Drei Seen, dünne Luft und eine Abzweigung mit Eigenleben
Der Jetlag meinte es auch an diesem Morgen wieder ausgesprochen gut mit uns. Während andere Menschen im Urlaub ausschlafen, gemütlich die Vorhänge aufziehen und irgendwann überlegen, ob sie vielleicht frühstücken sollten, waren wir zu einer Uhrzeit wach, zu der selbst Estes Park noch so tat, als gäbe es uns nicht.
Nach meinem kleinen Zeitzonen-Kunststück vom Vortag hatte ich dieses Mal immerhin überprüft, ob meine Uhr tatsächlich dieselbe Meinung zur aktuellen Tageszeit hatte wie der Rest von Colorado. Man lernt ja dazu. Die Straßen lagen still da, kaum ein Mensch war unterwegs, und selbst die Sonne musste sich offenbar erst noch überlegen, ob sie heute wirklich aufstehen wollte. Für uns war das allerdings perfekt, denn wir hatten einiges vor: endlich in den Rocky Mountain National Park, zu dem wir es im vergangenen Jahr wegen des schweren Hochwassers nicht geschafft hatten. Erst brauchten wir allerdings etwas Essbares. Estes Park schlief, die meisten Restaurants ebenfalls – nur McDonald’s war wach. Natürlich. Wenn irgendwann die Zivilisation untergeht, wird irgendwo vermutlich immer noch ein gelbes M leuchten und Hash Browns ausgeben. Also hinein, Egg McMuffin, Kaffee und etwas, das zumindest zuverlässig Kalorien lieferte, und damit waren wir bereit für die Berge.

Vom Zentrum von Estes Park bis zum Nationalpark waren es nur wenige Minuten, und je näher wir kamen, desto deutlicher wurde, warum wir hierher wollten. Die Berggipfel tauchten langsam im Morgenlicht auf, Wälder zogen sich über die Hänge, und nach dem Reinfall im letzten Jahr fühlte sich die Einfahrt in den Park fast ein bisschen an wie das Einlösen eines Gutscheins, der zwölf Monate lang in der Schublade gelegen hatte. Diesmal war offen, trocken und zugänglich, und niemand kam auf die Idee, den gesamten Nationalpark unter Wasser zu setzen.
Unser erstes Ziel war der Bear Lake Trailhead, denn wir wollten zum Emerald Lake wandern und dabei gleich noch Nymph Lake und Dream Lake einsammeln. Drei Seen auf einer Wanderung – das klang nach einem sehr guten Preis-Leistungs-Verhältnis. Der gesamte Weg sollte ungefähr fünf Kilometer lang sein, also eine Distanz, die auf dem Papier ausgesprochen harmlos aussieht. Das Papier erwähnt allerdings nie, dass es dabei bergauf geht, über Wurzeln, Steine und Treppen, während man nebenbei noch alle fünf Meter stehenbleibt, weil schon wieder irgendwo ein Baum, ein Wasserfall oder ein Felsen so unverschämt fotogen herumsteht.

Schon der Weg selbst war wunderschön. Wir liefen durch dichten Wald, über steinige Passagen und hölzerne Stufen, vorbei an kleinen Bächen und Wasserfällen, und zwischendurch öffnete sich immer wieder der Blick auf die Felsen über uns. Genau deshalb liebe ich solche Wanderungen: Man hat nicht erst am Ziel etwas davon, sondern bekommt unterwegs ständig kleine Belohnungen serviert. Hier ein Bach, dort ein knorriger Baum, dann wieder ein Aussichtspunkt, bei dem die Kamera praktisch von allein aus dem Rucksack springt.

Stefan und Bianca waren entsprechend häufig irgendwo vor mir oder hinter mir verteilt, weil einer von uns schon wieder stehengeblieben war. Dazu kamen die eigentlichen Stars des Trails: Chipmunks. Diese kleinen Viecher sitzen auf Felsen, schauen einen mit großen Augen an und wirken dabei so unschuldig, als hätten sie keinerlei Interesse am Inhalt des eigenen Rucksacks. Ich traue ihnen kein Stück. Wahrscheinlich haben sie irgendwo eine organisierte Bande und führen nachmittags Buch darüber, welcher Tourist wie viele Müsliriegel dabeihatte.
Der erste See war der Nymph Lake, und schon da hätten wir uns eigentlich gemütlich hinsetzen und sagen können: Reicht, schöner wird’s heute nicht mehr. Der See lag still zwischen den Bäumen, überall schwammen Seerosen auf dem Wasser, dahinter ragten die Berge auf, und alles spiegelte sich so sauber in der Oberfläche, dass man fast versucht war, nachzusehen, ob irgendwo jemand heimlich Photoshop eingeschaltet hatte. Wir machten Fotos, setzten uns kurz ans Ufer und genossen die Ruhe. Zu diesem Zeitpunkt waren noch erstaunlich wenige Menschen unterwegs, was vermutlich daran lag, dass normale Urlauber noch beim Frühstück saßen und sich nicht wie wir schon in aller Herrgottsfrühe durch Colorado bewegten. Für einmal hatte der Jetlag also durchaus seine Vorteile.
Vom Nymph Lake ging es weiter zum Dream Lake, und auch hier hatten die Namensgeber erfreulich wenig übertrieben. Das Wasser lag zwischen dichtem Wald und den steilen Felswänden, darüber ragte der Hallet Peak auf, und das Licht glitzerte über die Oberfläche. Man konnte sich auf einen Felsen setzen und minutenlang einfach nur schauen. Was wir natürlich auch taten – mit Kamera. Sehr viel Kamera. Wenn man später durch die Urlaubsbilder blättert, könnte man manchmal den Eindruck bekommen, wir hätten die Rockies im Auftrag eines Immobilienmaklers dokumentiert: See von links, See von rechts, See mit Baum, See ohne Baum, See mit Stefan im Vordergrund, See mit Bianca, See mit niemandem, falls die Familie irgendwann behauptet, sie habe das Motiv ruiniert. Aber an solchen Orten kann ich einfach nicht anders. Es sieht hinter jeder nächsten Ecke wieder ein bisschen anders und mindestens genauso schön aus.
Schließlich erreichten wir den Emerald Lake. Der lag wie in eine Felsarena hineingesetzt unter den steilen Berghängen, dunkel und ruhig, mit ein paar Schneefeldern weit oben in den Felsen. Hier war es deutlich windiger und kühler, aber wenn man schon bis hierher gelaufen ist, lässt man sich von ein bisschen Bergwind nicht vertreiben. Wir suchten uns einen halbwegs flachen Felsen und machten Picknick. Wobei „Picknick“ in diesem Fall bedeutete, dass wir unsere Sandwiches festhieltenten und gleichzeitig versuchten, Servietten daran zu hindern, eigenständig Richtung Wyoming auszuwandern. Der Wind war durchaus engagiert. Trotzdem war das einer dieser Momente, bei denen man einfach sitzenbleiben möchte: vor uns der See, dahinter die Felsen, um uns herum nichts als Berge, Wald und frische Luft. Viel besser kann man ein belegtes Brot eigentlich nicht platzieren.

Gegen halb elf machten wir uns wieder auf den Rückweg, und nun zeigte sich, wie clever unsere frühe Anreise gewesen war. Auf dem Hinweg hatten wir den Trail stellenweise fast für uns gehabt, jetzt kam uns plötzlich halb Colorado entgegen. Familien, Wandergruppen, Kinder, Menschen mit riesigen Rucksäcken und Menschen mit Ausrüstung, bei der man vermuten konnte, dass sie entweder zum Dream Lake oder direkt zum Everest wollten. Am Parkplatz angekommen war endgültig klar, dass der entspannte Teil des Tages vorbei war: Die Stellplätze waren voll und Besucher wurden bereits mit Bussen zum Trailhead gebracht. Da konnten wir uns ein kleines bisschen selbstzufrieden in unseren Ford setzen. Nicht weil wir schlauer waren als alle anderen – wir waren schlicht jetlagbedingt zu einer Uhrzeit unterwegs gewesen, zu der ein normaler Mensch noch darüber nachdenkt, ob er sich im Bett umdreht. Man muss seine körperlichen Fehlfunktionen nur geschickt vermarkten.
Zurück in Estes Park meldete sich das nächste Naturereignis: Hunger. Eigentlich hatten wir „The Egg & I“ fürs Frühstück auf dem Plan gehabt, nur war unser Frühstück heute zu einer Uhrzeit erforderlich gewesen, zu der das Restaurant vermutlich noch seine Kaffeemaschine suchte. Also machten wir aus Frühstück kurzerhand Mittagessen. Essen nach Uhrzeit zu kategorisieren halte ich ohnehin für unnötige Bürokratie. Wenn ich um zwölf Uhr Waffeln essen möchte, werden sie dadurch nicht plötzlich illegal. Wir ließen uns also nieder und bestellten alles Mögliche quer durch die Tageszeiten: Waffeln mit Obst, Sandwich und Salat, Suppe – eine Zusammenstellung, bei der jeder klassische Menüplan vermutlich nervös zu zucken begonnen hätte. Nach der Wanderung war uns das völlig egal. Hauptsache sitzen, essen und anschließend wieder genug Energie haben, denn der Rocky Mountain National Park war mit uns noch nicht fertig.
Am frühen Nachmittag fuhren wir ein zweites Mal in den Park, diesmal allerdings nicht zum Wandern, sondern über die Trail Ridge Road. Schon an der Einfahrt war erheblich mehr los als am Morgen, doch sobald sich der Verkehr auf die verschiedenen Straßen und Aussichtspunkte verteilte, wurde es wieder angenehm. Die Trail Ridge Road führt quer durch den Park von Estes Park bis Grand Lake und steigt dabei immer weiter hinauf in eine Landschaft, die mit jedem Kilometer größer, weiter und karger wird. An der Many Parks Curve hielten wir zum ersten Mal an und blickten weit über den Moraine Park bis zu den Bergen dahinter. Und ab diesem Punkt wurde Autofahren endgültig zu einer sehr langsamen Angelegenheit, denn hinter nahezu jeder Kurve kam der nächste Aussichtspunkt, an dem ich natürlich wieder stehenbleiben musste. Unser Expedition hatte heute also weniger die Aufgabe, Strecke zu machen, als meine Kamera von Fotostopp zu Fotostopp zu transportieren..

Je höher wir kamen, desto mehr verschwand der Wald, bis wir schließlich oberhalb der Baumgrenze unterwegs waren. Plötzlich lag eine fast kahle, riesige Landschaft um uns herum, durch die sich die Straße wie ein dünnes Band zog. Am Fall River Pass befanden wir uns auf fast 3.600 Metern Höhe, und das Wetter veranstaltete dazu seine eigene Show.
Auf einer Seite strahlend blauer Himmel und weiße Wolken, auf der anderen dunkle Regenschleier, die sich über die Berge schoben. Fotografisch natürlich großartig. Meteorologisch konnte man allerdings durchaus den Eindruck gewinnen, dass die Rocky Mountains noch nicht entschieden hatten, welche Jahreszeit heute zuständig war. Mal Sonne, mal Wolken, irgendwo Regen, und wir mittendrin. Bianca und Stefan nutzten einen der Stopps offenbar zu einer kleinen familiären Diskussionsrunde, zumindest sehen die Fotos danach aus, als würden sie gerade äußerst energisch auslosen, wer als Nächstes fahren muss.
Hinter dem Pass ging es wieder hinunter, vorbei am Lake Granby, und irgendwann hätten wir eigentlich auf den Highway 40 abbiegen sollen. Eigentlich. Die Betonung liegt auf „sollen“. Wir waren offenbar so sehr damit beschäftigt, Landschaft anzuschauen, Wolken zu beurteilen und vermutlich irgendeinen weiteren Berg zu fotografieren, dass die Abzweigung unbemerkt hinter uns verschwand. Das merkten wir natürlich nicht sofort, sondern erst in dem Moment, in dem Umkehren bereits lästig genug war, um die neue Route plötzlich sehr attraktiv wirken zu lassen. Also wurde Route 14 unser neuer Plan.
So entstehen auf Roadtrips die besten Entscheidungen: Man nennt einen Fahrfehler einfach spontan „Routenoptimierung“ und fährt selbstbewusst weiter. Unterwegs kamen immer wieder Regenschauer herunter, und die Landschaft wurde Richtung Wyoming zunehmend weiter und karger. Nach den dramatischen Bergen Colorados wirkte das fast wie der Moment nach einem großen Kinoepos, wenn der Abspann läuft und plötzlich sehr viel weniger passiert. Aber gerade diese endlosen Straßen und weiten Flächen gehören für mich genauso zum Westen.

Gegen sieben Uhr erreichten wir schließlich Rawlins, und inzwischen war die Frage nach dem Abendessen keine Frage mehr, sondern eine familiäre Notlage. Wir landeten im Buck’s Sports Grill, einem Laden, der genau so aussah, wie ein Restaurant in Wyoming aussehen sollte: viel Holz, Nummernschilder an den Wänden, Tierpräparate, Sportsbar-Atmosphäre und eine Speisekarte, hinter der ich mich problemlos vollständig verstecken konnte. Das Foto beweist es. Vermutlich hätte man dort auch einen kleineren Elch dahinter verschwinden lassen können. Bianca bekam ein ordentliches Essen vor die Nase, Stefan und ich landeten erwartungsgemäß beim Steak, dazu Beilagen und ein kaltes Bier – nach Wanderung, Bergstraße und diversen Höhenmetern genau das Richtige. Das war keine filigrane Sterneküche mit drei Petersilienblättern und einem Tropfen Sauce auf einem Teller von der Größe eines Wagenrads. Das war Essen, das einen wieder gerade auf den Stuhl setzt. Und genau deshalb war es gut.
Danach gingen wir noch ein wenig durch Rawlins, wobei „Downtown“ hier deutlich entspannter gemeint ist als in New York oder Denver. Ein paar Geschäfte, Bars, ruhige Straßen, viel Platz – und nach diesem langen Tag war uns genau danach. Anschließend bezogen wir unser Zimmer im Oak Tree Inn. Große gesellschaftliche Aktivitäten waren nun nicht mehr zu erwarten.
Wir hatten seit dem frühen Morgen drei Bergseen erwandert, zweimal den Rocky Mountain National Park betreten, die Trail Ridge Road überquert, eine Abzweigung erfolgreich ignoriert, Wyoming erreicht und zum Abschluss ein Steak erledigt. Mehr Tagesprogramm muss man wirklich nicht erzwingen. Also Taschen abstellen, Fotos sichern, ins Bett fallen und hoffen, dass ich am nächsten Morgen nicht wieder beschließe, um vier Uhr die Hotelangestellten persönlich in den Tag zu poltern.




















































