Vom Pazifik in die Nacht – mit Wal, Weltrekord und sehr viel Straße
Der Morgen im Sheltered Nook beginnt mit einer Erkenntnis, die sich auf amerikanischen Reisen immer wieder bestätigt: Ein Bed & Breakfast kann beim Frühstück entweder drei Scheiben Toast und ein Schälchen Marmelade auf den Tisch stellen – oder beschließen, dass seine Gäste anschließend für mindestens zwei Tage keine feste Nahrung mehr benötigen. Dee gehört eindeutig zur zweiten Fraktion. Als wir herunterkommen, wartet ein Frühstück auf uns, bei dem schon der Anblick sämtliche guten Vorsätze für den Rest des Tages erledigt. Bacon, Pancakes, frisches Obst und noch allerlei andere Dinge stehen auf dem Tisch, und Dee sorgt mit einer Selbstverständlichkeit für Nachschub, als hätte sie persönlich den Auftrag bekommen, uns für die gesamte Fahrt bis Kalifornien zu verpflegen.
Dabei erzählt sie uns, wie sie und Mark hierhergekommen sind und wie aus diesem etwas ungewöhnlichen Anwesen ihr B&B geworden ist. Wir sitzen also bei Kaffee und Frühstück zusammen, hören Geschichten, lachen viel und fühlen uns weniger wie zahlende Gäste als wie Leute, die zufällig gestern Abend durchs Tor gefahren sind und nun zur Familie gehören. Genau solche Unterkünfte bleiben hängen. Nicht unbedingt wegen der perfekten Zimmerausstattung oder der abenteuerlichen Suche nach der Dusche, sondern wegen der Menschen, die dahinterstecken.

Irgendwann müssen wir uns trotzdem losreißen, denn heute liegt Strecke vor uns. Viel Strecke. Unser erstes großes Ziel ist Coos Bay, knapp 300 Kilometer weiter südlich, und bis dorthin wollen wir der Küste folgen. Das Wetter spielt erneut in einer Liga, die man an der Küste Oregons nicht unbedingt bestellen kann: blauer Himmel, Sonne und eine Sicht, bei der selbst der Pazifik aussieht, als hätte jemand für unsere Fotos noch einmal kurz die Scheiben geputzt. Wir fahren auf dem Highway 101 Richtung Süden, und schon nach den ersten Kilometern wird klar, dass das heute keine Strecke ist, die man einfach nur abhakt.
Hinter beinahe jeder Kurve wartet eine neue Version von Oregon: steile Klippen, kleine Buchten, Felsen draußen im Wasser, kilometerlange Sandstrände und dazwischen immer wieder dichter Wald. Mal fährt die Straße fast auf Meereshöhe, dann klettert sie wieder nach oben und plötzlich liegt der Pazifik weit unter uns. Das ist landschaftlich ausgesprochen unpraktisch, wenn man eigentlich vorankommen möchte, denn ständig möchte irgendjemand anhalten. Mit „irgendjemand“ meine ich selbstverständlich uns.
Nach ungefähr 100 Kilometern landen wir in Depoe Bay, einem kleinen Küstenort, der mit einem ziemlich großen Titel wirbt: Hier soll sich der kleinste schiffbare Hafen der Welt befinden. Das muss man sich erst einmal auf der Zunge zergehen lassen. Andere Orte bauen gigantische Yachthäfen, Depoe Bay macht seinen Hafen möglichst klein und kommt damit ins Guinness-Buch der Rekorde. Auch eine Strategie. Tatsächlich wirkt das Hafenbecken zwischen den Häusern fast ein wenig hineingezirkelt, voll mit kleinen Booten, und drum herum hat sich alles angesiedelt, was Besucher zuverlässig zum Stehenbleiben bringt. Souvenirläden, Aussichtspunkte und natürlich der Pazifik direkt vor der Haustür. Außerdem erinnert der Ort an „Einer flog über das Kuckucksnest“, was unserer ohnehin ausgeprägten Schwäche für Filmkulissen natürlich nicht gerade entgegenwirkt. Wir schauen uns ein wenig um, fotografieren den berühmten Mini-Hafen und könnten damit eigentlich zufrieden weiterfahren. Eigentlich.
Denn am nördlichen Ende von Depoe Bay halten wir noch an der Boiler Bay State Wayside. Von hier oben hat man einen fantastischen Blick über den Ozean, und der Platz ist bekannt dafür, dass man mit etwas Glück Wale beobachten kann. „Mit etwas Glück“ ist allerdings eine Formulierung, die unserem Wal offenbar nicht mitgeteilt wurde. Wir schauen aufs Wasser – und plötzlich ist da direkt unterhalb der Felsen tatsächlich ein riesiger Wal. Kein winziger dunkler Punkt irgendwo am Horizont, bei dem nach fünf Minuten Diskussion einer behauptet, das sei eindeutig eine Rückenflosse, während der Rest der Familie darin eher einen treibenden Baumstamm erkennt. Nein, dieses Tier schwimmt wirklich unmittelbar vor uns im Wasser. Ein mächtiger dunkler Rücken taucht auf, Wasser schäumt daneben, dann verschwindet der Körper wieder und kurz darauf sehen wir sogar die Schwanzflosse. Für ein paar Sekunden stehen wir einfach nur da und starren hinunter. Dann setzt der übliche Reflex ein: Kameras raus. Sofort. Schließlich kann man einen Wal zwar wunderbar mit den eigenen Augen anschauen, aber als Familie mit fotografischer Grundausstattung möchte man hinterher selbstverständlich zusätzlich beweisen können, dass er tatsächlich da war.
Danach geht es weiter nach Süden, immer dem Highway 101 entlang. Wir passieren Leuchttürme, Aussichtspunkte und Strände, bei denen man jedes Mal denkt, schöner könne die Küste jetzt wirklich nicht mehr werden, worauf Oregon hinter der nächsten Kurve offenbar sagt: „Halt mal mein Bier.“ Besonders der Yaquina Head Lighthouse steht mit seinem weißen Turm vor dem tiefblauen Pazifik derart dekorativ in der Landschaft, dass man fast den Verdacht bekommt, hier habe jemand beim Aufbau der Küste bereits an spätere Postkarten gedacht. Rund 180 Kilometer später erreichen wir schließlich Coos Bay. Inzwischen haben wir ausreichend Meer, Felsen und Leuchttürme gesehen, um zumindest kurzfristig eine andere Priorität zu entwickeln: Essen.
Dafür steuern wir das Kozy Kitchen an. Schon der Name verspricht keine filigrane Sterneküche mit drei Erbsen auf einem handgetöpferten Teller, sondern genau das, was wir jetzt brauchen: amerikanisches Essen, ordentlich und unkompliziert. Wir machen Lunchpause, lassen uns nieder und stärken uns für den deutlich weniger romantischen Teil des Tages. Denn Coos Bay ist für uns der Wendepunkt. Hier verabschieden wir uns von der Küste. Der Pazifik, der uns seit Washington begleitet hat, bleibt hinter uns, und wir biegen auf den Highway 42 Richtung Osten ab. Damit verändert sich die Reise schlagartig. Eben noch Strand, Leuchttürme und Wale, jetzt führt die Straße durch das Umpqua Valley ins Landesinnere, entlang des Umpqua River und durch bewaldete Hügel. Unser nächstes Ziel heißt Interstate 5 – und die wiederum kennt im Gegensatz zum Highway 101 deutlich weniger Verständnis für romantische Fotostopps.
Als wir schließlich auf die I-5 treffen, beginnt der Kilometerfresser-Teil des Tages. Grants Pass, Medford, Ashland – die Namen ziehen an uns vorbei, während wir uns immer weiter nach Süden arbeiten. Der Tag ist inzwischen lang geworden und irgendwann meldet sich erneut der Magen. Offenbar hat selbst Dees Frühstück irgendwann seine vertraglich zugesicherte Reichweite überschritten. Also folgt ein weiterer Stopp beim Texas Roadhouse. Wer nun einwendet, dass wir erst in Coos Bay gegessen haben, unterschätzt die besonderen physikalischen Gesetze eines amerikanischen Roadtrips. Stundenlanges Autofahren verbraucht offenbar enorme Mengen Energie, vor allem dann, wenn unterwegs Restaurants mit Steaks und diesen verflixt guten Brötchen auftauchen. Also wird noch einmal ordentlich gegessen, bevor wir uns wieder auf die Interstate setzen.
Hinter Ashland steigt die I-5 kräftig an und bringt uns hinauf zum Siskiyou Summit. Mit 1.314 Metern ist das der höchste Punkt der gesamten Interstate 5, und nur wenige Kilometer später wartet die Staatsgrenze. Oregon verschwindet hinter uns und vor uns steht endlich das Schild, auf das wir schon den ganzen Nachmittag zufahren: California. Wir sind wieder in Kalifornien. Nach Washington und Oregon fühlt sich das beinahe wie eine kleine Heimkehr innerhalb unseres Roadtrips an, auch wenn uns der Golden State diesmal nicht mit Palmen und Strand empfängt, sondern zunächst mit Bergen, Dunkelheit und noch reichlich Asphalt.
Denn inzwischen ist es Nacht geworden. Von der Landschaft, durch die wir nun fahren, bekommen wir nicht mehr viel mit. Die Straße zieht sich als heller Korridor durch die Dunkelheit, Scheinwerfer kommen entgegen, Rücklichter verschwinden vor uns und irgendwann besteht die gesamte Reiseplanung nur noch aus einer sehr simplen Frage: Wie weit ist es noch bis Redding? Nach diesem Tag ist unser Bedarf an Sehenswürdigkeiten ohnehin ausreichend gedeckt. Wir hatten die Küste Oregons, den kleinsten Hafen der Welt, einen Wal praktisch vor den Füßen, Leuchttürme, zwei Restaurantstopps, einen Pass und einen Bundesstaatenwechsel. Irgendwann darf ein Tag auch einfach mal fertig sein.
Als wir schließlich Redding erreichen und beim Oxford Suites einchecken, haben wir seit dem Frühstück an der Tillamook Bay eine ordentliche Strecke hinter uns gebracht. Zimmer 228 wirkt in diesem Moment weniger wie ein gewöhnliches Hotelzimmer und mehr wie das Ende einer sehr langen Zielgeraden. Taschen rein, Schuhe aus, fertig. Draußen liegt Kalifornien, vor uns nur noch die letzten Etappen unserer Reise – aber darüber können wir morgen nachdenken. Für heute reicht es vollkommen, dass niemand mehr irgendwohin fahren muss. Und irgendwo weit hinter uns schwimmt vermutlich noch immer unser Wal vor Depoe Bay herum, völlig ahnungslos darüber, dass er gerade einen ziemlich hervorragenden Roadtrip-Tag gewonnen hat.




















