Wenn der Regen Pläne durchkreuzt: Ein Tag voller Überraschungen auf unserem Roadtrip
Als ich morgens aus dem Fenster schaute, war sofort klar: Neuengland hatte heute beschlossen, seine freundliche Postkartenkulisse gegen die etwas realistischere Version einzutauschen. Der Himmel war gleichmäßig grau, dazu fiel leichter Regen, und ausgerechnet an dem Tag, an dem wir gemütlich ein paar Küstenorte ansehen wollten. Schade, aber nun gut. Immerhin war das Wetter konsequent. Beim Frühstück warteten dann auch keine Überraschungen auf uns, sondern die üblichen Verdächtigen: Toast, Cream Cheese und dieser Kaffee, der in amerikanischen Motels zuverlässig so schmeckt, als hätte man einem Kaffeepulver aus großer Entfernung einmal kurz zugewinkt.
Wir nahmen es sportlich, aßen trotzdem und betrachteten das Ganze als funktionale Energieaufnahme. Schließlich lagen heute nur knapp 70 Meilen bis Wells vor uns, und normalerweise hätten wir dafür fast einen halben Tag Zeit gehabt, weil wir unterwegs Portland, Cape Elizabeth und einige Küstenorte anschauen wollten. Normalerweise. Der Regen hatte allerdings schon beim Frühstück einen ziemlich überzeugenden Gegenentwurf präsentiert.
Also packten wir unsere Sachen ins Auto und fuhren zunächst nach Freeport. Dort gibt es etwas, das für Outdoor-Fans fast schon Wallfahrtscharakter besitzt: den Flagship-Store von L.L.Bean. Das Unternehmen wurde 1912 von Leon Leonwood Bean gegründet und hat seinen Ursprung genau hier. Der Laden ist riesig, an 365 Tagen im Jahr rund um die Uhr geöffnet und empfängt seine Besucher stilecht mit einem überdimensionalen Bean Boot vor dem Eingang. Ein Schuh, der so groß ist, dass man damit vermutlich problemlos einen Kleinwagen treten könnte.
Drinnen ging es dann weiter mit Outdoor-Ausrüstung in sämtlichen denkbaren Varianten. Kleidung, Schuhe, Campingzeug, Jagd- und Angelausrüstung, Rucksäcke, Boote, alles. Eigentlich fehlte nur noch die Abteilung „kleines Ferienhaus im Wald zum Mitnehmen“. Wir schlenderten eine ganze Weile durch die Gänge und waren vor allem beeindruckt von der schieren Größe des Ladens. Selbst wer nur einen Regenhut kaufen wollte, hätte hier vermutlich versehentlich noch ein Kanu und drei Schlafsäcke mitgenommen.
Freeport selbst gefiel uns ebenfalls gut, gerade weil selbst die großen Ketten sich hier erstaunlich dezent in die historische Innenstadt eingefügt hatten. McDonald’s und Starbucks steckten nicht in den üblichen austauschbaren Zweckbauten, sondern in hübschen alten Häusern, sodass man beinahe hätte vergessen können, dass man gerade bei einer weltweit standardisierten Kette saß.
Bei Starbucks holten wir uns einen Kaffee und beobachteten, wie der Regen draußen stärker wurde. Damit stand die nächste Entscheidung eigentlich fest. Portland und Cape Elizabeth wären bei Sonne bestimmt wunderschön gewesen, aber wir hatten wenig Lust, Hafen, Leuchtturm und Küstenpromenade im Nieselregen abzuhaken, nur damit hinterher ein Haken auf unserer Reiseliste stand. New England würde uns hoffentlich nicht zum letzten Mal sehen, also durften diese beiden Punkte auf die Kategorie „beim nächsten Mal mit Wetter“ wechseln.
Damit hatten wir plötzlich allerdings ein ganz anderes Problem: zu viel Zeit. Für morgen war eigentlich die Rückfahrt zum Harley-Händler in Manchester geplant, um die am Anfang der Reise bestellten Teile abzuholen. Der Wetterbericht versprach für den nächsten Tag Besserung, und da kam uns der Gedanke, dass man den heutigen grauen Tag doch wunderbar für genau diese langweilige Autofahrt verwenden konnte. Morgen könnten wir dann bei Sonne etwas Sinnvolleres machen. Das war ausnahmsweise einmal richtig vernünftig gedacht und deshalb wahrscheinlich auch der Grund, warum wir nicht lange diskutierten. Lieber heute ein paar Stunden zusätzlich im Auto sitzen, wenn draußen ohnehin alles grau war, als morgen bei blauem Himmel auf der Interstate zu verbringen und links und rechts an Dingen vorbeizufahren, die wir gern gesehen hätten.
Also änderten wir den Plan und machten uns auf den Weg nach Manchester. Über den Highway 1 ging es zunächst Richtung Süden, kurz nach Biddeford bogen wir auf den Highway 111 ab, später auf die 202, und gegen 12:30 Uhr standen wir tatsächlich schon wieder bei Harley-Davidson. Unsere Teile waren komplett da, bezahlt hatten wir längst, und die ganze Aktion dauerte keine halbe Stunde. Fast enttäuschend effizient. Keine falsche Bestellung, kein Paket verschwunden, niemand suchte zwanzig Minuten in einem Lager nach irgendeiner Schraube. Wir bekamen unsere Sachen, verstauten sie im Auto und konnten direkt weiterfahren. Wenn man bedenkt, wie zuverlässig solche Kleinigkeiten auf Reisen sonst eine Eigendynamik entwickeln, fühlte sich das beinahe verdächtig an.
Über die 101 fuhren wir anschließend Richtung Portsmouth, und irgendwann geschah tatsächlich etwas, das wir morgens kaum noch erwartet hatten: Der Regen hörte auf. Gegen 14:30 Uhr erreichten wir die Stadt und konnten endlich einmal wieder aus dem Auto steigen, ohne sofort die Kapuze hochziehen zu müssen. Direkt in der Innenstadt fanden wir einen Parkplatz mit Parkuhr, und gerade als wir uns darum kümmern wollten, hielt neben uns ein Auto mit zwei jungen Frauen. Die beiden waren früher fertig geworden als geplant und schenkten uns einfach ihr Parkticket, auf dem noch ungefähr zwei Stunden Restzeit waren. Eine dieser kleinen Begegnungen, die einem im Gedächtnis bleiben, weil sie so selbstverständlich freundlich war. Kein großes Drama, kein „Pay it forward“-Plakat, einfach ein „Hier, könnt ihr haben“. Solche Momente mochten wir an den USA immer wieder.

Portsmouth gefiel uns sofort. Alte Backsteinhäuser, schmale Straßen, kleine Läden, ein bisschen Hafenatmosphäre und insgesamt genau diese Mischung aus historischer Innenstadt und lebendigem Alltag, die vielen Städten in New England so gut steht. Nach einer Runde durch die Straßen meldete sich allerdings der Hunger, und im Works Bakery Café fanden wir schnell eine Lösung. Wir teilten uns ein richtig gutes Sandwich und saßen eine Weile dort, bevor wir weiterzogen.
Auf dem Weg kamen wir an der Portsmouth Brewery vorbei, und da erinnerte ich mich an unseren ausgefallenen Plan in Portland. Eigentlich hatten wir dort eine Tour bei der Allagash Brewing Company machen wollen. Das hatte der Regen erledigt. Ein Bier in Portsmouth erschien mir deshalb als angemessene Ersatzmaßnahme, quasi kulturelle Schadensbegrenzung. Nur leider hatten ungefähr 200 andere Menschen denselben Gedanken.
Die Brewery war brechend voll. Wir hätten uns auf eine Warteliste setzen lassen können, Wartezeit mindestens 40 Minuten. Für ein Bier. So groß war unser Durst dann doch nicht. Also zogen wir wieder ab und stellten fest, dass dieser Tag irgendwie konsequent aus Planänderungen bestand. Nichts davon war schlimm, aber nichts lief ganz so, wie wir es am Morgen gedacht hatten. Dafür waren wir inzwischen ziemlich gut darin, einfach den nächsten brauchbaren Einfall zu nehmen und weiterzumachen.

Von Portsmouth fuhren wir ein Stück nach Norden und waren nach gerade einmal fünf Meilen wieder in Maine. Kittery ist der älteste Ort des Bundesstaates und besitzt nicht nur hübsche alte Fischerhäuser im typischen New-England-Stil, sondern auch eine absurde Menge an Factory Outlets. Mehr als 120 Stück. Wer wollte, konnte hier vermutlich seinen kompletten Hausstand inklusive Kleidung erneuern. Wir schauten uns ein paar Läden an, waren aber erstaunlich zurückhaltend. Zum einen hatten wir schon am Anfang der Reise in New Hampshire ordentlich eingekauft, zum anderen fehlte hier der psychologisch wichtige Faktor „steuerfrei“. Sobald man einmal erlebt hat, wie viel mehr Spaß Shopping macht, wenn an der Kasse keine Sales Tax dazukommt, wirkt normales Einkaufen plötzlich ein bisschen wie freiwilliges Draufzahlen.
Unsere Motivation hielt sich an diesem Nachmittag ohnehin in Grenzen. Der Himmel war wieder grauer geworden, leichter Regen setzte erneut ein, und irgendwann beschlossen wir, einfach zum Hotel zu fahren. Kofferpacken musste sowieso noch erledigt werden, und da wir die Harley-Teile nun bereits im Auto hatten, konnten wir heute Abend alles ordentlich verteilen und wiegen. Morgen würden wir wieder in das Bed & Breakfast zurückkehren, in dem unsere Reise begonnen hatte, und je weniger wir dort über die engen Treppen schleppen mussten, desto besser. Man kann also nicht behaupten, der Regen hätte uns gar nichts gebracht. Er hatte immerhin dafür gesorgt, dass wir ausnahmsweise etwas Organisatorisches erledigten, bevor es dringend wurde.
Auf dem Highway 1 näherten wir uns Wells, und ich versuchte mich zu erinnern, was ich für diese Nacht eigentlich gebucht hatte. Der Name klang jedenfalls äußerst vielversprechend: „Majestic Regency Resort Hotel“. Majestic. Regency. Resort. Hotel. Vier Wörter, die zusammen durchaus Erwartungen wecken. Wir fuhren durch Wells und kamen tatsächlich an einigen ziemlich beeindruckenden Hotelanlagen vorbei. Große Gebäude, gepflegte Zufahrten, hübsche Fassaden. Ich wurde zunehmend optimistisch und war überzeugt, dass eines davon gleich unseres sein musste.
Zwischendurch kam dann allerdings erst einmal etwas, das meine Aufmerksamkeit vollständig übernahm: eine gigantische Herbstdekoration mit Heuballen, Kürbissen und den Ghostbusters inklusive überdimensionalem Marshmallow Man. Genau mein Geschmack. Ich sah das Arrangement, zeigte sofort begeistert hin und erklärte Stefan, dass wir so etwas zu Hause auch brauchen würden. Seine Antwort bestand aus diesem speziellen „Ja, ja“, das in langjährigen Beziehungen nicht „Ja, selbstverständlich, ich beginne morgen mit dem Bau“ bedeutet, sondern eher „Ich hoffe sehr, dass du das in zehn Minuten vergessen hast“. Ich habe es natürlich nicht vergessen.
Je weiter wir fuhren, desto kleiner wurden allerdings die Hotels. Die schicken Anlagen lagen inzwischen hinter uns, und ich fragte mich langsam, ob wir unser „Majestic Regency Resort“ vielleicht übersehen hatten. Dann tauchte es auf. Nun ja. Groß war es tatsächlich. Majestätisch eher im geografischen Sinn.
Die Anlage bestand aus einer sehr ausgedehnten Motelstruktur mit einem kleinen Office-Gebäude in der Mitte. Nicht schlecht, nicht heruntergekommen, aber eben auch nicht ganz das, was mein Gehirn aus den Begriffen „Majestic Regency Resort“ gebaut hatte. Ich ging hinein, bekam unseren Schlüssel und stellte mit großer Zufriedenheit fest, dass wir direkt vor der Zimmertür parken konnten. Nach Tagen mit Koffern, Taschen, Einkäufen und mittlerweile auch Harley-Teilen war das deutlich wertvoller als jede Säulenhalle mit Kristalllüster.
Die Dame im Office war ausgesprochen freundlich, und ich fragte sie gleich nach einem guten Restaurant – möglichst etwas, wo auch die Einheimischen hingehen und nicht nur Touristen versorgt werden. Sie empfahl uns das Maine Diner, ein Stück weiter den Highway 1 hinunter. „Just down the road.“ Nach unserer Erfahrung in Twin Mountain wusste ich inzwischen, dass dieser Satz in den USA eine gewisse geografische Elastizität besitzt. Immerhin hatten wir genug Benzin im Tank.
Zunächst war allerdings Kofferpacken angesagt. Gegen 17 Uhr hatten wir alles ins Zimmer geschafft und begannen mit dem großen Rückflug-Tetris. Kleidung, Souvenirs, Harley-Teile und sämtliche Dinge, die während der Reise auf unerklärliche Weise hinzugekommen waren, mussten so verteilt werden, dass die Kofferwaage nicht in einen Bereich kam, bei dem am Flughafen plötzlich Menschen in Uniform sehr interessiert werden. Eine Stunde später war alles verstaut und gewogen. Das Gewicht passte. Also fast. Aber „fast“ ist beim Kofferpacken bekanntlich eine vollkommen akzeptable Maßeinheit, solange noch irgendeine Jackentasche frei ist.
Danach machten wir uns auf den Weg zum Maine Diner. Nach ungefähr zehn Minuten Fahrt wurde ich erwartungsgemäß nervös und bat Stefan, doch mal im Navi nachzuschauen, wie weit dieses amerikanische „gleich da vorne“ noch ging. Zwei Minuten später standen wir davor. Diesmal hatte die Dame also tatsächlich fast europäische Entfernungsmaßstäbe verwendet. Ich hätte ihr innerlich Unrecht getan.

Das Maine Diner war genau die Art Lokal, die wir gesucht hatten: unkompliziert, gemütlich, offensichtlich beliebt und mit einer Speisekarte voller hausgemachter Gerichte. Ich nahm ein BLT-Sandwich mit Suppe, Stefan entschied sich für Buffalo Wings, und nachdem das Bier in Portsmouth ja ausgefallen war, gönnte ich mir dazu ein Pumpkinhead Ale. Ein Bier mit Kürbisbezug passte sowieso hervorragend zu dieser Reise, auf der uns seit Tagen gefühlt jeder zweite Vorgarten beweisen wollte, dass Halloween in Neuengland keine Jahreszeit, sondern eine Religion ist. Nach all den Planänderungen des Tages saßen wir schließlich mit gutem Essen und Bier in einem echten Maine Diner und mussten zugeben: So schlecht war Plan B nun wirklich nicht.


























