Vom Schnäppchenrausch zum Meerblick mit Hindernissen – Sorrento lässt uns erst mal schmoren
Am nächsten Morgen sind wir erstaunlicherweise schon um sieben Uhr wieder wach. Erstaunlich deshalb, weil unser gestriger Tag ja nun nicht gerade unter „beschaulicher Erholung“ verbucht werden konnte. Aber offenbar hatten Umbrichelli, Vin Santo und das nächtliche Bus-Roulette keine bleibenden Schäden hinterlassen. Wir machen uns im Waschhaus des Area Sosta Battistelli Renzo kurz fertig, packen zusammen und stehen wenig später wieder abfahrbereit zwischen den anderen Campern. Im Morgenlicht sieht der Stellplatz noch einmal richtig schön aus, weitläufig, grün und angenehm unkompliziert – und nach unserer kleinen Orvieto-Planänderung hat er seinen Job ohnehin hervorragend gemacht.

Gegen acht Uhr rollen wir vom Platz und quetschen unseren Camper beim nächsten Zwischenstopp auf dem Autogrill-Parkplatz zwischen zwei ausgewachsene Lkw. Daneben sieht unser Sechs-Meter-Camper plötzlich aus wie ein niedlicher kleiner Familien-Panda, der versehentlich beim Elefantentreffen gelandet ist.
Und natürlich gibt es Frühstück. Inzwischen entwickelt sich auf dieser Reise eine gewisse Routine, gegen die ich überhaupt nichts einzuwenden habe: Autogrill, zwei Cappuccino und zwei Croissants. Ich könnte jetzt behaupten, dass wir jeden Morgen lange überlegen, was wir frühstücken möchten, aber warum sollte man eine funktionierende Beziehung unnötig gefährden? Vor uns stehen wieder zwei dieser herrlich gefüllten italienischen Hörnchen, und während Deutschland morgens noch über Vollkornanteil, Ballaststoffe und ungesüßtes Müsli diskutiert, hat Italien längst verstanden, dass man den Tag auch einfach mit Cremefüllung und Puderzucker beginnen kann. Ich weiß, welches Land hier die besseren Argumente hat.
Eigentlich hätten wir heute Vormittag noch Orvieto auf dem Programm gehabt. Nur hatten wir das gestern dank unserer unfreiwillig gewonnenen Zeit bereits komplett erledigt. Damit entstand etwas, das auf unseren Reisen ausgesprochen gefährlich werden kann: freie Zeit. Und ich wusste auch sofort, wie wir sie sinnvoll nutzen konnten. Nicht mit Kultur. Nicht mit Landschaft. Sondern mit einem weiteren Outlet.
Diesmal allerdings mit einer durchaus gewichtigen Begründung. Wir fahren zum Cilento Outlet Village, und dort gibt es einen Nike Clearance Store. Das ist wichtig. Ein normaler Nike-Outletstore ist ja bereits geeignet, jegliche finanzielle Selbstbeherrschung zumindest anzukratzen. Ein Nike Clearance Store hingegen ist die Endstufe. Dort werden die ohnehin schon reduzierten Sachen offenbar noch einmal so lange heruntergesetzt, bis man Schuhe für 20 Euro und Shirts für zehn Euro findet und plötzlich völlig selbstverständlich Dinge kauft, die man fünf Minuten vorher überhaupt nicht gebraucht hat. Bei solchen Preisen wird aus „Brauchen wir das?“ sehr schnell „Für zwanzig Euro können wir das doch nicht liegen lassen!“ Das ist keine Kaufsucht. Das ist wirtschaftliche Vernunft mit Einkaufstüte.

Dafür nehmen wir rund 70 Kilometer Umweg in Kauf. Was völlig absurd klingt, wenn man bedenkt, dass man normalerweise versucht, auf einer langen Fahrt nach Sorrento Kilometer einzusparen. Wir hingegen bauen freiwillig welche ein, um billiger Schuhe zu kaufen. Aber dafür gibt es ja den Dieselrechner im Kopf, der bei Outletbesuchen grundsätzlich deaktiviert wird. Und das Cilento Outlet Village macht es uns auch noch leicht: kaum etwas los, hübsche bunte Fassaden, breite Wege und wir können in aller Ruhe durch die Geschäfte ziehen. Natürlich dauert es nicht lange, bis sich das bekannte Familienphänomen wiederholt. Wir fahren für uns ins Outlet und kaufen für Noah und Emilia. Die beiden sind nicht einmal dabei und schaffen es trotzdem, einen beträchtlichen Teil unserer Einkaufstüten zu füllen. Das muss man erst einmal hinbekommen. Immerhin fällt diesmal auch für mich etwas ab, womit der 70-Kilometer-Schlenker selbstverständlich endgültig als absolut notwendige Reiseetappe verbucht wird.
Danach gibt es allerdings keine weiteren Experimente mehr. Jetzt geht es wirklich Richtung Sorrento. Vor uns liegt noch eine lange Strecke, und je weiter wir nach Süden kommen, desto mehr freue ich mich auf unser eigentliches Ziel. Camping Fortunata haben wir für fünf Nächte gebucht, und besonders wichtig war mir dabei unser Stellplatz mit Meerblick. Wenn ich schon mehrere Tage oberhalb von Sorrento stehe, möchte ich morgens schließlich nicht auf irgendeine Hecke oder die Rückwand eines Waschhauses schauen. Das kostent zwar ein paar Euro mehr – aber das gönnen wir uns jetzt einfach mal. Meerblick gebucht heißt für mich: Ich sehe Meer. Eine relativ überschaubare vertragliche Vereinbarung, sollte man meinen.
Wir schaffen es tatsächlich noch bei Tageslicht zum Campingplatz. Genau das war uns wichtig gewesen. Mit Camper und Anhänger möchte ich nicht unbedingt in der Dunkelheit auf einem süditalienischen Campingplatz zwischen Bäumen, Mauern und anderen Campern herumrangieren, während irgendwo drei Italiener gleichzeitig erklären, wohin ich fahren soll. Also kommen wir rechtzeitig an, gehen zur Rezeption und checken ein. Dabei fällt mir schon auf, dass die beiden Mitarbeiter hinter dem Tresen miteinander reden und irgendetwas offenbar nicht ganz so läuft, wie es sollte. Ich kann es noch nicht einordnen, bekomme aber kurz darauf erklärt, dass wir einen ganz besonders tollen Platz bekommen würden. Sehr groß. Rund 80 Quadratmeter. Direkt am Sanitärgebäude. Außerdem gäbe es für uns sogar WLAN für drei Wochen kostenlos, obwohl wir nur fünf Tage bleiben. Drei Wochen WLAN. Ich weiß nicht, warum.
Ein Mitarbeiter fährt beziehungsweise läuft mit uns zum Stellplatz, und tatsächlich: Das Ding ist riesig. Da hätten wir vermutlich noch einen zweiten Camper, einen Kleinwagen und eine überschaubare italienische Großfamilie unterbringen können. Direkt daneben das Waschhaus, alles bequem erreichbar, Platz ohne Ende. Nur fehlte eine Kleinigkeit. Das Meer.
Ich stehe da und denke zunächst noch, vielleicht habe ich irgendetwas falsch in Erinnerung. Also hole ich meine Buchungsbestätigung heraus. Und siehe da: Meerblick. Schwarz auf weiß. Nicht „besonders großer Stellplatz in der Nähe sehr vieler Toiletten“. Nicht „80 Quadratmeter und drei Wochen Internet“. Meerblick.
Und das Absurde daran: Auf der anderen Seite sehe ich freie Stellplätze mit genau diesem Meerblick. Drei Stück. Sie sind da. Sie sind frei. Ich kann sie sehen. Das Meer ebenfalls. Eigentlich scheint die Lösung also ungefähr so kompliziert wie die Entscheidung, bei einer offenen Tür hindurchzugehen. Also zurück zur Rezeption.
Ich erkläre freundlich, dass der Stellplatz wirklich sehr groß und bestimmt ganz wunderbar sei, wir aber gar keinen besonders großen Platz brauchen. Wir hätten einen Stellplatz mit Meerblick gebucht und genau den würden wir gerne bekommen. Ich zeige die Buchungsbestätigung. Dort steht es eindeutig. Die Antwort fällt erstaunlich kompliziert aus: Das könne man jetzt nicht entscheiden. Dafür müsse ein Supervisor kommen. In ungefähr 40 Minuten. Jetzt bin ich begeistert.
Wir hatten uns den ganzen Nachmittag beeilt, damit wir bloß noch im Hellen ankommen, in Ruhe auf unseren Platz fahren, den Anhänger abstellen und anschließend vielleicht noch nach Sorrento hineinfahren können. Stattdessen sollen wir jetzt 40 Minuten herumstehen und darauf warten, dass ein Mensch mit offenbar ausreichender Entscheidungskompetenz erscheint, um festzustellen, dass „Meerblick“ möglicherweise tatsächlich Meerblick bedeutet. Ich frage noch einmal nach, wo denn eigentlich das Problem liege. Die Buchungsbestätigung ist da. Die freien Plätze sind da. Wir sind da. Das Meer ist auch da. Sämtliche Bestandteile dieses komplizierten Puzzles befinden sich bereits am selben Ort. Hilft nichts.
Und was mich wirklich ärgert, ist weniger der Fehler selbst. Fehler passieren. Hätten sie gesagt: „Oh, Entschuldigung, falscher Platz, fahren Sie bitte auf Nummer 123“, wäre die Sache nach zwei Minuten erledigt gewesen. Stattdessen werden wir ziemlich unfreundlich abgefertigt und sollen warten. Also warten wir. Und warten. Unsere schöne Tageslichtreserve verabschiedet sich derweil langsam über dem Golf von Neapel.
Gegen 18:30 Uhr erscheint schließlich der Mensch, dessen besondere Fähigkeiten offenbar notwendig waren, um unsere Buchungsbestätigung zu lesen. Er schaut sich die Sache an und kommt zu einem geradezu revolutionären Ergebnis: Es war ihr Fehler. Ach. Und plötzlich dürfen wir auf genau einen jener Stellplätze fahren, auf die ich bereits vorher hingewiesen hatte. Problem gelöst. Nach ungefähr einer Dreiviertelstunde für eine Entscheidung, die völlig logisch war. Aber dann stehen wir endlich dort. Und ich muss zugeben: Der Platz ist schon geil.

Vor uns fällt das Gelände Richtung Meer ab, gegenüber liegt Sorrento am Hang, dahinter zeichnen sich die Berge dunkel gegen den Himmel ab und draußen auf dem Wasser zieht noch ein Schiff durch die Bucht. Langsam verschwindet das Tageslicht, der Himmel bekommt diese gelb-orange Färbung und plötzlich weiß ich wieder ganz genau, warum ich bei der Buchung auf diesem Meerblick bestanden hatte. Dafür brauche ich keine 80 Quadratmeter. Ich brauche diesen Blick. Camper hinstellen, Tür auf, rausschauen – fertig. Genau so hatte ich mir das vorgestellt.

Unser ursprünglicher Plan, am Abend noch nach Sorrento hineinzufahren, ist allerdings erledigt. Nach der Rezeptionseinlage haben wir keine Lust mehr, uns jetzt noch auf den Weg zu machen. Also entscheiden wir uns für die bequemste Variante und gehen ins Restaurant des Campingplatzes. Kann man ja mal machen. Campingplatzrestaurant, bisschen Pasta, bisschen Wein, nichts Großes.
Dachte ich. Schon beim Blick in die Speisekarte wird klar, dass Camping Fortunata den Begriff „Campingplatzrestaurant“ offenbar etwas anders interpretiert als wir. Die Preise haben jedenfalls keinerlei Campingambitionen. Die bewegen sich eher in einer Region, in der ich kurz überprüfen möchte, ob wir versehentlich in einem Sternerestaurant gelandet sind und draußen nur zufällig Wohnmobile herumstehen.

Immerhin beginnt das Ganze tatsächlich mit einem kleinen Gruß aus der Küche. Vor uns landet auf einem großen weißen Teller eine einzelne kleine frittierte Kugel. Sehr hübsch angerichtet. Sehr übersichtlich. Wenn man sie noch etwas kleiner gemacht hätte, hätte man vermutlich eine Lupe dazu reichen müssen. Ich muss lachen, denn jetzt ist endgültig klar: Wir sind kulinarisch weit entfernt von „Pizza Nummer sieben und ein Bier“.
Ich entscheide mich schließlich für Mozzarella mit verschiedenfarbigen Tomaten. 22 Euro. Stefan nimmt Spaghetti Pomodoro. 24 Euro. Spaghetti. Mit Tomatensoße. Für 24 Euro erwarte ich eigentlich, dass die Tomaten persönlich am Vesuv aufgezogen, einzeln massiert und anschließend mit einem kleinen Motorroller zum Campingplatz gebracht wurden.
Das Essen sieht ohne Frage schön aus. Meine Tomaten leuchten rot und gelb auf dem Teller, dazu zwei kleine Mozzarellakugeln, Basilikum – geschmacklich auch völlig in Ordnung. Stefans Pasta kommt ebenfalls ausgesprochen fotogen daher. Aber wir reden hier immer noch über einen Campingplatz. Und irgendwann stößt selbst meine Bereitschaft, in Italien für gutes Essen Geld auszugeben, an Grenzen. Nach dem gestrigen Abend in Orvieto, wo wir für 19,90 Euro praktisch durch halb Umbrien gefüttert wurden und der Wirt zusätzlich noch kostenlos ein Konzert gegeben hat, wirken 24 Euro für Spaghetti Pomodoro beinahe wie Satire.
Und Camping Fortunata arbeitet weiter konsequent daran, bei mir keinen Fanclub entstehen zu lassen. Später werfe ich noch einen genaueren Blick auf die Sanitäranlagen. Darüber werde ich bei der eigentlichen Campingplatzbewertung noch ausführlicher schreiben, denn da gibt es einiges zu erzählen. Nur so viel vorweg: Der Platz ist riesig. Entsprechend groß sind auch die Sanitärgebäude. Gefühlt gibt es jeweils ungefähr 35 Toiletten für Männer und Frauen. Man könnte hier vermutlich gleichzeitig einen Reisebus voller Menschen mit akutem Bedürfnis abladen und niemand müsste warten. Duschen? Vier. Ich weiß nicht, wer dieses Verhältnis berechnet hat. Vielleicht derselbe Mensch, der unseren Meerblickstellplatz vergeben hatte.
Damit ist mein Verhältnis zu Camping Fortunata nach den ersten Stunden bereits erstaunlich klar definiert: Wir werden vermutlich keine Freunde mehr. Die Rezeption hat mich genervt, das Restaurant hält sich preislich für einen Außenposten der gehobenen Gastronomie und bei der Sanitärplanung scheint jemand eine ausgeprägte Leidenschaft für Toiletten gehabt zu haben.
Aber dann gehe ich zurück zu unserem Camper, schaue über die Bucht auf Sorrento und muss widerwillig zugeben, dass dieser Platz einen ziemlich mächtigen Joker besitzt. Diese Lage. Und genau deshalb stehen wir jetzt auch wirklich dort, wo ich uns von Anfang an gebucht hatte: mit dem Meer direkt vor der Nase.







