Vom Mount Rainier nach Seattle – oder: Wir machen heute einfach alles
Nach dem Frühstück im Hampton Inn in Ellensburg waren wir wieder erstaunlich munter. Offenbar hatte unser Körper beschlossen, die Nachwirkungen der Iceberg-Lake-Wanderung inzwischen unter „nicht mehr verhandelbar“ abzulegen und einfach weiterzumachen. Das traf sich gut, denn für heute hatten wir uns einiges vorgenommen. Unser nächstes großes Ziel war der Mount Rainier National Park, anschließend wollten wir weiter Richtung Seattle. Ein Plan, der auf dem Papier noch recht übersichtlich aussah. Dass wir später zusätzlich noch essen gehen, zwei Stunden shoppen und am Abend zur Skyline von Seattle fahren würden, stand da vorsichtshalber nicht drauf. Man muss sich ja nicht schon morgens unnötig erschrecken.
Zunächst ging es von Ellensburg Richtung Yakima. Die Landschaft hatte mit dem Washington, das ich mir vor dieser Reise vorgestellt hatte, immer noch erstaunlich wenig gemeinsam. Statt Dauerregen, Farnen und tiefgrünen Wäldern lagen vor uns trockene Hügel, weite Flächen und rund um Naches plötzlich jede Menge Obstplantagen. Apfelbäume standen in langen Reihen, dazwischen immer wieder Farmen und Verkaufsstände – ein völlig anderes Bild als noch zwei Tage zuvor in Montana. Wir waren gerade einmal ein paar hundert Kilometer weitergefahren und hatten trotzdem das Gefühl, ständig durch neue Landschaften zu reisen.
Besonders schön wurde die Strecke auf dem Highway 821, der sich durch den Yakima River Canyon schlängelte. Der Yakima River lief neben uns her, die Straße folgte seinen Kurven zwischen den kargen Felswänden und wir folgten wiederum brav der Straße. Das war eine dieser Strecken, bei denen man gar kein bestimmtes Ziel braucht, weil schon das Fahren selbst Spaß macht. Hinter jeder Kurve sah es ein bisschen anders aus, und irgendwann erreichten wir Yakima, von wo aus wir auf dem Highway 12 weiter Richtung Kaskadengebirge fuhren. Und damit änderte sich die Landschaft erneut.
Die trockenen Hügel verschwanden langsam, der Wald wurde dichter, die Straße begann zu steigen und irgendwann war klar: Jetzt nähern wir uns einem ganz anderen Kaliber von Berg. Mount Rainier ist mit 4.392 Metern nicht einfach irgendein hübscher Gipfel im Kaskadengebirge, sondern ein gewaltiger, vergletscherter Vulkan, der seine Umgebung derart überragt, dass er schon aus großer Entfernung ein bisschen unwirklich aussieht. Man fährt durch eine Landschaft, in der ohnehin Berge herumstehen, und dahinter taucht plötzlich dieses riesige weiße Ding auf, als hätte jemand beim Aufbau der Kulisse versehentlich den Maßstab verwechselt.
Je weiter wir in den Mount Rainier National Park hineinfuhren, desto dichter wurde der Wald. Riesige Nadelbäume standen dicht an dicht entlang der Straße, Bäche rauschten zwischen den Stämmen hindurch und die Sonne fiel nur stellenweise durch das Blätterdach. Nach der trockenen Landschaft rund um Yakima war das innerhalb weniger Stunden der nächste komplette Szenenwechsel. Washington konnte offenbar beides – erst Wüste spielen und kurz darauf den gesamten Bestand an Grünzeug des amerikanischen Nordwestens auffahren.
Unser erstes Ziel im Park war Sunrise, auf der Nordostseite des Mount Rainier. Schon die Auffahrt dorthin war spektakulär. Die Straße gewann immer mehr an Höhe, der Wald öffnete sich und plötzlich standen wir mitten in einer alpinen Landschaft aus Wiesen, Wildblumen und diesem gewaltigen weißen Berg, der nun direkt vor uns aufragte. Das Wetter spielte dabei so perfekt mit, dass es fast unverschämt war. Blauer Himmel, klare Sicht und Mount Rainier ohne Wolkenvorhang – offenbar hatten wir mit Petrus für diese Reise irgendeinen sehr günstigen Vertrag abgeschlossen.

Am Sunrise Visitor Center waren wir sogar ein bisschen zu früh. Der General Store hatte noch geschlossen. Das muss man auch erst einmal schaffen: Tausende Kilometer von Deutschland nach Washington reisen und dann morgens vor dem Laden stehen, bevor jemand aufgeschlossen hat. Zum Glück gab es draußen genug zu sehen. Wir liefen ein wenig herum, fotografierten und schauten immer wieder zum Mount Rainier hinüber. Von hier oben wirkte er noch mächtiger. Die Gletscher zogen sich wie breite weiße Bahnen über seine Flanken, darunter lagen grüne Wiesen und dunkle Wälder. Man musste eigentlich nur irgendwo stehen bleiben und die Kamera ungefähr in Richtung Berg halten – Mount Rainier erledigte den Rest.

Als schließlich geöffnet wurde, holten wir uns im Visitor Center Informationen und schauten natürlich auch im General Store vorbei. Nationalparks ohne Souvenirshop funktionieren bei uns schließlich nur theoretisch. Ein paar Andenken mussten mit, wobei wir selbstverständlich nichts wirklich brauchten. Das spielt bei Souvenirs allerdings keine Rolle. Ein Gegenstand, auf dem „Mount Rainier“ steht, erfüllt automatisch eine vollkommen andere Funktion als derselbe Gegenstand ohne Mount Rainier. Diese Logik ist auf Roadtrips international anerkannt und muss nicht weiter hinterfragt werden.
Anschließend fuhren wir wieder hinunter Richtung White River Entrance und machten uns auf den langen Weg um den Mount Rainier herum zur Südseite des Parks. Und genau dabei zeigte sich erst, wie riesig dieses Gebiet eigentlich ist. Man fährt nicht mal eben von Sunrise nach Paradise. Dazwischen liegen Wälder, Bergstraßen, Flüsse, Aussichtspunkte und genügend Fotomotive, um aus einer geplanten Fahrt problemlos ein Tagesprogramm zu machen. Immer wieder hielten wir an, stiegen aus und standen kurz darauf irgendwo am Straßenrand mit der Kamera in der Hand.
An einem dieser Stopps begegneten wir einer größeren Gruppe indischer Reisender, die uns baten, ein Gruppenfoto von ihnen zu machen. Natürlich machten wir das, und wie das bei solchen Begegnungen oft passiert, dauerte es nicht lange, bis aus „Könnten Sie bitte einmal drücken?“ eine kleine internationale Fotosession geworden war. Wir fotografierten sie, sie fotografierten uns, alle kontrollierten anschließend pflichtbewusst die Ergebnisse und waren zufrieden. Für ein paar Minuten standen Menschen aus verschiedenen Ecken der Welt gemeinsam irgendwo in Washington vor einem Vulkan und diskutierten darüber, wer wo stehen sollte. Reisen kann manchmal herrlich unkompliziert sein.
Weiter ging es Richtung Paradise, und unterwegs kamen wir an den Reflection Lakes vorbei. Der Name machte ziemlich unmissverständlich klar, was hier vorgesehen war: Mount Rainier sollte sich möglichst dekorativ im Wasser spiegeln. Bei unserem Wetter funktionierte das tatsächlich ausgesprochen gut. Der Berg stand über den Seen, das Wasser lag ruhig darunter und natürlich wurde wieder fotografiert. Und noch einmal. Und sicherheitshalber noch aus einer etwas anderen Position. Digitalkameras haben der Menschheit zwar die Kosten für Filme erspart, dafür aber endgültig jede natürliche Hemmschwelle bei der Anzahl der Urlaubsbilder beseitigt.
Schließlich erreichten wir Paradise, einen der bekanntesten Bereiche des Parks. Und ausnahmsweise hatte bei der Namensgebung niemand übertrieben. Rundherum Bergwiesen, Wälder und über allem Mount Rainier – größer, näher und weißer als zuvor. Wir legten am Visitor Center eine Pause ein, stärkten uns ein wenig und genossen die Aussicht. Eine große Wanderung hatten wir heute nicht geplant. Nach Glacier und Iceberg Lake war unser Wanderkonto ohnehin noch recht ordentlich gefüllt, und außerdem wollten wir heute noch bis Seattle. Wir beschränkten uns deshalb auf die vernünftige Variante: schauen, staunen, fotografieren und weiterfahren. Man muss nicht jeden Berg zu Fuß persönlich kennenlernen.
Über die Südwestseite verließen wir schließlich den Nationalpark. Unterwegs kamen wir noch am Riffe Lake vorbei, und langsam wurde Mount Rainier im Rückspiegel wieder kleiner. Ganz verschwinden wollte er allerdings nicht. Immer wieder tauchte sein weißer Gipfel zwischen Bäumen oder über Hügeln auf, als wolle er kontrollieren, ob wir auch wirklich weiterfuhren. Nach einem ganzen Tag rund um diesen Berg verstand ich jedenfalls sehr gut, warum er für Washington eine solche Bedeutung hat. Mount Rainier steht nicht einfach nur in der Landschaft. Er beherrscht sie.

Eigentlich hätten wir nun direkt nach Seattle fahren können. Eigentlich. Aber zunächst kam Puyallup, und dort gab es ein Outback Steakhouse. Damit war diese Diskussion beendet.
Nach so viel Natur musste schließlich das ökologische Gleichgewicht mit einem Rib Eye wiederhergestellt werden. Wir landeten also im Outback Steakhouse, wo vor uns kurze Zeit später genau die Art amerikanisches Abendessen stand, für die wir auf unseren Reisen eine gewisse Schwäche entwickelt hatten: warmes Brot, Salat, Baked Potato Soup und ein ordentliches Rib Eye. Diese Baked Potato Soup ist ohnehin eines jener Gerichte, bei denen man sich fragt, warum eine Kartoffel unbedingt noch Käse, Speck und vermutlich die Hälfte des amerikanischen Kalorienhaushalts benötigt – bis man den ersten Löffel gegessen hat. Danach stellt man keine Fragen mehr.
Nach dem Essen hätte ein vernünftiger Mensch vermutlich das Hotel angesteuert. Wir hatten aber Bianca dabei. Und Bianca hatte einen Wunsch. Sie will zu den Seattle Premium Outlets.
Das kleine geografische Detail, dass sich diese keineswegs praktisch auf unserem direkten Weg befanden, sondern nördlich von Seattle in Tulalip lagen, störte den Shoppinggedanken offenbar nur am Rande. Also fuhren wir weiter. Wenn man schon einmal in Amerika ist, kann man schließlich unmöglich an einem Premium Outlet vorbeifahren, nur weil es ungefähr eine Stunde entfernt liegt. Das wäre beinahe verantwortungslos.

Dort angekommen, war Bianca sofort in ihrem natürlichen Lebensraum. Während andere Menschen bei einem Nationalpark Visitor Center glänzende Augen bekommen, funktioniert das bei ihr offenbar auch zuverlässig bei Schildern mit „Sale“. Wir zogen also durch die Geschäfte, schauten hier, probierten dort und sammelten nach und nach Tüten ein. Aus dem geplanten kurzen Zwischenstopp wurden ungefähr zwei Stunden, was für ein amerikanisches Outlet vermutlich noch unter „wir waren nur mal schnell schauen“ fällt.
Irgendwann waren die Einkäufe im Auto verstaut und nun wurde es tatsächlich Zeit für unser Hotel. Nach Nationalpark, Restaurant und Shopping hätte der Tag an dieser Stelle wirklich problemlos enden können. Wir checkten im Hilton Garden Inn ein, bezogen Zimmer 112, stellten unsere Sachen ab und sahen uns kurz um.
Dann machten wir etwas, das im Nachhinein ziemlich gut zeigt, wie unsere USA-Reisen funktionierten. Wir gingen wieder. Denn jetzt waren wir schon in Seattle. Und einfach im Hotelzimmer sitzen? Das kam uns plötzlich wie eine groteske Verschwendung von Urlaubszeit vor. Also wieder ins Auto. Wenn der Tag schon bis hierhin keine erkennbare Absicht zeigte, irgendwann freiwillig aufzuhören, konnten wir schließlich auch noch einen draufsetzen. Unser Ziel war der Kerry Park.
Als wir uns Seattle näherten, wurde aus dem langen Naturtag langsam ein Stadtabend. Der Verkehr nahm zu, überall Lichter, Häuser, Straßen – und nach den Wäldern und Bergen des Mount Rainier National Parks fühlte sich das an, als hätte jemand mitten im Film das Genre gewechselt. Noch vor wenigen Stunden hatten wir auf Bergwiesen gestanden, nun fuhren wir durch eine amerikanische Großstadt und suchten einen Aussichtspunkt. Am Kerry Park angekommen, wussten wir sofort, warum dieser kleine Fleck so berühmt war. Vor uns lag Seattle.
Die Skyline zog sich quer über den Horizont, mitten darin die Space Needle, und mit zunehmender Dunkelheit gingen überall in der Stadt die Lichter an. Genau dieses Seattle hatte ich im Kopf gehabt. Die Space Needle, 1962 für die Weltausstellung gebaut, war zwar längst nicht mehr das höchste Gebäude der Stadt, aber das spielte überhaupt keine Rolle. Sie war das Gebäude, das man sofort erkannte. Ohne sie wäre es eine schöne Skyline gewesen. Mit ihr war es Seattle. Wir standen dort eine ganze Weile und schauten einfach nur. Und dann gab es noch eine Zugabe.

Hinter der Stadt war in der klaren Luft tatsächlich wieder Mount Rainier zu erkennen. Der Berg, um den wir den ganzen Tag herumgefahren waren, stand nun weit entfernt hinter Seattle und wirkte trotzdem noch riesig. Tagsüber hatten wir direkt vor seinen Gletschern gestanden, jetzt sahen wir ihn als gewaltige Silhouette hinter einer Millionenstadt. Erst in diesem Moment bekam man noch einmal ein Gefühl dafür, welche Dimension dieses Ding wirklich hatte.
Das Bild war beinahe absurd perfekt: vorne die beleuchtete Skyline, die Space Needle und dahinter dieser riesige Vulkan. Natur und Großstadt in einem einzigen Blick. Und während wir dort standen, war ich ziemlich froh, dass wir nach dem Einchecken nicht vernünftig gewesen waren.
Irgendwann mussten allerdings selbst wir akzeptieren, dass dieser Tag inzwischen genug Inhalt für mindestens zwei geliefert hatte. Morgens waren wir in Ellensburg gestartet, durch den Yakima Canyon gefahren, hatten Mount Rainier von Sunrise bis Paradise umrundet, waren am Riffe Lake vorbeigekommen, hatten in Puyallup Steaks gegessen, Bianca zwei Stunden durch ein Outlet begleitet und standen nun nachts am Kerry Park über Seattle. Für einen Dienstag oder Mittwoch oder welchen Wochentag auch immer wir inzwischen hatten, war das durchaus ordentlich.
Also fuhren wir zurück zum Hilton Garden Inn, diesmal mit der festen Absicht, das Zimmer auch tatsächlich zu benutzen. Hinter uns lag ein Tag, an dem wir morgens noch nicht einmal ansatzweise geahnt hatten, wie viel wir hineinpacken würden. Und morgen? Da würden wir uns Seattle bei Tageslicht ansehen. Vermutlich etwas gründlicher. Falls Bianca nicht irgendwo noch ein Outlet findet.























