Yellowstone gibt noch einmal alles – Regenbogen, Schlammtöpfe und ganz großes Kino
Nach unserer zweiten Nacht in der gemütlichen Cabin im Old Faithful Village hieß es am Morgen endgültig Koffer packen. Heute würden wir Yellowstone einmal quer durchfahren und den Park am Nordausgang verlassen, denn für die kommende Nacht hatten wir ein Zimmer in Gardiner gebucht. Unser Gepäck verschwand also wieder im Auto, die Cabin wurde ein letztes Mal kontrolliert – wobei „kontrolliert“ bei uns im Wesentlichen bedeutet, noch einmal hektisch unter Betten, hinter Türen und in Steckdosen nach Dingen zu suchen, deren Verlust einem ungefähr drei Stunden später auffallen würde – und anschließend machten wir uns auf den Weg zur Lodge, um den Schlüssel abzugeben.
Dort fiel unser Blick noch einmal auf die Vorhersage für Old Faithful. In ungefähr fünf Minuten sollte er ausbrechen. Nun hatten wir ihn in den vergangenen Tagen wirklich schon gesehen und hätten uns ohne Weiteres mit einem souveränen „kennen wir“ verabschieden können. Aber wenn man schon praktisch neben einem der berühmtesten Geysire der Welt steht und der einem gewissermaßen zuruft, dass er gleich noch einmal loslegt, wäre Wegfahren auch irgendwie unhöflich gewesen. Also Schlüssel weg, Kamera geschnappt und noch einmal hinaus.
Und diese spontane Entscheidung bescherte uns einen Abschied, den man vermutlich nicht besser hätte bestellen können. Old Faithful legte pünktlich los, die gewaltige Wasserfontäne schoss in den tiefblauen Morgenhimmel, der Wind trieb den Dampf zur Seite – und direkt am Fuß des Geysirs erschien ein kleiner Regenbogen. Gestern Abend hatten wir hier noch mit vielen anderen Besuchern auf den nächsten Ausbruch gewartet, heute Morgen stand er plötzlich da wie eine persönliche Abschiedsvorstellung. Natürlich wusste ich, dass der Regenbogen weder für uns bestellt worden war noch Old Faithful irgendeine emotionale Bindung zu unseren Reiseplänen entwickelt hatte. Aber für ein paar Minuten konnte man sich das ruhig einreden.

Danach war tatsächlich Schluss mit Old Faithful. Zumindest für diese Reise. Wir stiegen ins Auto und kamen – erwartungsgemäß – nicht besonders weit. Im Yellowstone besteht das Weiterfahren nämlich hauptsächlich daraus, sich vorzunehmen, jetzt wirklich einmal Strecke zu machen, und wenige Minuten später wieder auf irgendeinem Parkplatz zu stehen. Nur ein paar Meilen weiter lag das Midway Geyser Basin, und dort wollten wir noch einmal zur Grand Prismatic Spring. Vor zwei Tagen hatten wir uns auf der gegenüberliegenden Seite den Hang hinaufgearbeitet, um sie von oben zu sehen. Von dort war ihre gewaltige Größe und vor allem dieses unglaubliche Farbenspiel perfekt zu erkennen gewesen. Heute wollten wir direkt an ihr entlanglaufen.

Am frühen Morgen sah die Sache allerdings völlig anders aus. Über den heißen Quellen hing dichter Dampf, der vom Wind über die Holzstege geschoben wurde und stellenweise die ganze Landschaft verschluckte. Mal sah man kaum weiter als ein paar Meter, dann riss der weiße Vorhang plötzlich auf und darunter kamen dieses intensive Blau, Orange und Rostrot zum Vorschein. Die Sonne stand noch relativ tief und spiegelte sich auf den nassen Flächen, während überall Wasser dampfte und zischte. Yellowstone sah hier weniger nach Nationalpark aus als nach einer Filmkulisse, bei der die Spezialeffektabteilung etwas zu großzügig ausgestattet worden war.
Je näher wir an die Grand Prismatic Spring kamen, desto deutlicher wurde allerdings auch, warum die Aussicht von oben so berühmt ist. Von hier unten steht man zwar unmittelbar daneben, bekommt ihre gigantischen Ausmaße aber kaum auf einmal zu fassen. Stattdessen sieht man einzelne Ausschnitte: tiefblaues Wasser, orangefarbene Ränder, gelbe und braune Bänder und dazwischen immer wieder Dampf, der alles verschwinden lässt. Gerade dadurch wirkte sie aber noch einmal völlig anders als von oben. Gestern war sie ein gewaltiges buntes Auge in der Landschaft gewesen, heute standen wir praktisch mitten in ihrem Atem.
Kaum wieder im Auto, folgte ungefähr zwei Meilen später der nächste Parkplatz. Wer Yellowstone an einem Tag zügig durchqueren möchte, sollte vermutlich einfach die Augen schließen. Wir hielten am Fountain Paint Pots Trail, einem kurzen Rundweg von ungefähr 800 Metern, auf dem Yellowstone erstaunlich viel von seinem geothermischen Sortiment auf ziemlich wenig Fläche untergebracht hat. Heiße Quellen, Geysire, Fumarolen und Schlammtöpfe – hier blubberte, dampfte, zischte und spuckte es an allen Ecken. Die Holzstege führten mitten hindurch, und spätestens jetzt war endgültig klar, dass unter dieser hübschen Landschaft keineswegs friedliche geologische Langeweile herrschte.
Besonders faszinierend waren die Paint Pots. Anders als bei den klaren heißen Quellen brodelte hier eine dicke graue Masse vor sich hin, aus der sich Blasen aufwölbten, kurz über ihr Dasein nachzudenken schienen und anschließend mit einem satten Plopp zerplatzten. Es sah aus wie ein riesiger Topf Tapetenkleister, den jemand auf dem Herd vergessen hatte. Nur dass man bei diesem hier besser nicht versuchte, die Temperatur herunterzudrehen. Je weniger Wasser die Schlammtöpfe enthalten, desto dickflüssiger wird die Masse – und desto schöner werden diese kleinen Schlammexplosionen. Man könnte ihnen erstaunlich lange zusehen. Vermutlich aus demselben Grund, aus dem Menschen auch Waschmaschinen beobachten, obwohl dort objektiv ebenfalls nicht wahnsinnig viel Handlung stattfindet.
Optisch großartig. Wirklich. Rotbrauner Schlamm, der wild brodelte und spritzte, überall Dampf – ein hervorragendes Fotomotiv. Die Nase war allerdings anderer Meinung. Was uns dort entgegenkam, war eine bemerkenswerte Mischung aus Schwefel, Katzenklo, Ammoniak und etwas, das verdächtig nach frisch Erbrochenem roch.
Jeder einzelne Bestandteil wäre für sich genommen schon kein Grund gewesen, länger zu verweilen; in Kombination erreichten sie eine olfaktorische Qualität, bei der der Körper relativ schnell den Vorschlag macht, vielleicht einfach nicht mehr zu atmen. Im gesamten Yellowstone hatten wir bisher nichts gefunden, das derart erbärmlich stank. Und ausgerechnet dort entstand eines meiner Lieblingsfotos dieser Reise. (Man sieht dem Bild zum Glück nicht an, dass die Fotografin während der Aufnahme die Luft angehalten hat.)

Ein Stück weiter zeigte sich Yellowstone wieder von seiner angenehmeren Seite. Der Spasm Geyser war aktiv und sprudelte zwischen leuchtend gelben Ablagerungen vor sich hin. Nach Red Spouter waren unsere Ansprüche an einen geothermischen Ort ohnehin überschaubar geworden: hübsch aussehen und uns nicht geruchlich beleidigen. Beides erfüllte er problemlos. Gerade diese ständigen Wechsel machten den Park so spannend. Kaum glaubte man, inzwischen sämtliche Varianten von „heißes Wasser kommt irgendwie aus der Erde“ gesehen zu haben, sah das nächste Becken wieder völlig anders aus.
Auf der Weiterfahrt Richtung Norden begegnete uns nahe dem Madison Campground dann wieder eine der nicht vulkanischen Attraktionen des Parks. Ein einzelnes Bison stand am Straßenrand. Kein Stau, keine riesige Herde, kein dramatischer Auftritt – einfach nur dieser gewaltige Kerl ganz allein in der Landschaft. Wir fuhren langsam vorbei und betrachteten ihn eine Weile.
„Der sieht aus, als hätte er keine Freunde.“ Das war natürlich unsere vollkommen fundierte wildbiologische Analyse der Situation. Dem Bison selbst schien sein gesellschaftlicher Status allerdings herzlich egal zu sein. Es stand dort mit jener stoischen Gelassenheit, die Bisons offenbar perfektioniert haben, und vermittelte eher den Eindruck, dass es ganz bewusst seine Ruhe wollte. Vielleicht hatte es die Herde auch einfach satt. Kann passieren. Jedenfalls wirkte es nicht im Mindesten bedauernswert, sondern eher wie jemand, der sich gerade sehr erfolgreich sämtlichen Verpflichtungen entzogen hatte. Je länger ich es ansah, desto sympathischer wurde mir das Konzept.

Unser nächstes großes Ziel war das Norris Geyser Basin, und wieder veränderte sich die Landschaft komplett. Im Porcelain Basin dominierte plötzlich Weiß. Der Boden wirkte ausgebleicht und mineralisch, dazwischen lagen milchig-blaue Wasserflächen, gelbliche Ablagerungen und überall kleine Dampffahnen. Ein Boardwalk führte durch diese merkwürdig helle Landschaft, die tatsächlich ein wenig an Porzellan erinnerte – wenn jemand beschlossen hätte, eine komplette Landschaft daraus zu bauen und anschließend an mehreren Stellen heißes Wasser hindurchzupumpen.
Norris gehört zu den besonders aktiven geothermischen Gebieten des Yellowstone, und entsprechend wenig vertrauenerweckend wirkte manches hier. Überall zischte und dampfte es, Wasser kochte in kleinen Becken und aus Spalten stieg heißer Dampf. Trotzdem – oder wahrscheinlich gerade deshalb – war es wunderschön. Nach all den farbenprächtigen Quellen rund um Old Faithful und Midway hatte Norris eine ganz andere Atmosphäre. Heller, karger, beinahe unwirklich.

Und dann war da natürlich noch der Steamboat Geyser. Er gilt als der größte aktive Geysir der Welt und kann bei einer großen Eruption Wasser bis zu etwa 90 Meter hoch in die Luft schleudern. Das Problem an der Sache: Steamboat interessiert sich überhaupt nicht dafür, ob gerade jemand mit Kamera vor ihm steht. Seine großen Ausbrüche sind vollkommen unregelmäßig und können lange auf sich warten lassen. Zu dieser Zeit hatte es in vielen Jahren nur wenige größere beziehungsweise kleinere Aktivitätsphasen gegeben. Kurz gesagt: Die Wahrscheinlichkeit, dass er ausgerechnet in den paar Minuten explodieren würde, in denen wir davorstanden, war überschaubar.
Wir warteten trotzdem ein bisschen. Man weiß ja nie. Steamboat wusste offenbar doch. Er tat nichts. Nun kann man einem Geysir schlecht eine schlechte Arbeitsmoral vorwerfen, also nahmen wir es hin und liefen weiter durch das Basin. Selbst ohne die große 90-Meter-Show gab es genug zu sehen. Kleine Quellen dampften, Wasser floss über gelbe und orange Ablagerungen und irgendwo zischte immer irgendetwas aus dem Boden. Man musste sich zwischendurch wirklich bewusst machen, dass all das keine künstlich angelegte Attraktion war. Yellowstone machte das alles ganz allein – seit sehr langer Zeit und völlig unabhängig davon, ob wir gerade mit einer Kamera danebenstanden.

Von Norris aus nahmen wir anschließend die Norris Canyon Road in Richtung Osten. Nach mehreren Stunden mit Geysiren, heißen Quellen, Schlamm und Schwefel wechselte Yellowstone jetzt noch einmal komplett das Bühnenbild. Unser nächstes Ziel war der Grand Canyon of the Yellowstone.
Schon der erste Blick in den Canyon machte deutlich, dass dieser Park offenbar keinerlei Interesse an Zurückhaltung hatte. Der Yellowstone River hatte sich tief in das Gestein eingeschnitten, die Canyonwände leuchteten in Gelb-, Orange-, Weiß- und Rottönen und weit unten zog sich der Fluss durch die Schlucht. Am Lower Falls stürzten die Wassermassen fast 100 Meter in die Tiefe. Nach all dem Blubbern und Zischen des Vormittags war das hier eine völlig andere Form von Naturgewalt – nicht geheimnisvoll unter unseren Füßen, sondern laut und unübersehbar direkt vor uns.
Wir fuhren den North Rim Drive entlang und hielten zunächst am Bereich der Lower Falls. Schon von oben war die Dimension schwer zu begreifen. Auf Fotos sieht so ein Canyon schnell hübsch aus. Vor Ort steht man dagegen am Rand und merkt erst, wie absurd tief es dort hinuntergeht. Der Fluss, der eben noch irgendwo friedlich durch Yellowstone geflossen war, verschwand plötzlich als gewaltiger weißer Wasserstreifen in der Schlucht.

Am Lookout Point machten wir uns noch auf den Weg Richtung Red Rock Point. Der Weg war zwar nicht besonders lang, dafür aber steil genug, um einem bereits auf dem Hinweg diskret mitzuteilen, dass man später selbstverständlich alles wieder hinauf müsse. Der Ausblick entschädigte allerdings für solche organisatorischen Details. Von hier lag der Lower Fall perfekt vor uns, eingerahmt von den farbigen Canyonwänden. Das Wasser stürzte mit unglaublicher Wucht in die Tiefe, darüber hing feiner Sprühnebel und rundherum leuchteten die Felsen in Farben, die man einem Canyon ohne fotografischen Beweis vermutlich ein wenig übertrieben hätte.
Am Inspiration Point gab es schließlich noch einmal den großen Blick in die Schlucht. Und langsam gingen uns tatsächlich die passenden Adjektive aus. „Wow“ hatte inzwischen Überstunden, „unglaublich“ war seit zwei Tagen im Dauereinsatz und „atemberaubend“ hätte eigentlich Anspruch auf eine Mittagspause gehabt. Also standen wir einfach da und schauten. Manchmal reicht das völlig.

Danach hatten wir noch einmal eine längere Fahrt vor uns. Rund anderthalb Stunden später erreichten wir Mammoth, das Verwaltungszentrum im Norden des Yellowstone. Und wieder sah alles anders aus. Nach den einsamen Straßen, Wäldern und geothermischen Gebieten tauchte plötzlich etwas auf, das fast wie ein kleines Dorf wirkte: Hotel, Restaurant, Souvenirladen, Tankstelle, Postamt, Kapelle, Verwaltungsgebäude und Wohnhäuser der Parkmitarbeiter. Nach Tagen mitten im Yellowstone kam einem das beinahe schon großstädtisch vor.
Die eigentlichen Hausherren von Mammoth schienen allerdings die Elks zu sein. Auf den gepflegten Rasenflächen lagen und standen mehrere Tiere herum und machten keinerlei Anstalten, sich von Menschen oder Autos beeindrucken zu lassen. Offenbar hatten sie irgendwann festgestellt, dass der Rasen rund um die Gebäude hervorragend gepflegt wurde und man hier ausgesprochen komfortabel wohnen konnte. Warum sollte man sich schließlich irgendwo mühsam durch die Wildnis schlagen, wenn die Nationalparkverwaltung einem praktisch den Vorgarten mäht?

Inzwischen meldete sich allerdings etwas, das wir trotz aller Naturwunder nicht dauerhaft ignorieren konnten: Hunger. Also kehrten wir im Terrace Grill ein und bestellten Burger mit Pommes. Nach einem Vormittag, an dem wir bereits mehrere Kilometer über Boardwalks gelaufen, diverse Geysire besichtigt und einen Canyon hinunter und wieder hinaufgekraxelt waren, hatte niemand von uns das Bedürfnis nach einem filigranen Salatarrangement. Ein ordentlicher Burger erschien vollkommen angemessen.
Danach waren wir bereit für den letzten großen Yellowstone-Programmpunkt: Mammoth Hot Springs. Zunächst nahmen wir den etwa 2,4 Kilometer langen Upper Terrace Drive, eine Einbahnstraße, die sich durch die höher gelegenen Terrassen schlängelt. Nach den dampfenden Becken des Vormittags erwartete uns hier wieder etwas völlig anderes. Das heiße, kalkhaltige Wasser hatte über lange Zeit mächtige Ablagerungen geschaffen, die eher aussahen wie erstarrte Wasserfälle oder riesige, bizarre Skulpturen.
Besonders auffällig war der Orange Spring Mound, der seinem Namen keinerlei Interpretationsspielraum ließ. Vor uns erhob sich ein kräftig orange gefärbter Kalkhügel, über den an verschiedenen Stellen Wasser lief. Die Farben entstehen durch Mikroorganismen, die unter den extremen Bedingungen im heißen Wasser leben – ein Zusammenhang, den man hier überall im Yellowstone sieht und der trotzdem jedes Mal wieder erstaunlich ist. Wo man zunächst einfach nur „orangefarbener Stein“ sieht, arbeitet in Wirklichkeit ein ziemlich komplexes kleines Ökosystem.

Nach der Rundfahrt stellten wir das Auto ab und wechselten wieder auf die Boardwalks der Lower und Main Terraces. Und spätestens hier verstand man, warum Mammoth Hot Springs auf Bildern manchmal aussieht, als hätte jemand eine gigantische Hochzeitstorte in die Landschaft gestellt. Weißer Kalk lag in unzähligen Stufen übereinander, Wasser rann über Kanten und kleine Becken, dazwischen leuchteten Gelb, Orange, Braun und stellenweise Grün.

Manche Bereiche wirkten vollkommen trocken und fast tot, wenige Meter weiter floss wieder heißes Wasser über die Terrassen und färbte sie intensiv. Genau das machte Mammoth so interessant: Diese Landschaft ist nicht fertig. Quellen versiegen, neue Wasserwege entstehen, andere Bereiche werden wieder aktiv. Was heute weiß und trocken ist, kann irgendwann anders aussehen – und was gerade farbenprächtig überströmt wird, muss nicht für immer so bleiben. Yellowstone baut hier gewissermaßen permanent um, nur ohne Bauantrag und mit einer etwas großzügigeren Zeitplanung.
Die Minerva Terrace zeigte besonders schön diese filigranen Stufen und Kalkkaskaden. An anderen Stellen wirkten die Ablagerungen dagegen massiv, beinahe wie gefrorene Wasserfälle. Bei der Cleopatra Terrace, der Jupiter Terrace, den Palette Springs und all den anderen Formationen wechselten Farben und Strukturen ständig. Weiß ging in Creme über, daneben erschienen Gelb- und Orangetöne, und dort, wo Wasser über die Terrassen lief, leuchteten plötzlich kräftigere Farben.
Besonders die Palette Spring machte ihrem Namen alle Ehre. Über die hellen Kalkterrassen liefen Wasser und farbige Ablagerungen in Rot-, Gelb-, Orange- und Grüntönen, als hätte jemand einen Malkasten ausgeschüttet und anschließend beschlossen, dass Aufräumen völlig überschätzt wird. Dazu dieses ständige leise Plätschern und Dampfen. Nach all den Geysiren, Schlammtöpfen und heißen Quellen der vergangenen Tage hätte man meinen können, wir wären geothermisch inzwischen ein wenig abgestumpft. Waren wir aber nicht.
Irgendwann standen wir schließlich am Ende des Boardwalks und wussten: Das war es. Goodbye Yellowstone.
Drei Tage lang hatte uns dieser Park praktisch im Minutentakt gezeigt, dass er keinerlei Interesse daran hatte, sich auf irgendeine Landschaftsform festzulegen. Geysire, tiefblaue Quellen, orangefarbene Bakterienmatten, brodelnder Schlamm, stinkende Erdöffnungen, Bisons, Elks, Wälder, Wasserfälle, ein gewaltiger Canyon und zum Abschluss diese weißen Sinterterrassen. Man fährt ein paar Meilen weiter und könnte glauben, inzwischen in einem völlig anderen Nationalpark angekommen zu sein. Nur der gelegentliche Schwefelgeruch erinnert zuverlässig daran, dass Yellowstone unter der hübschen Oberfläche noch immer auf einem gewaltigen Vulkan sitzt. Eine Information, über die man besser nicht allzu lange nachdenkt, während man darauf herumläuft.
Wir fuhren durch den nördlichen Parkausgang nach Gardiner und bezogen dort unser Zimmer in der Yellowstone Travelodge. Nach diesem Tag brauchten wir keine weitere Sehenswürdigkeit mehr. Wir brauchten Essen. Und zwar etwas Ordentliches.
In Gardiner fanden wir schließlich die Cowboy’s Lodge & Grill, die schon optisch ziemlich genau das versprach, wonach uns gerade war: rustikal, unkompliziert und garantiert kein Ort, an dem jemand drei Petersilienblätter kunstvoll auf einem überdimensionierten Teller arrangierte und das anschließend Abendessen nannte. Auf den Tisch kamen unter anderem St. Louis Style Pork Ribs und ein Buffalo Burger – was nach der Begegnung mit unserem einsamen Bison vom Vormittag zugegebenermaßen eine gewisse moralische Inkonsistenz in unseren Tagesablauf brachte. Darüber beschlossen wir beim Essen lieber nicht weiter nachzudenken.
Danach war endgültig Feierabend. Zurück im Zimmer der Travelodge brauchten wir weder Unterhaltungsprogramm noch große Abendplanung. Hinter uns lag einer dieser Tage, an denen man morgens glaubt, man fahre einfach nur von Old Faithful nach Gardiner, und abends feststellt, dass dazwischen ein Regenbogen, eine Grand Prismatic Spring, mehrere Geysire, ein Schlammtopf mit Körperverletzungsabsicht, ein einsames Bison, Norris, ein fast hundert Meter hoher Wasserfall, ein gigantischer Canyon, Elks auf gepflegtem Rasen und ein halber geologischer Grundkurs gelegen hatten. Für einen einzigen Tag war das ziemlich ordentlich. Und Yellowstone hatte sich seinen Abschied wirklich nicht leicht gemacht.





































