Von French Toast zu fliegenden Cowboys – ein ziemlich wilder Tag in Cody
Der Morgen in Rawlins begann erfreulich zivilisiert. Kein Weckerdrama, keine falsch verstandene Zeitzone, kein Hotelmitarbeiter, den ich vor Sonnenaufgang mit rollenden Koffern aus dem Schlaf scheuchte. Wir gingen einfach zum Penny’s Diner neben unserem Hotel und taten etwas, das nach den letzten Tagen fast schon revolutionär wirkte: ganz normal frühstücken. Das Diner sah aus, als hätte jemand beschlossen, die 50er-Jahre nicht vollständig gehen zu lassen. Viel Chrom, eine offene Küche, Kaffeeduft und dieses typische amerikanische Diner-Gefühl, bei dem man automatisch erwartet, dass gleich jemand „Honey“ sagt und einem ungefragt noch Kaffee nachgießt. Auf der Platte brutzelte Bacon, Eier wurden gewendet, irgendwo klapperte Geschirr, und das Ganze fühlte sich so amerikanisch an, dass eigentlich nur noch ein Cadillac vor der Tür gefehlt hätte. Der French Toast war hervorragend, außen leicht knusprig, innen weich, dazu Sirup in einer Menge, bei der jeder Diabetologe kurz aus dem Fenster schauen würde. Stefan und ich hatten Omelettes, Bianca Pancakes, und spätestens danach war klar: Für die nächsten Stunden waren wir versorgt.
Vor uns lag allerdings zunächst eine ziemlich lange Fahrt durch Wyoming, und wenn ich diese Strecke mit einem Wort beschreiben müsste, wäre „weit“ vermutlich das ehrlichste. Sehr weit. Wyoming scheint an manchen Stellen hauptsächlich aus Himmel, Straße und dem guten Willen zu bestehen, dass irgendwann wieder etwas kommt. Die Landschaft zog sich endlos bis zum Horizont, mal flach, mal mit niedrigen Hügeln, dazwischen vereinzelte Ranches, alte Gebäude und Orte, bei denen man sich fragte, ob dort tatsächlich jemand wohnt oder ob sie nur aus Gründen der Dekoration am Straßenrand stehen. An der Sweetwater Station machten wir kurz Halt, ansonsten ging es Kilometer um Kilometer weiter. Zwischendurch schoben sich immer wieder dunkle Wolken über die Landschaft und schütteten Regen auf uns herunter, nur um zehn Minuten später wieder Platz für blauen Himmel zu machen. Das Wetter spielte offenbar ebenfalls Roadtrip und konnte sich nicht für eine Richtung entscheiden.
Gegen Nachmittag tauchte schließlich Cody vor uns auf, und damit änderte sich die Stimmung schlagartig. Schon am Ortseingang wurde klar, dass hier einer seinen Namen wirklich gründlich hinterlassen hatte: Buffalo Bill. William Frederick Cody gründete die Stadt Ende des 19. Jahrhunderts, und Cody hält bis heute an dieser Verbindung fest, als hätte Buffalo Bill gerade erst gestern seinen Hut auf den Tresen gelegt. Sein Name steht auf Schildern, Hotels, Museen und gefühlt allem, was sich irgendwie beschriften lässt. Über der Stadt wacht sein Reiterdenkmal, und spätestens jetzt war eindeutig: Wir waren im Wilden Westen angekommen. Oder zumindest in einer Stadt, die sehr engagiert dafür sorgte, dass niemand etwas anderes behauptet.

Wir parkten und gingen erst einmal durch Downtown. Cody war nicht groß, aber genau das machte es angenehm. Breite Straßen, niedrige Häuser, Westernläden, alte Trucks am Straßenrand und überall Schaufenster voller Cowboyhüte, Stiefel, Gürtelschnallen, Messer, Lederwaren und Dinge, von denen ich bis dahin nicht gewusst hatte, dass ich sie dringend brauchen könnte. Das ist bei mir grundsätzlich ein gefährlicher Zustand. Besonders spannend wurde es in einem Laden, in dem Stefan und Bianca zwischen Messern, Westernzubehör und allerlei anderen Männerträumen standen. Natürlich wurde etwas in die Hand genommen, begutachtet und fachmännisch betrachtet, als hätten wir zu Hause bereits eine Ranch mit 600 Rindern und müssten dringend unsere Ausrüstung ergänzen.
Mitten in Downtown steht das Irma Hotel, das Buffalo Bill 1902 bauen ließ und nach seiner Tochter benannte. Schon von außen sieht es so aus, als müsse jederzeit John Wayne um die Ecke kommen. Im Inneren geht es genauso weiter: viel Holz, Saloon-Atmosphäre und genau dieses leicht übertriebene Westerngefühl, das hier aber erstaunlicherweise nicht künstlich wirkt. Es passt einfach zu Cody. Draußen davor kann man sitzen, Menschen beobachten und sich vorstellen, dass vor hundert Jahren Pferde statt Pick-ups an der Straße standen. Heute stehen dort eben SUVs und Wohnmobile. Der Wilde Westen ist schließlich auch irgendwann beim Automatikgetriebe angekommen.

Nach unserem Rundgang fuhren wir noch ein Stück zum Shoshone River. Dort war plötzlich wieder Ruhe. Kein Cowboyhut, kein Souvenirladen, kein Buffalo-Bill-Schild. Nur Wasser, Felsen und diese eigentümlich farbigen Böschungen, die unter dem wechselnden Licht fast golden wirkten. Nach den langen Stunden im Auto tat es gut, ein bisschen herumzulaufen und sich die Beine zu vertreten. Vor allem aber hatten wir jetzt genügend Zeit totgeschlagen, denn der eigentliche Grund unseres Aufenthalts in Cody rückte näher: Rodeo.

Cody nennt sich nicht gerade bescheiden die „Rodeo Capital of the World“, und im Sommer findet hier jeden Abend das Cody Nite Rodeo statt. Natürlich hatten wir die Tickets schon vorher gekauft. Wenn ich schon in Wyoming bin, will ich auch sehen, wie Menschen freiwillig auf Tiere steigen, deren einziges erkennbares Lebensziel darin besteht, diese Menschen möglichst schnell wieder loszuwerden. Also machten wir uns frühzeitig auf den Weg zur Arena, um gute Plätze zu bekommen. Schon vor Beginn herrschte dort eine besondere Stimmung. Pferde standen in den Boxen, Cowboys liefen herum, Ausrüstung wurde geprüft, Sättel festgezogen, Stiefel geklopft, und überall war dieses Gefühl von gleich passiert hier etwas.

Wir bekamen tatsächlich hervorragende Plätze, direkt mit Blick auf die Boxen und den Vorbereitungsbereich. Das war fast spannender als die eigentliche Show. Dort saßen junge Cowboys auf den Gattern, klebten ihre Jeans ab, zogen Handschuhe an, kontrollierten Gurte und redeten miteinander, als würden sie gleich gemütlich eine Runde Minigolf spielen.
Dabei wartete wenige Meter hinter ihnen ein Tier, das vermutlich rund 500 Kilo wog und keinerlei Interesse daran hatte, Teil eines harmonischen Abends zu werden. Ich fand besonders faszinierend, wie entspannt sie dabei wirkten. Einer scherzte, ein anderer tanzte herum, jemand zupfte noch an seiner Ausrüstung, und ich dachte nur: Ihr wisst schon, was ihr gleich macht, oder?

Dann begann die Show. Natürlich nicht einfach mit „Tor auf, Cowboy raus“, sondern ordentlich amerikanisch. Zuerst der Rodeo-Clown, der schon vor der eigentlichen Action die Menge unterhielt, dann Nationalhymne, Fahnen, Pferde und jede Menge Pathos. Anschließend kam die wohl originellste Form von Werbung, die ich je gesehen hatte. Statt eines Werbeblocks auf einer Leinwand ritten Cowboys und Cowgirls mit riesigen Fahnen lokaler Firmen durch die Arena. Bank, Autohaus, Laden, Restaurant – alles galoppierte einmal durchs Bild. Werbung mit Pferdestärken, und zwar im wörtlichen Sinn. Wenn schon Reklame, dann bitte so.
Und dann ging endlich das erste Gatter auf. Innerhalb einer Sekunde explodierte die Arena förmlich. Das Pferd schoss heraus, der Cowboy hing darauf wie ein Mensch, der spontan festgestellt hatte, dass seine ursprüngliche Lebensentscheidung vielleicht doch nicht ganz durchdacht war, und wenige Sekunden später flog er in hohem Bogen in den Sand. Ich hatte gerade noch Zeit, mit der Kamera hinterherzukommen. Das Publikum jubelte, der Cowboy rappelte sich auf, klopfte sich den Staub ab und tat so, als sei das alles völlig normal. Ich hätte nach so einer Landung vermutlich erst einmal mehrere Wochen mit einem Orthopäden gesprochen.

Danach ging es Schlag auf Schlag: Bareback Riding, Saddle Bronc, Barrel Racing, Roping und weitere Disziplinen, bei denen ich mir teilweise erklären lassen musste, was genau gerade bewertet wird. Bei den Reitern ging es oft nur um Sekunden. Manchmal dauerte ein kompletter Auftritt kürzer als die Zeit, die ich brauche, um meine Kamera richtig einzustellen. Besonders beeindruckend waren die Bullen- und Bronco-Ritte. Das Tor sprang auf, Tier und Reiter kamen heraus wie aus einer Kanone geschossen, und man konnte förmlich sehen, wie beide unterschiedliche Zielsetzungen hatten. Der Cowboy wollte oben bleiben. Das Tier nicht. Meistens gewann das Tier.
Zwischendurch kamen immer wieder die Flaggenreiter durch die Arena, der Clown sorgte für Unterhaltung, und das Publikum ging bei allem begeistert mit. Genau das machte den Abend aus. Es war nicht einfach nur eine Show für Touristen. Viele Zuschauer schienen mit den Teilnehmern, Familien und Veranstaltern verbunden zu sein. Kinder liefen mit Cowboyhüten herum, hinter den Boxen wurde geredet und gelacht, und man merkte, dass Rodeo hier wirklich Teil des Lebens ist.

Natürlich verglichen wir das Ganze mit unserem Rodeo in Bandera, Texas, zwei Jahre zuvor. Dort hatten wir ein professionelles PRCA-Rodeo gesehen, und das war sportlich noch einmal eine andere Liga gewesen, besonders bei den Bull Riders. Cody war dafür lockerer, unmittelbarer und fast familiärer. Es wirkte weniger wie eine große Sportveranstaltung und mehr wie ein Ort, an dem sich abends die halbe Gegend trifft, um zu sehen, wer heute besonders elegant vom Pferd fliegt.
Bevor wir das Rodeo Gelände verlassen kaufe ich mir übrigens noch ein besonderes Souvenir: ein gebrauchtes Rodeo-Lasso, welches zum halben Preis im Souvenirshop lag. Ein Gegenstand, den man natürlich unbedingt braucht. Vielleicht kann ich nach ein paar mal Üben, Dinge einfangen. Praktisch allerdings nur, wenn diese Dinge stillstehen und bereit sind, mitzuarbeiten. Stefan und Kühe müssen also vorläufig keine Angst vor mir haben.
Nach dem Rodeo hatten wir Hunger, und zwar richtigen. Glücklicherweise gibt es in Cody Cassie’s Supper Club, und dieses Restaurant war ungefähr die logische Fortsetzung des Abends. Schon von außen sah es so aus, als hätte jemand beschlossen, einen kompletten Westernfilm in ein Gebäude zu packen. Drinnen viel dunkles Holz, Geweihe, alte Bilder, Westernkram und eine Tanzfläche, auf der Countrymusik lief. Es war urig, leicht schräg und genau richtig.
Wir bestellten Steaks. Natürlich. Ich weiß nicht, ob wir auf dieser Reise irgendwann offiziell Fleischanteile erworben haben, aber wenn es so weitergeht, müssten wir bald irgendwo als Mitbesitzer einer Rinderfarm geführt werden. Das Cowboy Ribeye kam brutzelnd auf den Tisch, ordentlich gegrillt und begleitet von Brot mit Honigbutter, was eine äußerst gefährliche Kombination ist. Brot mit Honigbutter hat nämlich die unangenehme Eigenschaft, dass man davon völlig bedenkenlos drei Portionen isst und sich anschließend wundert, warum für das Steak plötzlich weniger Platz vorhanden ist.
Wir saßen dort, hörten Countrymusik, schauten den Leuten beim Tanzen zu und ließen diesen völlig amerikanischen Tag ausklingen. Morgens noch French Toast im Diner in Rawlins, mittags Buffalo Bill und Westernläden, abends Cowboys, fliegende Reiter und ein Ribeye. Mehr Wyoming lässt sich vermutlich kaum in einen einzigen Tag pressen.
Spät am Abend fuhren wir schließlich zum Green Gables Inn. Dort war dann Schluss mit Cowboy-Romantik. Schuhe aus, Kamera weg, Sachen irgendwo hinlegen und ins Bett. Morgen wartete Yellowstone auf uns, und nach dem heutigen Rodeo hatte ich das Gefühl, wir hätten den Wilden Westen bereits ziemlich gründlich abgearbeitet.
Wobei – wenn morgen plötzlich ein Bison vor unserem Ford steht, nehme ich das mit dem Lasso vielleicht noch einmal zurück.













































