Statt Ruinen lieber Neapel – Märkte, fliegendes Gemüse und ein letzter Espresso
Dass wir heute eigentlich Pompeji oder den Vesuv hätten besuchen können, verdrängen wir beim Frühstück sehr erfolgreich. Stattdessen sitzen wir wieder vor diesem herrlichen Buffet und sind mit unserer gestrigen Entscheidung ausgesprochen zufrieden: Wir fahren noch einmal nach Neapel. Der Vesuv steht schließlich immer noch da, die Ausgrabungen dürften sich über Nacht ebenfalls nicht wesentlich verändert haben, und damit haben wir gleich zwei hervorragende Gründe, irgendwann wiederzukommen. Neapel dagegen zieht gerade deutlich stärker. Also gibt es noch einmal frisch gepressten Orangensaft, Cappuccino aus dem Siebträger und die übliche gefährliche Mischung aus Wurst, Käse, süßem Gebäck, kleinen Küchlein und allem, was einen eigentlich dazu bringen müsste, sich anschließend wieder hinzulegen. Tun wir natürlich nicht. Wir haben schließlich einen zweiten Tag Neapel vor uns.

Also rauf auf die Vespas und wieder nach Villa Regina. Inzwischen entwickelt sich auch das Parken dort zu einer kleinen Routine. Stefan findet den Parkplatzwächter – und bekommt wieder den Schlüssel. Offenbar hat er sich gestern bewährt. Ich weiß nicht, ob es für italienische Parkplatzwächter Probezeiten gibt, aber mein Mann scheint sie erfolgreich absolviert zu haben. Damit ist Stefan nun zum zweiten Mal Besitzer eines fremden Parkplatzschlüssels und vermutlich nur noch wenige Arbeitstage von einem festen Anstellungsverhältnis entfernt. Wir stellen unsere Vespas ab, schließen gewissenhaft das Reich hinter uns und nehmen wieder den Zug Richtung Napoli. Diesmal fahren wir bis Garibaldi und steigen dort aus, denn heute wollen wir Neapel von dieser Seite aus aufrollen.
Unser erstes Ziel ist der Mercato del Pesce a Porta Nolana, wobei der Markt schon anfängt, bevor wir überhaupt durch die Porta Nolana gegangen sind. Vor dem alten Stadttor stehen Tische, und „Warenpräsentation“ wäre für das, was darauf passiert, ein ziemlich großzügiger Begriff. Klamotten, Schuhe, Taschen und sonstiger Kruscht liegen teilweise einfach in großen Haufen herum. Nichts mit Kleiderbügeln, farblich abgestimmten Kollektionen oder einem Verkäufer, der fragt, ob er einem behilflich sein darf. Hier lautet das Konzept eher: Da ist ein Berg Kleidung, irgendwo darin könnte deine Größe liegen – viel Erfolg. Dazu hängen weitere Sachen unter den Sonnenschirmen, Kartons stehen auf dem Boden, irgendwo prangt ein Schild mit 15 Euro, und natürlich quetscht sich das ganz normale Neapel einfach mittendurch. Ich liebe es jetzt schon wieder.
Dann gehen wir durch die Porta Nolana, und dahinter ändert sich das Bild schlagartig. Jetzt wird aus dem Klamottenmarkt ein Lebensmittelmarkt – und zwar einer, bei dem sich niemand die Mühe macht, das echte Leben hübsch für Besucher zu dekorieren. Hier wird eingekauft. Punkt. Die Straße wird enger, die Auslagen voller und die Geräuschkulisse noch einmal eine Stufe lebendiger. Links stapeln sich Tomaten, Paprika, Auberginen und Zucchini, daneben liegen Artischocken wie kleine grüne Handgranaten in Kisten, Bohnen hängen in langen Bündeln über den Rand und zwischen all dem leuchten Früchte, bei denen ich teilweise erst einmal überlegen muss, was ich da überhaupt anschaue. Zitronen werden direkt aus kleinen Wagen verkauft, Händler rufen sich etwas zu, Menschen bleiben mitten im Weg stehen, diskutieren Preise oder Qualität und irgendwo muss natürlich trotzdem noch ein Roller durch. Schließlich sind wir in Neapel.

Und dann kommt der Fisch. Sehr viel Fisch. Ganze Fische liegen auf Eis, daneben Tintenfische, Garnelen und Muscheln, in großen roten Schalen bewegt sich teilweise noch das Mittagessen, und überall wird sortiert, gewogen, ausgenommen und verkauft. Das ist kein steriler Feinkostmarkt, auf dem drei Garnelen dekorativ auf zerstoßenem Eis liegen und daneben ein handgeschriebenes Schildchen mit ihrer Biografie steckt. Hier liegt das Meer auf dem Tisch. Reichlich. Man riecht auch durchaus, in welcher Abteilung man sich gerade befindet, aber selbst das gehört dazu. Dazwischen geht es nahtlos wieder mit Gemüse, Obst, Gewürzen und Lebensmitteln weiter. Dieser Markt hat keine klaren Übergänge. Er passiert einfach um einen herum.
Und dann entdecken wir noch Zigaretten. 2,50 Euro die Schachtel. Nun rauchen wir beide nicht, weshalb uns die Qualität dieses Angebots relativ egal sein kann. Aber selbst als Nichtraucher besitzen wir genügend Grundkenntnisse über Zigarettenpreise, um festzustellen: Das erscheint uns ausgesprochen günstig. Fast schon interessant günstig. Wir beschließen, dass wir die nähere Herkunft der Ware gar nicht unbedingt kennen müssen. Neapel hat schließlich genügend Geheimnisse, und dieses darf es gerne behalten.

Wir laufen einfach weiter und saugen dieses ganze Gewusel auf. Genau deshalb sind wir heute noch einmal hergekommen. Gestern haben wir schon so viel von Neapel gesehen und trotzdem fühlt sich dieser Morgen wieder komplett anders an. Keine zehn Minuten vom Hauptbahnhof entfernt stehen wir zwischen Fischhändlern, Gemüsekisten, Wäscheständern, Klamottenbergen und Zitronenverkäufern unter einem jahrhundertealten Stadttor und wissen wieder einmal nicht, wohin wir zuerst schauen sollen.
Auf dem Mercato del Pesce a Porta Nolana können wir uns ziemlich lange aufhalten. Eigentlich müssten wir gar nichts kaufen, wobei ich theoretisch natürlich jederzeit einen Fisch kaufen könnte. Die Auswahl wäre groß genug. Nur stellt sich unmittelbar danach die entscheidende Frage: Was mache ich dann mit dem toten Fisch? Wir sind mit dem Zug in Neapel, unsere Vespas stehen in Villa Regina und bis wir irgendwann wieder am Camper sind, hätte ich vermutlich eine sehr innige Beziehung zu einem zunehmend warmen Fisch in meiner Tasche aufgebaut. Außerdem sehe ich mich nicht unbedingt mit einem Tunfisch unterm Arm durch Neapel laufen. Also bleibt es beim Anschauen.
Und davon gibt es reichlich. Hier liegt ein Fisch, dessen Namen ich nicht kenne, dort Gemüse, bei dem ich nicht einmal sicher bin, ob man es kocht, brät oder zunächst um Erlaubnis fragen muss, dazwischen Händler, Kunden, Roller und dieses herrliche neapolitanische Durcheinander, das erstaunlicherweise immer irgendwie funktioniert. Wir brauchen nichts, kaufen nichts und schaffen es trotzdem, uns ewig aufzuhalten, weil hinter dem nächsten Stand garantiert wieder irgendetwas liegt, das wir uns ansehen müssen.

Irgendwann reißen wir uns trotzdem los und überlegen, wohin wir als Nächstes wollen. Und weil uns der Mercato della Pignasecca gestern so gut gefallen hat, machen wir etwas, das wir im Urlaub erstaunlich selten tun: Wir gehen einfach noch einmal hin. Nicht, weil wir dort irgendetwas Bestimmtes brauchen. Nach der Sache mit dem Fisch haben wir das Thema Einkaufen ohnehin vorerst abgeschlossen. Wir gehen einfach hin, weil es dort so schön ist. Wobei „schön“ bei einem neapolitanischen Markt natürlich eine etwas andere Bedeutung hat als anderswo.
Kaum sind wir dort, bekommen wir auch schon kostenloses Unterhaltungsprogramm. An einem Obst- und Gemüsestand geraten zwei Frauen aneinander. Warum, wissen wir nicht. Vielleicht geht es um Tomaten, vielleicht um einen Platz in der Schlange, vielleicht um eine Familienfehde, die seit 1973 schwelt – keine Ahnung. Wir kommen jedenfalls zu spät für die Handlung, aber genau richtig für den Höhepunkt. Die beiden schreien sich an. Und mit schreien meine ich nicht dieses deutsche, leicht angehobene „Also das finde ich jetzt aber wirklich unmöglich“. Nein. Sie schreien. Mit vollem Körpereinsatz, Händen, Armen und allem, was die italienische Gestikabteilung zur Verfügung stellt. Das ist kein kleiner Disput mehr, das ist Oper. Uns fehlt lediglich das Orchester.
Irgendwann dreht sich eine der Frauen um und läuft davon. Damit könnte die Sache beendet sein. Ist sie aber nicht. Denn ihre Kontrahentin verfügt offenbar noch über Argumente, und diese befinden sich in ihren Einkaufstaschen. Plötzlich fliegt ihr eine Tüte hinterher. Gemüse verteilt sich auf dem Pflaster. Ein Mann kommt dazu – ob er zu einer der beiden gehört oder einfach nur der spontan eingesetzte Gemüsebeauftragte des Mercato della Pignasecca ist, können wir nicht herausfinden – und beginnt, die Sachen wieder einzusammeln. Er packt alles brav zurück in die Tüte und gibt sie einer der Frauen. Das erweist sich als Fehler. Denn kaum hat sie ihr Gemüse wieder, fliegt es erneut.

Der Mann sammelt es ein zweites Mal vom Boden auf. Ich kann regelrecht sehen, wie in seinem Kopf eine Entscheidung fällt. Beim ersten Mal war er hilfsbereit. Beim zweiten Mal hat er das System verstanden. Diesmal gibt er die Tüte nicht mehr zurück. Irgendwann muss man schließlich auch als unbeteiligter Mann auf einem neapolitanischen Markt Verantwortung übernehmen und verhindern, dass eine Aubergine noch jemanden ernsthaft verletzt.
Eine der Frauen steht inzwischen ein Stück weiter und telefoniert. Wobei „telefoniert“ ebenfalls ein sehr großzügiger Begriff ist. Sie hält ein Handy ans Ohr und schreit jetzt eben dort hinein. Offenbar wurde die Auseinandersetzung lediglich auf einen anderen Kommunikationskanal verlegt. Um uns herum schauen die Leute kurz hin, ein paar bleiben stehen, andere gehen einfach weiter. Niemand wirkt besonders erschüttert. Die Händler machen weiter, als gehöre eine kleine Gemüse-Flugshow am Vormittag zum normalen Marktprogramm. Und wahrscheinlich tut sie das auch.
Wir stehen jedenfalls mittendrin, beobachten das Ganze mit zunehmender Faszination und müssen irgendwann lachen. Gestern eine Oma, die vom Balkon ihre Schüssel mit Geld zum Einkaufen herunterlässt, heute zwei Frauen, die sich auf dem Markt gegenseitig mit Gemüse bewerfen. Man kann Neapel besichtigen, Kirchen anschauen, Museen besuchen und Reiseführer lesen. Oder man stellt sich einfach zehn Minuten auf den Mercato della Pignasecca und wartet ab. Neapel liefert dann einfach.
Irgendwann ist auch auf dem Mercato della Pignasecca genug Gemüse geflogen, und wir setzen unseren Weg fort. Wobei „Weg“ in Neapel bei uns inzwischen ein sehr großzügig verwendeter Begriff ist. Wir haben kein wirkliches Ziel, sondern bewegen uns wieder in Richtung Quartieri Spagnoli, lassen uns durch irgendwelche Gassen treiben und landen dabei zuverlässig dort, wo es laut, eng und herrlich neapolitanisch ist. Ich könnte das stundenlang machen. Einfach laufen, links abbiegen, weil es dort interessant aussieht, rechts abbiegen, weil irgendwo Wäsche zwischen den Häusern hängt, an einem Roller vorbeiquetschen, der mit einer Selbstverständlichkeit mitten in einer Gasse steht, in der ich persönlich schon Probleme hätte, einen Einkaufswagen zu wenden. Über uns Balkone, Klimaanlagen, Kabel und Wäscheleinen, vor uns kleine Läden, Bars und Hauseingänge – und irgendwo dazwischen spielt sich das ganz normale Leben ab.
Wir brauchen wir eine Pause und landen in der Bar Carraturo. Genau so mag ich das hier: keine große Zeremonie, kein Latte-irgendwas mit drei Sirups und Hafermilch, sondern Espresso. Klein, schwarz, kräftig, fertig. Dazu ein Glas Wasser, und für ein paar Minuten sitzen wir einfach da und schauen auf die Straße. Nach den vergangenen Tagen weiß ich inzwischen auch, dass so ein Espresso in Neapel fast schon therapeutische Wirkung hat. Man setzt sich hin, trinkt drei Schlucke, schaut fünf Minuten dem Wahnsinn draußen zu und ist anschließend wieder vollständig einsatzbereit. Außerdem muss man die neapolitanische Kaffeeversorgung ernst nehmen. Schließlich sind wir extra ein zweites Mal nach Neapel gefahren, statt uns den Vesuv oder Pompeji anzusehen. Da wäre es geradezu respektlos, zwischendurch keinen Espresso zu trinken.

Danach bummeln wir weiter. Wieder hinein in die engen Straßen des Quartieri Spagnoli, vorbei an kleinen Bars, offenen Ladentüren und den üblichen Rollern, die offenbar grundsätzlich dort geparkt werden, wo für einen Roller eigentlich überhaupt kein Platz mehr ist. An manchen Stellen sieht man am Ende einer Gasse nur einen schmalen Streifen blauen Himmel zwischen den hohen Häusern, an anderen öffnet sich plötzlich ein kleiner Platz. Ich fotografiere natürlich wieder alles. Türen, Balkone, Gassen, Wäsche, Schilder, Häuser – wahrscheinlich auch Dinge, an denen ein Neapolitaner seit 40 Jahren vorbeiläuft, ohne sie überhaupt noch wahrzunehmen. Aber genau das ist es ja, was mich hier so begeistert. Diese Stadt besteht nicht aus einzelnen Sehenswürdigkeiten, die man auf einer Liste abhakt. Für mich ist Neapel selbst die Sehenswürdigkeit.

Und irgendwann meldet sich ein alter Bekannter: der Hunger. Nach zwei Tagen in Neapel haben wir gelernt, dass man diesem Signal besser nicht lange widerspricht, denn die Auswahl an Gegenmaßnahmen ist hier ausgesprochen überzeugend. Wir landen in der Trattoria ‘A Figlia d’A Maruzzara, und schon beim Hinsetzen gefällt mir der Laden. Die Tische sind bunt und fröhlich eingedeckt, alles wirkt ein bisschen so, wie ich mir Süditalien wünsche, und kurze Zeit später steht auch schon der Wein auf dem Tisch. Wir starten mit Bruschetta und ich bestelle mir eine Platte, auf der Schinken, Salami, Käse und Oliven liegen – also im Grunde alles, was hervorragend geeignet ist, den Satz „Wir essen nur eine Kleinigkeit“ schon frühzeitig unglaubwürdig zu machen. Für Stefan gibt es Pasta, selbstverständlich mit Tomatensoße, selbstverständlich reichlich und selbstverständlich so, dass ich mich wieder frage, warum etwas aus ein paar eigentlich völlig simplen Zutaten hier so verdammt gut schmecken kann. Dazu ein Glas Weißwein, und spätestens jetzt ist klar: Die Entscheidung gegen antike Ruinen und Vulkan und für einen zweiten Tag Neapel war vollkommen richtig.
Langsam müssen wir allerdings tatsächlich zurück. Unser Camper steht schließlich noch in Pompeji und soll morgen Richtung Heimat rollen. Also machen wir uns auf den Weg zur Metrostation Toledo. Und selbst die ist in Neapel natürlich nicht einfach nur ein Loch im Boden, in das man hinuntergeht, um einen Zug zu erwischen. Schon auf den Rolltreppen beginnt dieses blau-weiße Mosaik, die Wände ziehen sich wie eine riesige Unterwasserlandschaft nach unten, und über einem öffnet sich dieser Lichtschacht, durch den das Tageslicht tief in die Station fällt. Ich weiß nicht, wer irgendwann beschlossen hat, dass eine U-Bahn-Station auch einfach spektakulär aussehen darf, aber ich möchte mich ausdrücklich bedanken. Selbst der Heimweg bekommt hier noch eine Sehenswürdigkeit mitgeliefert.
Mit Metro und Zug geht es schließlich zurück Richtung Pompeji, und gegen 15 Uhr sind wir wieder auf dem Campingplatz. Jetzt beginnt der Teil eines Urlaubs, den ich konsequent ignoriere, bis er sich wirklich nicht mehr vermeiden lässt: Wir müssen zusammenpacken. Die Vespas kommen auf den Anhänger und werden verzurrt, Stühle und Tisch verschwinden, alles, was in den vergangenen Tagen rund um den Camper ein kleines Zuhause gebildet hat, wird Stück für Stück verstaut. Vor ein paar Stunden sind wir noch durch neapolitanische Märkte gelaufen, haben Gemüse fliegen sehen, Espresso getrunken und Pasta gegessen, und jetzt stehe ich vor dem Camper und ziehe Spanngurte an. Urlaub kann brutal sein.
Ganz ohne Gegenwehr lassen wir den letzten Abend aber natürlich nicht verschwinden. Vor dem Camper wird noch einmal gevespert, denn irgendwelche Vorräte müssen schließlich vernichtet werden, und auch der restliche Wein kann unmöglich mit nach Hause. Das wäre zusätzliches Gewicht. Praktisch betrachtet betreiben wir also Gewichtsoptimierung für die morgige Fahrt, und ich finde, das klingt erheblich verantwortungsvoller als „Wir trinken die Flasche noch leer“. Während die Sonne langsam tiefer steht, sitzen wir noch einmal vor unserem Camper, die Vespas bereits reisefertig auf dem Anhänger und der Vesuv irgendwo in der Nähe. Morgen geht es nach Hause.
Und ich weiß jetzt schon: Mit Neapel bin ich noch lange nicht fertig.


































