Gospel in Harlem, Sonne im Central Park und ein Abend voller New-York-Wahnsinn
Sonntagmorgen in New York. Eigentlich könnte man ausschlafen, gemütlich frühstücken und anschließend irgendwo durch einen Park schlendern. Man könnte. Wir hatten uns stattdessen vom Frühstück bei Danuta abgemeldet. Wir wollten in die Kirche.
Das klingt bei uns zunächst einmal bemerkenswerter, als es tatsächlich war, denn zu den regelmäßigen Kirchgängern gehörten wir nun wirklich nicht. Trotzdem stand schon lange etwas auf unserer New-York-Liste, das wir unbedingt einmal erleben wollten: einen Gospel-Gottesdienst in Harlem. Nicht irgendeine touristische Show mit ein bisschen Gospel-Musik, sondern einen echten Sonntagsgottesdienst in einer Gemeinde.
Nur lag Harlem von Staten Island aus nicht unbedingt gleich um die Ecke. Fähre, Subway, Umsteigen – wenn wir pünktlich sein wollten, hätten wir zu einer Uhrzeit losgemusst, die selbst für kirchliche Verhältnisse ausgesprochen christlich gewesen wäre. Deshalb entschieden wir uns für die bequemere Variante und nahmen den Pickup.

Natürlich hatten wir auch diesmal vorher das Parkproblem gelöst. In New York einfach irgendwo hinzufahren und dann zu schauen, wo man sein Auto lässt, ist ungefähr so sinnvoll, wie im Times Square spontan nach einer günstigen Dreizimmerwohnung zu suchen. Also hatten wir bereits zu Hause ein Early-Bird-Angebot in einem Parkhaus an der 116th Street gefunden, gebucht und bezahlt. Dort sollte der Pickup den ganzen Tag stehen bleiben, während wir erst Harlem und anschließend Manhattan unsicher machten.
Kurz nach sieben Uhr verließen wir das Victorian Bed & Breakfast und machten uns auf den Weg. Über die Verrazano-Narrows Bridge ging es zunächst nach Brooklyn, weiter über den Brooklyn-Queens Expressway, anschließend über die Robert F. Kennedy Bridge und Wards Island hinein nach Manhattan. Während New York langsam wach wurde, fuhren wir einmal quer durch mehrere Stadtteile und erreichten tatsächlich Punkt acht Uhr unser Parkhaus. Perfekt.
Unsere Harlem Heritage Tour begann erst um neun, wir hatten also noch eine ganze Stunde Zeit. Und nachdem wir bei Danuta auf das Frühstück verzichtet hatten, durfte nun dringend etwas Essbares her.
Das Büro von Harlem Heritage Tours lag nur wenige Schritte vom Parkhaus entfernt und war schnell gefunden. Damit wussten wir schon einmal, wohin wir später zurückmussten, und gingen anschließend den Malcolm X Boulevard ein kleines Stück Richtung Norden. Nach vielleicht 300 Metern entdeckten wir ein Café mit dem vielversprechenden Namen Il Cafe Latte 1. Geschlossen. Natürlich.

Wir standen gerade vor der Tür und überlegten, wie weit unsere Frühstückssuche noch gehen sollte, als innen ein Mann auftauchte, zur Tür kam und erklärte, dass sie gleich öffnen würden. Er verschwand wieder und keine zwei Minuten später ging tatsächlich die Tür auf. So gefällt uns das.
Wir bekamen Bagels und einen richtig guten Cappuccino und saßen kaum ein paar Minuten, als zwei junge Frauen hereinkamen. Deutsche. Es ist schon faszinierend: Man kann tausende Kilometer weit fliegen, morgens irgendwo in Harlem in einem kleinen Café sitzen – und dann bestellt am Nebentisch jemand auf Deutsch. Manchmal hat man das Gefühl, Deutschland sei einfach deutlich größer, als es auf der Landkarte aussieht.
Nach dem Frühstück liefen wir zurück zum Büro von Harlem Heritage Tours. Kaum hatten wir den kleinen Raum betreten und uns hingesetzt, wussten wir noch nicht so recht, was wir davon halten sollten. Es war ein bisschen staubig, ein bisschen unaufgeräumt und hatte weniger etwas von einem perfekt durchgestylten Touranbieter als von einem Büro, in dem offensichtlich gearbeitet wurde. An den Wänden hingen große Poster von Muhammad Ali, der erst drei Monate zuvor gestorben war, und schon dadurch bekam der Raum sofort etwas sehr Persönliches.
Dann erschien unser Guide. Und begann erst einmal aufzuräumen. Wortlos. Wir saßen mit den anderen Teilnehmern auf unseren Stühlen und beobachteten, wie er durch das Büro wirbelte. Alles, was im Weg stand, wanderte kurzerhand hinter einen schweren schwarzen Vorhang. Papier, irgendwelche Gegenstände, offenbar alles, für das in diesem Moment kein geeigneter Aufenthaltsort existierte. Dieser Vorhang entwickelte sich innerhalb weniger Minuten zu einer Art schwarzem Loch von Harlem. Was dahinter verschwand, kam vermutlich nie wieder zurück.
Es war herrlich. Kein steriler Tourveranstalter mit Namensschild, Headset und laminiertem Ablaufplan, sondern jemand, der zehn Minuten vor Tourbeginn offenbar feststellte: Ach ja, hier kommen gleich Leute. Uuups – die sind ja schon da!
Pünktlich um 9:15 Uhr war das Gröbste verschwunden, der kleine Raum inzwischen gut gefüllt und unser Guide stellte sich vor: Neal Shoemaker, gleichzeitig Inhaber von Harlem Heritage Tours. Schon nach den ersten Minuten war klar, dass wir mit ihm einen Glücksgriff gemacht hatten. Zunächst gingen wir gemeinsam eine Baptistenkirche. Als Gruppe mussten wir nicht draußen anstehen, sondern wurden direkt hineingeführt. Im Gang fragte uns eine elegant gekleidete Dame kurz, woher wir kamen, bevor wir hinauf auf eine Empore gebracht wurden. Unten saß die eigentliche Gemeinde, oben die Besucher.

Und dann begann der Gottesdienst. Genau so hatte ich mir Gospel in Harlem vorgestellt – und gleichzeitig war es viel intensiver, wenn man tatsächlich mittendrin saß. Musik erfüllte die Kirche, die Gemeinde sang mit, Menschen klatschten, antworteten auf den Prediger und beteiligten sich vollkommen selbstverständlich am Geschehen. Das war kein stilles Sitzen mit gelegentlichem Blättern im Gesangbuch. Hier war Energie im Raum.
Und dann wurde getauft. Hinter der Kanzel befand sich ein großes Taufbecken – in der größe eines kleineren Schwimmbeckens, das wir zunächst gar nicht richtig wahrgenommen hatten. Der Priester stieg hinein – komplett bekleidet – und eine Frau folgte ihm. Ich hatte bis dahin noch nie eine Taufe gesehen, bei der ein erwachsener Mensch vollständig unter Wasser getaucht wurde. Genau das passierte hier. Die Frau wurde im Wasser ganz untergetaucht, anschließend wieder herausgehoben und verließ das Becken, während der Priester erst einmal darin stehen blieb und weitersprach.
Es hatte etwas Feierliches, gleichzeitig aber auch etwas völlig Selbstverständliches. Niemand machte daraus ein Spektakel. Es war einfach ein Teil dieses Gottesdienstes. Besonders amüsant war für mich, dass der Priester kurze Zeit später wieder trocken vor der Gemeinde stand. Wie genau er das in dieser Geschwindigkeit geschafft hatte, blieb für mich ein kleines kirchliches Wunder.
Später erwähnte er auch die Besucher auf der Empore, begrüßte uns und zählte die Herkunftsländer der anwesenden Gäste auf. Deutschland war natürlich dabei. Für einen kurzen Moment gehörten wir damit ganz offiziell zu diesem Sonntagmorgen in Harlem.
Irgendwann gab Neal uns leise ein Zeichen. Für uns war es Zeit zu gehen, während der Gottesdienst unten weiterlief. Ich war fast ein wenig enttäuscht. Es hatte genau diese Mischung aus Musik, Gemeinschaft, Freude und Lebendigkeit, wegen der wir unbedingt einmal einen solchen Gottesdienst erleben wollten.
Draußen sammelte sich unsere Gruppe wieder. Ein zweiter Guide kam hinzu und die Teilnehmer wurden aufgeteilt. Wir landeten bei Neal. Zum Glück. Denn jetzt begann der Teil der Tour, der diesen Vormittag für uns wirklich besonders machte.
Neal war einer dieser Menschen, denen man einfach gerne zuhört. Jung, unglaublich sympathisch, ständig in Bewegung, voller Energie und mit einem Humor, der sofort funktionierte. Mich erinnerte er ein bisschen an Eddie Murphy – nicht weil er ihn kopierte oder irgendeine Show abzog, sondern wegen dieser lebhaften Art, der Mimik und der Geschwindigkeit, mit der er erzählte.

Vor allem aber merkte man ihm eines sofort an: Harlem war für ihn kein Programmpunkt. Harlem war sein Zuhause. Das veränderte die ganze Tour. Er lief nicht vorneweg und sagte: „Links sehen Sie dieses Gebäude, rechts jenes.“ Stattdessen erzählte er Geschichten. Von Menschen, von Straßen, von der Bürgerrechtsbewegung, von Musik, von Veränderungen im Viertel und davon, wie Harlem zu dem geworden war, was wir gerade vor uns sahen. Er kannte nicht nur die historischen Daten, sondern vermittelte, warum diese Geschichte für die Menschen hier wichtig war.
Immer wieder blieb er stehen, sprach mit Leuten auf der Straße oder grüßte jemanden. Dadurch fühlte sich die Tour nicht an, als würden wir als kleine Touristengruppe durch eine fremde Gegend geschleust. Für ein paar Stunden nahm Neal uns einfach mit durch sein Harlem. Und genau das machte den Unterschied.
Wir sahen Gebäude, Kirchen und Straßenzüge, aber viel stärker blieben die Geschichten hängen. Bürgerrechtsbewegung, afroamerikanische Kultur, Musik, gesellschaftlicher Wandel – Themen, die in einem Reiseführer schnell nach Pflichtprogramm klingen können, wurden bei Neal plötzlich lebendig. Er erzählte mit Stolz, ohne pathetisch zu werden, und schaffte es gleichzeitig, ständig irgendwo eine kleine Pointe unterzubringen. Man merkte auch, dass er nicht einfach irgendeinen vorbereiteten Text abspulte. Wenn eine Frage kam, ging er darauf ein. Wenn ihm etwas einfiel, erzählte er es. Die Tour durfte leben.
Unser Weg führte schließlich zum legendären Apollo Theater an der 125th Street. Und spätestens hier musste selbst Neal nicht mehr besonders viel erklären, damit einem klar wurde, was dieser Ort bedeutet.
Ella Fitzgerald, Billie Holiday, James Brown, Michael Jackson – Künstler, deren Namen längst weit über Harlem hinaus Musikgeschichte geschrieben haben, standen hier auf der Bühne. Das Apollo war für viele von ihnen ein wichtiger Ausgangspunkt ihrer Karriere und bis heute einer dieser Orte, bei denen man schon draußen das Gefühl hat, dass in diesem Gebäude ein paar Geschichten mehr stecken als in einem gewöhnlichen Theater.
Wir standen vor dem Eingang und betrachteten die Metallplatten im Gehweg, auf denen die Namen der großen Künstler verewigt waren. Und obwohl ringsherum Autos fuhren und Menschen unterwegs waren, blieb man dort automatisch länger stehen. Bei manchen berühmten Orten denkt man: Ja, hübsch, Foto gemacht, weiter. Hier nicht.
Vielleicht lag es auch an Neal. Nach all seinen Erzählungen über Harlem fühlte sich das Apollo nicht mehr wie eine isolierte Sehenswürdigkeit an. Es war plötzlich ein Teil derselben Geschichte, die uns den ganzen Vormittag begleitet hatte.
Unsere Gruppe löste sich dort langsam auf. Wir verabschiedeten uns von Neal und waren uns ziemlich schnell einig: Diese Tour war richtig, richtig gut. Nicht nur wegen Harlem. Wegen ihm. Wenn ein Tourguide es schafft, dass man nach mehreren Stunden nicht das Gefühl hat, eine Führung gemacht zu haben, sondern jemanden getroffen zu haben, der einem seine Nachbarschaft gezeigt hat, dann hat er seinen Job ziemlich perfekt gemacht.
Nach so viel Gospel, Geschichte und Harlem wollten wir den restlichen Sonntag bewusst gemütlicher angehen. Bevor wir in die Subway stiegen, gab es noch einen schnellen Lunch bei McDonald’s. Kein kulinarischer Höhepunkt, aber zuverlässig, unkompliziert und ausreichend, um uns für den Central Park zu stärken. Mit der roten Subway-Linie fuhren wir Richtung Süden und stiegen schließlich an der 72nd Street aus. Nur wenige Blocks später standen wir am westlichen Rand des Central Parks.
Unser erstes Ziel war Strawberry Fields, die Gedenkstätte für John Lennon. Direkt gegenüber steht das Dakota Building, in dem Lennon mit Yoko Ono lebte und vor dem er am 8. Dezember 1980 erschossen wurde. Im Park erinnert das bekannte „Imagine“-Mosaik an ihn.
Es war dort natürlich nicht leer. Menschen standen um das Mosaik herum, machten Fotos oder blieben einfach für einen Moment stehen. Trotzdem hatte der Ort etwas Ruhiges. Gerade weil sich wenige Meter weiter wieder Jogger, Fahrräder und Spaziergänger durch den Park bewegten, wirkte diese kleine Stelle fast wie eine Pause.
Von dort liefen wir tiefer in den Central Park hinein – und diesmal sahen wir ihn endlich so, wie wir ihn bisher eigentlich nur von Bildern kannten. Grün. Unsere früheren New-York-Besuche hatten meist Anfang März stattgefunden. Central Park im März bedeutet zwar ebenfalls New York, aber landschaftlich besteht ein nicht unerheblicher Teil aus kahlen Bäumen und der Hoffnung, dass irgendwann wieder Blätter kommen.
Heute war alles anders. Die Bäume standen dicht und sattgrün, die Sonne schien durch die Kronen und es war angenehm warm. Plötzlich wirkte der Central Park tatsächlich wie diese riesige grüne Insel mitten in Manhattan und nicht wie ein Park, der gerade auf den Frühling wartet.
An „The Lake“ herrschte an diesem Sonntag reger Bootsverkehr. Kleine Ruderboote waren überall auf dem Wasser unterwegs, teilweise dicht an dicht, und von den Ufern aus hatte man immer wieder diese typischen Central-Park-Blicke: Wasser im Vordergrund, darüber Baumkronen und dahinter die Hochhäuser Manhattans.

Wir liefen zur Bow Bridge, weiter Richtung Bethesda Terrace und Bethesda Fountain. Hier war richtig Betrieb. Menschen saßen auf den Treppen, Straßenkünstler spielten Musik, Spaziergänger blieben stehen und überall wurde fotografiert. Dazwischen die berühmte Angel-of-the-Waters-Figur auf dem Brunnen, die man ebenfalls aus unzähligen Filmen und Serien kennt.
Das war überhaupt eines der Dinge, die uns im Central Park immer wieder auffielen: Man läuft um eine Kurve und denkt plötzlich, das kenne ich doch. Nicht unbedingt, weil man schon einmal dort war, sondern weil gefühlt halb Hollywood irgendwann schon einmal dort gedreht hat. Weiter ging es über The Mall, vorbei an Statuen und großen alten Bäumen, später zum Conservatory Water mit seinen kleinen Modellsegelbooten. Die Sonne stand inzwischen richtig schön über dem Park, Seifenblasen schwebten durch die Luft und überall saßen Menschen im Gras oder an den Wegen.
Und wir machten etwas, das uns bei unseren bisherigen New-York-Besuchen erstaunlich selten gelungen war: Wir hatten keinen Zeitdruck. Keine Walking Tour begann in 20 Minuten, kein Doppeldeckerbus musste erwischt werden, keine Aussichtsplattform hatte ein Zeitfenster. Wir konnten einfach sitzen bleiben, wenn es irgendwo schön war. Und genau das taten wir.
Gegen 16 Uhr verließen wir den Central Park am Columbus Circle. Dort schauten wir noch im Time Warner Center vorbei. Elegante Geschäfte, viel Glas, viel Hochglanz und im Untergeschoss ein Supermarkt, in dem man vermutlich problemlos handgepflückte Himalaya-Bohnen und Olivenöl mit Lebenslauf bekommen hätte. Wir wollten lediglich Cola. Das erwies sich erstaunlicherweise als Herausforderung.
Zwischen all den vornehmen Lebensmitteln war eine ganz gewöhnliche Cola offenbar deutlich weniger wichtig als irgendein Bio-Getränk mit vermutlich acht Zutaten, deren Namen wir nicht aussprechen konnten. Wir verzichteten schließlich darauf und fanden es schon ziemlich amüsant, dass man mitten in New York in einem riesigen Supermarkt durchaus alles Mögliche kaufen konnte – nur das banale Zeug wurde plötzlich schwierig.
Danach liefen wir den Broadway Richtung Times Square hinunter. Ab etwa der 52nd Street stießen wir auf einen großen Kunst- und Flohmarkt mit zahlreichen Ständen. Bilder, Schmuck, allerlei Handgemachtes und Dinge, bei denen man fünf Minuten vorher noch nicht wusste, dass man sie vielleicht dringend brauchen könnte. Wir schlenderten ohne Eile durch die Stände und näherten uns langsam wieder dem üblichen New Yorker Irrsinn rund um den Times Square.
Dabei kamen wir an Ellen’s Stardust Diner vorbei. Und erstaunlicherweise war die Schlange kurz. Das passiert ungefähr so häufig wie ein leerer Times Square. Also hinein.
Ellen’s Stardust Diner gehört für uns zu diesen Orten, die man vermutlich entweder großartig oder komplett anstrengend findet. Wir gehören eindeutig zur ersten Gruppe. Das Prinzip ist herrlich verrückt: Ein klassisches amerikanisches Diner, in dem ein großer Teil der Kellner aus professionell ausgebildeten Sängerinnen und Sängern besteht, die irgendwann am Broadway landen wollen.
Während sie Burger und Chicken Wings servieren, singen sie. Und zwar richtig. Nicht dieses Restaurant-Unterhaltungsprogramm, bei dem man nach drei Minuten hofft, dass der Künstler bald wieder zur Küche zurückkehrt. Die Leute können tatsächlich singen. Einer bringt gerade Getränke an einen Tisch, wenige Minuten später steht er mit Mikrofon irgendwo auf einer Sitzbank und schmettert einen Musical-Song heraus.

Dann übernimmt die nächste Kellnerin. Mal Musical, mal Pop, mal Klassiker, solo oder als Duett. Das ganze Restaurant wird praktisch zur kleinen Bühne, während nebenbei weiter Burger gebraten und Getränke serviert werden. Das muss man erst einmal schaffen. Und was bei all dem Spektakel fast untergeht: Das Essen ist wirklich gut. Stefan bekam seinen Be-Bop-A-Lula-Burger, bei mir landeten Crispy Wings auf dem Tisch, und wir saßen mittendrin in diesem wunderbaren Durcheinander aus Dinner und Broadway-Casting.
Natürlich geht es trotzdem amerikanisch effizient zu. Man bestellt, bekommt sein Essen, genießt die Show – und wenn man fertig ist und nichts mehr möchte, wird der Tisch irgendwann wieder für die nächsten Gäste benötigt. Ellen’s ist schließlich keine gemütliche Schwarzwaldstube für einen vierstündigen Stammtisch. Aber genau so gehört es dort hin – wir sind ja nicht im Schwarzwald sondern in New York City.
Anschließend liefen wir weiter zum Times Square, wo inzwischen wieder das übliche Programm begonnen hatte. Und das war an diesem Abend besonders ergiebig. Polizisten auf Pferden standen mitten zwischen Menschen und Leuchtreklamen, Straßenkünstler präsentierten ihre Kunststücke und überall liefen Gestalten herum, die man vermutlich ausschließlich am Times Square vollkommen normal findet.

Unter anderem natürlich der Naked Cowboy. Weiße Cowboystiefel, Hut, Unterhose, Gitarre. Mehr Kleidung benötigt man offenbar nicht, wenn man Karriere machen möchte. Und weil ein nackter Cowboy allein möglicherweise noch zu viel textile Zurückhaltung bedeutet, begegneten uns noch weitere Figuren in ähnlich eigenwilliger Garderobe. Einer posierte mit amerikanischer Flagge, irgendwo stand wieder jemand Kopf und ringsherum fotografierten Touristen das Ganze begeistert. Times Square eben.
Man könnte hier wahrscheinlich jeden Abend drei Stunden stehen und hätte am nächsten Tag wieder eine völlig neue Besetzung. Wir ließen uns treiben, machten Fotos und beobachteten einfach das Spektakel. Nach dem ruhigen Central Park war es ein ziemlich heftiger Szenenwechsel, aber genau deshalb funktioniert New York so gut. Eine halbe Stunde Subway – und man landet in einer komplett anderen Welt.

Gegen 20 Uhr machten wir uns schließlich auf den Weg zurück zum Columbus Circle, weil wir von dort mit der Subway nach Harlem fahren wollten. Natürlich lief nicht alles nach Plan. Auf unserer Linie fanden ausgerechnet an diesem Abend Wartungsarbeiten statt. Ein Teil der Strecke war gesperrt, weshalb wir irgendwann aus der Subway aussteigen und in einen Ersatzbus umsteigen mussten.
Das war ein bisschen umständlicher, aber nicht weiter schlimm. Nach mehreren Tagen New York hatten wir längst verstanden, dass diese Stadt zwar über ein riesiges Nahverkehrssystem verfügt, aber offenbar trotzdem gern kleine Überraschungen einbaut, damit niemand übermütig wird.
Irgendwann erreichten wir wieder Harlem und liefen zum Parkhaus. Unser Pickup wartete noch. Der Parkwächter nahm unseren Abholschein entgegen und erklärte allerdings, dass wir zusätzlich zehn Dollar zahlen müssten, weil unser Fahrzeug als Truck eingestuft worden war. Natürlich. Dass dieser Pickup in New York finanziell irgendwann noch eigene Bedürfnisse entwickeln würde, war eigentlich absehbar.
Nur funktionierte die Sache mit den zusätzlichen zehn Dollar technisch nicht besonders gut. Der Mann versuchte mehrfach, unser Ticket einzulesen. Nichts. Noch einmal. Wieder nichts. Irgendwann begann er selbst darüber zu lachen und machte Witze über seinen Kollegen, der morgens Dienst gehabt hatte. Vielleicht habe der heute einfach „keine weißen Autos gemocht“ und uns deshalb das Zehn-Dollar-Ticket verpasst. Beide waren Afroamerikaner, er fand seinen eigenen Witz großartig und lachte derart herzlich, dass wir irgendwann automatisch mitlachten.
Das Gerät funktionierte weiterhin nicht. Irgendwann sah er uns an, grinste und sagte: „Man, you made my day!“ Und ließ uns ohne die Zusatzgebühr fahren. Eigentlich hätten wir uns nun auf kürzestem Weg nach Staten Island zurückfahren können. Eigentlich.
Stattdessen beschlossen wir, dass wir zum Abschluss noch einmal mitten durch Manhattan fahren wollten. Wenn wir schon mit einem schwarzen Pickup in New York unterwegs waren, konnte man schließlich auch ein bisschen Stadt bei Nacht mitnehmen. Also fuhren wir die Fifth Avenue hinunter, durch Manhattan, anschließend über die Brooklyn Bridge und schließlich wieder über die Verrazano-Narrows Bridge zurück nach Staten Island. Die Brückengebühren dieses Tages beschlossen wir großzügig zu ignorieren. Es gab Dinge, die man im Urlaub einfach nicht zusammenrechnen sollte. Maut gehörte eindeutig dazu.

Gegen 22 Uhr waren wir schließlich zurück bei Danuta. Hinter uns lag ein Sonntag, der morgens mit Gospel in Harlem begonnen hatte, uns anschließend mit Neal durch die Geschichte dieses Viertels geführt hatte und irgendwann über das Apollo Theater, Central Park und Ellen’s Stardust Diner mitten im leuchtenden Chaos des Times Square gelandet war.
Gerade die Harlem Heritage Tour blieb dabei hängen. Nicht, weil wir dort die meisten Sehenswürdigkeiten gesehen hatten, sondern weil Neal uns für ein paar Stunden das Gefühl gegeben hatte, Harlem ein kleines Stück besser zu verstehen. Er hatte nicht einfach erklärt, wo wir standen. Er hatte erzählt, warum dieser Ort so ist, wie er ist – mit Stolz, Humor und einer persönlichen Verbindung, die man in keinem Reiseführer findet.
Vielleicht war genau deshalb dieser Sonntag einer unserer besonderen New-York-Tage. Und als wir am Abend noch schnell unsere Sachen zusammenpackten, war tatsächlich ein bisschen Wehmut dabei. Morgen hieß es Abschied von New York. Unser Roadtrip durch New England wartete wieder auf uns – und der Pickup hatte für die nächsten Etappen hoffentlich genug von Parkhäusern.










































