Von Redding nach San Francisco – erst Kriegstanz, dann Großstadtzirkus
Unser letzter richtiger Roadtrip-Tag beginnt in Redding. Zweieinhalb Wochen liegen inzwischen hinter uns, und obwohl San Francisco heute unser Ziel ist, schaffen wir es natürlich nicht, einfach den Wagen Richtung Süden zu drehen und vernünftig Kilometer zu machen. Das wäre ja beinahe professionelles Reisen. Stattdessen fahren wir nach dem Frühstück zunächst noch einmal ein Stück nach Norden, denn dort wartet der Shasta Lake mit dem Shasta Dam. Nach all den Küstenkilometern der vergangenen Tage sieht die Landschaft plötzlich wieder völlig anders aus: tiefblaues Wasser zwischen bewaldeten Bergen, dazwischen kahle, rötlich-braune Uferzonen und diese gewaltige Staumauer, die sich quer durch das Tal legt. Der See wirkt von oben fast unwirklich schön, und natürlich dauert es nicht lange, bis wir irgendwo stehen und fotografieren. Das mit dem „nur kurz anschauen“ haben wir auf dieser Reise ohnehin nicht besonders erfolgreich praktiziert.
Noch bevor wir uns ausführlich dem See widmen können, entdecken wir allerdings etwas, womit wir überhaupt nicht gerechnet haben. Auf einem Platz in der Nähe findet eine Zeremonie von Angehörigen der Winnemem Wintu statt. Traditionelle Kleidung, Trommeln, Gesang, Tanz – und wir stehen erst einmal etwas ratlos daneben und versuchen einzuordnen, was wir da gerade sehen. Ein Park Ranger erklärt uns schließlich den Hintergrund: Die Winnemem Wintu protestieren hier gegen Pläne, die Staumauer des Shasta Dam zu erhöhen. Für sie ist das keine folkloristische Vorführung für Touristen, sondern eine ernste Angelegenheit, weil eine weitere Anhebung des Wasserspiegels Gebiete betreffen würde, die für sie kulturell und spirituell von großer Bedeutung sind. Was aus der Entfernung zunächst beinahe wie eine Filmszene aussieht, bekommt damit ziemlich schnell eine andere Dimension.
Wir bleiben bewusst etwas abseits und beobachten eine Weile. Das Ganze ist faszinierend, gerade weil wir hier zufällig hineingeraten sind und niemand für uns eine touristische Show veranstaltet. Einer der Männer trägt traditionellen Federschmuck und bewegt sich zum Rhythmus der Trommeln, während ringsum das ganz normale amerikanische Ausflugsleben weitergeht. Dieser Kontrast ist schon bemerkenswert: auf der einen Seite der riesige Staudamm als monumentales Bauwerk, auf der anderen Menschen, die genau wegen dieses Bauwerks und seiner möglichen Erweiterung um ihre Heimat und ihre Traditionen kämpfen. Das ist einer dieser ungeplanten Stopps, die einem plötzlich mehr über einen Ort erzählen als jedes Besucherzentrum.
Danach gehört unsere Aufmerksamkeit wieder dem Shasta Lake. Und der macht es einem ausgesprochen leicht, einfach noch ein bisschen stehenzubleiben. Das Wasser liegt tiefblau zwischen den Bergen, kleine Inseln ragen heraus, und rundherum ziehen sich die Ausläufer der Klamath Mountains bis zum Horizont. Die deutlich sichtbaren hellen und braunen Flächen an den Ufern zeigen allerdings auch, dass der Wasserstand nicht gerade auf Rekordniveau liegt. Trotzdem ist der Blick fantastisch. Also entstehen noch ein paar Fotos. Und noch ein paar. Schließlich muss man bei einem Roadtrip Prioritäten setzen, und ausreichend Bildmaterial für Menschen zu Hause, die später höflich sagen können „Ach, schön“, gehört offenbar dazu.
Irgendwann verabschieden wir uns vom Shasta Lake und drehen endgültig nach Süden. Jetzt heißt das Ziel San Francisco, ungefähr drei Stunden entfernt, und diesmal gibt es tatsächlich keine größeren Zwischenstopps mehr. Die Interstate 5 übernimmt wieder das Kommando, und Kalifornien zieht kilometerweise an uns vorbei. Nach den spektakulären Küstenstraßen der vergangenen Tage ist das nicht unbedingt die Strecke, bei der man alle fünf Minuten „Wow!“ ruft. Dafür kommen wir voran, was angesichts unserer bisherigen Fähigkeit, aus jedem Aussichtspunkt ein kleines Tagesprogramm zu machen, durchaus bemerkenswert ist.
Je näher wir der Bay Area kommen, desto dichter wird der Verkehr. Aus Landschaft wird Vorstadt, aus Vorstadt wird Großraum, die Fahrspuren vermehren sich und irgendwann stehen wir vor diesen gigantischen Mautanlagen, bei denen man als europäischer Autofahrer für einen kurzen Moment das Gefühl bekommt, versehentlich auf die Startaufstellung eines NASCAR-Rennens geraten zu sein. Vor uns liegen gefühlt vierzig Fahrspuren, über jeder hängt irgendeine Beschriftung, und alle anderen scheinen selbstverständlich genau zu wissen, wohin sie müssen. Nur wir betreiben kurzfristig Verkehrszeichen-Sudoku.
Dann geht es über die Bay Bridge nach San Francisco. Und nein, heute bekommen wir nicht die Golden Gate Bridge als großes Einfahrtsportal serviert. Wir kommen von Oakland und nehmen deshalb die Oakland Bay Bridge – was landschaftlich nun wirklich kein Trostpreis ist. Vor uns spannt sich die gewaltige Brücke über die Bucht, rechts taucht die Skyline von San Francisco auf, und spätestens jetzt ist klar: Der Roadtrip geht in seine letzte Runde. Nach Bergen, Wäldern, Pazifikküste und endlosen Highways fahren wir wieder mitten hinein in eine Stadt, die schon aus der Entfernung so aussieht, als hätte jemand beim Städtebau beschlossen, ebene Straßen seien etwas für Anfänger.

Unser Quartier für die letzte Nacht ist das Inn on Broadway, und das hat einen Vorteil, der in San Francisco ungefähr denselben Stellenwert besitzt wie ein Lottogewinn: Wir können unser Auto kostenlos am Hotel parken. Das Zimmer ist noch nicht fertig, aber das interessiert uns herzlich wenig. Das Auto darf bereits bleiben, und damit ist das wichtigste Problem gelöst. San Francisco mit dem Mietwagen zu erkunden gehört schließlich ungefähr in dieselbe Kategorie wie freiwillig einen Einkaufswagen mit kaputtem Rad durch ein Parkhaus zu schieben – theoretisch möglich, aber warum sollte man sich das antun? Außerdem liegt das Hotel verkehrstechnisch hervorragend. Eine Bushaltestelle befindet sich praktisch vor der Tür und zur nächsten Cable-Car-Linie ist es ebenfalls nicht weit. Und weil wir das Inn auch noch günstig über Hotwire erwischt haben, dürfen wir uns für einen kurzen Moment für ausgesprochen clevere Reiseplaner halten.
Wir nehmen zunächst den Bus Richtung Fisherman’s Wharf. Zwei Dollar kostet die Fahrt, und unten angekommen besorgen wir uns bei Walgreens einen Drei-Tages-Pass für die öffentlichen Verkehrsmittel. Drei Tage brauchen wir zwar gar nicht mehr, aber entscheidend ist etwas anderes: Cable Cars sind dabei. Und wenn man schon in San Francisco ist, dann fährt man Cable Car. Das ist keine Frage der effizienten Fortbewegung. Das ist ungefähr so, als würde man in Venedig erklären, eine Gondel sei eigentlich ein ziemlich unpraktisches Verkehrsmittel. Natürlich ist sie das. Genau deshalb will man damit fahren.
Zunächst bleiben wir allerdings zu Fuß und marschieren zum Pier 39. Dort liegt, brüllt, schubst und stinkt bereits eine der bekanntesten Wohngemeinschaften Kaliforniens: die Seelöwen. Dutzende Tiere haben sich auf den schwimmenden Plattformen verteilt und demonstrieren eindrucksvoll, dass man einen ganzen Tag mit Herumliegen verbringen und trotzdem permanent Streit mit seinen Nachbarn haben kann. Einer möchte schlafen, ein anderer möchte genau auf dessen Platz, Nummer drei wirft sich mitten hinein und anschließend brüllen alle Beteiligten empört durcheinander. Im Grunde eine Eigentümerversammlung, nur mit Flossen. Wir könnten ihnen ewig zuschauen. Besonders fotogen sind natürlich diejenigen, die sich zwischendurch aufrichten und mit einem Gesichtsausdruck in die Kamera schauen, als gehörte der Pier eigentlich ihnen und wir sollten gefälligst Eintritt bezahlen.
Danach beginnen wir unsere übliche Inspektion des Fisherman’s Wharf. Und „Inspektion“ ist durchaus wörtlich gemeint. Shops, Souvenirläden, kleine Buden, Schaufenster – wir arbeiten uns gewissenhaft durch das touristische Angebot. Fisherman’s Wharf ist vollkommen überdreht, bunt, laut und touristisch bis in die letzte Holzplanke. Genau deshalb macht es Spaß. Hier versucht niemand, authentisches stilles San Francisco zu spielen. Hier steht San Francisco mit Leuchtreklame auf dem Tisch und ruft: Kauft einen Magneten! Dazwischen fährt ein Sightseeingbus vorbei, Alcatraz liegt dekorativ in der Bucht, überall laufen Menschen mit Kameras herum, und spätestens jetzt kommt mir wieder der Gedanke, den ich bei jedem Besuch habe: San Francisco ist eigentlich ein riesiger Freizeitpark, bei dem zufällig Menschen wohnen.
Natürlich gehört zu unserem persönlichen Pflichtprogramm auch das Hard Rock Cafe. Nach den Seelöwen, den Shops und ausreichend Kilometern zu Fuß sind Burger ohnehin ein vollkommen vernünftiger Programmpunkt. Also rein, essen, ein bisschen Rock’n’Roll-Dekoration anschauen und anschließend weiter. Urlaub ist schließlich keine Erholung, sondern eine logistische Herausforderung mit Essenspausen.
Danach ist endlich Cable-Car-Zeit. Und genau hier zeigt San Francisco seine vielleicht schönste Form von öffentlichem Nahverkehr. Diese Wagen rumpeln durch die Straßen, klingeln, knarzen und hängen sich an Steigungen, bei denen man in Deutschland vermutlich längst eine Seilbahn gebaut hätte. Besonders lustig ist, dass die Fahrt stark davon abhängt, welches Personal man erwischt. Manche Gripmen behandeln ihre Cable Cars mit der Ernsthaftigkeit eines Linienfluges: hier stehen, dort sitzen, nicht bewegen, Vorschrift ist Vorschrift. Andere machen aus jeder Fahrt eine kleine Show, unterhalten sich mit den Fahrgästen und scheinen mindestens genauso viel Spaß an dem Gefährt zu haben wie die Touristen. Wir bevorzugen selbstverständlich Kategorie zwei.
Wir fahren kreuz und quer durch die Stadt, vorbei an diesen typischen steilen Straßen, bei denen die nächste Kreuzung irgendwo gefühlt im dritten Stock liegt. Von den Wagen aus bekommt man San Francisco ohnehin am schönsten mit: Holzhäuser, Straßenschluchten, plötzlich ein Stück Bucht zwischen zwei Häuserblocks und immer wieder diese irrsinnigen Steigungen. Wenn man außen steht und sich festhält, bekommt das Ganze noch einen kleinen Hauch von Abenteuerpark. Sicherheitskonzepte waren damals offenbar etwas großzügiger ausgelegt. Genau das macht den Charme aus.
Am Union Square steigen wir aus und schauen uns eine Weile um. Hier ist San Francisco plötzlich weniger Pier und Seelöwen und mehr Großstadt: Hotels, Geschäfte, Kaufhäuser, Straßenbahnen, Menschen aus aller Welt und mittendrin der Platz als großes Wohnzimmer der Innenstadt. Von hier ziehen wir weiter durch die Straßen, vorbei an der Grace Cathedral und immer wieder mit Blicken hinunter Richtung Bucht. Alcatraz liegt draußen im Wasser wie bestellt, und egal wie oft man die Insel schon gesehen hat – sie zieht den Blick automatisch an. Vielleicht liegt es an all den Geschichten, vielleicht daran, dass ein ehemaliges Hochsicherheitsgefängnis mitten in einer der schönsten Buchten der Welt einfach eine ziemlich eigenartige Kombination ist.

Trotzdem gehört San Francisco für mich nicht zu den ganz großen Favoriten unter den amerikanischen Städten. Andere schwärmen davon als schönster Stadt der Welt; bei mir müsste sie sich eher irgendwo um Platz sechs herum einsortieren. New Orleans hat für mich mehr Seele, New York mehr Energie und Chicago begeistert mich mit seiner Architektur deutlich stärker. Aber das ist das Schöne an Städten: Sie müssen keinen objektiven Wettbewerb gewinnen. San Francisco kann bei mir Platz sechs sein und trotzdem einen Riesenspaß machen. Denn langweilig ist diese Stadt wirklich keine Sekunde. Sie hat Seelöwen, Cable Cars, Alcatraz, irrwitzige Straßen, die Golden Gate Bridge, Chinatown und genügend Fotomotive, um eine Speicherkarte nervös werden zu lassen. Man muss sie nicht zur schönsten Stadt der Welt erklären, um gerne hier zu sein.

Am späten Nachmittag landen wir schließlich in Chinatown, und dort ändert sich die Kulisse innerhalb weniger Straßenzüge komplett. Rote Laternen hängen über den Straßen, chinesische Schriftzeichen bedecken die Fassaden, Lebensmittelgeschäfte quellen beinahe auf den Gehweg hinaus und zwischen den bunten Gebäuden herrscht ein Gewusel, das mit dem touristischen Fisherman’s Wharf von vorhin kaum noch etwas gemeinsam hat. Besonders spannend wird es, als die Geschäfte langsam schließen. Lebensmittel werden reduziert, Händler räumen ihre Auslagen zusammen und plötzlich entsteht vor manchen Läden ein regelrechter kleiner Schlussverkauf. Menschen drängen sich um Obst, Gemüse und andere Waren, Preise werden heruntergesetzt, Tüten wechseln die Besitzer – und wir stehen mittendrin und schauen zu.
Genau solche Momente mag ich an San Francisco. Ein paar Stunden zuvor standen wir bei Seelöwen am Pier, dann hingen wir an einem Cable Car in einer absurd steilen Straße, und jetzt laufen wir unter roten Lampions durch Chinatown, während um uns herum der ganz normale Feierabend beginnt. Die Stadt wechselt ihre Kulissen schneller als ein Filmstudio.

Langsam wird es dämmrig und irgendwann machen auch wir uns auf den Rückweg zum Inn on Broadway. Hinter uns liegt ein Tag, der morgens noch am Shasta Lake begonnen hat – mit einem gewaltigen Staudamm und einer Zeremonie der Winnemem Wintu – und der nun mitten in San Francisco endet. Dazwischen lagen mehrere hundert Kilometer, die Bay Bridge, Seelöwen, Fisherman’s Wharf, Burger, Cable Cars, Union Square und Chinatown. Für einen „kurzen letzten Fahrtag“ haben wir das Programm also wieder einmal erstaunlich effizient eskalieren lassen.
Im Hotel wartet nun allerdings eine Aufgabe, gegen die selbst die Hügel von San Francisco harmlos wirken: Kofferpacken. Morgen fliegen wir nach Hause. Nach zweieinhalb Wochen Roadtrip müssen sämtliche Einkäufe, Souvenirs, Kleidungsstücke und Dinge, von denen wir inzwischen nicht mehr wissen, warum wir sie überhaupt mitgenommen haben, wieder in dieselben Koffer passen, in denen sie hergekommen sind. Rein physikalisch müsste das funktionieren. Praktisch wissen erfahrene USA-Reisende, dass sich Gepäck während eines Roadtrips auf geheimnisvolle Weise vermehrt.
Aber darum kümmern wir uns gleich. Erst einmal sitzen wir noch einen Moment da und lassen den Tag nachwirken. Morgen ist Schluss. Heute sind wir noch in San Francisco – und draußen klingelt irgendwo ein Cable Car durch die Nacht.








































