Pompeji, wir sind wieder da – Bussi, Gelato und ein Vulkan im Vorgarten
Am nächsten Morgen nutzen wir gleich noch einmal eine der wenigen Einrichtungen des Campingplatzes, mit denen ich inzwischen wirklich Frieden geschlossen habe: die Bar. Dort holen wir wieder unser Frühstück, und damit beginnt der Tag ganz ähnlich wie gestern – nur ohne anschließend 1.700 Stufen hinunterzulaufen. Schon diese Aussicht macht den Morgen ausgesprochen sympathisch. Diesmal landet neben dem Croissant noch ein ordentlich mit Puderzucker bestäubtes Gebäck auf dem Teller, und natürlich darf auch die Pistazienfüllung nicht fehlen. Schließlich müssen wir uns irnegwann wieder an ein Leben gewöhnen, in dem Frühstück nicht automatisch aus Pistaziencreme besteht. Ich fürchte, die Umstellung wird hart.
Danach beginnt allerdings der weniger romantische Teil eines Camperurlaubs: Wir müssen weiter. Also alles einräumen, was sich in den vergangenen Tagen rund um den Camper verteilt hat, die Vespas auf den Anhänger schieben, verzurren und noch einmal kontrollieren. Nach mehreren Tagen, an denen wir damit kreuz und quer über die Amalfiküste gefahren sind dürfen die beiden sich es mal wieder auf dem Anhänger bequem machen. Trotzdem ist es jedes Mal ein kleiner Abschied, wenn die Vespas wieder auf dem Anhänger stehen. Damit ist klar: Die Zeit in Sorrento ist vorbei. Wir checken aus, verlassen Camping Fortunata und fahren weiter Richtung Pompeji.

Mit Pasquale vom nächsten Campingplatz haben wir ausgemacht, dass wir irgendwann zwischen 13 und 14 Uhr ankommen. Nur sind wir viel zu früh dran. Gegen elf Uhr erreichen wir bereits Pompeji und hätten damit noch locker zwei Stunden totzuschlagen. Ein Problem ist das allerdings nicht, denn wir kennen da zufällig eine Möglichkeit, Zeit ausgesprochen zuverlässig verschwinden zu lassen: La Cartiera.
Also fahren wir zunächst ins Einkaufszentrum. Ein bisschen bummeln, ein bisschen schauen, ein bisschen einkaufen – genau das Richtige zwischen zwei Campingplätzen. La Cartiera ist angenehm klimatisiert, groß genug, um eine Weile herumzustromern, und mit Conad, Primark, Toys Center und dem ganzen üblichen Einkaufszentrumprogramm ausgestattet. Wir brauchen nichts Weltbewegendes, aber das hat uns bekanntlich noch nie daran gehindert, in ein Einkaufszentrum zu gehen. Und wenn man schon Zeit übrig hat, kann man sie schließlich sinnvoll nutzen. Wobei „sinnvoll“ bei mir und Einkaufen grundsätzlich sehr großzügig ausgelegt werden darf.

Nach unserer Runde durch La Cartiera machen wir uns schließlich auf den Weg zum Campingplatz. Und diesmal fahren wir nicht irgendwohin, wo wir erst einmal herausfinden müssen, wo man sich anmeldet, wie die Schranke funktioniert und ob der Mensch an der Rezeption uns sympathisch findet. Diesmal wissen wir ziemlich genau, was uns erwartet, denn wir waren im vergangenen Jahr schon hier – und vor allem kennen wir Pasquale.
Mit Pasquale verbindet mich seit unserem letzten Aufenthalt eine etwas ungewöhnliche Form der internationalen Verständigung. Er spricht so gut wie kein Englisch, ich spreche ungefähr genauso viel Italienisch, nur mit dem kleinen Unterschied, dass ich mir gerne kurz vorher irgendwelche Sätze zusammensuche, sie mir fünf Minuten lang vorsage und anschließend mit größtmöglicher Überzeugung vortrage. Im vergangenen Jahr hatte ich schnell gemerkt, dass Pasquale sich jedes Mal sichtlich freute, wenn ich wieder mit einem frisch auswendig gelernten italienischen Satz um die Ecke kam. Wahrscheinlich war meine Aussprache eine Mischung aus Schwäbisch, Italienisch und akutem Gedächtnisverlust, aber das spielte überhaupt keine Rolle. Hauptsache, ich versuchte es. Und so entstand zwischen uns im Laufe weniger Tage eine erstaunlich herzliche Verbindung, irgendwo zwischen „Buona giornata“, „Grazie mille“ und meinem regelmäßig morgens einstudierten „Pagare due colazioni, per favore“. Für größere philosophische Gespräche hätte es vermutlich nicht gereicht, aber für gute Laune an der Rezeption allemal.

Umso schöner ist es, als wir diesmal auf den Platz rollen und Pasquale uns tatsächlich sofort wiedererkennt. Da braucht es kein Italienisch, kein Englisch und auch keinen Übersetzer auf dem Handy. Sein Gesicht reicht völlig. Er strahlt, kommt auf uns zu, begrüßt uns mit großer Wiedersehensfreude und dann gibt es erst einmal Bussi links, Bussi rechts. Nichts mit nüchternem „Passport, please“, Buchungsnummer heraussuchen und Formular ausfüllen. Wir sind wieder da, Pasquale freut sich, wir freuen uns – und alles Weitere kann offensichtlich warten. Genau wegen solcher Begegnungen bleiben einem manche Campingplätze viel stärker im Gedächtnis als andere. Natürlich sind saubere Duschen schön und ein vernünftiger Stellplatz ist auch nicht ganz unwichtig, aber am Ende erinnert man sich eben an Menschen. Und wenn einen jemand nach einem ganzen Jahr wiedererkennt und sich so ehrlich darüber freut, dass man wieder vor ihm steht, dann hat ein Platz schon gewonnen.
Pasquale schickt uns ganz nach hinten auf das Gelände, wo wir einen richtig großen Platz bekommen. Perfekt für uns, denn mit Camper, Anhänger und zwei Vespas können wir inzwischen durchaus den Flächenbedarf eines kleinen Wanderzirkus entwickeln. Hier haben wir reichlich Raum, stehen zwischen Bäumen und Grün und können uns gemütlich ausbreiten. Also Camper hinstellen, Anhänger platzieren, ein bisschen rangieren – und irgendwann schauen wir nach vorne. Da steht der Vesuv.
Nicht irgendwo am Horizont, wo man ihn mit viel Fantasie zwischen zwei Häusern erkennen könnte, sondern einfach direkt vor uns. Hinter den Hecken und Bäumen erhebt sich dieser unverwechselbare Kegel und sieht dabei vollkommen friedlich aus, als wäre er nichts weiter als eine besonders gelungene Hintergrunddekoration für unseren Stellplatz. Andere Campingplätze schreiben in ihre Beschreibung „Mountain View“ und verlangen dafür wahrscheinlich zehn Euro Aufpreis. Wir haben Vesuv View. Einen echten Vulkan im Vorgarten. Und während wir dort stehen und unser neues Zuhause für die nächsten Tage betrachten, denke ich, dass wir mit der Platzwahl wirklich nicht meckern können. Pompeji hat uns wieder.
Nachdem der Camper steht und wir uns ausreichend darüber gefreut haben, dass unser Vorgarten mit einem Vulkan ausgestattet ist, kommen natürlich die Vespas wieder vom Anhänger. Viel Zeit zum Ausruhen hatten sie ohnehin nicht. Eigentlich könnte man sich fragen, warum wir die beiden für die paar Kilometer überhaupt so ordentlich verzurrt haben, aber Vorschrift ist Vorschrift und inzwischen sitzt jeder Handgriff. Gurte lösen, Rampe runter, eine Vespa nach der anderen vom Anhänger – und schon ist aus unserem Reisegespann wieder unsere bevorzugte italienische Fortbewegungsform geworden. Der Camper darf jetzt stehen bleiben. Für alles Weitere gibt es schließlich zwei Räder.
Wenig später fahren wir damit hinein nach Pompeji. Und es ist sofort dieses schöne Gefühl, nicht mehr ganz fremd zu sein. Wir waren erst im vergangenen Jahr hier, erkennen Straßen wieder, wissen ungefähr, wo wir hinmüssen, und vor allem haben wir ein sehr konkretes erstes Ziel. Bevor wir uns mit irgendwelchen Sehenswürdigkeiten, Kirchen oder sonstigen kulturell wertvollen Dingen beschäftigen, gibt es nämlich eine wesentlich dringendere Angelegenheit: De Vivo Pompei. Dort waren wir schon im letzten Jahr Eis essen, und wenn man einen Laden gefunden hat, bei dem das Gelato hervorragend schmeckt, sehe ich überhaupt keinen Grund, warum man zwölf Monate später plötzlich experimentierfreudig werden sollte. Es gibt im Leben Situationen, in denen man Bewährtes einfach respektieren muss.
Und kaum stehen wir wieder vor der Theke, weiß ich auch sofort, warum wir zurückgekommen sind. Diese Auslage ist keine Eistheke, sie ist ein Angriff auf die Entscheidungsfähigkeit. Schon beim Eis müsste man eigentlich mehrere Tage bleiben, um sich halbwegs seriös durch das Angebot zu arbeiten, aber damit hört es ja nicht auf. Daneben stehen kleine Törtchen und kunstvoll dekorierte Teilchen, Cremes, Gebäck und all diese italienischen Kleinigkeiten, die so aussehen, als hätten sie keinerlei Kalorien, solange man sie nur auf Italienisch bestellt. Überall Pistazie, Schokolade, Zitrone und noch ungefähr zwanzig andere Dinge, bei denen mein ursprünglicher Plan „Wir holen uns einfach schnell ein Eis“ zunehmend unrealistisch wird. Ich könnte mich hier problemlos einmal quer durch die Theke arbeiten und anschließend behaupten, das sei eine kulinarische Stadtbesichtigung gewesen.
Wir bleiben trotzdem beim Gelato, suchen uns unsere Sorten aus und genießen unser kleines Wiedersehensritual. Es ist schon erstaunlich, wie schnell bestimmte Dinge zu einer Urlaubstradition werden können. Ein Jahr zuvor standen wir zum ersten Mal hier, jetzt kommen wir mit unseren Vespas wieder angefahren und wissen schon vorher, wo es hingeht. Damit ist eigentlich auch offiziell bestätigt: Wir sind wieder in Pompeji.
Danach lassen wir uns noch ein bisschen durch die Stadt treiben. Wir haben heute schließlich nichts mehr vor, das zwingend erledigt werden müsste, und genau das ist nach den vollgepackten Tagen an der Amalfiküste ausgesprochen angenehm. Rund um die Straßen in Richtung Ausgrabungen wird es zunehmend touristischer. Ein Souvenirladen reiht sich an den nächsten, dazwischen Cafés und Restaurants, vor denen die Tische bis an den Straßenrand reichen. Es gibt Magnete, Taschen, Hüte, T-Shirts, Keramik, Vesuv-Andenken und natürlich alles, worauf sich irgendwie das Wort „Pompei“ drucken, kleben oder gravieren lässt. Vermutlich könnte man hier morgens nackt ankommen und abends komplett als römischer Legionär ausgestattet wieder abreisen.
Wir stellen unsere Vespas zwischendurch einfach zwischen die anderen Roller am Straßenrand und laufen ein bisschen herum. Gerade die beiden nebeneinander – Stefans rote und meine weiße Limoncello-Vespa – sehen inzwischen ohnehin so aus, als würden sie zu Italien gehören. Wahrscheinlich mehr als wir. Wir schauen in die Geschäfte, bleiben hier und da stehen, beobachten das Gewusel und genießen es, heute einmal keinen Zeitplan im Nacken zu haben. Keine Fähre fährt ohne uns ab, kein Bus muss erreicht werden, kein Wanderweg wartet mit 1.700 Stufen auf unsere Knie. Wir können einfach herumtrödeln.

Irgendwann reicht es uns dann aber auch. Wir haben gebummelt, unser obligatorisches Eis gegessen und Pompeji ordentlich Hallo gesagt. Also zurück zu den Vespas, Helme auf und wieder raus aus der Stadt. Wenig später rollen wir durch das Tor des Campingplatzes, zurück zu unserem großen Stellplatz und dem Vesuv, der noch immer genauso dekorativ vor unserem Camper steht wie vorher.
Am Campingplatz wartet dann genau das Abendprogramm auf uns, das sich in den letzten Tagen zu einer ausgesprochen angenehmen Gewohnheit entwickelt hat. Wir sitzen vor dem Camper zwischen den Bäumen, der Vesuv steht immer noch zuverlässig vor unserer Nase, und statt noch einmal essen zu gehen, packen wir unser Vesper aus. Schinken, Salami, Mortadella und natürlich wieder diese kleinen, halb getrockneten Tomaten, von denen ich inzwischen problemlos eine Schüssel allein essen könnte. Dazu öffnen wir eine Flasche Weißwein, und spätestens jetzt ist der Reisetag endgültig vorbei.
Nach all dem Trubel der letzten Tage tut dieser Abend richtig gut. Kein Shuttlebus, kein Drehkreuz, keine 1.700 Treppen, kein 9-Euro-Cappuccino und niemand, der uns spontan zwei ungelabelte Flaschen Olivenöl verkaufen möchte. Nur ein ruhiger Campingplatz, ein Glas Wein, italienisches Vesper und der Vesuv im Vorgarten. Und Pasquale weiß noch, wer wir sind. Manchmal braucht ein richtig guter Urlaubstag gar nicht mehr.
















