Ein Schlüssel zum Parkplatz, die Mutter aller Pizzen und ganz viel Amore für Napoli
Um acht Uhr beginnt der Tag bei Pasquale mit einem Frühstück, bei dem man sich ernsthaft fragen muss, warum man danach überhaupt noch irgendwohin möchte. Frisch gepresster Orangensaft, ein richtig guter Cappuccino aus dem Siebträger, verschiedene Sorten Wurst und Käse und dazu eine Süßwarenabteilung, die jedes vernünftige Verhältnis zwischen Frühstück und Nachtisch einfach ignoriert. Donuts, kleine Küchlein, Gebäck – einmal quer durch alles, was morgens eigentlich nicht nötig wäre und gerade deshalb unbedingt auf den Teller muss. Nach den eher zweckmäßigen Croissant-und-Cappuccino-Frühstücken der vergangenen Tage ist das hier das Paradies. Pasquale kann also nicht nur Bussi links und rechts und sich über meine italienischen Sprachversuche freuen, er kann uns auch morgens mit seinem Team derart abfüttern, dass wir theoretisch bis zum Abend durchhalten könnten. Theoretisch. Wir fahren schließlich nach Neapel, und dort ist jede Aussage darüber, wann man das nächste Mal etwas essen wird, grundsätzlich unseriös.
Und auf Neapel freue ich mich. Richtig. Ich liebe diese Stadt. Ich weiß, dass sich daran die Geister scheiden und dass es Menschen gibt, die nach zehn Minuten Napoli bereits hektisch nach dem nächsten Zug Richtung Norden suchen. Mir geht es genau andersherum. Ich mag dieses Laute, Enge, Improvisierte, dieses Gefühl, dass hier nichts für Besucher inszeniert wird und die Stadt überhaupt kein Interesse daran hat, sich hübsch für einen zu machen. Neapel ist einfach Neapel. Man kann damit klarkommen oder eben nicht. Ich könnte stundenlang durch diese Straßen laufen.
Zunächst müssen wir allerdings erst einmal hinkommen. Wir fahren mit den Vespas zum Bahnhof Villa Regina und wollen sie dort auf dem großen Parkplatz abstellen. Zwei Euro kostet ein Scooter für den ganzen Tag – ein Preis, bei dem man nach Sorrento und Capri inzwischen fast überprüfen möchte, ob nicht irgendwo eine Null vergessen wurde. Das einzige Problem: Das Kassenhäuschen ist zwar geöffnet, davor steht sogar ein Tisch, aber vom dazugehörigen Menschen fehlt jede Spur. Ich gehe deshalb schon einmal zum Bahnhof und kümmere mich um unsere Zugtickets, während Stefan noch einmal zurück zum Parkplatz läuft. Er will schauen, ob er den Wächter irgendwo findet, damit wir später nicht wegen zwei unbezahlter Euro unsere Vespas aus irgendeinem italienischen Verwahrhof auslösen müssen.
Ich habe die Tickets längst, aber Stefan kommt nicht. Und kommt nicht. Irgendwann taucht er schließlich wieder auf – und hat einen Schlüssel dabei. Nun ist ein Schlüssel nicht unbedingt das, womit ich gerechnet habe. Eine Quittung vielleicht. Zwei Parktickets. Im schlimmsten Fall die Nachricht, dass wir die Vespas irgendwo anders abstellen müssen. Aber nein: Mein Mann besitzt jetzt den Schlüssel zum Parkplatz. Stefan erklärt mir, dass er den Parkplatzwächter tatsächlich gefunden hat und weil wir nicht wissen, wann wir am Abend zurückkommen, hat der ihm kurzerhand den Schlüssel gegeben. Wir sollen später einfach selbst aufschließen, unsere Vespas herausfahren und anschließend wieder abschließen.
Natürlich. Warum auch kompliziert, wenn man einem völlig fremden Deutschen einfach den Schlüssel zum Parkplatz geben kann? Damit ist Stefan für heute offenbar zum stellvertretenden Parkplatzwächter von Villa Regina befördert worden. Ohne Bewerbungsgespräch, ohne Einarbeitung und vermutlich auch ohne Tarifvertrag. Ich liebe Italien für solche Dinge. In Deutschland hätten wir wahrscheinlich erst ein Formular für die temporäre Übertragung der Schließberechtigung ausfüllen und anschließend eine Datenschutzbelehrung unterschreiben müssen. Hier bekommt Stefan einen Schlüssel in die Hand. Wird schon passen.
Mit diesem kleinen Nebenjob in der Tasche steigen wir in den Zug. Nur einen Zwischenhalt später sind wir bereits 30 Minuten später an der Stazione Garibaldi in Neapel und wechseln dort in die Metro. Schon Garibaldi ist ein ziemlicher Kontrast zu unserem kleinen Bahnhof draußen: Menschen überall, Rolltreppen, Ebenen, Gänge, Züge, Bewegung. Von dort fahren wir bis Toledo, und spätestens als wir wieder ans Tageslicht kommen, ist sie da, diese ganz besondere Neapel-Energie. Unser Plan für heute ist denkbar einfach: Wir wollen uns von hier aus durch verschiedene Viertel treiben lassen und irgendwann wieder bei Garibaldi herauskommen. Kein straffer Besichtigungsplan, keine Liste, die abgearbeitet werden muss. Einfach laufen, schauen und Napoli machen lassen.
Wir beginnen im Quartieri Spagnoli, dem Spanischen Viertel, und wenn es in Neapel überhaupt einen Bereich gibt, der sich ein wenig Mühe gibt, Touristen als solche zu erkennen und ihnen anschließend etwas zu verkaufen, dann wohl hier. Wobei selbst das im Vergleich zu Sorrento geradezu zurückhaltend wirkt. Dort hatte ich manchmal das Gefühl, ganze Straßenzüge bestünden ausschließlich aus Limoncello, Keramik und Dingen, auf denen Zitronen kleben. Hier tauchen zwar die ersten Souvenirgeschäfte auf, aber dazwischen findet weiterhin ganz normales Leben statt.
Und dann ist da natürlich Maradona. Man könnte sagen, Diego Maradona werde im Quartieri Spagnoli verehrt. Man könnte aber auch sagen, dass man inzwischen offenbar vergessen hat, dass er kein offizieller Heiliger der katholischen Kirche war. Maradona ist überall. Als riesiges Wandbild, auf T-Shirts, Schals, Fahnen und Magneten. Es gibt Maradona-Bier, Maradona-Becher, Maradona-Andenken und kleine Altäre, an denen die Grenze zwischen Fußballfan und religiöser Verehrung endgültig verschwimmt. An einer Hauswand blickt er riesengroß über einen kleinen Platz, darunter liegen Fanartikel und Erinnerungsstücke. Ein paar Meter weiter wieder die Nummer 10, dann sein Gesicht auf irgendeinem Gegenstand, von dem ich bis eben nicht wusste, dass man überhaupt ein Fußballergesicht darauf drucken kann. Wenn hier irgendwo Maradona-Spülmittel auftaucht, würde es mich inzwischen auch nicht mehr wundern.
Es ist noch relativ früh am Morgen und das Viertel wacht gerade erst richtig auf. Vor den Restaurants werden Stühle und Tische auf die Straße gestellt, Rollläden gehen hoch, Türen öffnen sich. Wobei „Laden“ hier häufig etwas anderes bedeutet als bei uns. Große Schaufensterfront, automatische Tür, zehn Meter Verkaufsfläche dahinter – eher nicht. Stattdessen besteht ein Geschäft manchmal einfach aus einer Öffnung in der Hauswand. Morgens wird die Front aufgeklappt, Ware herausgetragen, auf der Straße aufgebaut und fertig ist der Laden. Die Grenze zwischen Geschäft, Gehweg, Straße und Wohnzimmer wirkt ohnehin eher wie eine unverbindliche Empfehlung.
Genau das liebe ich hier. Diese engen Gassen, in denen über unseren Köpfen Wäsche zwischen den Häusern hängt, Motorroller irgendwo in Hauseingängen stecken und kleine Balkone so dicht übereinanderliegen, dass Nachbarn theoretisch beim Kaffeetrinken die Tassen tauschen könnten. Manche Fassaden sehen aus, als hätte seit Jahrzehnten niemand mehr ernsthaft über einen neuen Anstrich nachgedacht. Putz ist abgeplatzt, Mauern sind fleckig, Fensterläden haben ihre besten Jahre hinter sich und Stromleitungen verlaufen in einer Art, bei der ein deutscher Elektriker vermutlich erst einmal einen Stuhl und einen Schnaps bräuchte. Und trotzdem empfinde ich das nicht als heruntergekommen. Es ist alt, benutzt, gelebt. Diese Häuser sind keine frisch restaurierte Urlaubskulisse. Da wohnen Menschen.

Und was mir wieder auffällt: Neapel ist sauber. Das passt so gar nicht zu diesem hartnäckigen Bild, das man von der Stadt immer wieder hört. Natürlich sehen die Fassaden teilweise abgerockt aus, natürlich ist hier nichts klinisch glatt und geleckt. Aber dort, wo wir unterwegs sind, liegt eben nicht überall Müll herum. Die Straßen und Gehwege sind erstaunlich sauber. Alt ist nicht automatisch dreckig, und genau dieser Unterschied fällt mir hier ständig auf. Vielleicht wirkt Neapel auf manchen Menschen chaotisch, weil so viel gleichzeitig passiert und weil die Stadt ihre Gebrauchsspuren nicht unter einer frisch gestrichenen Fassade versteckt. Ich sehe darin vor allem Charakter.
Zwischendrin entdecken wir diese kleinen Geschäfte, deren Sortiment so herrlich spezialisiert ist, dass Amazon dagegen völlig übertrieben wirkt. Einer verkauft gefühlt nur Weichspüler, Duschgel, Wasch- und Spülmittel. Keine Abteilung Haushalt, keine zwanzig Regalreihen, sondern eben genau das Zeug, das man zum Waschen und Putzen braucht. Fertig. Und während wir noch schauen, erleben wir eine Szene, die für mich mehr über Neapel erzählt als jede Stadtführung.
Oben an einem der Häuser erscheint eine ältere Dame auf ihrem Balkon. Von dort lässt sie an einer Schnur eine Schüssel nach unten schweben. In der Schüssel liegt Geld. Der Ladenbesitzer auf der anderen Straßenseite sieht das, geht hinüber, nimmt das Geld heraus und stellt ihr dafür Waschmittel hinein. Dann zieht die Nonna ihre Schüssel mitsamt Einkauf wieder nach oben. Kein Herunterlaufen. Kein Lieferdienst. Keine App. Kein „Ihre Bestellung befindet sich drei Haltestellen entfernt“. Eine Schüssel. Eine Schnur. Waschmittel. Und während das Ding langsam wieder Richtung Balkon schwebt, denke ich nur: Genau deshalb liebe ich Neapel.
Hier wird nichts zum folkloristischen Erlebnis für Touristen aufgeführt. Die Frau braucht Waschmittel, der Laden ist unten, Treppen sind offensichtlich lästig – also besitzt das Haus seit vermutlich ungefähr 1847 seinen eigenen Lastenaufzug. Problem gelöst.
Wir laufen weiter hinein ins Quartieri Spagnoli, vorbei an offenen Türen, kleinen Altären, Maradona in ungefähr jeder verfügbaren Darreichungsform, Wäsche über unseren Köpfen und Vespas, die in Gassen verschwinden, bei denen ich nicht einmal sicher wäre, ob ich sie als Fußweg anerkennen würde. Langsam werden die Straßen voller, die ersten Restaurants sind fertig aufgebaut, Händler stehen vor ihren Läden und irgendwo knattert immer ein Roller vorbei.
Sorrento ist wunderschön. Positano ist spektakulär. Capri ist schick.
Aber Neapel? Neapel lebt.
Und genau deshalb bin ich so wahnsinnig gern hier.
Das Quartieri Spagnoli liegt irgendwann hinter uns, zumindest so weit man in Neapel überhaupt sagen kann, dass ein Viertel plötzlich aufhört und das nächste beginnt. Die Übergänge sind fließend, das Gewusel bleibt. Wir kommen an die Via Toledo und entdecken dort ein Café, das uns spontan gefällt. Zeit für eine kleine Pause. Wobei „Pause“ in Neapel natürlich nicht bedeutet, dass es plötzlich ruhig wird. Es bedeutet lediglich, dass wir sitzen, während um uns herum Neapel weiterläuft, fährt, hupt und gestikuliert.
Ich bestelle einen Cappuccino und stelle dabei etwas fest, das bei mir durchaus Krankheitswert haben könnte: Ich habe keinen Hunger. Pasquales Frühstück wirkt immer noch nach. Normalerweise kann zwischen Frühstück und der nächsten essbaren Gelegenheit durchaus eine erstaunlich kurze Zeitspanne liegen, aber heute bin ich tatsächlich noch satt. Stefan ist da deutlich belastbarer und entscheidet sich für etwas typisch Neapolitanisches: einen Babà. Dieses kleine, in Rum getränkte Hefegebäck gehört hier praktisch zur Grundversorgung und kommt in Stefans Fall nicht einfach pur, sondern mit einer ordentlichen Portion Creme dazwischen. Das Ding steht vor ihm im Glas und sieht aus, als hätte jemand beschlossen, dass Rumgebäck allein noch nicht ausreichend Kalorien besitzt. Stefan arbeitet sich mit dem Löffel durch Babà und Creme, ich bleibe bei meinem Cappuccino und bin mit dieser Rollenverteilung ausgesprochen zufrieden.

Während wir dort sitzen, passiert auf der gegenüberliegenden Straßenseite irgendetwas Offizielles. Menschen in Uniform haben sich versammelt, Musik spielt, irgendwann erklingt die italienische Nationalhymne. Was genau gefeiert, geehrt oder eröffnet wird, erschließt sich uns nicht. Aber das ist auch gar nicht nötig. Wir sitzen einfach da und beobachten das Ganze. Und das Schönste daran: Neapel lässt sich von irgendwelchen offiziellen Feierlichkeiten selbstverständlich nicht vom normalen Tagesgeschäft abhalten. Während auf der einen Seite Uniformierte herumstehen und die Hymne gespielt wird, fließt auf der Via Toledo der Verkehr weiter. Roller schlängeln sich durch, Autos fahren vorbei, irgendwo wird gehupt, irgendwo anders ruft jemand etwas über die Straße. Feierlicher Staatsakt trifft neapolitanischen Berufsverkehr. Niemand sieht darin einen Widerspruch.
Genau für solche Momente könnte ich hier ewig sitzen. Man muss in Neapel eigentlich gar nichts besichtigen. Einen Stuhl an eine belebte Straße stellen reicht völlig, das Unterhaltungsprogramm kommt von allein.

Nach unserem Cappuccino-und-Babà-Zwischenstopp ziehen wir weiter und landen wenig später im Mercato della Pignasecca. Und wenn das Quartieri Spagnoli schon lebendig war, dreht Neapel hier den Regler noch einmal ein Stück weiter auf. Der Markt zieht sich durch die Straßen, die Stände stehen dicht an dicht und überall passiert gleichzeitig irgendetwas. Obst und Gemüse türmen sich in Kisten, Zitronen liegen neben Tomaten, Paprika neben Auberginen, dazwischen Fisch, Lebensmittel, Haushaltswaren und Dinge, bei denen ich weder weiß, was sie sind, noch warum ich sie möglicherweise dringend brauchen könnte.
Das Sortiment folgt dabei offenbar einem Konzept, das ich nicht vollständig durchschaue. Gerade stehe ich noch vor wunderschön aufgestapeltem Obst und Gemüse, zwei Meter weiter könnte ich theoretisch eine Waschmaschine kaufen. Daneben gibt es wieder Lebensmittel, anschließend Haushaltswaren und natürlich – wir sind schließlich weiterhin in Neapel – Maradona. Man kann hier offenbar alles verkaufen, solange irgendwo noch ein bisschen Platz dafür ist. Und wenn kein Platz mehr im Laden ist, stellt man es eben davor. Ist davor ebenfalls kein Platz mehr, findet sich garantiert noch irgendwo ein Quadratmeter Straße.

Teilweise erinnert das Ganze an eine Außenhandelszone von AliExpress, nur dass man hier nichts bestellen und drei Wochen darauf warten muss. Es ist schon alles da. Kleidung, Haushaltswaren, Spielzeug, irgendwelche Elektrosachen, Plastikzeug in sämtlichen denkbaren Formen und Farben, Dinge, deren Verwendungszweck sich mir auch nach längerem Hinsehen nicht erschließt, und natürlich Fußballtrikots in einer Menge, mit der man vermutlich halb Neapel neu einkleiden könnte. Dazwischen wiederum kleine Geschäfte, die sich auf genau eine Warengruppe spezialisiert haben und davon dann alles besitzen, was jemals hergestellt wurde.
Und mitten durch dieses Chaos laufen wir. Es ist laut, eng und herrlich. Händler reden mit Kunden, irgendwo werden Preise gerufen, Menschen bleiben mitten im Weg stehen, andere quetschen sich vorbei, Roller tauchen selbstverständlich auch hier immer wieder auf, und aus irgendeiner Richtung riecht es plötzlich nach Essen. Denn natürlich gibt es zwischen all dem auch noch kleine Imbisse und Essensstände. Überall wird etwas vorbereitet, gebraten oder verkauft. Man könnte hier morgens hineingehen, sich einmal durch den Markt fressen, zwischendurch eine Waschmaschine kaufen, sich komplett neu einkleiden und abends mit einem Maradona-Trikot wieder herauskommen.
Was mich dabei immer wieder fasziniert, ist diese Energie. Man muss hier nicht nach einer Sehenswürdigkeit suchen. Der Markt selbst ist die Sehenswürdigkeit. Nicht, weil er für uns Touristen aufgebaut worden wäre, sondern gerade weil er das nicht ist. Hier kaufen die Leute ihren Fisch, ihr Gemüse, ihr Waschmittel und vermutlich auch ihren Kühlschrank. Wir laufen einfach mittendrin herum und schauen zu.
Und wieder denke ich: Genau das ist mein Neapel. Nicht glatt, nicht herausgeputzt, nicht leise und ganz bestimmt nicht langweilig. Es wirkt manchmal, als würden fünf verschiedene Filme gleichzeitig gedreht und wir wären versehentlich durch sämtliche Sets gelaufen. Ich könnte mich hier stundenlang herumtreiben.
Vom Mercato della Pignasecca ziehen wir weiter durch Neapel und nähern uns langsam einem Ort, auf den ich mich schon den ganzen Vormittag freue. Denn natürlich war ich im vergangenen Jahr schon hier, und natürlich weiß ich ganz genau, was jetzt kommt: die Via San Gregorio Armeno. Für mich eines der absoluten Highlights in Neapel und eine dieser Straßen, bei denen ein einziger Besuch definitiv nicht reicht. Im Gegenteil. Seit dem letzten Jahr weiß ich erst, wie viel es hier zu entdecken gibt – und deshalb freue ich mich diesmal fast noch mehr darauf.

Stefan kennt die Sache ebenfalls schon. Und vor allem kennt er mich. Er weiß, was passiert, sobald ich zwischen all diesen winzigen Figuren, Krippen, Läden und Werkstätten verschwinde. Deshalb versucht er gar nicht erst, so zu tun, als würden wir da jetzt gemeinsam gemütlich durchschlendern. Er sucht sich eine Bank, setzt sich hin und lässt mich ziehen. Ich glaube, wir haben damit beide die für uns optimale Lösung gefunden: Stefan hat seine Ruhe und ich kann mich hemmungslos in diesem neapolitanischen Miniaturwahnsinn verlieren, ohne dass hinter mir irgendwann ein Mann steht, der zum vierzehnten Mal fragt, ob ich jetzt langsam alles gesehen habe. Und obwohl ich genau weiß, was mich erwartet, bin ich wieder völlig geflasht.
Vielleicht sogar noch mehr als beim ersten Mal. Denn jetzt laufe ich nicht mehr staunend hinein und versuche erst einmal zu begreifen, was diese Straße eigentlich ist. Diesmal weiß ich, dass ich genau hinschauen muss. Dass zwischen den klassischen Krippenfiguren plötzlich irgendein Politiker auftaucht, neben Maria und Josef ein Fußballstar steht und dass in den winzigen Werkstätten und Läden so viele absurde, liebevolle und vollkommen verrückte Details stecken, dass man beim ersten Besuch unmöglich alles gesehen haben kann.

Die schmale Gasse ist von oben bis unten voll mit kleinen Werkstätten und Läden, die sich der neapolitanischen Krippenkunst verschrieben haben. Aber wer jetzt an einen beschaulichen Weihnachtsladen mit Maria, Josef, einem Ochsen und drei Königen denkt, unterschätzt Neapel gewaltig. Natürlich gibt es klassische Krippenfiguren in allen Größen, winzige Lebensmittel, Tiere, Häuser, Werkzeuge und alles, womit man komplette neapolitanische Miniaturwelten bauen kann. Aber daneben stehen Fußballspieler, Politiker, Musiker, Schauspieler und Prominente. Papst Franziskus schaut aus einem Regal, daneben stehen italienische Fußballer, Maradona ist selbstverständlich auch hier nicht weit, und irgendwo dazwischen wartet vermutlich noch irgendein Ministerpräsident darauf, neben dem Jesuskind aufgestellt zu werden. In Neapel kann die Heilige Familie offenbar froh sein, wenn sie in ihrer eigenen Krippe noch einen Platz bekommt.
Ich weiß überhaupt nicht, wo ich zuerst hinschauen soll. Vor den Geschäften stehen Tische, auf denen Hunderte winzige Figuren dicht an dicht aufgebaut sind. Darüber hängen rote Glücksbringer, kleine Hörner, Anhänger und noch mehr Figuren. Hinter den offenen Ladenfronten geht es weiter bis tief hinein in die Räume. Überall Gesichter. Große Figuren, kleine Figuren, winzige Figuren, handbemalte Figuren. Manche sehen verblüffend echt aus, andere sind herrlich karikiert. Und dann diese Details: Miniaturpizza, winzige Lebensmittel, kleine Marktstände, Küchen, Werkstätten und komplette Alltagsszenen. Man könnte hier wahrscheinlich eine ganze Stadt im Maßstab 1:20 kaufen und anschließend zu Hause feststellen, dass man leider nur ein Sideboard besitzt.
Das Verrückteste ist für mich diese vollkommen selbstverständliche Mischung aus jahrhundertealter Tradition und aktuellem Tagesgeschehen. Hier wird die Krippe nicht als etwas betrachtet, das irgendwann einmal fertig definiert wurde und seitdem unverändert aus Maria, Josef und den üblichen Verdächtigen besteht. Die neapolitanische Krippe nimmt einfach das Leben mit hinein. Wer gerade wichtig, berühmt, beliebt oder ausreichend skurril ist, bekommt eine Figur und darf mitmachen. Weihnachten trifft Fußball, Religion trifft Popkultur und irgendwo dazwischen steht wieder Maradona. Natürlich. Ich glaube inzwischen, wenn man in Neapel einen Gullideckel hochhebt, ist unten ein Bild von Maradona.
Je weiter ich in die Via San Gregorio Armeno hineinlaufe, desto schlimmer wird es mit mir. Jeder Laden sieht noch ein bisschen voller aus als der vorherige, und natürlich muss ich überall stehen bleiben. Ich gehe zwei Meter, bleibe stehen, fotografiere. Drei Meter weiter dasselbe. Dann entdecke ich wieder irgendeine Figur und muss näher ran. Die Straße selbst ist schmal, über unseren Köpfen ragen Balkone und alte Fassaden auf, am Ende erscheint zwischen den Häusern ein Kirchturm, und dazwischen schiebt sich ein stetiger Strom von Menschen durch diese vollkommen verrückte Miniaturwelt.

Und während Stefan irgendwo auf seiner Bank vermutlich längst ein neues Leben begonnen hat, bin ich vollkommen in meinem Element. Das hier ist für mich wieder genau dieses Neapel, das ich so liebe. Es ist nicht dezent. Niemand hat sich gedacht, dass weniger vielleicht mehr sein könnte. Mehr ist mehr. Wenn auf einem Tisch 200 Figuren Platz haben, stellt man 250 darauf. Wenn an einer Wand noch zehn Zentimeter frei sind, hängt dort eben noch etwas hin. Und wenn man eine traditionelle Krippe baut, warum sollte dann neben den Heiligen Drei Königen nicht auch ein Fußballer stehen? Und ich liebe jede einzelne völlig überladene Ecke davon. Irgendwann werde ich Stefan wohl wieder von seiner Bank abholen müssen. Aber ganz sicher noch nicht jetzt.
Von der Via San Gregorio Armeno müssen wir uns irgendwann wieder losreißen – beziehungsweise ich muss mich losreißen, Stefan muss lediglich von seiner Bank aufstehen. Nach all den Krippenfiguren, Maradonas, Pizzabäckern, Politikern, Heiligen und sonstigen Miniatur-Neapolitanern meldet sich nämlich langsam ein sehr reales Bedürfnis: Hunger. Und wenn man schon in Neapel ist, in der Stadt, die der Welt eines ihrer größten kulinarischen Geschenke gemacht hat, dann stellt sich eigentlich nicht die Frage, was wir essen. Es stellt sich nur die Frage, wo. Wobei auch die schnell beantwortet ist, denn wir haben da eine kleine Tradition. Wir gehen wieder zu L’Antica Pizzeria da Michele, genau wie im vergangenen Jahr.

Schon vor der Tür ist ordentlich Betrieb. Menschen stehen herum, warten, kommen und gehen, und man merkt sofort: Das hier ist keine Pizzeria, die irgendwann beschlossen hat, sich mit ein bisschen Folklore für Touristen aufzuhübschen. Hier geht es um Pizza. Punkt. Drinnen ist es genauso herrlich schnörkellos. Helle Wände, einfache Tische, viel Betrieb und hinten der große Ofen, in dem eine Pizza nach der anderen verschwindet und kurze Zeit später mit diesen typischen dunklen Stellen am Rand wieder herauskommt. Die Speisekarte ist ebenfalls angenehm übersichtlich. Keine acht Seiten mit Pizza Hawaii, Pizza Würstel, Pizza Carbonara und Pizza „Chef Spezial“. Man kann sich hier nicht eine halbe Stunde lang mit der Frage beschäftigen, ob Mais jetzt wirklich auf eine Pizza gehört. Die Auswahl ist klein, und genau das gefällt mir. Wer seit Generationen Pizza backt, muss offenbar nicht noch Ananas und Sauce Hollandaise zur Entscheidungsfindung hinzuziehen.
Stefan macht es besonders konsequent und bestellt eine Marinara. Tomate, Knoblauch, Oregano, Olivenöl. Mehr nicht. Nicht einmal Käse. Eine Pizza, die so schlicht aussieht, dass man außerhalb Neapels vermutlich versucht wäre zu fragen, ob der Koch beim Belegen plötzlich Feierabend gemacht hat. Aber genau das ist ja der Witz: Wenn Teig, Tomaten und Olivenöl richtig gut sind, braucht es offensichtlich nicht viel mehr. Und während Stefan damit ziemlich nah an der neapolitanischen Pizza-Ursuppe unterwegs ist, kann ich mich natürlich wieder nicht für eine Sache entscheiden. Deshalb nehme ich die Marita, halb Marinara, halb Margherita. Links Purismus, rechts Mozzarella – kulinarische Entscheidungsschwäche auf einem einzigen runden Teigfladen.
Und dann stehen sie vor uns. Keine perfekt kreisrunden, mit dem Zirkel konstruierten Pizzen, sondern diese wunderbar unregelmäßigen neapolitanischen Exemplare mit ihrem aufgegangenen, stellenweise dunkel gebackenen Rand und der hauchdünnen, weichen Mitte. Meine eine Hälfte mit Tomate, Knoblauch und Oregano, die andere mit Mozzarella, der sich in weißen Inseln über die rote Sauce verteilt. Genau so muss das sein. Man braucht hier keine zwanzig Zutaten, keine Trüffelcreme und schon gar keinen Pizzarand mit Käsefüllung. Das Ding schmeckt, weil die wenigen Sachen darauf genau das tun, was sie sollen.
Ich liebe das. Vor der Tür tobt Neapel, irgendwo hupt garantiert gerade jemand aus einem Grund, den nur Neapolitaner verstehen, in der Küche fliegen die nächsten Teiglinge in den Ofen, und wir sitzen wieder bei da Michele und essen Pizza. Genau wie letztes Jahr. Es gibt Orte, bei denen man beim zweiten Besuch unbedingt etwas Neues ausprobieren möchte. Und dann gibt es Orte, bei denen man froh ist, dass sich möglichst überhaupt nichts verändert hat. Da Michele gehört für mich eindeutig zur zweiten Kategorie.
Kleiner Exkurs: Neapel hat uns die Pizza geschenkt!
Als ob ich nicht schon genügend Gründe hätte, Neapel zu lieben, kommt noch ein ziemlich gewichtiges Argument dazu: Die Pizza, wie wir sie heute kennen, wurde hier geboren. Natürlich hat Neapel nicht als erste Stadt der Menschheitsgeschichte Teig flachgedrückt und irgendetwas daraufgelegt. Fladenbrote gab es schon Jahrtausende vorher. Aber ausgerechnet hier, in den engen, lauten und wuselig-chaotischen Straßen Neapels, entwickelte sich im 18. und 19. Jahrhundert das, was wir heute unter Pizza verstehen: ein einfacher Hefeteig, Tomaten darauf, im sehr heißen Ofen schnell gebacken und als günstiges Essen für die Bevölkerung verkauft.
Und damit wird mir Neapel gleich noch sympathischer. Andere Städte haben der Welt große Philosophen, bedeutende Komponisten oder bahnbrechende technische Erfindungen geschenkt. Neapel hat Pizza erfunden. Ich möchte die Leistungen der Menschheit nicht gegeneinander aufwiegen, aber sagen wir mal so: Von einer Pizza hatte ich persönlich schon deutlich häufiger etwas als von der Dampfmaschine.
Zu den ältesten klassischen Varianten gehört die Marinara – und genau die hat Stefan vor sich. Tomate, Knoblauch, Oregano und Olivenöl. Kein Mozzarella, kein Käse und trotz des Namens auch kein Fisch. Sie ist älter als die Margherita und kommt dem, was man heute gern als eine Art „Urpizza“ bezeichnet, ziemlich nahe.
Die Margherita mit Tomate, Mozzarella und Basilikum kam später. Berühmt ist die Geschichte, dass sie 1889 zu Ehren von Königin Margherita in den italienischen Nationalfarben Rot, Weiß und Grün erfunden worden sei. Ganz so eindeutig ist die Geschichte allerdings nicht, denn ähnlich belegte Pizzen gab es in Neapel nachweislich schon vorher. Hübsch ist die Geschichte trotzdem, und Rot-Weiß-Grün auf einer Pizza kann man Italien nun wirklich nicht übelnehmen.
Und dann gibt es noch mich. Ich sitze ausgerechnet in Neapel, in einer der berühmtesten Pizzerien der Stadt, und kann mich zwischen den beiden Klassikern nicht entscheiden. Also nehme ich bei da Michele die Marita: halb Marinara, halb Margherita. Damit liegt vor mir praktisch die Geschichte der neapolitanischen Pizza auf einem Teller. Andere besuchen Museen, um etwas über Geschichte zu lernen. Ich esse sie einfach auf.
Nach der Pizza haben wir keinen Plan mehr – und genau das ist in Neapel vermutlich der beste Plan, den man haben kann. Wir laufen einfach los. Keine Sehenswürdigkeit, die noch zwingend abgehakt werden muss, keine Route auf dem Handy, kein „Wir müssen jetzt aber noch …“. Wir lassen uns durch die Straßen treiben, biegen hier ab, weil eine Gasse interessant aussieht, dort, weil irgendwo Wäsche zwischen den Häusern hängt, und bleiben ständig stehen, weil ich schon wieder irgendetwas fotografieren muss. Und Neapel macht es einem wirklich schwer, die Kamera auch nur für fünf Minuten wegzustecken. Über uns schweben Regenschirme und Herzen zwischen den Häusern, Wäscheleinen ziehen sich von Balkon zu Balkon, irgendwo hängt ein Transparent quer über der Straße, darunter rauscht eine Vespa durch eine Gasse, die eigentlich schon für zwei Fußgänger nebeneinander knapp bemessen ist. An der nächsten Ecke öffnet sich plötzlich eine Piazza mit Kirche und Palazzi, nur um uns wenige Meter später wieder in dieses Labyrinth aus schmalen Straßen, Torbögen und hohen Häuserwänden zu verschlucken.
Genau das ist es, was ich an dieser Stadt so liebe. Neapel versucht überhaupt nicht, hübsch zu sein. Es ist einfach Neapel. Der Putz darf bröckeln, ein Rollladen darf aussehen, als hätte er schon Garibaldi persönlich vorbeilaufen sehen, und direkt daneben stehen Pflanzen vor einem Hauseingang, hängen rote Herzen über der Straße oder jemand hat seinen winzigen Laden so vollgestopft, dass die Hälfte der Ware zwangsläufig draußen wohnen muss. In einer Gasse werden Souvenirs verkauft, in der nächsten stehen ein paar Stühle vor einer Bar, irgendwo gibt es Granita vom Wägelchen und natürlich taucht zwischendurch immer wieder Maradona auf. Selbst wenn man ihn gerade einmal nicht sieht, hat man das Gefühl, dass er wahrscheinlich nur kurz hinter der nächsten Ecke verschwunden ist. Dazwischen dieses ständige Grundrauschen aus Stimmen, Motorrollern, Hupen und Gesprächen, die selbst dann wie ein Streit klingen, wenn sich vermutlich gerade zwei Menschen darüber unterhalten, ob sie später noch Brot kaufen müssen. Neapel hat keine Hintergrundmusik. Neapel ist die Hintergrundmusik.
Und je länger wir einfach so laufen, desto mehr bestätigt sich mein Eindruck vom Vormittag: Diese Stadt kann alt, abgerockt, eng und völlig chaotisch aussehen, aber schmutzig ist sie erstaunlicherweise überhaupt nicht. Gerade dieser Kontrast fasziniert mich. Fassaden, die ihre besten Jahrzehnte ganz offensichtlich hinter sich haben, daneben blitzsaubere Straßen und Hauseingänge, vor denen jemand liebevoll Pflanzen aufgestellt hat. Neapel ist für mich nicht dieses Hochglanz-Italien, das sich für Postkarten zurechtgemacht hat. Hier lebt jemand hinter jedem Fenster, unter jedem Balkon passiert irgendetwas, aus irgendeiner Tür kommt immer jemand heraus und irgendwo fährt garantiert gerade eine Vespa durch eine Öffnung, bei der ich vorher geschworen hätte, dass da keine Vespa durchpasst. Ich könnte stundenlang einfach nur herumlaufen und gucken. Und genau das machen wir auch.
Irgendwann müssen wir allerdings doch wieder eine Richtung einschlagen, denn unser Zug zurück fährt nun einmal nicht aus irgendeiner romantischen Seitengasse ab, sondern von Garibaldi. Und außerdem haben wir noch einen Auftrag. Einen Familienauftrag. Einen von der Sorte, bei dem man als Mutter Dinge tut, die man unter normalen Umständen entschieden ablehnen würde. Nadine möchte eine Napoli-Sammeltasse von Starbucks. Starbucks. In Italien.
Wir befinden uns in Neapel. Der Stadt, in der man an nahezu jeder Ecke für kleines Geld einen Espresso bekommt, bei dem man anschließend darüber nachdenkt, ob man seine Kaffeemaschine zu Hause überhaupt noch ernst nehmen kann. Wir haben heute Morgen bei Pasquale Cappuccino aus dem Siebträger getrunken, sitzen seit Tagen in italienischen Bars und sind inzwischen vermutlich zu einem nicht unerheblichen Teil aus Koffein aufgebaut – und jetzt soll ich ausgerechnet hier zu Starbucks gehen. Für eine Tasse. Was tut man nicht alles für seine Kinder. Ich möchte allerdings ausdrücklich festhalten, dass ich dort keinen Kaffee trinke. Irgendwo muss eine Grenze sein.

Das nächste Problem ist, dass ich nicht genau weiß, welche dieser Napoli-Tassen Nadine eigentlich haben möchte. Also mache ich das einzig Sinnvolle und starte mitten im Starbucks einen Videoanruf. Nadine erscheint auf meinem Handy, ich halte die Kamera auf die verschiedenen Tassen und beginne meine persönliche Liveübertragung aus der Abteilung „Dinge, die man offenbar unbedingt aus Neapel braucht“. Das bleibt natürlich nicht unbemerkt. Die Baristas bekommen mit, dass da jemand per Video zugeschaltet ist, winken fröhlich ins Handy und Nadine bekommt zu ihrer Starbucks-Tasse gleich noch eine kleine neapolitanische Liveshow geliefert.
Einer der Baristas interessiert sich anschließend allerdings weniger für die Tasse als für die Frau auf meinem Display und fragt mich, ob Nadine verheiratet sei. Nun ja. Ja. Aus Sicht meiner plötzlich einsetzenden familienstrategischen Überlegungen ist das natürlich ausgesprochen unpraktisch. Andererseits haben wir ja noch eine Tochter. Und die ist nicht verheiratet.
Und an dieser Stelle beginnt in meinem Kopf ein Gedankengang, der vermutlich zeigt, wie sehr mir Neapel inzwischen gefällt. Denn rein theoretisch wäre es doch gar nicht schlecht, eine Tochter hier zu verheiraten. Andere Mütter prüfen bei potenziellen Schwiegersöhnen Charakter, Beruf, Zukunftspläne und vielleicht noch, ob der Mann einigermaßen ordentlich ist. Ich bin gedanklich schon drei Schritte weiter und sehe vor allem den entscheidenden Standortvorteil: Verwandtschaft in Neapel. Wir hätten plötzlich einen vollkommen legitimen Grund, ständig hierherzufahren. „Wir müssen mal wieder die Kinder besuchen“ klingt schließlich erheblich seriöser als „Gabi möchte schon wieder Pizza essen und durch die Via San Gregorio Armeno laufen“.
Ich schaue den Barista also durchaus noch einmal etwas genauer an. Man muss ja nicht gleich irgendetwas überstürzen. Vielleicht sollte Bianca bei der Auswahl eines Ehemanns auch ein gewisses Mitspracherecht bekommen. Aber grundsätzlich finde ich, dass eine Mutter zumindest alle Möglichkeiten prüfen sollte. Wir kaufen jedenfalls erst einmal Nadines Tasse. Der Rest des familienstrategischen Projekts „Außenstelle Neapel“ ist zu diesem Zeitpunkt noch nicht abschließend entschieden.

Mit der Tasse im Gepäck und meinem noch immer nicht vollständig abgeschlossenen Plan, eine Tochter aus rein logistischen Gründen nach Neapel zu verheiraten, machen wir uns schließlich auf den Weg zum Zug nach Pompeji. Wehmütig muss ich dabei allerdings gar nicht werden, denn während wir heute durch die Stadt gelaufen sind, ist längst eine Entscheidung gefallen: Wir kommen morgen einfach wieder. Eigentlich hatten wir für morgen etwas vollkommen anderes vorgesehen. Wir stehen schließlich in Pompeji, also wäre es durchaus naheliegend, sich die Ausgrabungen anzusehen oder auf den Vesuv hinaufzufahren. Beides wäre vermutlich ein angemessenes Programm, wenn man seinen Camper praktisch im Schatten dieses Vulkans geparkt hat. Aber irgendwann stellen Stefan und ich fest, dass wir auf beides gerade weniger Lust haben als auf noch einen Tag Neapel.
Und damit ist die Sache entschieden. Die Ruinen laufen nicht weg und der Vesuv hoffentlich auch nicht. Außerdem brauchen wir schließlich einen guten Grund, wieder hierherzukommen. Man darf sich im Urlaub nicht sämtliche Sehenswürdigkeiten auf einmal verbrauchen – ein bisschen strategische Reiseplanung muss sein. Also werden Pompeji und Vesuv ganz offiziell auf „nächstes Mal“ verschoben, während Neapel morgen eine zweite Runde bekommt. Das fühlt sich überhaupt nicht nach einer vertanen Chance an, sondern ganz im Gegenteil: Plötzlich freue ich mich beim Wegfahren schon wieder aufs Zurückkommen. Ich könnte hier wahrscheinlich eine Woche lang jeden Tag durch andere Straßen laufen und hätte am Ende trotzdem das Gefühl, nur an der Oberfläche gekratzt zu haben. Und wenn eine Stadt es schafft, dass ich freiwillig einen Vulkan und eine zweitausend Jahre alte verschüttete Stadt sausen lasse, nur um noch einmal ziellos durch ihre Gassen zu laufen, dann muss es wohl Liebe sein.
Für heute wartet in Villa Regina allerdings erst einmal unser privater Parkplatz auf uns – inklusive zweier Vespas und Stefan als inzwischen offiziell eingesetztem Aushilfs-Parkplatzwächter mit Schlüsselgewalt.
Bevor wir allerdings endgültig zurück zum Campingplatz fahren, machen wir noch einen Zwischenstopp in La Cartiera. Und nach einem ganzen Tag Neapel fehlt eigentlich nur noch eines: ein letzter Espresso. Das Problem in einem italienischen Einkaufszentrum ist allerdings nicht, ob man irgendwo einen vernünftigen Espresso bekommt, sondern an welcher der gefühlt siebenundzwanzig Bars man ihn trinken soll. Wir stehen also kurz vor dieser ausgesprochen schwierigen Entscheidung, als uns Italien selbst ein Zeichen schickt. An einer der Bars stehen mehrere Polizisten und trinken Espresso. Damit ist die Sache entschieden. Wenn die italienische Polizei während des Dienstes irgendwo ihren Kaffee trinkt, gehe ich davon aus, dass zuvor umfangreiche Ermittlungen stattgefunden haben. Geschmack, Crema, Bohnenqualität, Preis-Leistungs-Verhältnis – möglicherweise gibt es dafür sogar eine eigene Abteilung. Wir setzen uns also genau dort hin und bekommen tatsächlich einen wunderbaren kleinen Espresso, dazu selbstverständlich ein Glas Wasser. Fall gelöst. Die Beamten dürfen weiterarbeiten.
Danach geht es endgültig zurück zu unserem Stellplatz mit Vesuv im Vorgarten. Nach diesem Tag brauchen wir kein großes Abendprogramm mehr. Wir sitzen vor dem Camper, holen noch ein paar Kleinigkeiten zum Essen heraus und machen das, was sich in den vergangenen Tagen zu einer ausgesprochen angenehmen Urlaubsdisziplin entwickelt hat: Schinken, Salami, Käse, Tomaten, Brot – irgendetwas findet sich immer. Dazu muss natürlich auch die angebrochene Flasche Weißwein weg. Schließlich kann man Lebensmittel nicht verkommen lassen. Wir sind verantwortungsbewusste Menschen. Gute Nacht!










































































