Olivenöl, Oma-Kuchen und eine sehr verdächtige Kreuzung – ein Tag voller Zufälle
Nach dem gestrigen Tag zwischen Amalfitana, Tunnelstau, Positano und einer Limoncello-Menge, mit der man vermutlich einen Kleinwagen hätte betanken können, haben wir heute eine neue Mission. Eine sehr erwachsene Mission sogar. Wir wollen Olivenöl kaufen.
Das klingt zunächst wesentlich seriöser als unsere bisherigen Unternehmungen. Kein Outlet, kein Limoncello-Marathon, kein „Wir stellen die Vespa mal eben an diesen Felsen und gucken, was da hinten ist“. Einfach gutes italienisches Olivenöl. Allerdings wäre es natürlich vollkommen gegen unsere Natur, dafür einfach in den nächsten Supermarkt zu gehen. Wenn schon Olivenöl, dann wollen wir wissen, wo es herkommt. Also suchen wir im Internet ein bisschen herum und stoßen auf Frantoio Gargiulo in Sant’Agnello, eine Ölmühle, die seit mehreren Generationen Olivenöl auf der Sorrentinischen Halbinsel produziert. Das sieht genau nach unserem Geschmack aus, liegt außerdem oben in den Bergen – und damit steht das Tagesprogramm fest. Natürlich nehmen wir die Vespas.

Vom Campingplatz aus geht es zunächst wieder Richtung Sant’Agnello, dann verlassen wir nach und nach den Trubel der Küste und schrauben uns ins Hinterland hinauf. Und das ist wieder einer dieser Momente, in denen ich merke, wie praktisch die Roller hier sind. Die Straßen werden schmaler, Häuser und Mauern rücken näher an die Fahrbahn, dazwischen geht es bergauf, um Kurven und immer weiter weg vom touristischen Gewusel rund um Sorrento. Nach dem gestrigen Dauerprogramm auf der Amalfitana fühlt sich die Fahrt beinahe gemütlich an. Unser Navi führt uns immer weiter in die Hügel, bis wir schließlich beim Frantoio Gargiulo ankommen.
Drinnen sieht es zunächst erstaunlich elegant aus. Kein staubiger Bauernhof mit drei Kanistern in einer Ecke, wie man sich eine Ölmühle vielleicht romantisch vorgestellt hätte, sondern ein wunderschöner Verkaufsraum mit gemustertem Boden, dunklen Regalen und Flaschen über Flaschen. Olivenöl, Essig, Cremes, Liköre und alles Mögliche, von dem ich bis vor wenigen Minuten noch nicht wusste, dass ich es dringend brauche.
Eine junge Frau empfängt uns und erklärt erst einmal, was man hier alles machen kann. Unter anderem gibt es eine richtige Tour durch die Olivenhaine und die Produktion mit anschließender Verkostung. Zwanzig Euro pro Person. Wir schauen uns an. Nö.
Nicht weil es uns nicht interessieren würde. Aber wir sind heute offensichtlich nicht in Bildungs-, sondern in Einkaufslaune. Ich muss jetzt nicht zwingend mit pädagogischer Begleitung unter einem Olivenbaum stehen, um anschließend Öl kaufen zu können. Wir überspringen deshalb den theoretischen Teil und gehen direkt zur praktischen Abschlussprüfung über: Öl-Tasting.
Und damit öffnet sich ein kleines kulinarisches Paralleluniversum. Wir dürfen uns an den großen Tisch setzen, und vor uns baut die junge Frau nach und nach Flaschen auf. Sehr viele Flaschen. Ich glaube, es waren mehr als 36 verschiedene Öle, Essige und Würzvarianten, jedenfalls ist irgendwann ein beträchtlicher Teil des Tisches mit Glasflaschen bedeckt. Und spätestens jetzt wird mir klar, dass „Wir fahren Olivenöl kaufen“ ungefähr so präzise war wie „Wir gehen mal kurz Schuhe anschauen“.

Denn natürlich gibt es nicht einfach nur Olivenöl. Neben den klassischen Extra-Vergine-Varianten produziert Gargiulo aromatisierte Öle mit Zitrone und Orange aus Sorrento, aber auch mit Knoblauch, Chili, Basilikum, Rosmarin, Steinpilzen, Fenchel oder sogar Vanille. Dazu kommen wilde Mischungen wie Puttanesca mit Chili, schwarzen Oliven, Tomate, Petersilie und Knoblauch oder ein „Spaghettata“-Öl mit Tomate, Zwiebel, Oregano, Basilikum und Chili. Und dann stehen da noch Balsamico, Vinaigrettes und dicke Glazes mit Balsamico, Zitrone oder Feige. Das Sortiment umfasst inzwischen tatsächlich Hunderte Produkte.
Die junge Frau gießt kleine Mengen zum Probieren aus, erklärt, wir probieren, sie gießt das nächste ein, wir probieren wieder – und aus unserem geplanten Olivenölkauf wird langsam eine Veranstaltung. Besonders das Orangenöl erwischt mich völlig unvorbereitet.
Das Zeug schmeckt unfassbar nach Orange. Nicht ein bisschen Zitrusaroma irgendwo hinten, bei dem man erst dreimal überlegen muss, ob man sich das vielleicht nur einbildet. Orange. Sofort. Intensiv. Gleichzeitig bleibt es richtiges Olivenöl und schmeckt nicht wie irgendein künstlich aromatisiertes Salatdressing. Später erfahre ich, dass für 100 Liter davon rund 74 Kilogramm Orangenschalen verwendet werden. Kein Wunder also, dass die Orange nicht gerade schüchtern auftritt. Das muss mit. Dann probieren wir Zitronenöl. Muss nicht mit. Das mit Zimt ebenfalls nicht! Aber Irgendetwas mit Balsamico. Sehr gut. Noch etwas. Auch gut. Das hier? Oh Gott, auch gut.
Nach einer Weile hat unsere Verkostung etwas von einem finanziell gefährlichen Auswahlverfahren, bei dem erstaunlich wenige Kandidaten ausscheiden. Ich hatte mir vorher vorgestellt, dass wir vielleicht eine schöne Flasche Olivenöl kaufen. Inzwischen stehen vor mir verschiedene Favoriten und ich beginne innerlich bereits damit, unseren Stauraum auf der Vespa neu zu berechnen.
Besonders faszinieren mich diese dickflüssigen Essigkreationen und Glazes. Das hat teilweise mit dem dünnen Essig, den man zu Hause gedankenlos über den Salat kippt, überhaupt nichts mehr zu tun. Manche sind fast sirupartig, intensiv süß-säuerlich und so konzentriert, dass ein paar Tropfen reichen. Feige, Zitrone, Balsamico – Sachen, bei denen ich beim Probieren schon anfange zu überlegen, worüber ich sie zu Hause schütten könnte. Das ist bei mir immer ein gefährliches Zeichen. Sobald ich einem Lebensmittel gedanklich bereits Aufgaben in meiner Küche zuweise, ist die Kaufentscheidung praktisch gefallen.
Und die junge Frau macht ihre Sache natürlich ausgesprochen geschickt. Kein Drängen, kein „Das müssen Sie unbedingt kaufen“. Sie lässt uns einfach probieren. Das reicht vollkommen.
Am Ende steht jedenfalls deutlich mehr auf unserer Seite des Tisches, als ich unter dem Tagesordnungspunkt „Olivenöl kaufen“ ursprünglich vorgesehen hatte. Darunter natürlich das Orangenöl, verschiedene Essige und einige dieser herrlich dickflüssigen Kreationen, bei denen man eigentlich nur noch ein gutes Stück Brot braucht und für eine Weile nicht mehr ansprechbar ist.
So verlassen wir Frantoio Gargiulo schließlich mit reichlich Beute und einer wichtigen neuen Erkenntnis: Man kann problemlos an einer Olivenölverkostung teilnehmen, ohne vorher für 20 Euro durch einen einzigen Olivenhain gelaufen zu sein. Und man kann dabei sehr viel mehr Geld ausgeben als 20 Euro.
Nach unserer kleinen Eskalation im Olivenölgeschäft verstauen wir die Einkäufe so gut es geht in den Vespas und fahren weiter Richtung Nerano. Die Gegend hier oben gefällt mir ausgesprochen gut. Sobald man Sorrento und die dichter bebauten Orte hinter sich lässt, wird es ruhiger, grüner und irgendwie weiter. Die Straße zieht sich durch die Hügel der Halbinsel, vorbei an Olivenhainen, kleinen Häusern und immer wieder Stellen, an denen sich plötzlich zwischen den Bäumen der Blick auf das Meer öffnet. Und genau an so einer Stelle müssen wir natürlich anhalten. Dafür haben wir schließlich die Vespas dabei: Man sieht etwas Schönes, setzt den Blinker, stellt die Dinger irgendwo hin und ist fertig. Keine Parkplatzsuche, kein dreimaliges Umrunden eines Berges, weil man an der einzigen Parkbucht bereits vorbeigefahren ist.
Wir stellen die beiden Vespas an einer niedrigen Mauer ab und setzen uns einfach darauf. Unter uns breitet sich Sant’Agata beziehungsweise die Landschaft rund um Sant’Agnello und die Küste aus, dahinter liegt das Meer in diesem beinahe unverschämten Blau, das Italien an solchen Tagen offenbar serienmäßig liefert. Rechts und links ziehen sich grüne Hügel über die Halbinsel, dazwischen Häuser, Straßen und Olivenhaine, und ganz hinten verschwimmt alles langsam im Dunst. Es ist gar kein richtiger Programmpunkt. Kein Eintritt, kein Schild, kein „Top Attraction“, nichts, was man vorher irgendwo hätte buchen müssen. Nur eine Mauer am Straßenrand und eine Aussicht, bei der man automatisch länger sitzen bleibt als geplant.
Also sitzen wir da. Die Helme liegen neben uns, die Vespas stehen hinter uns, und für eine Weile machen wir einfach gar nichts. Das sind auf solchen Reisen oft meine liebsten Momente. Man könnte natürlich nach fünf Minuten wieder aufsteigen, schließlich haben wir noch ein Ziel. Aber warum eigentlich? Wir haben Urlaub, das Wetter ist traumhaft und unter uns liegt die Sorrentinische Halbinsel. Niemand verteilt Punkte dafür, möglichst viele Sehenswürdigkeiten bis zum Abend abzuarbeiten.
Irgendwann reißen wir uns trotzdem los und fahren weiter Richtung Termini. Die Straße führt weiter durch die hügelige Landschaft, mal zwischen Häusern hindurch, mal wieder mitten durchs Grün, und wir lassen uns einfach treiben. In Termini halten wir schließlich mitten im Ort an einer Vorfahrtskreuzung kurz an, um uns zu orientieren. Wir stehen da noch keine halbe Minute, da hält plötzlich ein junger Mann mit seiner Vespa neben uns und spricht uns an – auf Deutsch. Und zwar nicht mit drei mühsam zusammengesuchten Urlaubssätzen, sondern richtig gut. Damit hatte ich nun wirklich nicht gerechnet. Wir kommen ins Gespräch und er erzählt uns, dass seine Tante als Krankenschwester an der Berliner Charité arbeitet und er deshalb so gut Deutsch könne. Woher genau der Zusammenhang zwischen einer Tante in Berlin und seinen Deutschkenntnissen kommt, klären wir nicht bis ins letzte Detail, aber wir unterhalten uns eine ganze Weile ausgesprochen nett.

Als er hört, dass wir mit den Vespas einfach ein bisschen die Gegend erkunden, empfiehlt er uns, unbedingt noch weiter hinauf zur Chiesa di San Costanzo zu fahren. Dort gäbe es einen wunderschönen Aussichtspunkt, den sollten wir uns auf keinen Fall entgehen lassen. Wenn wir zurück sind, könnten wir hier im Ort noch einen Kleinigkeit essen oder trinken – seine Oma hätte hier eine kleine Bar. Dann erklärt er uns ziemlich genau, welchen Weg wir nehmen müssen, zeigt noch einmal in die entsprechende Richtung und verabschiedet sich dann genauso plötzlich und freundlich, wie er aufgetaucht ist. Solche Begegnungen mag ich. Da hält man eigentlich nur kurz an einer Kreuzung, und fünf Minuten später hat man von einem wildfremden Italiener auf einer Vespa ein neues Ausflugsziel bekommen. Also machen wir natürlich genau das, was er uns geraten hat, und fahren weiter hinauf.
Mit den Vespas kommen wir noch ein gutes Stück den Berg hoch, bis irgendwann Schluss ist und wir zu Fuß weiter müssen. Wir stellen die Roller ab und lassen sogar unsere Helme daran hängen, weil wir beide davon ausgehen, dass diese Kirche beziehungsweise der Aussichtspunkt jetzt wahrscheinlich gleich irgendwo hinter der nächsten Ecke auftaucht. Ein paar Meter laufen, kurz hochschauen, Fotos machen und wieder zurück – so ungefähr lautet unsere Einschätzung. Eine Einschätzung, die sich bereits nach den ersten Metern als ausgesprochen optimistisch herausstellt. Der Weg zieht sich durch den Wald bergauf, wird zunehmend steiniger und entwickelt nach und nach einen bemerkenswerten Hang zu Treppen und Stufen. Gleichzeitig entfernen wir uns immer weiter von den Vespas und damit auch von unseren ziemlich vertrauensvoll zurückgelassenen Helmen.

Stefan ist ohnehin nicht gerade begeistert einen Berg hochzumarschieren. Je mehr Stufen vor uns auftauchen, desto weniger Begeisterung ist vorhanden, und irgendwann ist für ihn die Sache entschieden: Er geht zurück zu den Vespas, bleibt bei den Helmen und ich soll allein weiterlaufen und Fotos machen. Das ist natürlich eine geradezu perfekte Aufgabenverteilung. Stefan bewacht unten sitzend unser Eigentum, während ich den Berg hochsteige und anschließend das komplette Bildmaterial frei Haus liefere. Andererseits kenne ich mich gut genug, um zu wissen, dass ich ohnehin keine Ruhe gegeben hätte. Wenn mir jemand erzählt, oben gäbe es eine fantastische Aussicht, kann ich schlecht auf halber Strecke umdrehen, nur weil plötzlich unerwartet ein Berg im Weg steht.
Also stapfe ich alleine weiter. Der Weg führt durch den Wald über Felsen und unzählige steinerne Stufen immer weiter nach oben, und spätestens jetzt wird mir klar, dass unser netter Vespa-Fahrer in Nerano bei seiner Wegbeschreibung den kleinen Zusatz „Da müsst ihr übrigens noch ein ordentliches Stück hochlaufen“ recht großzügig ausgelassen hat. Vielleicht gehört das hier zum italienischen Verständnis von „gleich da oben“. Nach und nach wird der Wald lichter, zwischen den Bäumen blitzt immer häufiger das Meer hervor, und irgendwann erreiche ich tatsächlich die kleine Chiesa di San Costanzo. Die weiße Kapelle steht ganz schlicht dort oben auf dem Berg, umgeben von Felsen, Pinien und einem Panorama, bei dem ich unserem Zufallsbekannten sofort sämtliche verschwiegenen Höhenmeter verzeihe.
Von hier oben ist die Aussicht wirklich sensationell. Unter mir fällt die Landschaft zur Küste ab, dahinter liegt das Meer in einem Blau, bei dem meine Kamera vermutlich glaubt, ich hätte den Sättigungsregler heimlich bis zum Anschlag gedreht. In der Ferne ist Capri zu erkennen, draußen im Golf ziehen kleine Boote ihre weißen Spuren durchs Wasser, und auf der anderen Seite liegen die grünen Berge und die zerklüftete Küste unter mir. Rund um die Kapelle führen noch kleine steinige Wege über den Höhenrücken, also laufe ich natürlich auch dort noch herum. Wenn ich schon einmal den ganzen Weg hochgestiegen bin, kann ich schließlich nicht nach drei Fotos wieder umdrehen. Außerdem muss sich Stefans Entscheidung, unten zu bleiben, wenigstens dadurch rächen, dass er sich später durch ungefähr 47 nahezu identische Aufnahmen von „Meer mit Felsen, aber diesmal ein bisschen weiter links“ arbeiten muss.
Ich bleibe eine ganze Weile oben, genieße die Aussicht und mache genau die Fotos, für die ich heraufgeschickt worden bin. Und während ich dort stehe und auf Capri hinausschaue, muss ich schon ein bisschen grinsen. Ohne diesen jungen Mann an der Kreuzung in Nerano wären wir wahrscheinlich einfach weitergefahren und hätten überhaupt nicht gewusst, was sich hier oben versteckt. Genau solche Zufälle machen diese Tage mit den Vespas so schön: Wir haben keinen großen Plan, halten irgendwo an, kommen mit jemandem ins Gespräch und stehen kurze Zeit später an einem Ort, den wir vorher nicht einmal auf dem Schirm hatten.
Irgendwann mache ich mich wieder auf den Rückweg. Bergab läuft es sich bekanntlich wesentlich angenehmer, und unten wartet Stefan tatsächlich noch genauso zuverlässig bei unseren Vespas und Helmen, wie wir es vereinbart hatten. Er hat sich den kompletten Aufstieg gespart und bekommt trotzdem sämtliche Aussichten präsentiert. Eigentlich hat er bei dieser Arbeitsteilung alles richtig gemacht.
Als ich wieder unten bei Stefan ankomme, schwingen wir uns auf die Vespas und fahren zurück nach Termini. Und jetzt wird die Geschichte endgültig schräg, denn wir kommen wieder an genau jener Kreuzung vorbei, an der uns vorhin der junge Italiener angesprochen und zur Chiesa di San Costanzo geschickt hatte. Nur steht dort diesmal nicht der Sohn, sondern ein älterer Italiener vor einer kleinen Bar am Straßenrand. Kaum sieht er uns, spricht er uns an: Wir hätten doch vorhin mit seinem Sohn gesprochen. Ob wir nicht eine kleine Erfrischung bei ihm trinken möchten? Er hätte da etwas ganz Besonderes, irgendetwas Kaltes mit Limoncello. Und ehe wir richtig darüber nachdenken können, räumt er uns sogar noch einen Platz frei, damit wir die Vespas ordentlich abstellen können. So viel Gastfreundschaft kann man nun wirklich nicht einfach ignorieren.

Wir setzen uns also an einen der Tische des kleinen Chiosco Bar San Costanzo, und kurz darauf steht unsere Erfrischung vor uns: ein eiskaltes, cremiges Zitronengetränk mit Limoncello, irgendwo zwischen Granita, Sorbet und der Erkenntnis, dass Alkohol bei diesen Temperaturen durchaus als Flüssigkeitszufuhr durchgehen könnte. Das Zeug ist wirklich hervorragend. Kalt, zitronig, süß, leicht alkoholisch und genau richtig nach meinem Ausflug auf den Berg. Stefan und ich sitzen da, trinken zufrieden unser Limoncello-Dings und finden unseren Zufallsfund gerade ziemlich klasse. Dann kommt der nächste Vorschlag aus der Bar: Ob wir nicht eine Caprese essen möchten? Die Tomaten seien ganz frisch und überhaupt müsse man das unbedingt probieren. Nun gut. Frische Tomaten, Mozzarella, Italien – da kann eigentlich wenig schiefgehen. Also bestellen wir Caprese.
Und während wir auf unser Essen warten, begehe ich einen folgenschweren Fehler: Ich hole mein Handy heraus und google die kleine Bar.
Was ich dort lese, passt zunächst überhaupt nicht zu unserem gemütlichen Tisch, unserem netten Gastgeber und dem sehr leckeren Limoncello-Getränk. Tatsächlich finde ich Rezensionen, die unsere bisherige Geschichte geradezu unheimlich genau beschreiben. Andere Gäste berichten ebenfalls davon, in Termini von einem freundlichen Mann auf einem Roller angesprochen und zu einem schönen Aussichtspunkt geschickt worden zu sein. Anschließend seien sie an der Bar gelandet, wo Vater und Familie sie freundlich empfangen und ihnen nach und nach Essen, Getränke und Produkte angeboten hätten. Einige beschreiben das Ganze als „Touristenfalle“, beklagen fehlende Preisangaben und unerwartet hohe Rechnungen; andere wiederum schwärmen von der Familie, dem Essen und gerade dem Limoncello-Sorbet. Die Bewertungen sind tatsächlich so gegensätzlich, dass man meinen könnte, es handle sich um zwei verschiedene Lokale.
Ich lese Stefan ein paar der weniger beruhigenden Exemplare vor und merke dabei, wie sich meine Stimmung langsam verändert. Moment mal. Wir wurden von Sohn Nummer eins an einer Kreuzung angesprochen. Sohn Nummer eins schickt uns zum Aussichtspunkt. Auf dem Rückweg steht Papa zufällig an derselben Kreuzung und erkennt uns. Papa lädt uns freundlich in seine Bar ein. Wir bestellen ein Getränk, ohne nach dem Preis zu fragen. Anschließend Caprese, ebenfalls ohne nach dem Preis zu fragen. Es gibt keine Speisekarte auf unserem Tisch, zumindest keine, die wir beachten würden, und ich beginne langsam zu überlegen, ob wir gerade mitten in einer perfekt eingespielten italienischen Verkaufschoreografie sitzen.

„Du“, sage ich zu Stefan und halte ihm das Handy hin, „ich glaube, wir müssen jetzt ein bisschen aufpassen.“ Ein ausgesprochen vernünftiger Satz. Den ich ungefähr fünf Minuten später vollständig ignoriere.
Denn unsere Caprese kommt und schmeckt hervorragend. Die Tomaten sind richtig aromatisch, dazu Mozzarella, Olivenöl und Gewürze – simpel und genau deshalb gut. Während wir noch essen, kommt aus der Bar die nächste Information: Sie hätten auch ganz hervorragende Spaghetti mit Zitrone. Zitronenspaghetti. Ausgerechnet.
Die wollen wir nämlich schon die ganze Zeit irgendwo probieren. Auf den Speisekarten hier in der Gegend finden wir Zitronenpasta zwar immer wieder, aber meistens in Kombination mit Fisch oder Meeresfrüchten, und genau das wollen wir nicht. Wir möchten einfach Pasta mit Zitrone. Und nun sitzen wir ausgerechnet in diesem kleinen Straßenlokal, über das ich gerade Rezensionen mit Begriffen wie „Touristenfalle“ und „Abzocke“ gelesen habe, und der Mann bietet uns exakt das Gericht an, das wir schon immer mal probieren wollten.
Mein Gehirn sagt: Nein.
Mein Mund sagt: „Ja klar, zweimal.“
Ich kann mich offenbar nicht auf mich verlassen.
Also bekommen wir auch noch Zitronenspaghetti. Und die sind tatsächlich richtig gut: cremig, zitronig, würzig, nicht künstlich sauer, sondern genau diese Kombination, die wir unbedingt einmal probieren wollten. Während ich esse, beruhige ich mich wieder ein bisschen. Vielleicht sind die schlechten Rezensionen ja übertrieben. Vielleicht hatten andere einfach Pech. Vielleicht ist alles wunderbar. Vielleicht kostet dieser Teller aber auch 37 Euro. Ich weiß es nicht, denn nach dem Preis haben wir natürlich wieder nicht gefragt.

An diesem Punkt wäre es vernünftig, einfach aufzuhören. Wir hatten ein Getränk, Caprese und Spaghetti. Wir sind satt. Wir könnten zahlen und hätten Gewissheit. Dann kommt der Apfelkuchen ins Spiel. Natürlich kommt der Apfelkuchen ins Spiel.
Uns wird erklärt, dass es jetzt auch noch Apfelkuchen gäbe. Und nicht irgendeinen Apfelkuchen, nein: Seine Oma macht den. Damit spielt der Mann natürlich eine Karte aus, gegen die man sich kaum wehren kann. Wenn ein Italiener in einem winzigen Familienlokal in Termini vor einem steht und sagt, seine Nonna habe Apfelkuchen gebacken, kann man schlecht antworten: „Nein danke, wir würden jetzt lieber zahlen.“ Das wäre ja beinahe respektlos gegenüber der italienischen Großmutterkultur. Gleichzeitig sitzt in meinem Kopf inzwischen eine kleine, zunehmend verzweifelte Buchhalterin und schreit: GABI, DU WEISST NOCH NICHT EINMAL, WAS DAS ALLES KOSTET! Mein Verstand sagt also sehr deutlich: Jetzt ist Schluss. Ihr hattet das Limoncello-Getränk, die Caprese und die Zitronenspaghetti, ihr seid satt, bezahlt endlich und fahrt weiter. Während ich diesen vollkommen vernünftigen Gedanken noch zu Ende denke, höre ich mich allerdings schon sagen, dass wir natürlich auch den Apfelkuchen von Oma probieren. Offenbar hat mein Mund an diesem Nachmittag seine eigene Reise gebucht.
Und während meine Vernunft mir unmißverständlich sagt dass jetzt Schluß ist, höre ich mich Apfelkuchen bestellen. Es ist faszinierend. Mein Selbsterhaltungstrieb und mein Bestellverhalten scheinen heute zwei vollkommen getrennte Abteilungen zu sein, die keinerlei Kontakt miteinander haben.

Also essen wir auch noch Apfelkuchen. Währenddessen wächst in mir langsam die Spannung vor dem Moment der Wahrheit. Ich rechne innerlich. Zwei Limoncello-Getränke, Caprese, zweimal Zitronenspaghetti, Kuchen – und im Hinterkopf laufen parallel die Google-Rezensionen durch. Manche Gäste berichten tatsächlich von überraschend hohen Summen; eine Rezension aus 2025 beschreibt beispielsweise eine Rechnung von mehr als 100 Euro nach einer ähnlichen Abfolge von Essen, Getränken und Angeboten. Ich sehe uns gedanklich schon unsere Vespas beleihen.
Dann wollen wir zahlen. 46 Euro. Für alles. Ich muss innerlich erst einmal meine komplette Alarmanlage wieder ausschalten. 46 Euro für uns beide, für Getränke, Caprese, zwei Portionen Zitronenspaghetti und Kuchen. Nach allem, was ich gerade gelesen und mir inzwischen ausgemalt habe, empfinde ich die Rechnung fast als persönliche Entschuldigung des Universums. Wir fanden das Essen lecker, die Leute waren reizend, hatten unseren Vespas einen Platz verschafft, uns einen tollen Aussichtspunkt empfohlen und uns für 40 Euro einmal quer durch ihre kleine Küche gefüttert. Von Touristenabzocke kann ich bei unserem Besuch nun wirklich nichts erzählen.
Eigentlich wäre dies der perfekte Moment, zufrieden zu bezahlen und zu fahren. Wir haben hervorragend gegessen, die befürchtete Touristenfallen-Rechnung ist ausgeblieben, alle sind glücklich – besser kann man so einen Besuch doch gar nicht beenden. Aber unser Gastgeber ist noch nicht fertig mit uns. Beim Bezahlen zeigt er mir zwei Flaschen Olivenöl, die ich zum Freundschaftspreis von zehn statt achtzehn Euro bekommen könne. Die Flaschen haben allerdings kein Etikett. Gar keins. Weder Hersteller noch Herkunft noch Jahrgang noch sonst irgendetwas, das einem das beruhigende Gefühl vermittelt, man wisse zumindest ungefähr, was man da gerade kauft.
Wobei die beiden Flaschen damit perfekt ins Gesamtbild passen. Auf dem Tresen stehen nämlich noch weitere Flaschen mit ebenso geheimnisvollem Inhalt: gelb, orange, grün, teilweise in Farben, bei denen ich nicht einmal sicher bin, ob man sie trinken, übers Essen kippen oder damit die Vespa polieren soll. Auch alle ohne Etikett. Offenbar wird hier nicht unnötig viel Energie in Verpackungsinformationen gesteckt. Der Inhalt muss für sich selbst sprechen.
Und jetzt meldet sich mein Verstand wieder. Wir waren heute Vormittag gerade in einer richtigen Ölmühle, haben uns durch gefühlt 36 fein säuberlich beschriftete Öle und Essige probiert und anschließend hervorragendes Olivenöl gekauft, bei dem sogar auf der Flasche steht, was drin ist. Und nun stehe ich ein paar Stunden später in einer kleinen Bar in Termini vor zwei vollkommen nackten Flaschen und denke: Nein, Gabi. Jetzt ist wirklich Schluss. Du kaufst nicht auch noch geheimnisvolles Olivenöl ohne Etikett.

Das wäre die vernünftige Reaktion gewesen. Stattdessen höre ich mich fragen: „Kann ich das Öl mal probieren?“ Natürlich kann ich. Also verschwindet er irgendwo nach hinten und kommt mit Öl zum Probieren zurück. Woher genau es kommt, weiß ich nicht. Ob es dasselbe Öl ist, das sich in den beiden Flaschen befindet, weiß ich ebenfalls nicht. Aber ich probiere es, es schmeckt gut – und ungefähr drei Minuten später gehören mir zwei Flaschen Olivenöl für jeweils zehn Euro. Ich habe inzwischen aufgehört, mein eigenes Verhalten an diesem Nachmittag verstehen zu wollen.
Bis heute sind die Flaschen ungeöffnet. Ich weiß also weiterhin nicht, ob ich sensationelles, selbst gemachtes Olivenöl eines kleinen italienischen Familienbetriebs gekauft habe oder ob ich irgendwann zu Hause den Deckel aufschraube und feststelle, dass ich für zwanzig Euro etwas erworben habe, das in Italien normalerweise im Fünf-Liter-Kanister neben der Kasse steht. Aber wenigstens habe ich nur die beiden Flaschen Olivenöl gekauft. Wenn ich mir das Foto vom Tresen heute anschaue und die ganzen anderen ungelabelten gelben, grünen und orangefarbenen Flüssigkeiten daneben sehe, muss ich mir zugutehalten, dass irgendwo tief in mir offenbar doch noch ein kleiner Rest Selbstbeherrschung vorhanden war. Sehr tief. Aber er war da.
Aber wisst ihr was? Ich kann über unseren Besuch trotzdem nichts Schlechtes sagen. Wir hatten einen Riesenspaß. Der Sohn hat uns zu einem Aussichtspunkt geschickt, den wir ohne ihn nie gefunden hätten. Sein Vater hat uns freundlich empfangen. Das Limoncello-Sorbet war großartig, die Caprese lecker, endlich haben wir unsere Zitronenspaghetti bekommen, selbst der Apfelkuchen durfte trotz meiner Oma mitspielen, und die komplette Rechnung war mit 40 Euro absolut fair. Dass ich anschließend noch zwei mysteriöse Flaschen Olivenöl gekauft habe, obwohl mein Verstand ungefähr zwanzig Minuten lang mit einer roten Warnleuchte vor meinem inneren Auge herumgefuchtelt hat, kann ich nun wirklich niemandem außer mir selbst vorwerfen.
Und damit dürfte ich tatsächlich zu den wenigen Menschen gehören, die nach exakt demselben Ablauf, vor dem andere im Internet warnen, anschließend eine gute Bewertung schreiben. Vielleicht formuliere ich einfach: „Wir wurden an der Kreuzung abgefangen, auf einen Berg geschickt, anschließend mit Limoncello angelockt, mehrfach zum Weiteressen überredet und sind mit zwei unbeschrifteten Flaschen Olivenöl wieder gegangen. Fünf Sterne. Jederzeit wieder.“ Eigentlich kann man unseren Nachmittag in Termini kaum treffender zusammenfassen.
Nach unserem etwas aus dem Ruder gelaufenen Zwischenstopp in Termini – wir wollten ursprünglich schließlich nur kurz etwas trinken und fahren nun mit zwei Flaschen geheimnisvollem Olivenöl weiter – haben wir für den Rest des Nachmittags keinen wirklichen Plan mehr. Und genau das passt hervorragend. Wir setzen uns wieder auf die Vespas und fahren einfach kreuz und quer durch die Berge der Sorrentinischen Halbinsel. Das Navi darf zwar gelegentlich eine Meinung dazu haben, wo wir uns befinden, aber im Grunde nehmen wir die Straßen so, wie sie kommen. Mal geht es auf einer erstaunlich ordentlich ausgebauten Straße durch Olivenhaine, mal wird aus der Straße plötzlich ein schmales Sträßchen zwischen Natursteinmauern, und zwischendurch tauchen immer wieder kleine Orte auf, bei denen man das Gefühl hat, dass die Häuser schon dort standen, lange bevor jemand auf die Idee gekommen ist, eine Fahrbahn dazwischenzuquetschen.
Für die Vespas ist das perfekt. Wir fahren durch enge Kurven, an alten Kirchen vorbei, über Straßen, die sich durch die Hügel ziehen, und immer wieder mitten durch kleine Dörfer. Hinter einer Kurve steht plötzlich ein Kirchturm vor uns, hinter der nächsten geht der Blick wieder weit über die grüne Landschaft. Teilweise sind die Straßen so schmal, dass zwei Autos vermutlich erst einmal eine längere diplomatische Verhandlung darüber führen müssten, wer jetzt rückwärts fährt. Mit unseren Rollern interessiert uns das herzlich wenig. Wir schlängeln uns einfach hindurch, und genau deshalb macht diese Gegend auf der Vespa so viel Spaß. Man ist nicht nur auf dem Weg zu irgendeinem Ziel, sondern der Weg selbst ist längst das Programm.
Irgendwann kommen wir nach Nerano, wo wir beschließen, dass es Zeit für einen Kaffee ist. Viel braucht es dafür in Italien ja nicht. Ein kleines Café, zwei Stühle und eine Espressomaschine reichen vollkommen. Wir stellen die Vespas ab, setzen uns draußen hin und bestellen Espresso und Wasser. Nach unserer kulinarischen Komplettversorgung in Termini ist das geradezu asketisch: kein Limoncello-Sorbet, keine Caprese, keine Zitronenspaghetti, kein Kuchen von Oma und vor allem niemand, der uns anschließend noch zwei Flaschen irgendeiner Flüssigkeit zum Freundschaftspreis anbietet. Einfach Espresso. Ich bin fast ein bisschen enttäuscht.

Danach laufen wir noch ein wenig durch den Ort. Auch hier geht es wieder auf und ab, durch schmale Gassen und unter alten Torbögen hindurch, vorbei an Häusern, deren Mauern schon deutlich bessere Zeiten gesehen haben und die trotzdem genau deshalb so schön aussehen. Überall führen Treppen irgendwohin, kleine Durchgänge verschwinden zwischen den Gebäuden und über manchen Mauern quellen Pflanzen und Bougainvillea hervor. Das ist kein herausgeputztes Positano, in dem jedes zweite Schaufenster Zitronenkleider und Keramik für amerikanische Urlaubskoffer anbietet. Hier sieht es einfach nach einem ganz normalen süditalienischen Ort aus. Ein bisschen bröckelig, ein bisschen verwinkelt und gerade deshalb wunderbar.
Wir laufen die steilen Treppen hinunter, schauen durch Torbögen in die nächsten Gassen und fragen uns gelegentlich, ob der Weg, den wir gerade nehmen, tatsächlich irgendwohin führt oder irgendwann einfach vor einer Haustür endet. Bei diesen Orten weiß man das nie so genau. Google Maps kann gern behaupten, hier verlaufe eine Straße – in der Realität kann „Straße“ in Italien durchaus bedeuten, dass man 48 Stufen hinuntergeht, unter drei Balkonen hindurchläuft und anschließend durch eine Lücke zwischen zwei Häusern schlüpft.
Irgendwann reicht es dann aber auch für heute. Wir haben Olivenöl verkostet und gekauft, auf einer Mauer gesessen und aufs Meer geschaut, sind durch Zufall zu einem fantastischen Aussichtspunkt geschickt worden, ich bin zur Chiesa di San Costanzo hinaufgeklettert, wir wurden anschließend vom Vater unseres zufälligen Reiseführers praktisch direkt von der Straße wegverköstigt und haben dabei trotz sämtlicher Warnsignale konsequent immer weiter bestellt. Danach haben wir auch noch mysteriöses Olivenöl gekauft und sind stundenlang durch die Berge gefahren. Man kann diesem Tag jedenfalls nicht vorwerfen, dass er sich besonders streng an irgendeinen vorher gefassten Plan gehalten hätte.
Also steigen wir wieder auf unsere Vespas und machen uns langsam auf den Rückweg zum Campingplatz. Noch einmal geht es über die kurvigen Straßen durch die Berge, vorbei an Olivenbäumen und Natursteinmauern, bergauf und bergab, bis die Bebauung dichter und der Verkehr rund um Sorrento wieder stärker wird. Nach den stillen kleinen Straßen im Hinterland merkt man sofort, dass wir zurück in der touristischen Ecke kommen. Aber inzwischen kennen wir den Weg zum Camping Fortunata ja bestens.
Am Campingplatz angekommen, stellen wir die Vespas ab, laden unsere heutige Beute im Camper aus und machen am Abend im Grunde genau dort weiter, wo wir gestern aufgehört haben. Man könnte behaupten, wir seien Gewohnheitsmenschen. Ich würde eher sagen: Wenn sich ein System bewährt hat, muss man es nicht unnötig verändern. Also wieder zum campingplatzeigenen Shuttlebus, wieder zwei Euro pro Person in bar und für insgesamt vier Euro nach Sorrento. Inzwischen kennen wir das Verfahren ja und halten das Kleingeld griffbereit.
In Sorrento angekommen, lassen wir uns wieder durch die Straßen treiben. Obwohl wir gestern schon ausgiebig hier unterwegs waren, funktioniert diese Stadt bei mir auch beim zweiten Abend problemlos. Zwischen den alten Häusern, den engen Gassen und den kleinen Geschäften ist ständig etwas los. Überall hängen Zitronen, Keramik, bunte Kleider und Souvenirs vor den Läden, dazwischen stehen kleine Verkaufsstände mit Granita und Spritz, und aus ungefähr jedem dritten Geschäft scheint irgendetwas mit Limoncello herauszuleuchten. Sorrento hat offensichtlich beschlossen, aus der Zitrone wirklich alles herauszuholen, was wirtschaftlich möglich ist.
Und selbstverständlich führt unser Weg wieder durch die einschlägigen Limoncello-Geschäfte. Wir haben gestern zwar bereits eingekauft, aber das bedeutet ja nicht, dass man heute nicht noch einmal probieren könnte. Schließlich könnten sich die Produkte über Nacht verändert haben. Qualitätskontrolle ist wichtig. Also arbeiten wir uns erneut durch kleine Kostproben von Limoncello, Cremes, Süßigkeiten und all den anderen zitronigen Schweinereien, die hier überall herumstehen. Langsam entwickeln wir darin eine gewisse Professionalität. Ich weiß inzwischen ziemlich genau, wie lange man interessiert vor einem Regal stehen muss, bevor wieder irgendwo ein Probierbecher auftaucht. Und da es genügend Geschäfte gibt, lässt sich dieses Verfahren nahezu beliebig wiederholen, ohne dass man in einem einzelnen Laden unangenehm auffällt.

Zwischendurch laufen wir einfach weiter durch Sorrento, vorbei an der Kirche mit ihrem markanten Glockenturm, durch schmale Seitengassen und an Geschäften vorbei, deren Sortiment irgendwo zwischen italienischer Lebensfreude und vollständiger Zitroneneskalation liegt. Besonders faszinierend finde ich nach wie vor die Modegeschäfte, vor denen ganze Wände voller gelber, grüner und blau gemusterter Kleider hängen. Wer hier drei Tage Urlaub macht und anschließend nicht wenigstens einen Gegenstand besitzt, auf dem eine Zitrone abgebildet ist, hat sich vermutlich aktiv gewehrt.

Irgendwann brauchen wir allerdings etwas Handfesteres als kostenlose Limoncello-Proben und landen im Ristorante Bar Mona Lisa. Draußen stehen die Tische dicht an dicht in der belebten Gasse, ringsherum laufen Menschen vorbei, aus den Nachbarrestaurants klappern Teller, überall wird geredet und gegessen – genau diese wuselige Abendstimmung, die ich an Sorrento so mag. Wir bestellen Spaghetti und Pizza und sind damit ausgesprochen zufrieden. Nach unserem kulinarisch etwas außer Kontrolle geratenen Nachmittag in Termini ist es geradezu beruhigend, einfach nur vor einem Teller Pasta beziehungsweise einer Pizza zu sitzen, ohne dass plötzlich jemand aus einer Tür kommt und behauptet, seine Oma hätte noch etwas gebacken, das wir unbedingt probieren müssten.
Danach schlendern wir noch ein bisschen durch die beleuchteten Straßen, schauen hier und da in einen Laden und machen uns schließlich auf den Weg zurück zum Shuttlebus wieder zurück zum Camping Fortunata. Und natürlich wissen wir inzwischen auch genau, was uns dort erwartet.
Der Bus fährt vor die geschlossene Schranke, wir steigen aus und marschieren zum Drehtor. Und dort möchte der Campingplatz tatsächlich wieder zwei Euro pro Person für die Rückfahrt mit dem Bus, damit wir durch das Drehkreuz zurück auf den Platz dürfen. Auch am zweiten Abend wirkt dieses System nicht weniger skurril. Wir wohnen hier. Unser Camper steht wenige Meter hinter dieser Schranke. Wir haben den Stellplatz bezahlt. Trotzdem stehen wir jeden Abend vor dem Eingang wie Besucher eines Freizeitparks, die noch ein letztes Ticket brauchen, um wieder in ihr eigenes Bett zu dürfen. Also weitere vier Euro in bar, einmal durchs Drehkreuz und willkommen zu Hause.
Damit ist dann aber wirklich Schluss für heute. Nach Olivenölverkostung, Aussichtspunkten, einer zufälligen Begegnung mit einem jungen Italiener, meinem Aufstieg zur Chiesa di San Costanzo, der wahrscheinlich ungewöhnlichsten Mittagspause dieser Reise, zwei mysteriösen Flaschen Olivenöl, einer ausgedehnten Vesparunde durch die Berge und unserem zweiten Abend in Sorrento reicht es endgültig. Wir verschwinden im Camper, machen uns bettfertig und fallen ins Bett. Gute Nacht, Sorrento. Bis morgen. Und für morgen lege ich vorsichtshalber schon einmal Kleingeld bereit.


































