Mit der Vespa ins Amalfi-Chaos – Kurven, Küstenblicke und eindeutig zu viel Limoncello
Am nächsten Morgen ist der Ärger über Camping Fortunata zumindest so weit verdaut, dass wir uns wieder den wirklich wichtigen Dingen widmen können. Und heute haben wir etwas vor, auf das ich mich ganz besonders freue. Wir waren schließlich erst vor einem Jahr hier und sind damals mit einem kleinen gemieteten Fiat über die Amalfitana gefahren. Das war wunderschön, keine Frage. Aber während ich damals hinter der Windschutzscheibe saß, war eigentlich schon klar: Wenn wir noch einmal herkommen, dann machen wir das richtig. Und „richtig“ bedeutet für uns inzwischen natürlich: Vespa.
Gestern noch haben wir unsere beiden Italienerinnen vom Anhänger geholt. Jetzt heißt es: Helme auf, Kameras eingepackt und los geht’s. Allein das fühlt sich schon völlig anders an als im vergangenen Jahr. Kein Auto um uns herum, keine Frage, ob wir irgendwo einen Parkplatz finden, keine Blechkiste zwischen uns und dieser Landschaft. Stattdessen sitzen wir mitten drin. Sonne im Gesicht, Fahrtwind um die Nase und dieses wunderbare Vespa-Geknatter unter uns, das in Italien ohnehin klingt, als gehöre es zur offiziellen Geräuschkulisse des Landes.
Zunächst fahren wir durch Sorrento, wo der Tag gerade so richtig in Gang kommt. Die Straßen sind noch einigermaßen entspannt, die Sonne steht über den Häusern und wir rollen zwischen den typisch italienischen Fassaden hindurch, als hätten wir nie etwas anderes gemacht. Und natürlich dauert es nicht lange, bis der erste zwingend notwendige Programmpunkt ansteht. Frühstück.

Wir halten an einem kleinen Café und bestellen das, was inzwischen offenbar zu unserer gesetzlich vorgeschriebenen Grundversorgung gehört: Cappuccino und Croissants. Ich weiß nicht, wie viele davon wir auf dieser Reise noch essen werden, aber ich sehe aktuell keinerlei Grund, diese Serie freiwillig zu beenden. Andere Menschen entwickeln im Urlaub Rituale wie morgendliches Yoga. Wir essen gefüllte Hörnchen. Jeder muss seinen Weg finden.
Frisch gestärkt geht es weiter durch Piano di Sorrento und quer über die Halbinsel Richtung Südküste. Und irgendwann passiert genau das, worauf ich gewartet habe: Die Straße nähert sich der Küste, die Landschaft öffnet sich und plötzlich liegt dieses unfassbar blaue Meer unter uns. Damit beginnt sie für uns endgültig – die Amalfitana.

Und ab diesem Moment lässt sich unser Fahrstil ungefähr so zusammenfassen: fahren, anhalten, fotografieren, fahren, wieder anhalten, fotografieren, hundert Meter weiterfahren und feststellen, dass es dort natürlich noch schöner aussieht. Also wieder anhalten.
Ich glaube, auf keiner anderen Straße der Welt kann man für zehn Kilometer derart lange brauchen, ohne auch nur eine einzige Baustelle zu haben. Aber mit der Vespa ist das herrlich. Wir entdecken irgendwo am Straßenrand eine kleine Ausbuchtung, stellen die Roller ab und stehen Sekunden später am Geländer. Unter uns fällt die Küste steil zum Meer hinunter, gegenüber kleben Häuser an den Berghängen, auf dem tiefblauen Wasser liegen kleine Boote wie weiße Punkte und irgendwo am Straßenrand steht natürlich ein Verkaufsstand mit Zitronen. Riesigen Zitronen. Amalfi-Küste eben. Würde hier jemand keine Zitronen verkaufen, wäre man fast enttäuscht.

Noch ist der Verkehr überraschend entspannt. Es ist Morgen, die großen Touristenströme scheinen noch nicht vollständig aufgewacht zu sein und wir können tatsächlich fahren, statt uns Zentimeter für Zentimeter durch eine Kolonne zu schieben. Mit den Vespas macht die Strecke jetzt genau den Spaß, den ich mir im vergangenen Jahr vorgestellt hatte. Kurve um Kurve schlängelt sich die Straße am Hang entlang, links die Felswand, rechts teilweise nur Mauer oder Geländer und dahinter ziemlich viel Luft bis zum Meer. Dazwischen kleine Orte, Häuser, die sich scheinbar an unmöglichen Stellen am Felsen festhalten, Zitronengärten und immer wieder diese Ausblicke, bei denen man sich fragt, ob Italien bei der Landschaftsverteilung vielleicht ein bisschen geschummelt hat.
Dann taucht Positano vor uns auf. Und selbst wenn man Positano schon hundertmal auf Fotos gesehen hat, ist dieser Anblick immer wieder völlig verrückt. Die Häuser liegen nicht einfach am Berg – sie scheinen regelrecht daran herunterzufließen. Weiß, gelb, rosa und terrakottafarben stapeln sie sich übereinander bis hinunter ans Wasser, davor die tiefblaue Bucht voller Boote und dahinter diese gewaltigen grünen Felswände. Man schaut hinunter und fragt sich unwillkürlich, welcher Mensch irgendwann vor Jahrhunderten dort gestanden und gesagt hat: „Ja, genau hier bauen wir eine Stadt. Senkrecht ist doch kein Problem.“

Wir fahren diesmal nicht hinunter nach Positano, sondern bleiben oben auf der Amalfitana und ziehen an der Stadt vorbei. Was allerdings keineswegs bedeutet, dass wir einfach vorbeifahren. Natürlich nicht. Wir halten. Machen Fotos. Fahren ein Stück. Halten wieder. Machen noch mehr Fotos. Irgendwann besteht meine Speicherkarte vermutlich zu einem erheblichen Teil aus Positano aus zwölf verschiedenen Winkeln, aber ich kann nichts dafür: Hinter jeder Kurve sieht es wieder anders aus.
Und dann fällt uns etwas in den Bergen oberhalb der Küste auf. Rauch. Dort brennt es. Eine ganze Weile beobachten wir einen Löschflieger bei der Arbeit. Er zieht über die Küste hinweg, verschwindet Richtung Meer, geht tief über dem Wasser herunter, nimmt dort neues Löschwasser auf und steigt wieder hinauf zu den brennenden Hängen. Wenig später kommt er zurück, fliegt über die Bergflanke und wirft seine Ladung über dem Feuer ab. Dann dreht er wieder ab Richtung Meer. Und das Ganze beginnt von vorne.
Von unserem Aussichtspunkt aus können wir den Ablauf immer wieder verfolgen: hinunter zum Wasser, aufnehmen, hochziehen, zurück zum Berg, Wasser abwerfen. Es sieht aus der Entfernung beinahe spektakulär aus, gleichzeitig wird einem natürlich bewusst, dass da oben tatsächlich ein Feuer bekämpft wird und der Pilot gerade einen Job erledigt, bei dem ein kleiner Fehler deutlich unangenehmere Folgen hat als bei uns eine verpasste Ausfahrt. Wir bleiben eine ganze Weile stehen und schauen zu, wie der Flieger seine Runden zwischen Meer und Bergen zieht.
Danach steigen wir wieder auf unsere Vespas und fahren weiter. Die Amalfitana liegt vor uns, die Sonne scheint, der Verkehr hält sich noch erstaunlich zurück und bislang fühlt sich dieser Morgen genauso an, wie ich mir das im vergangenen Jahr vorgestellt hatte. Mit Betonung auf bislang.

Und dieses bislang hält tatsächlich noch eine ganze Weile. Wir fahren weiter auf der Amalfitana, Kurve um Kurve, immer am Felsen entlang und mit dem Meer neben beziehungsweise ziemlich weit unter uns. Langsam wird es voller, die ersten Reisebusse tauchen auf, mehr Autos sind unterwegs und auch die Zahl der Vespas nimmt deutlich zu, aber noch ist alles wunderbar fahrbar. Vor allem auf zwei Rädern. Während sich die Autos stellenweise schon vorsichtig aneinander vorbeischieben und bei Gegenverkehr gerne einmal kurz kollektives Luftanhalten angesagt ist, schlängeln wir uns mit unseren Vespas relativ entspannt hindurch. Und jedes Mal, wenn irgendwo eine kleine Ausbuchtung auftaucht, beginnt bei mir wieder das inzwischen bekannte Programm: „Halt mal kurz.“ „Kurz“ ist dabei natürlich relativ.
Einer dieser Stopps ist der Fiordo di Furore. Den kennen wir ebenfalls schon vom vergangenen Jahr, allerdings hatten wir damals mit dem Fiat genau das Problem, das man an der Amalfitana praktisch überall hat: Man sieht etwas Fantastisches und kann nicht anhalten. Man fährt daran vorbei und sagt: „Boah, guck mal!“ – worauf der Fahrer antwortet: „Kann ich nicht, ich muss auf die Straße gucken.“ Dann ist es weg. Sehr befriedigend.
Mit den Vespas sieht die Sache völlig anders aus. Wir finden am Rand tatsächlich einen winzigen Streifen Asphalt, der vermutlich offiziell nicht einmal als Parkplatz durchgehen würde. Eher als etwas breiter geratene Straßenkante, die jemand versehentlich zwischen Fahrbahn und Felswand übrig gelassen hat. Für ein Auto vollkommen unbrauchbar. Für zwei Vespas dagegen: Premiumparkplatz. Wir stellen sie so dicht an den Felsen, dass vermutlich noch eine Briefmarke dazwischengepasst hätte, und schon können wir einfach loslaufen. Genau deshalb wollten wir die Amalfitana diesmal mit den Vespas fahren.
Der Fiordo di Furore ist dabei schon ein ziemlich spektakuläres Stück Küste. Der Name „Fiordo“ führt ein bisschen in die Irre, denn einen norwegischen Fjord hat hier natürlich niemand heimlich nach Kampanien verpflanzt. Vielmehr hat sich ein schmaler Einschnitt tief zwischen die steilen Felswände gegraben, unten liegt eine winzige Bucht und darüber spannt sich die Amalfitana auf einem mächtigen Steinbogen von einer Seite zur anderen. Durch diesen Bogen sieht man das tiefblaue Meer und die kleinen Boote draußen auf dem Wasser – eine Kombination, bei der selbst Menschen, die normalerweise behaupten, sie würden „nicht so viele Fotos machen“, plötzlich ihre Kamera zücken.

Wir gehen nicht hinunter in die Bucht, sondern nehmen die Treppen nach oben zu einem Aussichtspunkt. Und Treppen sind an der Amalfiküste ja grundsätzlich ein dehnbarer Begriff. Hier wird nichts einfach waagerecht miteinander verbunden, wenn man stattdessen auch ein paar Höhenmeter einbauen kann. Also steigen wir hinauf, und je höher wir kommen, desto besser wird der Blick auf die Brücke. Oben stehen wir schließlich genau richtig: Unter uns schneidet sich die schmale Schlucht zwischen die Felsen, quer darüber verläuft die Straße auf ihrem großen Bogen und dahinter leuchtet das Meer in einem Blau, das auf Fotos eigentlich schon wieder verdächtig bearbeitet aussieht. Ist es aber nicht. Wir machen natürlich Fotos. Viele Fotos. Die Brücke allein. Die Schlucht. Die Boote durch den Torbogen. Noch einmal etwas weiter links. Noch einmal weiter rechts. Man weiß ja nie, ob sich der Steinbogen in den vergangenen zwölf Sekunden entscheidend verändert hat.
Von Furore aus geht es weiter die Küste entlang, und inzwischen merkt man deutlich, dass der Tag Fahrt aufgenommen hat. Die Straße wird noch voller, Autos, Busse und Vespas vermehren sich offenbar mit jeder Kurve, aber noch kommen wir gut voran. Mit unseren Rollern sowieso. Wo ein Auto bereits anfängt, über seine eigene Breite nachzudenken, finden wir meistens noch irgendwo ein Plätzchen. Und so erreichen wir unseren nächsten Stopp: Atrani.
Atrani ist einer dieser Orte, bei denen man sich schon bei der Anfahrt fragt, wo genau die Menschen hier eigentlich beschlossen haben, ihre Häuser hinzubauen. Zwischen steilen Felswänden drängt sich der kleine Ort direkt ans Meer, darüber die Straße, dahinter und darüber wieder Häuser, Bögen, Treppen und Durchgänge. Viel Platz war offenbar nicht vorhanden, also hat man irgendwann aufgehört, in Quadratmetern zu denken, und einfach die dritte Dimension dazugenommen. Wenn unten kein Platz mehr ist, baut man eben oben weiter. Und wenn zwischen zwei Häusern noch 70 Zentimeter frei sind, passt da offensichtlich eine Treppe hinein.

Wir stellen die Vespas ab und laufen los. Und schon nach wenigen Metern bin ich begeistert. Atrani ist so ganz anders als das herausgeputzte Positano. Natürlich ist es ebenfalls wunderschön, aber auf eine viel unangestrengtere Art. Hier wirkt nicht jede Hauswand, als sei sie eigens für Instagram frisch gestrichen worden. Der Putz bröckelt stellenweise, Wäsche hängt zwischen den Häusern, Fensterläden stehen offen, irgendwo führen Stufen hinauf, von denen man überhaupt nicht weiß, wo sie enden, und über allem liegt dieses herrlich chaotische Geflecht aus Bögen, Häusern und schmalen Durchgängen. Wir verschwinden natürlich genau dort hinein.
Denn Atrani hat ein ausgeprägtes Verhältnis zu Treppen. Man könnte sogar sagen: Wer Treppen nicht mag, sollte sich vielleicht besser vom Strand aus mit einem Fernglas mit dem Ort beschäftigen. Kaum biegt man von der Piazza ab, geht es hoch. Oder runter. Oder erst durch einen Torbogen, dann hoch, anschließend um eine Ecke und wieder runter. Manche Durchgänge sind so schmal, dass ich beinahe das Gefühl habe, mitten durch das Wohnzimmer von jemandem zu laufen. Über uns hängen Balkone und Wäsche, neben uns führen Haustüren direkt auf die Stufen, und immer wieder öffnet sich irgendwo zwischen den Häusern plötzlich ein Blick aufs Meer.
Das Schönste daran ist, dass wir überhaupt kein Ziel haben. Wir laufen einfach. Genau dafür sind solche Orte gemacht. Eine Treppe sieht interessant aus, also gehen wir hoch. Oben kommt ein Bogen, also gehen wir hindurch. Dahinter wartet die nächste Treppe. Irgendwann weiß ich nicht mehr, auf welcher Ebene des Ortes wir uns eigentlich befinden, aber das scheint hier ohnehin niemanden zu interessieren. Atrani ist im Grunde ein bewohntes Escher-Bild mit Meerblick.

Zwischendurch landen wir wieder auf der Piazza Umberto I, dem kleinen Wohnzimmer des Ortes. Rundherum stehen die Häuser dicht an dicht, Cafés und Restaurants haben ihre Tische draußen aufgestellt, durch einen großen Torbogen sieht man hinaus Richtung Meer und über allem thront die Kirche mit ihrem Glockenturm. Hier ist deutlich mehr los als in den kleinen Gassen, aber trotzdem wirkt alles angenehm entspannt. Menschen sitzen beim Kaffee, andere kommen vom Strand, irgendwo fährt eine Vespa vorbei – und wir stellen fest, dass inzwischen auch die richtige Uhrzeit für eine weitere wichtige italienische Kulturveranstaltung gekommen ist. Mittagessen.
Wir setzen uns bei der Pizzeria Il Birecto draußen auf die Piazza und haben damit exakt das, was ich in Italien liebe: Wir sitzen mitten im Ort, können Leute gucken und müssen dabei nichts weiter tun, als auf Essen zu warten. Ich entscheide mich für Pizza, Stefan nimmt Pasta. Die Pizza kommt mit ordentlich Tomate, Käse und Basilikum und sieht genau so aus, wie eine Pizza hier aussehen sollte: nicht mit zwölf strategisch platzierten Zutaten dekoriert, sondern einfach heiß, duftend und mit einem Rand, der deutlich macht, dass er einen echten Ofen gesehen hat. Stefans Pasta kommt direkt in einer kleinen Pfanne auf den Tisch, mit Tomaten und Basilikum – unkompliziert und richtig gut.
Und natürlich gibt es anschließend Espresso. Nicht, weil wir noch einen brauchen würden. Wir haben morgens schließlich bereits Cappuccino getrunken. Aber irgendwann in Italien verschiebt sich die Definition von „brauchen“ ganz erheblich. Ein Espresso nach dem Essen ist keine Entscheidung mehr. Der gehört dazu wie die Rechnung und die Erkenntnis, dass man eigentlich schon wieder viel länger sitzt als geplant.
Nach unserem Mittagessen in Atrani steigen wir wieder auf die Vespas und fahren weiter. Wobei „fahren“ inzwischen ein zunehmend optimistischer Begriff wird. Je näher wir Amalfi kommen, desto deutlicher scheint sich herumgesprochen zu haben, dass heute schönes Wetter ist und diese Küstenstraße möglicherweise ganz sehenswert sein könnte. Der Verkehr nimmt merklich zu, und spätestens in Amalfi selbst knubbelt sich alles zusammen. Die Amalfitana führt hier direkt durch das Hafengebiet, und damit treffen auf wenigen Metern Autos, Busse, Vespas, Fußgänger und Menschen aufeinander, die offensichtlich gerade erst von einem Ausflugsschiff ausgespuckt wurden und noch nicht entschieden haben, auf welcher Straßenseite sie eigentlich leben möchten.

Mit den Vespas ist das trotzdem halb so wild. Man schwimmt einfach mit. Vor uns knattern andere Roller, links schiebt sich ein Auto durch, rechts wartet ein Reisebus auf irgendein Wunder und zwischendrin versuchen Fußgänger, die Straße zu überqueren. Italienischer Verkehr wirkt ja von außen manchmal, als gäbe es überhaupt keine Regeln. Wenn man mittendrin steckt, merkt man allerdings, dass es durchaus Regeln gibt. Sie sind nur nirgendwo aufgeschrieben und werden offenbar telepathisch übertragen.
Wir fahren mitten durch Amalfi, am Hafen entlang und lassen den Ort zunächst hinter uns, denn zum gemütlichen Herumstehen ist hier gerade eher wenig Platz. Kurz danach finden wir aber wieder eine Möglichkeit zum Anhalten – und natürlich halten wir. Inzwischen muss man das eigentlich nicht mehr erwähnen. Wenn sich irgendwo ein schöner Blick auftut, stehen unsere Vespas Sekunden später am Straßenrand. Von hier können wir noch einmal zurück auf Amalfi schauen: der Strand direkt vor dem Ort, das unglaublich klare Wasser, dahinter die Häuser, die sich vom Meer aus immer weiter den Hang hinaufziehen, und über allem die Berge. Im Hafen liegen Boote, am Strand stehen die bunten Sonnenschirme und das Wasser wechselt von Türkis direkt am Ufer zu diesem tiefen Mittelmeerblau, das auf Fotos regelmäßig aussieht, als hätte man am Farbregler herumgespielt.

Danach verlassen wir die Küste erst einmal und biegen hinauf Richtung Ravello ab. Und hinauf ist hier durchaus wörtlich zu nehmen. Ravello liegt nicht gemütlich unten am Meer, sondern deutlich weiter oben in den Bergen, und entsprechend windet sich die Straße in Kurven den Hang hinauf. Mit jedem Höhenmeter verändert sich der Blick. Amalfi wird kleiner, die Küstenlinie breitet sich immer weiter unter uns aus und irgendwann schauen wir nicht mehr seitlich aufs Meer, sondern regelrecht von oben darauf. Was bedeutet natürlich wieder: anhalten. Fahren. Anhalten. Foto. Weiterfahren. Noch einmal anhalten, weil der nächste Aussichtspunkt selbstverständlich noch besser ist als der vorherige.
Unter uns liegen jetzt die kleinen Orte wie hingestreut zwischen den Bergen und dem Wasser, die Straße zeichnet sich irgendwo als dünne Linie durch die Landschaft und draußen reicht das Meer bis zum Horizont. Aus dieser Höhe bekommt die Amalfiküste noch einmal eine völlig andere Dimension. Unten auf der Amalfitana steckt man mitten in ihr drin, fährt zwischen Felswand und Meer und sieht immer nur den nächsten spektakulären Abschnitt. Von hier oben kann man plötzlich verstehen, wie verrückt diese gesamte Landschaft eigentlich gebaut ist. Berge fallen fast direkt ins Meer, dazwischen kleben Orte, Straßen schlängeln sich an Hängen entlang, auf denen ich persönlich nicht einmal einen Gartenstuhl sicher abstellen würde, und trotzdem stehen dort Häuser.

Irgendwann erreichen wir Ravello und stellen die Vespas ab. Nach all den Kilometern auf der Küstenstraße ist es fast ungewohnt, plötzlich wieder zu Fuß unterwegs zu sein. Ravello fühlt sich sofort anders an als die Orte direkt unten am Meer. Ruhiger, heller, irgendwie luftiger. Weiße und pastellfarbene Häuser, kleine Plätze, enge gepflasterte Gassen und immer wieder Bäume, die mit ihren riesigen Kronen Schatten spenden. Natürlich gibt es auch hier jede Menge kleine Geschäfte, und natürlich hat die Amalfiküste ein Thema, an dem niemand vorbeikommt: Zitronen. Zitronen auf Keramik, Zitronen auf Stoffen, Zitronen auf Schildern, Zitronen als Dekoration. Wenn man lange genug durch diese Orte läuft, beginnt man irgendwann zu glauben, die Zitrone sei weniger eine Frucht als eine Religion.
Besonders die Keramikläden sind kaum zu übersehen. Ganze Wände hängen voller Teller und Schalen in allen möglichen Farben, daneben Tassen, Krüge und Schüsseln, vorzugsweise in Blau, Gelb und mit – Überraschung – Zitronen darauf. Das sieht alles so schön aus, dass man kurzfristig vergisst, dass man mit zwei Vespas unterwegs ist und eine 40 Zentimeter große handbemalte Keramikschale möglicherweise nicht das ideale Reisegepäck darstellt.
Wir schlendern weiter durch die Gassen, vorbei an kleinen Geschäften und alten Häusern, gehen wieder ein paar Stufen hoch, ein paar hinunter und landen schließlich auf den Plätzen rund um den Dom. Überall stehen Tische unter großen Schirmen, Menschen sitzen beim Kaffee oder Aperitivo und das Ganze wirkt trotz der vielen Besucher erstaunlich entspannt. Nach dem Gewusel in Amalfi ist Ravello fast wie einmal kurz die Lautstärke herunterdrehen.
Und weil wir inzwischen seit dem Mittagessen in Atrani eine geradezu bedenklich lange Zeit nichts mehr gegessen haben, muss natürlich ein Gelato her. Wir setzen uns draußen hin und bekommen zwei Eisbecher, bei denen man sofort erkennt, dass die italienische Vorstellung einer angemessenen Portion durchaus mit meiner kompatibel ist. Cremiges Eis, Waffeln dazu – und wir sitzen mitten in Ravello in der Sonne.

Danach laufen wir noch ein wenig weiter durch den Ort. Wir verschwinden wieder in schmalen Gassen, kommen an alten Mauern und Kirchen vorbei und entdecken hinter jeder Ecke entweder den nächsten Keramikladen oder irgendeine Treppe, die offenbar zu einer weiteren Ebene Ravellos führt. Auch hier gilt wieder das bewährte Prinzip dieser Küste: Wenn man glaubt, man sei irgendwo angekommen, geht es mit hoher Wahrscheinlichkeit noch einmal 30 Stufen nach oben.
Aber genau das macht den Ort so schön. Ravello fühlt sich nicht wie eine einzelne Sehenswürdigkeit an, die man besucht und anschließend abhakt. Man bummelt einfach herum, schaut in Seitengassen, bleibt vor einem Laden stehen, läuft über einen kleinen Platz und entdeckt zwischen zwei Häusern plötzlich wieder dieses unglaubliche Blau des Meeres weit unter einem. Und irgendwann machen wir uns wieder auf den Weg zu unseren Vespas. Denn irgendwie müssen wir von hier oben schließlich auch wieder runter.
Wir holen die Vespas wieder ab und machen uns auf den Rückweg. Wir nehmen die selbe Kurvenstrecke bergab die wie auch hochgekommen sind. Die Straße schlängelt sich in engen Kehren durch das Grün, vorbei an Natursteinmauern und Häusern, immer wieder mit kurzen Blicken hinunter auf die Küste. Nach dem Trubel auf der Amalfitana fühlt sich das hier fast wie eine kleine Erholungsetappe an. Wenig Verkehr, ordentlich Asphalt unter den Rädern und Kurven, für die eine Vespa schließlich gebaut wurde. Man lässt sie einfach laufen, legt sich ein bisschen hinein und freut sich darüber, dass man gerade nicht in einem Fiat sitzt.
Unten treffen wir wieder auf die Amalfitana und damit auf den inzwischen deutlich angewachsenen Nachmittagsverkehr. Wir fahren zurück durch Amalfi, wo sich das Gewusel am Hafen gegenüber dem Vormittag keineswegs aufgelöst hat. Im Gegenteil. Busse, Autos, Roller und Fußgänger haben inzwischen offenbar Verstärkung bekommen. Trotzdem funktioniert es zunächst erstaunlich gut. Dieses eigenartige italienische Verkehrsballett, bei dem jeder irgendwohin möchte, keiner Platz hat und am Ende trotzdem irgendwie alle durchkommen.
Bis wir in einen Tunnel fahren. Dann kommen wir nicht mehr durch. Vor uns stehen Autos. Dazwischen Vespas. Weiter vorne ein Bus. Und am anderen Ende beziehungsweise irgendwo in diesem Chaos noch ein Bus aus der Gegenrichtung. Einer der beiden hat es offenbar geschafft, sich am Tunneleingang so ungünstig zu positionieren, dass jetzt gar nichts mehr geht. Was auf einer Straße, die stellenweise ohnehin aussieht, als sei sie ursprünglich für zwei Esel und einen Handkarren geplant worden, durchaus Konsequenzen hat. Innerhalb kürzester Zeit steht alles.
Nun könnte man natürlich einfach hinten warten. Das wäre vermutlich die vernünftigste Lösung. Aber inzwischen sind wir mehrere Tage in Italien unterwegs und haben uns kulturell angepasst. Denn während die Autos brav stehen bleiben, beginnt rechts und links von uns eine stetige Prozession von Vespas nach vorne zu wandern. Einer nach dem anderen kommt von hinten, zwängt sich an den Autos vorbei und verschwindet Richtung Problemzone. Wir schauen uns das ungefähr drei Sekunden an. Dann fahren wir hinterher. Man möchte sich als Gast schließlich nicht den örtlichen Gepflogenheiten verschließen.

Also schlängeln auch wir uns nach vorne, vorbei an den stehenden Autos, bis wir schließlich mitten im Tunnel zusammen mit einer stetig wachsenden Rollerpopulation stehen. Dass diese Maßnahme objektiv betrachtet nicht unbedingt dazu beiträgt, die Verkehrssituation zu entspannen, fällt uns natürlich auf. Wo vorher zwei Busse und ein paar Autos nicht aneinander vorbeikamen, stehen jetzt zusätzlich noch ungefähr sämtliche Vespas Kampaniens herum. Aber immerhin sind wir jetzt näher dran und können das Problem wesentlich besser betrachten. Von hinten kommen trotzdem immer weitere Roller. Offenbar gilt an der Amalfiküste die feste Regel: Wenn vorne nichts mehr geht, müssen unbedingt noch mehr Menschen nach vorne fahren.
Die Busfahrer rangieren, Autos stehen kreuz und quer, Vespas suchen nach Lücken, die physikalisch eigentlich nicht existieren, und aus beiden Richtungen möchte weiterhin jeder genau jetzt durch diesen Tunnel. Für ungefähr zehn Minuten erleben wir die praktische Demonstration dessen, was passiert, wenn italienische Improvisationskunst auf begrenzten Straßenraum trifft. Dann erscheint ein Polizist.
Und plötzlich bekommt das Ganze tatsächlich eine Struktur. Er stoppt eine Seite, lässt die andere fahren, sortiert Busse, Autos und Roller auseinander und schafft es irgendwie, den Knoten zu lösen. Einer der Busse kommt durch, danach bewegt sich der nächste, und kurz darauf setzt sich die gesamte Blech- und Vespa-Lawine wieder in Gang. Keine zehn Minuten später fahren wir weiter, als wäre überhaupt nichts gewesen.
Eigentlich muss man Italien dafür lieben. In Deutschland hätte man vermutlich drei Stunden später eine Umleitung ausgeschildert, einen Krisenstab eingerichtet und eine Pressemitteilung vorbereitet. Hier kommt ein Polizist, winkt ein paarmal energisch mit den Armen und weiter geht’s.
Wir fahren wieder Richtung Positano – und weil wir den Ort am Morgen nur oben auf der Amalfitana passiert haben, beschließen wir, dass wir jetzt noch einen draufsetzen. Wenn wir schon einmal mit den Vespas hier sind, wollen wir auch durch Positano fahren. Die Straße durch den Ort ist als Einbahnstraße geführt, also biegen wir hinein und lassen uns einfach mit dem Verkehr nach unten treiben. Und das ist noch einmal ein völlig anderes Erlebnis als der Blick von oben.
Plötzlich sind wir mittendrin. Die Straße wird schmaler, die Häuser rücken näher zusammen und rechts und links kleben kleine Läden unmittelbar an der Fahrbahn. Keramik, Kleidung, Zitronenzeug, Souvenirs – alles zieht ungefähr in Armlänge an uns vorbei. Teilweise sind wir den Auslagen so nah, dass man theoretisch gar nicht mehr anhalten müsste. Einfach langsam vorbeifahren, einen Zwanziger in den Laden werfen und im Gegenzug irgendein Kleidungsstück vom Bügel pflücken. Oder eine Flasche Limoncello. Oder ein Amicelli. Wobei das vermutlich die schnellste Möglichkeit wäre, unseren ansonsten ausgesprochen schönen Urlaub um ein Gespräch mit der italienischen Polizei zu erweitern.
Zwischen den Geschäften laufen Fußgänger, vor uns fährt ein Auto im Schritttempo und irgendwo dazwischen knattern wir auf unseren Vespas durch Positano. Genau jetzt merkt man wieder, warum die Roller für diese Reise so genial sind. Mit einem Auto wäre ich hier hauptsächlich damit beschäftigt, keinen Außenspiegel an einer Hauswand zu hinterlassen und niemanden mit dem Kotflügel einzusammeln. Auf der Vespa dagegen ist man mitten im Geschehen. Man sieht in die Geschäfte hinein, riecht Essen aus den Restaurants, hört Stimmen und Motorroller und kann dabei tatsächlich noch Spaß haben.
Irgendwann führt uns die Einbahnstraße wieder aus Positano heraus und wir treffen erneut auf die Küstenstraße. Jetzt liegt noch der Rückweg nach Sorrento vor uns – im Grunde dieselbe Strecke wie heute Morgen, nur dass sie am Nachmittag wieder vollkommen anders aussieht. Die Sonne steht inzwischen tiefer, das Licht fällt wärmer auf die Felsen und das Meer liegt immer noch tiefblau unter uns. Wir fahren wieder an all den Stellen vorbei, an denen wir morgens schon gestanden haben, erkennen Aussichtspunkte wieder und sehen Positano noch einmal zwischen den Bergen verschwinden. Diesmal halten wir allerdings deutlich seltener. Irgendwann ist selbst bei mir der Punkt erreicht, an dem ich akzeptieren muss, dass wir von der Amalfiküste inzwischen möglicherweise genügend Fotos besitzen, um daraus einen eigenen Satellitenbilddienst aufzubauen. Also fahren wir.
Kurve um Kurve geht es zurück über die Halbinsel, weg von der Südküste, wieder Richtung Piano di Sorrento und schließlich nach Sorrento. Der Verkehr wird vertrauter, die Straßen breiter, und irgendwann taucht wieder die Zufahrt zum Camping Fortunata auf. Wir rollen auf den Platz, fahren zu unserem hart erkämpften Meerblickstellplatz und stellen die Vespas ab. Und spätestens jetzt weiß ich endgültig: Die Amalfitana mit dem kleinen Fiat im vergangenen Jahr war wunderschön. Aber mit den Vespas? Das war eine völlig andere Nummer.
Nach dieser Tour haben unsere Vespas Feierabend. Wir stellen sie am Campingplatz ab, denn für den Abend wechseln wir das Verkehrsmittel und nehmen den Shuttlebus nach Sorrento. Camping Fortunata bietet den praktischerweise direkt an, zwei Euro pro Person und Strecke, selbstverständlich in bar. Dafür bekommt man sogar eine Quittung, auf dem der Preis für eine Person aufgedruckt ist und bei uns handschriftlich noch vermerkt wird, dass wir zu zweit sind. Diese Quittung müssen wir dann beim Busfahrer abgeben. Mehr möchte ich zu diesem hochmodernen Abrechnungssystem gar nicht sagen. Ein Schelm, wer jetzt völlig grundlos ans italienische Finanzamt denkt. Wir zahlen unsere vier Euro, steigen ein und lassen uns nach Sorrento bringen.
Und Sorrento liebe ich einfach. Das war schon im vergangenen Jahr so, und kaum sind wir wieder mittendrin, weiß ich auch sofort warum. Natürlich ist es voll. Richtig voll. Und gefühlt besteht ein beträchtlicher Teil der Menschheit hier aus Amerikanern. Irgendwann frage ich mich ernsthaft, ob in den USA überhaupt noch jemand zu Hause ist oder ob das Land derzeit nur von ein paar zurückgelassenen Kanadiern bewacht wird. Man hört amerikanisches Englisch vor sich, hinter sich, neben sich, aus Restaurants, aus Geschäften – halb Amerika scheint gerade geschlossen seinen Jahresurlaub in Sorrento zu verbringen. Kein Wunder – diese Stadt ist einfach toll. Das Gewusel, die engen Straßen, die Geschäfte, die Restaurants und vor allem diese hemmungslose Verehrung der Zitrone. In Sorrento ist die Zitrone keine Frucht. Sie ist Geschäftsmodell.
Und damit beginnt für mich einer der schönsten Teile des Abends: die Limoncello-Läden. Es gibt dort gleich mehrere sehr ähnliche Geschäfte praktisch nebeneinander, vollgestopft mit allem, was man irgendwie mit Zitronen, Pistazien, Melonen oder Alkohol in Verbindung bringen kann. Und das Entscheidende: Man darf probieren. Sehr viel sogar. Limoncello, Meloncello, Zitronenkekse, Cremes, Pesto, irgendwelche Pasten und diese kleinen, gemeingefährlichen Kügelchen mit Limoncellofüllung, die ich abgöttisch liebe. Sie sind winzig, sündhaft teuer und so gebaut, dass man nach dem ersten sofort noch einen möchte.
Ich entwickle deshalb relativ schnell eine ausgefeilte Verkostungsstrategie. Man darf einen solchen Laden nämlich keinesfalls hektisch durchqueren. Man muss Interesse zeigen. Ein bisschen schauen. Hier etwas probieren. Dort noch einmal interessiert stehen bleiben. Zwischendurch so tun, als müsse man über eine Kaufentscheidung gründlich nachdenken, und schon kommt die nächste Kostprobe. Irgendwann erreicht man allerdings den Punkt, an dem das Personal möglicherweise bemerkt, dass dieselbe blonde Frau bereits zum fünften Mal vor irgendeinem Probierteller steht. Das ist der Moment, in dem man würdevoll den Laden wechselt. Praktischerweise ist der nächste ungefähr drei Meter entfernt. Dort beginnt das Verfahren von vorne.
Ich möchte ausdrücklich festhalten, dass wir selbstverständlich auch etwas kaufen. Wir sind keine Schnorrer. Am Ende wandert unter anderem eine Flasche Meloncello in unsere Tasche. Eine cremige, orangene Flüssigkeit, bei deren Anblick Stefan sofort feststellt, dass sie aussieht wie Badezusatz und vermutlich auch so schmeckt. Das ist insofern eine gewagte These, als wir zu Hause bislang noch keinen Badezusatz verkostet haben und damit eine belastbare Vergleichsgrundlage fehlt. Der Meloncello schmeckt jedenfalls hervorragend. Sollte unser Badezusatz ähnlich gut sein, müssten wir unsere Haushaltsführung grundsätzlich überdenken.

Außerdem kaufe ich Pistaziencreme. Zwölf Euro kostet das Glas, und ich sehe meine Croissants zu Hause bereits vor mir. Zumindest ungefähr zwei Stück. Denn wenn ich mir anschaue, wie viel Pistaziencreme in Italien in ein ordentlich gefülltes Cornetto gehört, dürfte der Inhalt meines sündhaft teuren Glases gerade ausreichen, um zwei davon fachgerecht zu versorgen. Vielleicht drei, wenn ich geizig werde. Was ich bei Pistaziencreme allerdings für charakterlich bedenklich halte.
Dann müssen natürlich noch die kleinen gefüllten Kügelchen mit. Acht Euro für eine Schachtel, in der sich eine Menge befindet, die man auch bequem in einer Hosentasche transportieren könnte. Normalerweise würde ich bei diesem Preis kurz über mein Leben nachdenken. Aber ich habe vorher so viele davon probiert, dass die wirtschaftliche Gesamtrechnung vermutlich wieder hervorragend aussieht. Im Grunde kaufe ich jetzt nur noch die Verpackung.

Eine Sache fehlt uns allerdings noch: unser Limoncello.Wir hatten im vergangenen Jahr hier eine Flasche gekauft, nur weiß ich natürlich nicht mehr, wie das Geschäft hieß. Also wird Olli zu Hause kurzerhand zur Außenstelle unserer italienischen Einkaufsorganisation ernannt. Er soll herausfinden, wo wir damals waren, denn eine halbe Flasche davo steht noch in unserem Kühlschrank. Andere Menschen kontaktieren ihre Familie aus dem Urlaub, um zu erzählen, wie schön es ist. Wir schreiben: „Kannst du mal gucken, wo wir letztes Jahr den Limoncello gekauft haben?“
Oli findet es heraus, wir finden den Laden. Als wir der Verkäufer erzählen, dass wir schon im vergangenen Jahr bei ihm gekauft haben und deshalb wiedergekommen sind, freut er sich wirklich riesig. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob er in diesem Moment glaubt, wir seien extra aus Deutschland erneut an die Amalfiküste gereist, weil uns sein Limoncello zwölf Monate lang keine Ruhe gelassen hat. Ich lasse ihn in dem Glauben. Die Geschichte ist schließlich viel schöner als die Wahrheit, dass wir ohnehin gerade in Sorrento herumstehen.
Zur Feier unseres Wiedersehens wird natürlich probiert. Reichlich. Sehr reichlich. Ich weiß nicht, ob Stammkundenstatus in diesem Geschäft offiziell existiert, aber wir arbeiten daran. Schließlich kaufen wir wieder unsere Flasche und verlassen den Laden mit dem guten Gefühl, eine Tradition begründet zu haben. Und ganz davon abgesehen wäre es inzwischen geradezu peinlich gewesen, keinen Limoncello mitzunehmen. Auf dem Campingplatz steht schließlich meine Vespa, auf der groß „Limoncello“ klebt und die inzwischen als Scuderia Limoncello durch die Gegend fährt. Da kann ich schlecht mit einer Flasche Mineralwasser aus Sorrento zurückkommen. Man muss sein eigenes Marketing schließlich ernst nehmen.

Mittlerweile sind wir allerdings so schwer bepackt, dass aus unserem gemütlichen Stadtbummel langsam eine Art kulinarischer Lastentransport geworden ist. Meloncello, Limoncello, Pistaziencreme, die sündhaft teuren Kügelchen und diverse weitere italienische Schweinereien hängen an uns, während wir überlegen, wo wir essen gehen. Und das ist in Sorrento gar nicht so einfach – nicht weil es zu wenig Restaurants gäbe, sondern weil ungefähr alle fünf Meter das nächste kommt und überall irgendetwas gut aussieht.
Wir laufen also weiter, lesen Karten, schauen auf Teller, die an uns vorbeigetragen werden, überlegen, verwerfen wieder und landen schließlich im Ristorante da Gigino. Nach all der Entscheidungsfreude dieses Tages machen wir es dort erstaunlich unkompliziert: zweimal Tagliatelle Bolognese. Keine kulinarische Expedition mehr. Keine zehn Gänge. Keine umbrische Spezialnudel mit Stammbaum. Einfach ein Teller richtig guter Pasta mit Bolognese, während neben unseren Stühlen inzwischen ein kleiner Vorrat an Alkohol, Pistaziencreme und Süßigkeiten lagert, mit dem wir vermutlich problemlos einen sehr kleinen italienischen Feinkostladen eröffnen könnten.
Und genau so sitzen wir schließlich mitten in Sorrento: müde von einem Tag auf der Vespa, hervorragend versorgt mit italienischen Kalorien und mit deutlich mehr Limoncello-Produkten im Gepäck, als zwei vernünftige Menschen eigentlich benötigen. Wobei „vernünftig“ spätestens seit der Pistaziencreme für zwölf Euro ohnehin kein realistisches Reiseziel mehr war.

Irgendwann müssen wir uns allerdings von Sorrento und seinen kulinarischen Verlockungen losreißen. Unsere Taschen sind voll, wir sind satt, und der Tag steckt uns inzwischen ziemlich ordentlich in den Knochen. Also geht es wieder zur Haltestelle und mit dem Campingplatz-Shuttle zurück Richtung Fortunata. Das funktioniert zunächst genauso unspektakulär wie auf der Hinfahrt: einsteigen, hinsetzen, fahren. Ich bin müde genug, dass ich mich innerlich eigentlich schon im Camper sehe. Vielleicht noch schnell duschen, Zähne putzen, Bett. Mehr Programm braucht dieser Tag nun wirklich nicht mehr.
Doch Camping Fortunata wäre nicht Camping Fortunata, wenn es uns einfach so nach Hause gehen ließe. Der Shuttle fährt vor, erreicht den Campingplatz – und bleibt vor der geschlossenen Schranke stehen. Nun gut. Schranke zu, später Abend, kann passieren. Ich gehe davon aus, dass sie gleich aufgeht und der Bus hineinrollt. Tut sie nicht.
Stattdessen steigen wir alle aus und werden Richtung Eingang beziehungsweise Drehtor dirigiert. Und dort folgt die nächste kleine Episode aus der Reihe „Dinge, die ich auf einem Campingplatz so auch noch nicht erlebt habe“: Wer wieder hineinmöchte, muss durch dieses Drehtor – und davor werden pro Person noch einmal zwei Euro kassiert. In bar. Natürlich.
Ich stehe da mit meinen Limoncello-Tüten und frage mich langsam, ob Camping Fortunata ein Campingplatz oder ein begehbarer Münzautomat ist. Stellplatz bezahlen, Shuttle bezahlen, zurückkommen und am Drehtor noch einmal Kleingeld bereithalten. Fehlt eigentlich nur noch jemand hinter dem Waschhaus, der für die letzten 30 Meter zum Camper einen Euro Wegezoll verlangt.
Und wieder dieses Bargeld. Zwei Euro pro Person, direkt am Drehtor. Ich bin inzwischen an dem Punkt, an dem ich bei diesem Campingplatz automatisch misstrauisch werde, sobald irgendwo jemand die Hand aufhält. Nach der Geschichte mit unserem gebuchten Meerblickplatz, dem Restaurant mit 24-Euro-Spaghetti und der bemerkenswerten Sanitärrechnung „gefühlte 35 Toiletten treffen auf vier Duschen“ gelingt es Fortunata jedenfalls mit erstaunlicher Konsequenz, mich immer dann wieder zu nerven, wenn ich gerade beschlossen habe, dass die fantastische Lage vielleicht doch alles herausreißt.
Aber gut. Wir zahlen unseren Eintritt zurück in die Heimat, passieren das Drehtor und dürfen tatsächlich wieder zu unserem eigenen Camper. Was für ein Privileg. Dort angekommen ist dann endgültig die Luft raus. Wir gehen noch schnell duschen – und mit „schnell“ meine ich auch schnell, denn bei vier Duschen für einen Campingplatz dieser Größe möchte man schließlich keine unnötigen Besitzansprüche entwickeln –, machen uns fertig und fallen kurz darauf ins Bett.
Und diesmal ist der Tag wirklich zu Ende. Was für einer. Wir sind morgens mit den Vespas in Sorrento gestartet, haben uns über die Amalfitana von Aussichtspunkt zu Aussichtspunkt gearbeitet, Positano von oben gesehen, einem Löschflieger bei der Arbeit zugeschaut, unsere Roller am Fiordo di Furore praktisch an den Felsen geklebt, sind durch Atrani gelaufen, haben dort zu Mittag gegessen, uns durch Amalfi geschoben, Ravello erobert, Eis gegessen, im Tunnel gemeinsam mit halb Kampanien einen Verkehrsknoten produziert, sind anschließend noch mitten durch Positano gefahren und haben am Abend in Sorrento vermutlich genügend Limoncello-Produkte gekauft, um unsere Scuderia für die nächsten Monate standesgemäß zu versorgen.
Wenn man das alles an einem einzigen Tag unterbringt, braucht man abends kein Unterhaltungsprogramm mehr. Nicht einmal für zwei Euro in bar.

















































