Eine Gänse-Mafia, Planänderungen und einem singenden Wirt – ein Tag, der so nie geplant war
Als ich am nächsten Morgen die Tür vom Camper aufmache, sieht die Welt schon deutlich freundlicher aus als bei unserer Ankunft am Vorabend. Um kurz vor 21 Uhr war der Area Sosta Camper in Monzambano nämlich vor allem eines gewesen: dunkel. Sehr dunkel. Wir hatten nach einem langen Fahrtag eigentlich nur noch das dringende Bedürfnis, irgendwo legal herumzustehen, den Motor auszumachen und für ein paar Stunden nicht mehr über italienische Straßen nachzudenken. Dass man hier rund um die Uhr über einen Automaten einchecken kann, war deshalb Gold wert. Kein Rezeptionist, dessen Feierabend wir mit unserem späten Auftauchen ruinieren mussten, kein hektisches „Buonasera, abbiamo una prenotazione“ mit anschließendem sprachlichem Totalschaden – Karte rein, Stellplatz beziehen, fertig. Mehr Romantik brauchten wir an diesem Abend nicht.
Bei Tageslicht stellte sich dann heraus, dass wir uns keineswegs auf irgendeinem lieblosen Übernachtungsparkplatz niedergelassen hatten. Der Platz liegt hübsch im Grünen, mit Bäumen ringsherum und einem kleinen Naturteich mittendrin, den man je nach persönlicher Begeisterungsfähigkeit entweder idyllisch oder schlicht als Tümpel bezeichnen kann. Ich entschied mich für irgendetwas dazwischen. Hübsch anzusehen war er auf jeden Fall, und vermutlich führte darin auch eine komplette Unterwasser-Wohngemeinschaft ein erfülltes Leben, über deren Mitglieder ich lieber nicht genauer nachdenken wollte. Auch sonst machte der Platz einen durchaus sympathischen Eindruck. Nur die Sanitäranlagen hatten erkennbar schon ein paar italienische Sommer kommen und gehen sehen. Und vermutlich noch einige mehr. Dusche und WC waren jetzt nicht unbedingt die Art von Räumlichkeiten, bei denen man spontan beschließt, den restlichen Urlaub hier zu verbringen, aber für eine Nacht völlig in Ordnung. Man muss ja auch nicht überall gleich einziehen.

Ohnehin würde ich Monzambano für einen längeren Aufenthalt vermutlich nicht wählen, denn der Gardasee liegt gerade einmal ungefähr 15 Minuten entfernt. Und wenn ich schon so nah am Gardasee bin, dann möchte ich bitteschön auch am Gardasee stehen und nicht 15 Minuten daneben. Das wäre ungefähr so, als würde man nach Venedig fahren und anschließend sagen: „Wir haben uns Mestre angesehen, reicht eigentlich.“ Für unseren Plan war der Platz allerdings perfekt. Wir wollten heute nämlich gar nicht Richtung See, sondern weiter nach Bologna und vorher ins Outlet. Damit lag Monzambano genau richtig auf unserer Strecke, und zusammen mit dem unkomplizierten 24-Stunden-Check-in hatte der Platz seine Aufgabe mit Bravour erfüllt. Er musste uns schließlich nicht heiraten. Er sollte uns lediglich eine Nacht beherbergen.

Bevor wir gegen acht Uhr verschwanden, machten wir allerdings noch Bekanntschaft mit der örtlichen Security. Eine Gruppe Gänse marschierte ziemlich selbstbewusst über den Platz und ließ keinen Zweifel daran, wem dieses Gelände tatsächlich gehörte. Uns jedenfalls nicht. Ich näherte mich noch mit der naiven Vorstellung, ein paar nette Fotos zu machen, doch die Begeisterung beruhte eindeutig nicht auf Gegenseitigkeit. Es wurde gefaucht, gemeckert und schließlich sogar auf mich zugelaufen, und zwar mit jener Entschlossenheit, die normalerweise Menschen zeigen, wenn jemand versucht, sich an der Supermarktkasse vorzudrängeln. Ich kenne meine Grenzen. Einem schlecht gelaunten Federvieh, das seinen Campingplatz verteidigt, muss ich morgens um acht nichts beweisen. Also trat ich den geordneten Rückzug an und überließ den Damen und Herren Graugans das Gelände. Sie hatten gewonnen. Deutlich.

Kurz darauf machten uns auf den Weg Richtung Bologna. Allerdings nicht sehr lange, denn Italien hatte inzwischen einen wesentlich wichtigeren Programmpunkt vorgesehen: Frühstück. Beim nächsten Autogrill war deshalb Schluss mit Kilometerfressen. Wer italienische Autobahnraststätten nur mit deutschen Raststätten vergleicht, macht ohnehin einen schweren Fehler. Während man bei uns morgens irgendwo zwischen eingeschweißtem Käsebrötchen und Kaffee aus einem Gerät steht, das klingt, als würde darin gerade ein Getriebe zerlegt, liegen in Italien Croissants in der Theke, bei denen sämtliche guten Vorsätze bereits beim Anschauen ihre Kündigung einreichen. Wir entschieden uns für Pistazie und Nutella, dazu zwei Cappuccino – und plötzlich war dieser Reisetag offiziell eröffnet. Italien kann Frühstück einfach. Es ist vermutlich wissenschaftlich unmöglich, schlecht gelaunt zu bleiben, wenn vor einem ein mit Pistaziencreme gefülltes Croissant liegt und daneben ein Cappuccino steht, der nicht aus einem Pappbecher kommt.
So saßen wir also am Autogrill, während draußen unser komplettes Reiseunternehmen aus Camper, Anhänger und zwei Vespas auf dem Parkplatz wartete, und arbeiteten uns sehr gewissenhaft durch die italienische Frühstückskultur. Danach konnte es weitergehen.
Pünktlich um zehn standen wir dann vor dem Castel Guelfo Outlet, und wer uns kennt, weiß, dass wir solche Einrichtungen grundsätzlich mit einem klaren Plan betreten: Wir schauen nur mal. Das ist ungefähr dieselbe glaubwürdige Aussage wie „Ich esse nur ein Stück Schokolade“ oder „Wir bleiben heute ganz bestimmt bei unserem ursprünglichen Reiseplan“. Man weiß eigentlich schon beim Aussprechen, dass es nicht passieren wird. Immerhin waren wir früh dran, wobei sich ziemlich schnell herausstellte, dass wir uns den Wecker vermutlich auch hätten sparen können. Das Outlet war nämlich nicht nur angenehm leer, sondern beinahe gespenstisch entspannt. Wir waren schon einmal hier gewesen und kannten die Anlage, aber auch diesmal fragte ich mich zwischendurch, ob außer uns überhaupt jemand mitbekommen hatte, dass geöffnet war. Kein Gedränge, keine Menschentrauben vor den Läden, keine Schlacht um den letzten Turnschuh in Größe 39. Stattdessen breite Wege, hübsche Arkaden, gepflegte Anlagen und eine Ruhe, bei der man fast versucht war, sich beim Betreten eines Ladens beim Personal für die Störung zu entschuldigen.

Wir arbeiteten uns durch die üblichen Verdächtigen. Puma, Nike, GAP, Adidas und all jene Läden, bei denen wir theoretisch nach Dingen für uns selbst schauen und praktisch nach spätestens drei Minuten wieder etwas für die Enkel in der Hand haben. Das ist ein faszinierender Automatismus. Man fährt Hunderte Kilometer nach Italien, betritt ein Outlet mit der festen Absicht, sich selbst etwas Schönes zu gönnen, und verlässt den Laden mit Kinderklamotten und Schuhen in Größen, die einem nicht einmal mit Gewalt passen würden. Ungefähr 95 Prozent unserer Einkäufe waren – wie eigentlich immer – für die Enkel. Ich weiß nicht genau, wann dieser schleichende Machtwechsel stattgefunden hat, aber offenbar besitzen Großeltern irgendwann keine eigene Garderobe mehr, sondern fungieren nur noch als international tätige Einkaufsabteilung für den Nachwuchs. Und natürlich findet man ausgerechnet dann ständig Sachen, bei denen man sagt: „Ach guck mal, das wäre doch was für …“ Dieser Satz ist gefährlich. Sehr gefährlich. Meistens endet er an der Kasse.
Zwischendurch musste die Kaufkraft selbstverständlich stabilisiert werden. Das Frühstück am Autogrill lag schließlich schon eine geradezu unzumutbare Ewigkeit zurück, weshalb es noch einen Espresso und – rein aus Gründen der wissenschaftlichen Vergleichbarkeit – ein weiteres Croissant gab. Wieder mit Pistazie und Schokolade. Man muss schließlich wissen, ob das erste vielleicht nur zufällig gut gewesen war. War es nicht. Italien und Pistaziencreme entwickeln sich auf dieser Reise jedenfalls zu einer Beziehung, bei der ich keine Vermittlung mehr brauche. Ich bin bereit, mich fest zu binden.

Wir bummelten weiter durch das Outlet, schauten hier hinein, dort hinein, fanden dies und das und stellten irgendwann fest, dass wir eigentlich schon ziemlich durch waren. Dabei ist das Castel Guelfo wirklich schön angelegt. Gerade weil so wenig los war, konnte man völlig entspannt durch die Arkaden schlendern, ohne ständig jemandem auszuweichen oder sich in einem Sportgeschäft mit 40 anderen Menschen um einen Kleiderständer zu drehen. Nur hat diese Ruhe einen kleinen Haken: Wenn niemand da ist, gibt es auch nichts, was einen aufhält. Kein Anstehen, kein Gewusel, keine fünfzehn Minuten Wartezeit an der Umkleide. Man ist erschreckend effizient. Für jemanden, der eigentlich mehrere Stunden totschlagen möchte, ist Effizienz eine ausgesprochen ungünstige Eigenschaft.
Also beschlossen wir, wenigstens noch etwas zu Mittag zu essen. Bei Alice Pizza lagen verschiedene Stücke in der Auslage, und wir stellten uns eine kleine Auswahl zusammen. Optisch sah das durchaus vielversprechend aus: ordentlich Käse, Schinken, Pilze und auf einer Variante reichlich cremiger Belag mit Pistazien. Geschmacklich würde ich es unter „hat seinen Zweck erfüllt“ abheften. Es war warm, es machte satt und niemand musste anschließend medizinisch versorgt werden. Mehr Begeisterung möchte ich der Pizza aber auch nicht nachträglich andichten. In Italien hat man bei Pizza nun einmal eine gewisse Erwartungshaltung, und diese hier war eher die zuverlässige Kantinenkollegin: nett, unkompliziert, macht ihren Job – aber man schreibt ihr danach keinen Liebesbrief.

Und dann kam das eigentliche Problem dieses Tages. Nach dem Essen schauten wir auf die Uhr. Zwölf. Mittags. Unser ursprünglicher, ausgesprochen vernünftig klingender Plan hatte vorgesehen, hier gemütlich bis ungefähr 15 oder 16 Uhr herumzubummeln und anschließend Richtung Orvieto zu fahren. Wenn man um zwölf Uhr mittags mit einem Tagesprogramm fertig ist, das eigentlich bis 15 oder 16 Uhr reichen sollte, hat man zwei Möglichkeiten: Man kann künstlich Zeit totschlagen oder man akzeptiert, dass der Reiseplan gerade freundlich winkend aus dem Fenster geflogen ist. Wir entschieden uns für Variante zwei. Also nicht irgendwann am späten Nachmittag Richtung Orvieto, sondern eben jetzt. Das Schöne an einem Camper ist ja, dass solche Entscheidungen ungefähr denselben organisatorischen Aufwand haben wie die Frage, ob man noch einen Kaffee trinkt. Einsteigen, losfahren. Hotelbuchungen, Check-in-Zeiten oder sonstige Dinge, die einen Plan womöglich am Leben erhalten könnten, interessieren uns nicht. Und so rollten wir deutlich früher als vorgesehen weiter nach Süden.
Gegen 16 Uhr tauchte Orvieto vor uns auf, und schon von der Autobahn aus wusste ich wieder ganz genau, warum wir hier noch einmal hinwollten. Hoch oben auf diesem gewaltigen Tuffsteinplateau liegt die Stadt wie eine Filmkulisse über der Landschaft, als hätte irgendwann jemand beschlossen, eine mittelalterliche Stadt möglichst spektakulär zu platzieren und dafür den größten verfügbaren Sockel Umbriens genommen. Häuser, Kirchtürme und Mauern ziehen sich oben an der Kante entlang, darunter fällt der Fels beinahe senkrecht ab und ringsherum breitet sich die grüne Landschaft aus. Selbst von der Autobahn sieht das schon so gut aus, dass man unwillkürlich langsamer fahren möchte – was mit Camper, Anhänger und italienischem Verkehr im Nacken allerdings nur bedingt empfehlenswert ist.

Ganz neu war dieser Anblick für uns nicht. Wir waren erst im vergangenen Jahr in Orvieto gewesen und hatten uns damals mit dem Camper direkt nach oben gewagt, dort geparkt und anschließend die Stadt zu Fuß erkundet. Und eigentlich hätte man damit einen Haken hinter Orvieto machen können. Gesehen, für wunderschön befunden, weiter im Programm. Nur funktioniert das bei manchen Orten nicht. Es gibt Städte, die schaut man sich einmal an, macht seine Fotos und ist zufrieden. Und dann gibt es Städte, bei denen man ein Jahr später auf der Autobahn vorbeifährt, nach oben schaut und praktisch gleichzeitig sagt: „Da müssen wir noch mal hin.“ Orvieto gehört eindeutig zur zweiten Sorte. Außerdem liegt es auf dem Weg Richtung Süden derart praktisch, dass man schon eine erstaunliche Willenskraft besitzen müsste, einfach daran vorbeizufahren. Und die hatten wir nach Pistaziencroissants und Outletshopping ohnehin nicht mehr.
Diesmal wollten wir es allerdings etwas anders machen und steuerten den Area Sosta Camper Battistelli Renzo unten im Tal an. Der Stellplatz ist für einen Zwischenstopp geradezu genial, denn von hier kommt man normalerweise mit der Funicolare bequem hinauf in die Altstadt. Camper abstellen, ein paar Meter laufen, in die Bahn steigen und oben aussteigen – so ungefähr hatte ich mir das vorgestellt. Kaum angekommen, wurden wir von einem ausgesprochen netten Italiener empfangen, der offensichtlich nicht vorhatte, uns einfach nur irgendwo hinzustellen und unserem Schicksal zu überlassen. Er erklärte mir den Platz, zeigte mir alles Wichtige und widmete sich anschließend mit vollem Einsatz der Frage, wie wir nun nach oben kommen. Italienische Einweisung eben: Wenn man fertig ist, weiß man nicht nur, wo man steht, sondern vermutlich auch, wo die Großmutter des Busfahrers wohnt.

Dabei gab es nämlich eine kleine Planabweichung innerhalb unserer ohnehin bereits erfolgten Planabweichung. Die Funicolare fuhr nicht. Wartungsarbeiten. Natürlich. Wir kommen schon einen Tag völlig anders hierher als geplant, und Orvieto dachte sich offenbar: Das kann ich auch. Als Ersatz verkehrte aber ein Bus, und unser Stellplatzchef erklärte mir genau, wo wir hinmussten. Die Tickets waren schnell gekauft, und als wir am Bahnhof ankamen, stand der Bus sogar schon bereit. Das lief verdächtig reibungslos. Kein Herumirren, kein falscher Bahnsteig, kein italienischer Fahrkartenautomat, der ausschließlich mit mir persönlich ein Problem hatte. Wir stiegen ein und ließen uns hinaufbringen.
Oben angekommen, gingen wir zunächst zur Festung Albornoz, die direkt am Rand des Plateaus liegt. Von der ehemaligen Burg selbst sind heute vor allem Mauern, Toranlagen und Teile der Befestigung erhalten, aber eigentlich braucht es dort auch gar keine große mittelalterliche Inszenierung. Die Hauptrolle spielt die Aussicht. Sobald man an den Rand der Anlage kommt, öffnet sich unter einem die umbrische Landschaft, und plötzlich versteht man sehr gut, weshalb man eine Festung ausgerechnet hier oben gebaut hat. Von diesem Standort aus konnte vermutlich niemand unbemerkt auch nur mit einem Esel in die falsche Richtung laufen.

Wir liefen an den Mauern entlang und schauten weit hinunter ins Tal, auf die Häuser, Straßen und Felder, die von hier oben beinahe wie eine Modelleisenbahnlandschaft wirkten. Olivenhaine zogen sich über die Hügel, dazwischen kleine Orte, einzelne Häuser und Straßen, die sich durch das Grün schlängelten. Und irgendwo dort unten stand auch unser Camper. Sehr klein. Was einem gleichzeitig vor Augen führt, wie hoch man inzwischen gekommen ist und wie wenig Lust man hätte, diese Strecke zu Fuß wieder hinunterzulaufen. Die Festungsmauern rahmten die Landschaft dabei so perfekt ein, dass man eigentlich nur noch irgendwo dramatische Filmmusik hätte einschalten müssen. Ein bisschen „Der Name der Rose“, nur mit besserem Wetter und ohne rätselhafte Todesfälle im Kloster.
Genau in solchen Momenten wusste ich wieder, warum wir Orvieto nach nur einem Jahr erneut in unsere Reise eingebaut hatten. Nicht, weil wir beim letzten Mal irgendetwas Entscheidendes vergessen hätten. Nicht, weil eine Sehenswürdigkeit auf einer Liste noch nicht abgehakt gewesen wäre. Sondern einfach, weil es hier wunderschön ist. Diese Stadt thront derart selbstbewusst über der Landschaft, dass man ihr einen zweiten Besuch kaum übelnehmen kann. Und diesmal hatten wir sogar den Luxus, unten ganz entspannt auf dem Area Sosta zu stehen und uns um unseren Camper überhaupt nicht kümmern zu müssen.
Dabei war das Beste an unserer spontanen Planänderung eigentlich, dass es gerade einmal später Nachmittag war. Laut ursprünglichem Reiseplan wären wir jetzt vermutlich noch irgendwo auf der Autobahn unterwegs gewesen und hätten Orvieto erst am Abend erreicht. Stattdessen standen wir bereits oben auf dem Felsen, blickten über Umbrien und hatten plötzlich einen kompletten Abend in einer Stadt vor uns, die wir eigentlich erst morgen besuchen wollten.

Von der Festung aus zieht es uns anschließend ziemlich automatisch in Richtung Dom. Man muss in Orvieto eigentlich gar nicht groß überlegen, wohin man läuft – irgendwann steht man sowieso davor. Und obwohl wir ihn schon vom letzten Besuch kennen, funktioniert dieser erste Blick auf die Fassade wieder genauso zuverlässig. Man kommt durch die vergleichsweise engen Gassen, zwischen warmen Tuffsteinfassaden und kleinen Läden hindurch, und dann steht da plötzlich dieses gewaltige Ding auf der Piazza, als hätte jemand mitten in die mittelalterliche Stadt ein überdimensioniertes Schmuckstück gestellt. Der Dom von Orvieto ist von außen nicht einfach nur schön, er ist geradezu hemmungslos dekoriert. Goldene Mosaike, Reliefs, Säulen, Spitzen, Figuren und mittendrin die riesige Rosette – hier hatte offenbar niemand irgendwann den Mut zu sagen: „So, jetzt reicht’s vielleicht.“ Und genau deshalb ist er so spektakulär. Die Fassade stammt in ihrer grundlegenden Gestaltung aus dem frühen 14. Jahrhundert und wird vor allem Lorenzo Maitani zugeschrieben; die Reliefs erzählen biblische Geschichten, während die goldgrundigen Mosaike vor allem Szenen aus dem Leben Marias zeigen.

Beim letzten Mal hatten wir uns das Eintrittsgeld für das Innere noch gespart. In Italien entwickelt man schließlich irgendwann die leicht verwöhnte Haltung, dass Kirchen normalerweise kostenlos offenstehen – man hat ja praktisch an jeder zweiten Straßenecke eine. Der Dom von Orvieto gehört allerdings zu den Kandidaten, bei denen für die touristische Besichtigung Eintritt verlangt wird. Diesmal will ich wissen, was sich hinter dieser völlig überdrehten Fassade verbirgt, also kaufen wir das Ticket. Darin sind neben dem Dom auch die unterirdischen Räume und das Emilio-Greco-Museum enthalten. Das Museum lassen wir großzügig links liegen. Man muss auch bei einem Kombiticket nicht zwanghaft alles konsumieren, nur weil man theoretisch dafür bezahlt hat. Sonst würde man bei einem Frühstücksbuffet schließlich auch irgendwann mit sechs hartgekochten Eiern in der Hand das Hotel verlassen.

Und drinnen stelle ich ziemlich schnell fest, dass sich die Entscheidung gelohnt hat. Nach dieser geradezu explodierenden Fassade wirkt der Innenraum im ersten Moment beinahe überraschend ruhig, obwohl „ruhig“ bei einer solchen Kirche natürlich relativ ist. Die mächtigen Pfeiler und Bögen ziehen sich in diesen typisch italienischen schwarz-weißen Streifen durch das Langhaus, darüber spannt sich das hohe Dach, und durch die Fenster fällt gedämpftes Licht auf den glänzenden Boden. Man steht automatisch ein bisschen stiller da. Selbst wir. Und das will etwas heißen. Je weiter wir hineingehen, desto mehr Details tauchen auf: Seitenkapellen, Altäre, Wandmalereien, die Orgel hoch über uns und überall dieses Wechselspiel aus hellem und dunklem Stein. Von außen ruft der Dom gewissermaßen „GUCK MICH AN!“, innen braucht er das gar nicht mehr. Hier wirkt alles groß, alt und ehrwürdig, ohne dass einem an jeder Ecke noch irgendein goldener Putto ins Gesicht springen muss.
Spätestens in der Cappella di San Brizio ist es mit der optischen Zurückhaltung dann allerdings wieder vorbei. Wände und Gewölbe sind beinahe vollständig mit Fresken bedeckt, Figuren, Gesichter und Szenen ziehen sich bis hinauf unter die Decke und man weiß überhaupt nicht, wo man zuerst hinschauen soll. Fra Angelico begann die Ausmalung bereits 1447, Luca Signorelli vollendete den berühmten Freskenzyklus um das Jüngste Gericht Ende des 15. und Anfang des 16. Jahrhunderts. Ich sitze eine Weile auf einer der Bänke und schaue einfach nur nach vorne und nach oben. Das ist so eine Kirche, bei der man irgendwann merkt, dass man seit mehreren Minuten mit offenem Mund dasitzt. Zum Glück ist das hier gesellschaftlich akzeptiert und wird vermutlich als kunsthistorische Ergriffenheit interpretiert.
Danach nehmen wir noch die unterirdischen Räume mit, die ich in meinem Kopf großzügig zu „Katakomben“ befördert hatte. Das klingt natürlich sofort nach kilometerlangen geheimnisvollen Gängen, flackernden Fackeln und einer realistischen Chance, nie wieder aufzutauchen. Tatsächlich ist der zugängliche Bereich eher überschaubar. Ein kurzer, gemauerter Gang unter dem Dom, schwarz-weiß gestreifte Bögen, ein bisschen Unterweltgefühl – und kurz bevor ich mich innerlich auf Indiana Jones eingestellt habe, ist man praktisch schon wieder durch. Nett anzuschauen, unbedingt mitnehmen, wenn es ohnehin im Ticket steckt, aber für eine Expedition hätte ich jetzt keine zusätzlichen Wasserflaschen eingepackt.

Draußen brauche ich dann allerdings noch einmal Zeit für die Fassade, denn aus der Nähe entdeckt man Dinge, die einem beim ersten ehrfürchtigen Gesamtblick völlig entgehen. Vor allem diese Figuren! An den vorspringenden Ecken sitzen beziehungsweise hängen die bronzenen Symbole der Evangelisten, die auf den ersten Blick durchaus als äußerst fantasievolle Wasserspeier durchgehen könnten: geflügelte Wesen, Adler, Löwe und dieser herrlich bizarre geflügelte Ochse, der aussieht, als sei während seiner Herstellung irgendwann die Aufgabenstellung entgleist. Die Figuren gehen auf Maitanis Entwurf zurück und entstanden im 14. Jahrhundert. Besonders der Ochse fasziniert mich. Flügel, Hörner, kräftiger Körper und dann hängt das Vieh dort seit Jahrhunderten über dem Platz und schaut auf die Menschen hinunter. Wenn Disney im Mittelalter schon Filme produziert hätte, wäre das garantiert eine Nebenfigur mit drei frechen Sprüchen und eigenem Merchandise geworden.

Wir lassen den Dom schließlich hinter uns und machen genau das, was uns schon beim letzten Besuch an Orvieto so gefallen hat: Wir laufen einfach los. Ohne Programm, ohne Stadtplan und vor allem ohne den Ehrgeiz, jetzt noch zwölf Sehenswürdigkeiten abzuarbeiten. Dafür ist Orvieto viel zu schön. Die eigentliche Attraktion sind für mich sowieso diese Gassen. Mal breit und belebt, mit kleinen Geschäften und Cafés, dann biegt man einmal ab und steht plötzlich in einer schmalen gepflasterten Straße, über der sich alte Steinbögen zwischen den Häusern spannen. Die Fassaden sind nicht herausgeputzt wie in einem Freizeitpark, sondern haben Flecken, unterschiedliche Steine, schiefe Mauern, alte Holztüren und Fensterläden – und genau dadurch sieht alles so wunderbar echt aus. Manche Gassen sind gerade breit genug, dass ich mich frage, ob ein Fiat 500 hier als Auto oder bereits als Schwertransport gilt.
Immer wieder tauchen kleine Plätze auf, dann wieder Treppen, Torbögen und Durchgänge, hinter denen die nächste Gasse wartet. Über den Dächern schaut der Torre del Moro hervor, an einer anderen Ecke hängt die italienische Flagge neben einer Uhr, und irgendwo sitzt vor einem Geschäft ein ausgestopftes Wildschwein mit einem „OPEN“-Schild. Natürlich. Warum sollte vor einem Laden in einer umbrischen Bergstadt auch kein Wildschwein stehen? Ich habe längst aufgehört, solche Dinge in Italien zu hinterfragen. Es gehört einfach dazu. Wahrscheinlich hat es einen Namen, wohnt seit 1987 dort und kennt mehr Leute in Orvieto als wir.

Gerade weil wir schon einmal hier waren, ist dieser zweite Besuch angenehm entspannt. Wir müssen nichts mehr „gesehen haben“. Wir kennen den Dom, wir kennen die Hauptstraßen, und deshalb verschwinden wir diesmal noch öfter in den Seitengassen, nur weil irgendein Torbogen interessant aussieht oder hinter einer Ecke besonders schönes Licht auf die alten Mauern fällt. Vor kleinen Läden hängen Orvieto-Souvenirs, Postkarten und Magnete, an anderen Stellen stehen ein paar Blumentöpfe vor den Haustüren, und manchmal begegnet uns minutenlang überhaupt niemand. Dann hört man nur unsere Schritte auf dem unebenen Pflaster und fragt sich kurz, wie viele Generationen hier wohl schon über genau dieselben Steine gelaufen sind. Wahrscheinlich deutlich eleganter als ich, denn auf mittelalterlichem Kopfsteinpflaster entwickelt mein Gangbild gelegentlich etwas von einem Storch auf Legosteinen.
Und genau das ist wieder der Moment, in dem ich weiß, warum wir Orvieto ein zweites Mal besucht haben. Nicht wegen eines einzelnen Bauwerks, obwohl der Dom natürlich jede Konkurrenz gnadenlos an die Wand glitzert. Es ist diese ganze Mischung aus engen Gassen, Tuffstein, Bögen, kleinen Plätzen und diesem Gefühl, dass hinter jeder Ecke wieder etwas wartet, das man fotografieren möchte. Orvieto ist keine Stadt, bei der ich nach zwei Stunden denke: So, erledigt. Im Gegenteil. Man kann dieselben Straßen ein Jahr später noch einmal entlanglaufen und bleibt trotzdem wieder stehen, weil irgendeine Gasse im Abendlicht plötzlich aussieht, als hätte jemand eigens für uns die Kulisse aufgebaut.
Und wir hatten an diesem Morgen tatsächlich geglaubt, wir würden jetzt noch gemütlich bis 15 oder 16 Uhr im Outlet herumbummeln. Zum Glück funktionieren unsere Pläne so hervorragend.
Irgendwann meldet sich nach all den Gassen, Kirchen und mittelalterlichen Steinen der Hunger. Wobei das streng genommen eine erstaunliche Leistung ist, nachdem wir den Tag mit gefüllten Croissants begonnen, im Outlet ein weiteres Pistazien-Schokoladen-Exemplar nachgelegt und mittags bei Alice Pizza bereits für eine solide Grundversorgung gesorgt hatten. Aber wir sind in Italien, da gelten andere Regeln. Außerdem wissen wir ziemlich genau, wohin wir wollen. Relativ weit unten, schon wieder in Richtung Bahnhof und Bushaltestelle, liegt die Antica Fiaschetteria Orvietana, in der wir bereits bei unserem letzten Besuch gegessen hatten. Damals waren wir mittags hier gewesen und hatten das Lokal in sehr guter Erinnerung behalten. Und ich finde, wenn man innerhalb eines Jahres zweimal in Orvieto landet und zweimal im selben Restaurant sitzt, darf man langsam von einer Beziehung sprechen.

Draußen stehen die Tische in der schmalen Gasse direkt an den alten Mauern, und allein dort zu sitzen ist schon herrlich. Kein durchgestyltes Restaurant, bei dem jemand drei Oliven auf eine Schieferplatte legt und anschließend von einem „Konzept“ spricht, sondern Italien, wie wir es mögen: einfache Tische, ein bisschen zusammengewürfelt, alte Häuser ringsherum und eine Speisekarte, bei der man sofort merkt, dass hier niemand versucht, internationale Touristen mit Spaghetti Bolognese glücklich zu machen. Auf einer Tafel entdecke ich das Menü des Tages für 19,90 Euro. Primo nach Wahl, Secondo nach Wahl, Beilage, Brot und ein halber Liter Wasser. Bei der Pasta stehen unter anderem Umbrichelli alla Carbonara, Cacio e Pepe und Amatriciana zur Auswahl, beim Hauptgang Porchetta Orvietana, Salsiccia vom Grill oder Schweinenacken. Und damit ist meine Entscheidung eigentlich gefallen, bevor ich die Karte überhaupt vollständig gelesen habe. Ich liebe diese umbrische Küche. Herzhaft, bodenständig und vor allem diese dicken, handgemachten Umbrichelli, die aussehen, als hätten Spaghetti irgendwann beschlossen, dass ihnen Fitness völlig egal ist.

Stefan sieht das naturgemäß anders. Seine Vorstellung von der perfekten Pasta ist seit Jahren erschütternd eindeutig: Barilla Nummer 5. Ende der Diskussion. Man kann ihm handgerollte Nudeln aus einem umbrischen Familienbetrieb vorsetzen, bei denen vermutlich schon die Urgroßmutter den Teig geknetet hat – er würde sie höflich probieren und anschließend zu Hause wieder Barilla Nummer 5 aus dem Schrank holen. Andere Sorten hatten ihre Chance. Sie sind gescheitert. In unserem Haushalt gibt es in dieser Angelegenheit keinerlei demokratische Strukturen. Trotzdem bestellt er hier natürlich etwas zu essen – eine Antipasti Platte – und ich widme mich begeistert meinen Umbrichelli. Dick, unregelmäßig, ordentlich Cacio e Pepe drumherum und so herrlich sättigend, dass eigentlich bereits nach dem Primo die vernünftige Entscheidung gewesen wäre, sich hinzulegen und für den Rest des Abends nicht mehr zu bewegen. Aber ich hatte ja das Menü bestellt. Und ein Menü ist ein Vertrag.

Also kam danach noch das Hauptgericht, bei mir mit Kartoffeln und Gemüse, und spätestens jetzt begann mein Magen vorsichtig anzufragen, ob ich möglicherweise vergessen hätte, dass er nur über eine begrenzte Lagerkapazität verfügt. Es schmeckte fantastisch, nur war ich längst an dem Punkt angekommen, an dem Essen nicht mehr mit Hunger zu tun hatte, sondern mit Charakterstärke. Völlig ausgeschlossen war zu diesem Zeitpunkt natürlich ein Nachtisch. Also bestellte ich einen.
Man muss schließlich Prinzipien haben, und meine bestehen offensichtlich darin, sie bei Desserts zuverlässig zu ignorieren. Es kam ein kleines Kirschtörtchen, dazu ein Glas Vin Santo, und spätestens beim ersten Schluck war klar, dass wir ein neues Problem hatten. Das schmeckte nämlich unfassbar gut. Süß, intensiv, warm und genau die Sorte Getränk, bei der man nach dem ersten Glas denkt: Davon brauche ich zu Hause unbedingt eine Flasche. Andere Menschen kaufen im Urlaub Magnete. Ich kaufe Alkohol, nachdem ich ihn einmal zum Dessert bekommen habe. Jeder setzt seine Erinnerungen eben anders um.

Das Essen allein wäre schon Grund genug gewesen, wiederzukommen, aber an diesem Abend bekamen wir noch etwas, womit wir überhaupt nicht gerechnet hatten. Das Restaurant sah innen ohnehin aus, als hätte ein leidenschaftlicher Musiker irgendwann beschlossen, dass Wände völlig unnötig sichtbar sein müssen. Akkordeons, Gitarren, Schallplatten und alles Mögliche rund um Musik hing und stand überall herum. Schon beim letzten Besuch war mir der Besitzer aufgefallen, und ich erkannte ihn sofort wieder. Er lief zwischen den Tischen herum, nahm Bestellungen auf, brachte Essen, kümmerte sich um seine Gäste – und setzte sich zwischendurch einfach ans Keyboard. Und dann sang er. Laut. Sehr laut.

Nicht zwangsläufig immer in einer innigen Beziehung zum richtigen Ton, aber dafür mit einer Leidenschaft, gegen die jede kleine stimmliche Ungenauigkeit völlig chancenlos war. Während wir draußen saßen, schallte seine Musik durch das Restaurant und hinaus in die Gasse. Dann stand er wieder auf, nahm am nächsten Tisch eine Bestellung entgegen, verschwand kurz in Richtung Küche und wenig später saß er wieder am Keyboard und machte weiter. Das Ganze hatte etwas wunderbar Italienisches: Niemand machte daraus eine Show, niemand kündigte etwas an, da war einfach ein Restaurantbesitzer, der offenbar fand, dass Essen allein für einen gelungenen Abend nicht ausreicht. Und je länger wir dort saßen, desto besser gefiel mir das. Ein Mann, ein Keyboard, ein Restaurant voller Akkordeons und eine gewisse kreative Freiheit gegenüber der Tonleiter – mehr Abendunterhaltung brauche ich eigentlich nicht.
Wir saßen also in dieser kleinen Gasse von Orvieto, mit Weißwein auf dem Tisch, viel zu viel Essen im Bauch und italienischem Livegesang aus dem Lokal, und aus unserem eigentlich völlig anders geplanten Tag war inzwischen einer dieser Abende geworden, die man niemals hätte planen können. Morgens hatten wir noch gedacht, wir würden bis zum späten Nachmittag im Outlet herumlaufen und irgendwann am Abend hier lediglich unseren Camper abstellen. Stattdessen hatten wir Orvieto längst noch einmal komplett ins Herz geschlossen, waren durch den Dom gelaufen, durch Gassen gebummelt, hatten uns durch Umbrien gegessen und bekamen zum Abschluss ein Privatkonzert, das vermutlich nicht jeden Ton traf, dafür aber ziemlich genau unsere Stimmung.
Und eines steht jetzt schon fest: Nächstes Jahr auf dem Weg nach Rom machen wir hier wieder Halt. Dann allerdings nicht allein, sondern mit Nadine, Oli und den Kindern. Die werden mitmüssen. Da bin ich völlig kompromisslos. Wenn wir schon einen Stellplatz kennen, eine Stadt lieben und ein Restaurant haben, in dem der Wirt zwischen Primo und Secondo persönlich ans Keyboard wechselt, gibt es überhaupt keinen vernünftigen Grund, daran vorbeizufahren. Ich hoffe nur, dass bis dahin niemand dem Mann Gesangsunterricht gibt. Das würde dem Ganzen vermutlich die Hälfte seines Charmes nehmen.
Irgendwann mussten wir uns dann allerdings von unserem singenden Wirt, dem Vin Santo und Orvieto verabschieden, denn unser Bett stand bekanntlich ein gutes Stück weiter unten im Tal. Bis zur Bushaltestelle am Bahnhof waren es nur ein paar Schritte, und ungefähr auf halber Strecke fiel mir ein kleines Detail ein, mit dem man sich sinnvollerweise vorher hätte beschäftigen können: Wann fährt eigentlich der letzte Bus zurück?
Ich hatte den Ersatzfahrplan gesehen. Natürlich hatte ich ihn gesehen. Der hing unten am Stellplatz in dem Häuschen bei unserem netten Italiener, extra für all jene, die wegen der außer Betrieb befindlichen Funicolare auf den Ersatzbus angewiesen waren. Ich hatte ihn sogar aufmerksam zur Kenntnis genommen. Nur hatte mein Gehirn offenbar beschlossen, dass die darin enthaltenen Uhrzeiten unnötiger Ballast seien, und sie unmittelbar danach wieder gelöscht. Warum sollte man sich auch die Abfahrtszeiten des einzigen Verkehrsmittels merken, das einen später am Abend zurück zum Camper bringen soll? Das wäre ja geradezu übertrieben organisiert gewesen.
Inzwischen war es dunkel, wir standen am Bahnhof und dort hingen tatsächlich jede Menge Fahrpläne. Sehr viele sogar. Nur leider keiner in einer Form, bei der wir mit absoluter Sicherheit hätten sagen können: Genau dieser Bus fährt jetzt, genau hier und bringt genau uns nach unten. Wir studierten also Tafeln, Linien, Uhrzeiten und irgendwelche Angaben, die vermutlich für jemanden mit Kenntnis des örtlichen Nahverkehrssystems völlig logisch waren. Für uns hatten sie ungefähr den Informationswert einer italienischen Steuererklärung. Irgendwann beschlossen wir deshalb, die Sache nach unserem bewährten Prinzip zu lösen: Wir setzen uns einfach hin und schauen, was passiert. Das kann natürlich grandios schiefgehen. Tat es aber nicht.
Wir saßen ungefähr zwanzig Minuten dort, Orvieto war inzwischen endgültig in der Nacht verschwunden, und gerade als ich innerlich schon verschiedene Szenarien durchging, wie weit es eigentlich zu Fuß hinunter zum Camper sein könnte und ob ich nach diesem Abendessen überhaupt noch in der Lage wäre, größere Höhenunterschiede zu überwinden, bog tatsächlich ein Bus um die Ecke. Und nicht irgendeiner. Unserer.

Wir stiegen ein und ließen uns ganz entspannt wieder hinunterbringen. Keine nächtliche Wanderung, kein Taxi, kein Anruf beim Stellplatzbesitzer mit der vermutlich schwer zu übersetzenden Botschaft „Hallo, wir sind die Deutschen, die heute Nachmittag Ihren Fahrplan angeschaut und anschließend erfolgreich vergessen haben.“ Wenig später standen wir unten am Bahnhof, von dort waren es nur noch ein paar Schritte bis zum Area Sosta und damit war dieser ungeplant lange Orvieto-Tag tatsächlich zu Ende.
Zurück im Camper passierte dann auch nicht mehr viel. Nach Outlet, Dom, gefühlt dreihundert mittelalterlichen Gassen, reichlich umbrischem Essen, Vin Santo und einem singenden Restaurantbesitzer war mein kultureller und körperlicher Arbeitsspeicher vollständig ausgelastet. Wir fielen ins Bett – und damit endete ein Tag, der morgens noch völlig anders geplant gewesen war. Was vermutlich der beste Beweis dafür ist, dass unsere Reiseplanung hervorragend funktioniert. Solange wir sie rechtzeitig ignorieren.



































