Der letzte Tag – San Francisco gibt noch einmal alles
Der letzte Morgen einer Reise hat ja immer etwas Gemeines. Man wacht auf, weiß ganz genau, dass später ein Flughafen auf dem Programm steht, und versucht trotzdem so zu tun, als wäre das ein völlig normaler Urlaubstag. Unser Inn on Broadway unterstützt diese Verdrängungsstrategie allerdings nur bedingt, denn Frühstück gibt es hier keines. Also müssen wir raus. Und wenn man in Amerika schon frühstücken gehen muss, dann bitte auch so, dass hinterher niemand behaupten kann, man hätte den Tag mit einem Joghurt begonnen. Wir landen bei Denny’s und bestellen entsprechend vernünftig: einmal eine Pfanne, in der Kartoffeln, Gemüse, Eier und diverse andere Dinge offenbar beschlossen haben, gemeinsam den Kalorienhaushalt eines mittelgroßen Dorfes zu übernehmen, und einmal Sirloin Steak mit Kartoffelpüree und Knoblauchbrot. Zum Frühstück. Natürlich. In Amerika ist Steak morgens keine schlechte Angewohnheit, sondern vermutlich eine ausgewogene Mahlzeit, sobald irgendwo ein Stück Obst auf dem Tisch steht. Und tatsächlich liegt auf unserem Tisch sogar Obst. Damit dürfte ernährungswissenschaftlich alles geklärt sein.
Nach diesem eher robusten Start in den Tag können wir jedenfalls ausschließen, unterwegs wegen Unterzuckerung zusammenzubrechen, und machen uns auf zu unserer letzten Runde durch San Francisco. Das Gepäck ist verstaut, das Auto haben wir wieder unter uns, und bevor wir es später am Flughafen abgeben müssen, soll es noch einmal arbeiten. Unser erster Halt ist die Lombard Street, genauer gesagt natürlich jener berühmte kleine Abschnitt zwischen Hyde und Leavenworth Street, der in acht engen Haarnadelkurven den Russian Hill hinunterführt. Wir sind früh genug dran, dass hier noch erstaunlich wenig los ist. Keine endlosen Autoschlangen, keine Touristenhorden, die sich gegenseitig aus dem Bild fotografieren, sondern tatsächlich so etwas wie Ruhe. San Francisco hat offenbar morgens kurz eine Ladehemmung, bevor der tägliche Wahnsinn startet.

Die Lombard Street sieht in natura immer ein bisschen so aus, als hätte ein Straßenplaner irgendwann festgestellt, dass die Straße für den Hang eigentlich viel zu steil ist, und daraufhin mit einem Lineal, acht Kurven und einer gewissen Portion Verzweiflung improvisiert. Zwischen den Kehren liegen gepflegte Blumenbeete und Häuser, deren Bewohner vermutlich längst gelernt haben, dass vor ihrem Wohnzimmer täglich Menschen aus aller Welt stehen und ihre Einfahrt fotografieren. Für uns ist das natürlich großartig. Wir laufen herum, wechseln ständig die Perspektive und fotografieren die Straße von oben, von unten und von der Seite. Besonders schön ist der Blick über die Kurven hinweg auf die Stadt, die dahinter wieder einmal einfach den nächsten Hügel hinunterpurzelt. In San Francisco scheint horizontal bauen grundsätzlich als mangelnde Fantasie zu gelten.
Von der Lombard Street fahren wir weiter Richtung Telegraph Hill. Schon die Fahrt dorthin ist wieder typisch San Francisco: bergauf, bergab, nächste Kreuzung, wieder bergauf, und zwischendurch taucht irgendwo zwischen Häusern plötzlich die Bucht auf. Oben steht der Coit Tower, und von hier eröffnet sich uns noch einmal ein herrlicher Blick über die Stadt. Die Skyline liegt vor uns, die Transamerica Pyramid ragt unverkennbar aus dem Häusermeer, dahinter schimmert die Bay, und überall verteilen sich diese dicht bebauten Hügel, die San Francisco so unverwechselbar machen.
Wir stehen eine ganze Weile dort oben und schauen über die Stadt. Gestern haben wir San Francisco hauptsächlich mittendrin erlebt – Cable Cars, Fisherman’s Wharf, Chinatown, Union Square, Menschen, Verkehr und Seelöwen mit ausgeprägtem Nachbarschaftskonflikt. Von hier oben wirkt plötzlich alles erstaunlich friedlich. Man sieht die Straßen, die Häuser und die Hochhäuser, aber nicht mehr das Gewusel dazwischen. San Francisco aus sicherer Entfernung ist fast schon verdächtig ordentlich.
Noch haben wir Zeit. Und weil man San Francisco nicht verlassen kann, ohne wenigstens noch einmal bei der Golden Gate Bridge vorbeizuschauen, fahren wir anschließend Richtung Norden. Jetzt zeigt die Stadt allerdings, dass sie nicht vorhat, uns zum Abschied ausschließlich Postkartenwetter zu schenken. Während wir eben noch unter recht freundlichem Himmel unterwegs waren, hängt an der Golden Gate Bridge der Nebel. Und zwar nicht ein bisschen dekorativ an irgendeinem Hügel, sondern richtig. Die oberen Bereiche der Türme verschwinden teilweise im Grau, Wolken ziehen über die Fahrbahn, und aus der berühmtesten Brücke Kaliforniens wird innerhalb weniger Minuten eine ziemlich eindrucksvolle Kulisse für einen Hitchcock-Film.
Aber eigentlich passt genau das perfekt. Die Golden Gate Bridge ohne Nebel wäre schließlich fast schon verdächtig. Also fahren wir hinüber und anschließend zu einem Aussichtspunkt auf der Marin-Seite. Dort stehen wir vor diesem gewaltigen roten Bauwerk, das sich über die Bucht spannt und dessen südlicher Turm zeitweise einfach irgendwo in den Wolken endet. Das Wetter ist fotografisch nicht unbedingt das, was man bestellt hätte, aber dafür bekommen wir die Bridge in ihrer vielleicht typischsten Variante. Und ganz ehrlich: Bilder von der Golden Gate Bridge bei blauem Himmel habe ich zu Hause ohnehin genug. Heute bekommen wir eben die dramatische Ausgabe.
Natürlich entstehen trotzdem reichlich Fotos. Die Kamera kennt schließlich keinen Tarifvertrag und muss bis zum letzten Urlaubstag durchhalten. Wir fotografieren die Brücke allein, die Brücke mit Nebel, die Brücke mit noch mehr Nebel und schließlich auch uns vor der Brücke, damit später zweifelsfrei dokumentiert ist, dass wir tatsächlich dort waren und nicht lediglich einen Kalender abfotografiert haben. Hinter uns liegt San Francisco, vor uns verschwindet die Brücke immer wieder in den Wolken, und langsam beginnt sich dieses merkwürdige Gefühl einzuschleichen, das am letzten Urlaubstag irgendwann unvermeidlich auftaucht: Jetzt sind wir tatsächlich dabei, uns zu verabschieden.
Doch für Sentimentalitäten ist noch keine Zeit. Wir haben schließlich noch einen Aussichtspunkt auf dem Programm, und der wartet auf der anderen Seite der Stadt. Also wieder zurück und hinauf zu den Twin Peaks. San Francisco wäre allerdings nicht San Francisco, wenn das Wetter dort genauso aussähe wie an der Golden Gate Bridge. Während wir eben noch im Nebel standen, klart es auf dem Weg quer durch die Stadt immer weiter auf. Und oben angekommen ist der Himmel plötzlich blau. Einfach so. Offenbar besitzt San Francisco mehrere Klimazonen pro Straßenzug und verteilt sie nach Tagesform.
Der Blick von den Twin Peaks ist dafür fantastisch. Unter uns breitet sich die ganze Stadt aus, Downtown steht als kompakte Skyline in der Ferne, dahinter liegt die Bay und rundherum ziehen sich Häuserblöcke scheinbar endlos über die Hügel. Von hier oben erkennt man erst richtig, wie groß San Francisco ist und wie eng alles ineinandergreift. Straßen schneiden schnurgerade durch die Viertel, bis ihnen irgendein Hügel dazwischenkommt, Häuser bedecken nahezu jede verfügbare Fläche und mittendrin erhebt sich die Skyline. Wir laufen ein Stück herum, fotografieren, schauen und fotografieren noch einmal. Schließlich sind wir uns völlig uneigennützig einig, dass auch ein Bild von uns vor dieser Aussicht unbedingt erforderlich ist. Ein freundlicher Mensch übernimmt die Kamera, und so entsteht eines dieser Fotos, die später vermutlich mehr über eine Reise erzählen als hundert Landschaftsbilder: Stefan, unsere Tochter und ich, etwas zerzaust von zweieinhalb Wochen Roadtrip, hinter uns ganz San Francisco.
Und genau hier oben wird mir langsam bewusst, was wir in den vergangenen Wochen eigentlich alles erlebt haben. Wir sind durch eine Landschaft nach der anderen gefahren, haben Berge, Seen, Wälder und Küsten gesehen, sind auf Straßen unterwegs gewesen, bei denen allein die Fahrt schon zum Tagesprogramm gehörte, haben Orte besucht, die vorher nur Punkte auf einer Karte waren, und stehen jetzt am Ende dieser ganzen Runde über San Francisco. So ein Roadtrip fühlt sich unterwegs immer erstaunlich selbstverständlich an. Morgens steigt man ins Auto, fährt zum nächsten Ziel, schaut, staunt, fotografiert, sucht etwas zu essen und fällt abends ins Bett. Erst am letzten Tag merkt man plötzlich, wie viele einzelne Geschichten sich dabei angesammelt haben.
Irgendwann hilft aber auch die schönste Aussicht nichts: Unser Flug wartet nicht darauf, bis wir emotional mit der Reise fertig sind. Also steigen wir wieder ins Auto und fahren ein letztes Mal die Hügel hinunter. Einen Zwischenstopp schaffen wir allerdings noch. Starbucks. Wenn schon Abschied, dann wenigstens mit Koffein. Danach führt der Weg endgültig Richtung San Francisco International Airport.

Dort beginnt das bekannte Rückreiseprogramm. Mietwagen abgeben, Gepäck organisieren, Terminal suchen, einchecken und sich langsam wieder daran gewöhnen, dass ab jetzt andere Menschen bestimmen, wohin man sich bewegen darf. Nach zweieinhalb Wochen, in denen unser Auto praktisch unser mobiles Hauptquartier war, geben wir den Schlüssel ab und sind schlagartig wieder Fußvolk. Das ist jedes Mal ein erstaunlich trauriger Moment. Nicht weil mir der Mietwagen inzwischen persönlich ans Herz gewachsen wäre, sondern weil mit der Schlüsselübergabe endgültig klar ist: Der Roadtrip ist vorbei.
Am International Terminal wartet immerhin ein würdiges Transportmittel auf uns. Draußen stehen die großen Maschinen, darunter Lufthansa, und schließlich unser Airbus A380. Dieser Flieger ist selbst aus einiger Entfernung absurd groß. Man schaut ihn an und fragt sich unweigerlich, wie etwas mit zwei Stockwerken und gefühlt der Grundfläche eines Einkaufszentrums überhaupt vom Boden wegkommen soll. Die Physik behauptet, das funktioniere. Wir vertrauen ihr.

Nach dem Boarding rollen wir über das Vorfeld, die Startbahn kommt näher und dann passiert dieser Moment, den ich beim Rückflug nie besonders mag: Die Triebwerke werden lauter, der A380 beschleunigt und Kalifornien beginnt unter uns kleiner zu werden. Kurz nach dem Start bekommen wir dafür noch einmal ein Abschiedsgeschenk. San Francisco liegt unter uns, die Bay Bridge zieht sich über das Wasser, Downtown steht dicht gedrängt an der Bucht und zwischen einigen Wolkenlücken erkennen wir noch einmal die Stadt, in der wir wenige Stunden zuvor herumgefahren sind. Aus der Luft sieht plötzlich alles winzig aus. Die steilen Straßen, die uns eben noch beschäftigt haben, sind nur noch dünne Linien, Hochhäuser werden zu kleinen Klötzchen und irgendwo da unten liegen Lombard Street, Fisherman’s Wharf und all die anderen Orte, die gestern noch unser Tagesprogramm bestimmt haben.
Dann dreht die Maschine weiter, die Küste verschwindet und unter uns liegt wieder Landschaft. Berge, Wasser, Wolken – und irgendwann erkenne ich sogar noch einmal den Lake Tahoe. Ausgerechnet den. Als wollte diese Reise zum Schluss noch einmal kurz durch ihre eigenen Kulissen blättern.

Im Flugzeug beginnt anschließend die eigentliche Langstreckenbeschäftigung. Wir haben schließlich Tausende Fotos produziert, und irgendwann muss jemand diesen digitalen Berg sortieren. Also wird angeschaut, gelöscht, verschoben und wahrscheinlich bei jedem dritten Bild festgestellt, dass wir offenbar der Meinung waren, ein Motiv werde grundsätzlich besser, wenn man es siebenmal fotografiert. Auf einem Transatlantikflug hat man dafür immerhin Zeit. Sehr viel Zeit.
Während draußen irgendwann nur noch Wolken und Atlantik vorbeiziehen, entstehen im Kopf längst die nächsten Projekte. Aus den Fotos soll natürlich wieder ein Fotobuch werden, eine Diashow ebenfalls, und unsere Reise soll auf die Internetseite. All diese Bilder müssen schließlich irgendwohin. Sie einfach auf einer Festplatte verschwinden zu lassen wäre ungefähr so, als hätte man zweieinhalb Wochen lang Beweismaterial gesammelt und würde anschließend die Akte ungeöffnet in den Keller stellen.
Damit schließt sich für uns dieser Roadtrip. Was als Reiseplanung mit einer Route auf der Karte begonnen hat, ist jetzt eine ziemlich gewaltige Sammlung aus Bildern, Geschichten und Erinnerungen. Und natürlich hält dieser Zustand der vernünftigen Reise-Nachbereitung nicht besonders lange an. Denn während wir noch über den Atlantik fliegen und eigentlich gerade erst nach Hause unterwegs sind, steht das nächste USA-Abenteuer längst fest: Für September 2015 sind die Flüge nach Los Angeles bereits gebucht.
Man könnte jetzt behaupten, wir hätten nach zweieinhalb Wochen Amerika erst einmal genug.
Das wäre allerdings eine ziemlich schlechte Kenntnis unserer Reiseplanung.





















