Abschied von Las Vegas – Ein Fotomodell am Hoover Dam, Rootbeer mit Nebenwirkungen und ein langer Ritt nach Arizona
Nach eineinhalb Wochen Las Vegas wird es heute tatsächlich Zeit, dieser völlig verrückten Stadt den Rücken zu kehren. Wobei ich zugeben muss, dass mir der Abschied gar nicht so leichtfällt. Wir haben hier in den vergangenen Tagen dermaßen viel erlebt, dass es locker für drei Urlaube gereicht hätte. Wir haben uns durch Casinos gespielt, sind durch die Wüste gefahren, haben geshoppt, geschwitzt und jede Menge verrückte Menschen getroffen. Und ganz nebenbei haben wir auch noch unsere Tochter verheiratet! Vor gerade einmal zwei Tagen haben Bianca und Patrick mit Elvis eine Hochzeit gefeiert, die vermutlich noch in zwanzig Jahren für Gesprächsstoff sorgen wird. Andere Familien brauchen für so ein Ereignis monatelange Vorbereitungen, eine Sitzordnung mit diplomatischem Fingerspitzengefühl und mindestens eine Tante, die beleidigt ist, weil sie neben der falschen Cousine sitzen muss. Wir haben das Ganze mit fünf Leuten, einem singenden Elvis und anschließendem Hamburgeressen erledigt. Und ich würde behaupten, viel schöner hätte es kaum werden können.
Aber nun ist Schluss mit Glitzer, Glücksspiel und Fremont Street. Die Koffer sind gepackt, das Golden Nugget liegt hinter uns, und vor uns wartet wieder die amerikanische Straße. Unser heutiges Ziel ist Benson in Arizona, wo morgen ein ganz besonderes Abenteuer auf dem Programm steht. Wir wollen nämlich ausreiten! Und nachdem wir in den vergangenen Tagen hauptsächlich auf unseren eigenen Füßen unterwegs waren, darf sich morgen zur Abwechslung mal ein Pferd um die Fortbewegung kümmern. Ob das Pferd diese Arbeitsteilung genauso begrüßen wird wie wir, bleibt allerdings abzuwarten.
Zunächst führt uns die Strecke noch einmal zum Hoover Dam. Bianca und Patrick sollen schließlich wenigstens einen Blick auf dieses gewaltige Bauwerk werfen können. Stefan, Nadine und ich kennen den Staudamm bereits von unserem Besuch zu Beginn der Reise, aber beeindruckend ist er natürlich trotzdem. Also fahren wir noch einmal über den Damm bis zum Parkplatz auf der anderen Seite. Links und rechts ragen die gewaltigen Betonmauern auf, tief unten windet sich der Colorado River durch die Schlucht, und darüber spannt sich die riesige Brücke, die aussieht, als hätte jemand beschlossen, zwei Berge kurzerhand mit einem gigantischen Lineal zu verbinden.

Eigentlich könnte man hier nun aussteigen, ehrfürchtig auf dieses Meisterwerk der Ingenieurskunst schauen und sich ein paar Gedanken darüber machen, wie die Amerikaner es geschafft haben, mitten in der Wüste einen solchen Koloss zu errichten. Könnte man. Wir entdecken allerdings etwas wesentlich Interessanteres.
Eine Eidechse!
Und zwar nicht irgendeine, sondern ein ausgesprochen selbstbewusstes Exemplar, das offenbar beschlossen hat, heute seine Karriere als Fotomodell zu starten. Während hinter ihr eines der berühmtesten Bauwerke Amerikas steht, interessiert sich unsere gesamte Aufmerksamkeit plötzlich nur noch für dieses kleine Reptil. Die Echse sitzt völlig unbeeindruckt da, wirft sich regelrecht in Pose und lässt sich fotografieren, als hätte sie seit Jahren einen Vertrag mit einer renommierten Modelagentur. Kein hektisches Davonhuschen, kein Verstecken zwischen den Steinen. Nein, Madame präsentiert sich von ihrer Schokoladenseite und scheint genau zu wissen, dass sie gerade die Hauptattraktion ist.
Da fährt man Tausende Kilometer durch Amerika, steht vor einem der größten Staudämme der Welt und fotografiert eine Eidechse. Ich finde, das beschreibt unsere Art zu reisen eigentlich ziemlich treffend.
Nachdem unser kleines Fotomodell ausreichend gewürdigt wurde, geht es weiter Richtung Kingman. Die Landschaft verändert sich allmählich, die riesigen Hotelkomplexe von Las Vegas sind längst verschwunden, und stattdessen begleiten uns wieder endlose Straßen, trockene Berge und diese unglaubliche Weite, die ich an Amerika so liebe. Der Asphalt zieht sich durch die Wüste, am Horizont flimmern die Berge in der Hitze, und manchmal hat man das Gefühl, man könnte noch hundert Kilometer geradeaus fahren, ohne dass sich an der Aussicht viel verändert. Herrlich! Genau das ist für mich ein richtiger amerikanischer Roadtrip.
In Kingman meldet sich dann allerdings unser Magen, und da gibt es für uns eigentlich nur eine vernünftige Adresse: Mr. D’z Route 66 Diner! Schon von außen sieht das Lokal aus, als hätte jemand die Fünfzigerjahre liebevoll konserviert. Drinnen erwarten uns die typische Diner-Atmosphäre, amerikanische Klassiker und natürlich ordentliche Burger. Genau das Richtige nach den ersten Stunden auf der Straße.
Und dann kommt das Rootbeer ins Spiel.
Für alle, die dieses amerikanische Nationalgetränk nicht kennen: Rootbeer ist eine süße, kohlensäurehaltige Limonade mit einem ziemlich eigenwilligen Geschmack. Die Amerikaner lieben das Zeug, und ich bin mir sicher, dass sie dafür gute Gründe haben. Man muss sie nur erst einmal herausfinden. Stefan trinkt einen Schluck aus meinem Glas und sein Gesicht beim ersten Schluck ist schlichtweg unbezahlbar. Ich weiß nicht, was er erwartet hat, aber offenbar ganz bestimmt nicht DAS! Seine Mimik bewegt sich irgendwo zwischen Zahnarztbesuch ohne Betäubung und der Erkenntnis, dass man gerade versehentlich einen kräftigen Schluck Mundwasser getrunken hat.
Ich könnte mich wegwerfen!
Während wir uns über Stefans Gesichtsausdruck köstlich amüsieren, frage ich mich, ob Rootbeer vielleicht ursprünglich als Mutprobe erfunden wurde. Die Amerikaner kippen sich das Zeug jedenfalls mit einer Begeisterung hinter die Binde, als wäre es flüssiges Gold. Nun ja, Geschmäcker sind verschieden. Unsere Burger und Hotdogs sind jedenfalls hervorragend, und so verlassen wir Mr. D’z bestens gestärkt und um eine weitere kulinarische Erfahrung reicher. Stefan vermutlich auch, wobei ich nicht sicher bin, ob er diese Erfahrung unbedingt wiederholen möchte.
Anschließend geht es weiter Richtung Phoenix. Die Kilometer ziehen vorbei, wir fahren durch die weite Landschaft Arizonas, und irgendwann tauchen wieder die ersten Vororte der riesigen Wüstenmetropole auf. Hier haben Stefan und ich noch eine kleine Mission zu erledigen, die mit unserem Urlaub eigentlich überhaupt nichts zu tun hat. Für Stefans Harley-Davidson haben wir nämlich ein Ersatzteil vorbestellt, das wir nun abholen müssen. Andere Menschen bringen aus Amerika Kühlschrankmagnete, Cowboyhüte oder T-Shirts mit. Wir transportieren eben auch mal ein Stück Motorrad nach Deutschland. Jeder hat schließlich seine Prioritäten.
Die Abholung funktioniert problemlos, und schon sitzen wir wieder im Auto. Unser Tagesziel liegt schließlich noch ein gutes Stück entfernt, und langsam macht sich bemerkbar, dass wir heute nicht gerade einen gemütlichen Sonntagsausflug unternehmen. Von Las Vegas bis Benson ist es eine ordentliche Strecke, und Arizona scheint grundsätzlich nach dem Motto gebaut worden zu sein, dass zwischen zwei Orten ruhig noch ein paar Hundert Kilometer Landschaft passen dürfen.

Als wir Tucson erreichen, ist es bereits Abend, und bevor wir uns auf die letzten Kilometer machen, gönnen wir uns noch ein ordentliches Abendessen im Texas Roadhouse. Nach den vielen Burgern der vergangenen Tage könnte man meinen, wir hätten langsam genug amerikanisches Essen gehabt. Aber weit gefehlt! Ein gutes Steak geht schließlich immer, und im Texas Roadhouse wissen sie wirklich, wie man so etwas zubereitet. Saftiges Fleisch, leckere Beilagen und diese wunderbar unkomplizierte amerikanische Restaurantatmosphäre, bei der niemand erwartet, dass man sich für ein Abendessen besonders fein herausputzt. Genau unser Ding.
Gut gesättigt nehmen wir schließlich die letzte Etappe nach Benson in Angriff. Inzwischen ist es dunkel geworden, die Straße liegt vor uns, und im Auto wird es langsam ruhiger. Kein Wunder, schließlich haben wir heute wieder etliche Kilometer abgespult. Gegen 21:30 Uhr erreichen wir endlich unser Hotel. Koffer raus, Zimmer beziehen und dann eigentlich nur noch eines: ab ins Bett!

Während ich mich schließlich in die Kissen fallen lasse, muss ich noch einmal an die vergangenen Tage denken. Las Vegas liegt jetzt hinter uns, Bianca und Patrick sind verheiratet, Stefan hat seine Harley-Ersatzteile, und wir haben heute gelernt, dass eine kleine Eidechse einem weltberühmten Staudamm durchaus die Show stehlen kann. Außerdem wissen wir jetzt, wie Stefan aussieht, wenn er Rootbeer trinkt. Allein dafür hat sich der Zwischenstopp in Kingman schon gelohnt.
Morgen wartet nun ein völlig anderes Programm auf uns. Keine Casinos, keine blinkenden Reklametafeln und hoffentlich auch kein Rootbeer. Stattdessen geht es hinaus in die Landschaft Arizonas, wo wir uns auf den Rücken von Pferden schwingen wollen.
Nach all den verrückten Erlebnissen in Las Vegas klingt das eigentlich nach einer wunderbar entspannten Angelegenheit. Ein bisschen durch die Natur reiten, die Landschaft genießen und sich fühlen wie John Wayne.
Ich bin gespannt, ob die Pferde das genauso sehen.












