassen uns zwei Stunden lang kontrolliert von einer Stufe auf die nächste fallen“ klingt auch nicht besonders elegant. Zwischendurch bleiben wir natürlich stehen. Offiziell wegen der Aussicht und der Fotos. Dass Knie und Waden diese Fotopausen ebenfalls ausdrücklich begrüßen, ist reiner Zufall.
Mit der Zeit kommt Positano immer näher. Anfangs liegt es noch weit unter uns wie eine kleine Modellstadt am Hang, später erkennt man einzelne Häuser, Straßen und Boote, und irgendwann merkt man tatsächlich, dass wir Höhe verlieren. Sehr viel Höhe sogar. Nur fühlt sich der Weg dorthin inzwischen nicht mehr wie ein gemütlicher Abschluss des Pfads der Götter an, sondern wie eine sehr persönliche Auseinandersetzung zwischen uns und einer historischen Treppenanlage.

Nach ungefähr zwei Stunden ist es dann tatsächlich geschafft. Da stehen unsere Vespas. Noch nie haben zwei Roller so wunderschön ausgesehen. Vor allem besitzen sie etwas, das in diesem Moment einen unschätzbaren Wert hat: Sitze.
Wir haben die fehlenden Treppen vom vergangenen Jahr nachgeholt, die offene Rechnung ist beglichen und der Sentiero degli Dei damit für uns endgültig abgeschlossen. Mein Kopf ist ausgesprochen zufrieden mit dieser Leistung. Knie, Waden, Oberschenkel und Hintern haben allerdings bereits angekündigt, gegen diese Bewertung Einspruch einzulegen. Und ich habe unterwegs noch etwas gelernt: 1.700 Stufen bergab sind keineswegs leichter als 1.700 Stufen bergauf. Sie tun nur an anderen Stellen weh.
Zurück bei den Vespas melden sich allerdings nicht nur Knie, Waden, Oberschenkel und Hintern zu Wort, sondern inzwischen auch der Magen. Der hat sich aus dem bisherigen Arbeitskampf herausgehalten und stellt nun seinerseits Forderungen. Nach zwei Stunden Treppenabstieg sind wir uns ausnahmsweise sofort einig: Bevor wir auch nur über den weiteren Verlauf des Tages nachdenken, brauchen wir etwas zu essen. Also setzen wir uns auf unsere Vespas – was sich in diesem Moment schon fast wie eine medizinische Maßnahme anfühlt – und fahren zum Che Bontà. Allein die Tatsache, dass man dort sitzen kann, macht das Restaurant spontan zu einem meiner Lieblingsorte.
Ich nehme eine Pizza, Stefan bleibt seiner Linie treu und bestellt Bolognese, und spätestens als das Essen vor uns steht, kehrt langsam wieder Leben in die unteren Körperregionen zurück. Meine Pizza kommt mit herrlich aufgegangenem Rand, Tomatensoße und ordentlich Mozzarella, Stefan bekommt seine Pasta mit einer Portion Bolognese, die ebenfalls genau das Richtige nach unserer Treppenaktion ist. Eigentlich wären wir danach satt. Aber „eigentlich satt“ und „Tiramisu auf der Karte“ sind zwei Zustände, die in Italien problemlos nebeneinander existieren können. Also teilen wir uns noch eines. Wir haben heute schließlich genügend Höhenmeter vernichtet, um uns jede Form von Kalorienrechnung zu verbieten.
Danach stellt sich die Frage, was wir mit dem Rest des Tages machen. Eine Sache steht ziemlich schnell fest: laufen werden wir nirgendwo mehr hin. Wir besitzen zwei Vespas mit hervorragend gepolsterten Sitzflächen, und nach 1.700 Stufen erscheinen mir diese Sitzflächen wie eine der bedeutendsten Erfindungen der Menschheitsgeschichte. Also fahren wir einfach los. Erst noch einmal Richtung Amalfi, vorbei an dieser Küste, von der wir inzwischen wirklich unzählige Fotos haben und bei der wir trotzdem an jeder zweiten Ecke wieder denken: Das sieht jetzt aber besonders schön aus.

Und Amalfi liefert natürlich wieder. Von oben liegt der Ort vor uns wie hingebaut für eine Postkarte: die Häuser dicht an den Fels gedrängt, darunter der Hafen mit seinen Booten, die lange Mole und dieses fast unwirklich blaue Wasser. Also wieder anhalten, wieder schauen, wieder fotografieren. Unsere Beine dürfen dabei einfach nur herumhängen und haben keinerlei Mitspracherecht mehr.
Von Amalfi aus fahren wir anschließend hinauf in die Berge Richtung Agerola. Die Straße schraubt sich in langen Kurven immer höher, das Meer bleibt unter uns zurück und mit jedem Höhenmeter verändert sich die Landschaft. Eben waren wir noch direkt an der Küste zwischen Häusern, Häfen und Verkehr, wenig später fahren wir durch ruhigere Bergorte und an Felswänden entlang. Hinter den Kurven öffnet sich immer wieder der Blick weit hinunter aufs Meer. Mal liegt ein ganzer Küstenabschnitt unter uns, mal verschwindet das Wasser hinter dem Berg und taucht ein paar Kurven später wieder auf. Das Wetter spielt heute ohnehin in einer eigenen Liga: blauer Himmel, ein paar weiße Wolken und das Meer so tiefblau, dass es auf Fotos beinahe aussieht, als hätte jemand den Farbregler zu weit nach rechts geschoben.
Wir fahren bis Agerola und anschließend wieder zurück Richtung Amalfi. Einen zwingenden Grund dafür gibt es nicht. Kein Programmpunkt wartet dort auf uns, kein berühmtes Bauwerk muss besichtigt und kein weiterer Wanderweg abgehakt werden. Wir fahren einfach, weil wir können. Vor allem aber fahren wir, weil man auf einer Vespa sitzt. Nach dem Vormittag ist das ein vollkommen ausreichender Reisegrund.
So rollen wir wieder bergab, durch kleine Orte, vorbei an alten Mauern und Aussichtspunkten, die Straße windet sich zurück Richtung Küste und irgendwann glitzert tief unter uns wieder das Meer. Von Amalfi aus geht es schließlich wieder zurück Richtung Positano, und weil wir heute beschlossen haben, unsere Beine nur noch für unbedingt notwendige Tätigkeiten wie Auf- und Absteigen von der Vespa zu benutzen, fahren wir noch einmal mitten durch den Ort. Das haben wir vor zwei Tagen schon gemacht und fanden es da bereits ziemlich spektakulär. Heute ist allerdings Samstag – und offenbar bedeutet Samstag in Positano Ausnahmezustand.
Schon bei der Einfahrt merken wir, dass hier heute noch einmal eine ganz andere Menge Menschen unterwegs ist. Die Einbahnstraße schlängelt sich wie gehabt mitten durch den Ort, nur fühlt es sich diesmal weniger nach Straße und mehr nach einem Straßenfest an, durch das man versehentlich mit der Vespa geraten ist. Links Geschäfte, rechts Restaurants, dazwischen Menschen, Menschen und noch mehr Menschen. Vor den Läden stehen Kleiderständer, Taschen hängen an den Wänden, bunte Stoffe flattern vor den Eingängen und die Fußgänger verteilen sich großzügig über den verbliebenen Rest der Straße. Und mittendurch rollen wir auf unseren Vespas.
Schnell fahren kann man hier ohnehin nicht, was ganz gut ist, denn stellenweise sind wir so dicht an den Geschäften, dass ich wieder dieses Gefühl habe, eigentlich gar nicht anhalten zu müssen, wenn mir etwas gefällt. Beim letzten Mal dachte ich schon, man könnte während der Fahrt einfach Geld in einen Laden werfen und sich im Vorbeifahren eine Flasche Limoncello greifen. Heute ließe sich das System problemlos auf Kleidung erweitern. Arm nach links, Sommerkleid vom Bügel ziehen, ins Topcase stopfen und weiter. Stefan könnte auf der anderen Straßenseite gleichzeitig noch eine Tasche einsammeln. Positano-Shopping im Drive-through-Verfahren.
Zwischendurch müssen wir immer wieder fast bis zum Stillstand abbremsen, weil Menschen die Straße überqueren, stehen bleiben, fotografieren oder offenbar schlicht vergessen haben, dass die schmale gepflasterte Gasse trotz ihres Aussehens tatsächlich noch eine Straße ist. Dazu Vespas vor uns, Vespas hinter uns, Lieferverkehr und irgendwo garantiert noch ein Auto, das in einer Breite gebaut wurde, die mit Positano eigentlich nicht kompatibel ist. Trotzdem funktioniert es. Langsam, wuselig und nach Regeln, die uns nach den letzten Tagen inzwischen fast schon vertraut vorkommen. Und ich liebe es.
Natürlich würde ich hier nicht jeden Samstag meinen Wocheneinkauf erledigen wollen, aber auf der Vespa mitten durch dieses Gewusel zu rollen, hat schon etwas Besonderes. Man fährt nicht an Positano vorbei, man fährt regelrecht durch Positano hindurch – durch seine Geschäfte, Restaurants und Menschenmassen, so dicht am Leben des Ortes, dass eigentlich nur noch jemand aus einem Café herausreichen müsste, um uns im Vorbeifahren einen Espresso in die Hand zu drücken. Vor zwei Tagen fand ich die Fahrt schon klasse. Heute am Samstag ist sie noch eine Nummer verrückter. Und das Beste daran: Wir sitzen. Nach 1.700 Treppen kann ein Tag kaum schöner werden.
Nach unserem samstäglichen Slalom durch Positano machen wir uns endgültig auf den Rückweg Richtung Sorrento. Dort halten wir noch einmal kurz an, denn nach dem gestrigen Erfolg mit unserem kleinen Abendvesper haben wir beschlossen, dieses Konzept einfach zu wiederholen. Diesmal suchen wir uns allerdings einen anderen Metzger. Man muss schließlich vergleichen können. Also noch ein bisschen Schinken, Salami und Mortadella einpacken lassen, und damit ist das Abendessen geregelt. Nach Pizza, Bolognese und Tiramisu brauchen wir heute wirklich kein Restaurant mehr. Vor allem brauchen meine Beine kein Restaurant, zu dem man womöglich noch laufen müsste.
Gegen 19 Uhr rollen wir schließlich wieder auf den Campingplatz und damit endet für heute auch die Vespa-Schicht. Wir stellen die beiden ab, räumen unsere Einkäufe zusammen und machen es uns am Camper gemütlich. Und ausgerechnet dieser Campingplatz, mit dem ich ja weiterhin eine eher komplizierte Beziehung führe, liefert uns zum Abend noch einmal einen Anblick, bei dem selbst ich vorübergehend nichts zu meckern habe. Die untergehende Sonne trifft die Berge auf der gegenüberliegenden Seite des Golfs und färbt sie in ein warmes Orange und Rosa. Die Felsen scheinen regelrecht zu glühen, darunter liegt das Meer schon deutlich kühler und dunkler, und zwischen den Olivenbäumen vor unserem Stellplatz sieht das Ganze beinahe unwirklich aus. Sonnenuntergang statt Sonnenaufgang natürlich – für einen Sonnenaufgang um 19 Uhr müsste selbst Italien ein paar Naturgesetze außer Kraft setzen.

Also sitzen wir da, schauen hinüber auf die leuchtenden Berge und packen unser Abendessen aus. Schinken, Salami, Mortadella, Brot – und dazu diese kleinen, halb getrockneten Vesuv-Tomaten mit ihrer charakteristischen Spitze. Diese Dinger sind sensationell. Klein, süß, intensiv tomatig und durch das Antrocknen noch einmal konzentrierter im Geschmack. Eigentlich völlig unspektakulär anzusehen, aber sobald man eine gegessen hat, möchte man wissen, warum normale Tomaten zu Hause nicht einfach auch so schmecken können. Nach den letzten Tagen könnte ich inzwischen problemlos einen eigenen Italienimport eröffnen: Limoncello, Meloncello, Pistaziencreme, diverse Olivenöle mit und ohne Etikett und jetzt bitte noch einen Jahresvorrat dieser Tomaten.
So endet der Tag schließlich ganz unspektakulär und genau deshalb perfekt. Keine weitere Busfahrt, kein Drehkreuz, kein Restaurant und vor allem keine einzige zusätzliche Treppe. Nur wir, unser Vesper, die Aussicht über den Golf und zwei Vespas, die heute einen erheblichen Beitrag dazu geleistet haben, dass meine Beine nach dem Treppenmassaker überhaupt noch mit mir sprechen.
Die Rechnung mit dem Pfad der Götter ist damit endgültig beglichen.
Und falls morgen irgendwo ein Schild mit „1.700 Stufen“ auftaucht, fahre ich einfach daran vorbei.









































