Zwischen Himmel und Honig
Unser göttlicher Tag auf dem Sentiero degli Dei
Nach einer weiteren Nacht auf unserem lauschigen Campingplatz – mit der zutraulichen Katze, die inzwischen fest zu Stefans Fanclub gehört – beginnt der neue Tag so, wie man ihn sich in Bella Italia erträumt: Ein Sonnenstrahl kitzelt durchs Fenster, der Duft von Espresso liegt in der Luft, und irgendwo klappert schon jemand mit Tassen. Wir spazieren zum Frühstück, ich bezahle und wünsche Pasquale, unserem charmanten Gastgeber, mit meinem neuesten Italienisch-Wort einen schönen Tag: „Buon giorno!“
Er ist entzückt. Wirklich entzückt. Sein Gesicht strahlt, als hätte ich gerade fließend Dante zitiert. „Grazie per il tuo impegno!“ – Danke für deine Mühe –, sagt er, streicht mir über die Wange wie Don Corleone in einem Moment väterlicher Gnade. Ich grinse, werfe ein selbstbewusstes „Prego!“ hinterher und verlasse das Restaurant mit dem Schwung einer Filmdiva aus den Fünfzigern, die gerade ihren Oscar entgegennehmen könnte.
Los gehts! Heute ruft der Pfad der Götter – Sentiero degli Dei, dieser sagenumwobene Höhenweg hoch über der Amalfitana, der angeblich mehr Panoramen bietet als ein Drohnenvideo mit epischer Musik.
Mit unserem kleinen Fiat – dem mutigen Helden, der sich inzwischen durch jede noch so enge Kurve kämpft flitzen wir durch das morgendliche Gewusel. Rechts Olivenbäume, links Zitronenhaine, dazwischen gelegentlich ein Mopedfahrer mit Todesverachtung und ein Laster mit dem Bremsweg eines Containerschiffs. Es geht bergauf, Serpentine für Serpentine, immer dem Himmel entgegen – bis wir uns schließlich auf schmalen Straßen nach Bomerano hangeln.

Zwei Fotospots zwingen uns sofort zur ersten Pause – einer davon ein mit Sonnenblumen umranktes Herz aus Holz mit kitschiger Aussicht auf die grünen Hügel und das blaue Band des Meeres dahinter. Hier sieht selbst der Vesuvius aus wie frisch lackiert. Ein paar Fotos, ein kurzer “Schau mal, wie schön!”-Videoanruf nach Hause – dann geht’s weiter.

Gegen 10 Uhr rollen wir in Bomerano ein. Ein verträumtes Örtchen mit ein paar Bars, in denen die ersten Cappuccini schon Geschichte sind, und einer Katze, die uns müde mustert, als hätte sie heute schon hundert Wanderer auf ihren Weg geschickt. Hier beginnt er also: der sagenumwobene „Sentiero degli Dei“ – der Pfad der Götter. Und als hätten genau die heute Dienst im Parkplatzmanagement, wartet direkt am Einstieg eine kostenlose Parkbucht auf uns.
Wir steigen aus – unsere Motivation ist – sagen wir – respektvoll gespannt. Denn wir wissen: Panoramen, Höhenmeter und der ein oder andere göttliche Fluch bei steilen Anstiegen warten nur darauf, entdeckt und verflucht zu werden.
Der Weg führt uns durch ein Stück durch Bomerano – vorbei an ein paar Häusern, Hühnern auf Morgenspaziergang und Gärten mit Zitrusbäumen, die uns wie alte Freunde zunicken. Und dann, am Ende der letzten Mauer, steht es da. Ein weißes Pferd. Einfach so. Als wäre es aus einem italienischen Märchen entlaufen und hätte sich gedacht: “Hier ist schön, hier bleib ich.” Es grast gemächlich am Wegesrand, angebunden, aber zufrieden – wahrscheinlich der inoffizielle Türsteher des Pfads der Götter.

Wir überlegen kurz, ob wir es satteln und ganz stilecht nach Positano reiten – aber der Gedanke scheitert bereits an der Tatsache, dass keiner von uns reiten kann. Also lassen wir den göttlichen Vierbeiner in Frieden weiterkauen und folgen stattdessen der Straße, die uns ein paar letzte Meter entlangführt.

Und dann – der erste Wow-Moment. Eine elegante Eisengitterbrüstung mit filigranem Schriftzug: Benvenuti sul Sentiero degli Dei. Willkommen auf dem Pfad der Götter. Und als wäre das nicht schon dramatisch genug, wirft das Geländer im richtigen Sonnenwinkel einen Schatten auf den Asphalt, der „I ❤️ Agerola“ formt – italienische Romantik in Stahl gegossen. Der Blick schweift hinaus aufs Meer, das irgendwo zwischen Türkis und Tiefblau schimmert, während sich die Küste wie ein Filmset unter uns ausrollt.
Hier beginnt der eigentliche Pfad – kein Asphalt mehr, sondern Schotter, Staub und Abenteuer. Zeit, die Kamera griffbereit zu halten und den ersten Liter Wasser zu öffnen. Der Götterweg wartet.

Der Sentiero degli Dei macht seinem Namen schnell alle Ehre – nach ein paar Minuten sind wir mittendrin im Panorama-Paradies. Der Weg windet sich durch lichte Wälder, vorbei an schroffen Felswänden, mit gelegentlichen Blicken auf das tiefblaue Meer, das sich wie eine seidig schimmernde Kulisse unter uns ausbreitet. Mal breit und gemütlich, mal schmal und felsig – immer mit dem gewissen Drama unter den Füßen und dem Gefühl, dass hier oben selbst die Wolken ehrfürchtig Abstand halten.
Wir wandern zwischen Gruppen aus aller Welt – mal überholen wir eine amerikanische Wandertruppe mit viel Motivation und wenig Kondition, mal schlängeln wir uns an einer deutschen Reisegruppe vorbei, bei der der Guide mit hochgehaltenem Regenschirm zur Ordnung ruft. Nur wenige sind wie wir allein unterwegs, ohne Guide, ohne Flagge, ohne Headset. Und plötzlich – déjà-vu! Von hinten trabt doch tatsächlich unser weißes Pferd an uns vorbei. Mit Reiter! Dasselbe, das vorhin noch seelenruhig graste, zeigt jetzt seine wahren Talente: elegant, trittsicher und völlig unbeeindruckt von Felsbrocken und Serpentinen. Wir blicken ihm kurz sehnsüchtig nach – dieser Weg hätte so viel bequemer im Sattel ausgesehen.

Aber jammern hilft nicht – also weiter. Der Weg ist ein ständiges Auf und Ab, manchmal schmal, manchmal luftig, aber immer spektakulär. Und dann, kurz bevor unsere Waden ernsthaft anfangen zu diskutieren, erreichen wir eine Weggabelung. Dort steht ein Mann und passt auf, dass alle Wanderer den richtigen weg einschlagen. Eine deutsche Reisegruppe steht dort, der Guide hält eine kurze Ansprache: „Alle, die nicht zu unserer Gruppe gehören, müssen hier rechts hochlaufen – das ist der offizielle Weg.“ Die Gruppe selbst darf den schöneren, spektakuläreren Pfad nach links nehmen.
Und für alle, die unseren Blog regelmäßig verfolgen: Ja, genau – wir haben schon einmal ähnliche Methoden angewendet. Damals in der Sixtinischen Kapelle, als wir uns klammheimlich in eine geführte Gruppe eingeschleust haben, um auf direktem Weg in den Petersdom zu gelangen. Hat dort funktioniert – klappt heute wieder. Also: unauffälliges Nicken, dezentes Mitlaufen, inneres Grinsen. Als die Gruppe zum nächsten Fotostopp innehält, verabschieden wir uns stillschweigend und setzen unseren Weg fort – wieder solo, aber um eine kleine Schummelei reicher.
Wir wandern weiter – das Meer zur Linken, den Schotter unter den Sohlen und die Aussicht zum Niederknien schön. Doch plötzlich wird es… tierisch. Zwei Schweine, mitten auf dem Pfad. Nicht etwa auf einer Weide, nicht eingezäunt, sondern ganz selbstverständlich auf dem Wanderweg – mit herrschaftlichem Blick über das azurblaue Mittelmeer. Die beiden schauen uns an, als wollten sie sagen: „Das ist unser Revier, Menschlein.“ Wir schauen zurück – respektvoll. Kein Quieken, kein Grunzen, nur eine stumme Übereinkunft: Ihr bleibt links, wir nehmen rechts. Und so machen wir einen großzügigen Bogen, der durchaus als diplomatische Geste gewertet werden darf. Schließlich weiß man nie, ob so ein Schwein nicht doch Karriere als Wildsau anstrebt.

Nach diesem kurzen Kapitel Bauernhof trifft Wanderidylle geht es wieder bergab. Und als ob die Szene mit den Schweinen noch nicht filmreif genug gewesen wäre, taucht wenig später eine Hütte auf – einsam, verwittert, charmant schief – als hätte sie jemand aus einem alten Italowestern herbeigebeamt.
Vor der Hütte sitzen ein Mann und eine Frau – beide mit dem Enthusiasmus von Menschen, die entweder gerade einen hervorragenden Limoncello hatten oder seit Stunden auf Gesellschaft gewartet haben. Sie winken, rufen lautstark „Come! Here! Best honey and bread!“ und strahlen, als hätten sie uns persönlich herbestellt. Neugierig und ein kleines bisschen überrumpelt steigen wir die Steinstufen hoch, werden in Empfang genommen wie alte Freunde und auf zwei Plätze unter dem schattigen Holzdach bugsiert.

„Setzt euch! Hier ist es fantastisch!“, insistiert die Kanadierin, als wäre sie Teilhaber des Hauses. „The guy here – he makes everything himself!“ Und noch bevor wir „Grazie“ sagen können, steht auch schon ein älterer Italiener vor uns – wettergegerbtes Gesicht, struppiger Bart, herzliches Lächeln. Ohne viele Worte stellt er Brot und Honig auf den Tisch. Selbstgemacht, versteht sich. Dazu eiskaltes Wasser mit Zitronenscheiben, serviert in einer Karaffe, die genauso rustikal ist wie der gesamte Ort.
Kurz darauf folgen Bruschetta mit herrlich reifen Tomaten, knusprige Bratkartoffeln und ein bisschen Gemüse – einfach, aber mit Liebe zubereitet. Als wäre das nicht schon genug, füllt sich unser Glas plötzlich mit Hauswein, während die Kanadier freundlich erklären, dass der Wirt nichts verlangt. Jeder gibt einfach, was er möchte. Kein Menü, keine Preise, keine Erwartungen – nur ehrliche Gastfreundschaft auf 600 Höhenmetern.
Wir unterhalten uns eine ganze Weile, über Herkunft, Reiseziele, Lieblingswanderungen – übliche Urlaubsplaudereien, aber mit Aussicht auf ein halbes Mittelmeer. Dann einigen wir uns mit unseren neuen Freunden darauf, dem Mann jeweils 20 Euro in seine Blechdose zu stecken. Es fühlt sich an wie ein kleiner Beitrag zur Aufrechterhaltung dieses magischen Ortes.
Zum Schluss dürfen wir noch ins Innere der Hütte – und die ist eine Mischung aus Hexenküche, Almstube und Museum. Überall hängen Kannen, Pfannen, Kräuter, Gläser, Schalen. Und mittendrin: eine kleine Bank, ein rustikales Bett und ein Fenster mit Aussicht auf die Ewigkeit. Draußen wartet ein Esel in der Sonne. Natürlich wartet da ein Esel. Alles andere wäre ja fast schon zu normal gewesen.
Nach fast einer Stunde auf der kleinen Terrasse mit Blick auf die halbe Amalfi-Küste – gesättigt von Bruschetta, Sonne und nettem Urlaubsgeplauder mit den Kanadiern – schultern wir unsere Rucksäcke wieder. Zeit, weiterzugehen. Wobei “gehen” langsam in “sich mühsam fortbewegen” übergeht. Die Beine sind schwer, die Knie melden sich dezent, aber bestimmt – und wir merken: Das hier ist kein gemütlicher Spaziergang durch den Stadtpark.
Kurz nach dem Aufbruch werden wir von der deutschen Reisegruppe überholt, in deren Mitte wir uns zuvor so charmant eingeschmuggelt hatten. Auch sie machen Rast an der kleinen Hütte. Offenbar ein Pflichtstopp. Wir nicken uns noch zu wie alte Verbündete und ziehen weiter.
Ab jetzt spielt das Meer die Hauptrolle. Links von uns: Steilküste. Rechts: Felswände. Vor uns: ein schmaler Pfad mit einem Panorama, das eigentlich Eintritt kosten müsste. Die Aussicht ist schlicht überwältigend. Das Meer leuchtet tiefblau, Boote ziehen ihre feinen Spuren durchs Wasser, irgendwo schimmert Capri im Dunst.

Doch so himmlisch der Blick – so höllisch zäh die Beine. Immer wieder glauben wir, der Abstieg müsse doch jetzt endlich beginnen. Wir wollen doch runter ans Meer! Aber der Weg spielt seine ganz eigene Dramaturgie: Erst geht’s runter, dann wieder rauf. Und wenn man glaubt, jetzt wirklich ganz sicher am tiefsten Punkt zu sein, kommt – na klar – noch ein kleiner Anstieg hinterher. Es ist ein bisschen wie ein Bergfilm mit Schleifenfunktion. Aber einer mit Oscar-reifer Kameraarbeit.
Sentiero Degli Dei
Es geht weiter auf und ab – und nochmal auf. Und wieder runter. Und gleich nochmal hoch. Der Sentiero zieht sein eigenes Ding durch, ignoriert jede Hoffnung auf einen „letzten Anstieg“ und testet mit stoischer Konsequenz unsere Wandermoral. Aber dann… dann kommt wieder so ein Moment: Links ein Felsen, rechts ein Baum – und dazwischen ein Blick wie aus dem Helikopter. Tief unter uns das Meer, wie flüssiger Lapislazuli. Die Küste schmiegt sich in eleganten Kurven an die Berge, bunte Häuser klammern sich wie Legosteine an die Hänge, und irgendwo da unten – winzig klein – ahnt man schon Positano, dieses Bilderbuchstädtchen, das man aus jedem zweiten Italienkalender kennt.
Wären die Beine nicht aus Blei und die Knie nicht kurz vorm Aufstand, man würde einfach stehen bleiben, die Arme ausbreiten und ein „Ich bin der König der Welt!“ in die Tiefe brüllen. Stattdessen keucht man still vor sich hin und tut so, als hätte man alles im Griff.
Dann, plötzlich, öffnet sich der Blick: Nocelle. Ein winziges, verschachteltes Dorf, das wirkt, als hätte es sich aus Versehen hier oben verirrt und sei zu stolz zum Umdrehen. Laut Wanderbeschreibung beginnt hier der finale Abstieg nach Positano – über sagenhafte 1700 Stufen. Ich hab’s tatsächlich nochmal überprüft: Ja, die Zahl stimmt. In Worten: Eintausendsiebenhundert. Klingt erstmal wie ein Mythos, ist aber bittere Realität. Nur dass wir heute keine Lust auf Mythen haben. Sondern eher auf eine Bushaltestelle. Und die liegt – oh Wunder – nur ein paar Minuten entfernt.
1700 Stufen? Nicht heute, danke. Vielleicht beim nächsten Mal. Dann nehmen wir einfach den Bus nach Nocelle und steigen frisch und motiviert runter, tun so, als hätten wir den ganzen Weg gemacht – und holen uns unten einen Gelato zur Belohnung. Heute aber sind die Beine leer und die Entscheidung glasklar.
An der Bushaltestelle erwartet uns eine dieser magischen italienischen Zufallsbegegnungen: Ein alter Ape, umgebaut zum Kiosk, mit einem Betreiber, der aussieht, als hätte er schon Sophia Loren auf dem Moped mitgenommen. Frisch gepresster Orangensaft, eiskalt, in Windeseile serviert – und das für 2,50 €. Und dazu gibt’s auch gleich noch das Busticket, ganz unkompliziert direkt vom Mann mit dem Saft.

20 Minuten später kommt der Bus. Klein, rappelvoll, mit einem Fahrer, der offenbar in einem früheren Leben Rallye-Profi war. Die Fahrt? Eine Mischung aus Achterbahn und Abenteuerfilm. Immer wieder scheint es, als könne der Bus nicht an der Felskante vorbeipassen – und dann kommt ausgerechnet jetzt auch noch ein anderer Bus entgegen. Zentimeterarbeit, während links der Abgrund gähnt. Wer schwache Nerven hat, sollte lieber den Blick auf den Fußboden richten. Wer starke hat, wird mit einer Aussicht belohnt, die jeder Eintrittskarte spottet.
Bushaltestelle mit Service
Um 14:30 Uhr erreichen wir Positano. Und ganz ehrlich? Wir sind fix und fertig. Aber auch glücklich. Denn selbst wenn wir den letzten Teil geschwänzt haben – dieser Tag war ein echtes Abenteuer. Und nächstes Mal? Da laufen wir die Treppen. Vielleicht. Wahrscheinlich. Oder eben doch wieder nicht. Wer weiß das schon.

Eigentlich wollten wir nun mit dem Busa nach Amalfi – dort umsteigen und dann mit einem anderen Bus weiter nach Bomerano. Aber warum sich in einen Bus zwängen, wenn man auf dem Wasserweg reisen kann? Genau das dachten wir uns jetzt. Der Plan, zurück über die kurvige Amalfitana zu fahren, wird spontan über Bord geworfen – ganz wörtlich. Stattdessen nehmen wir die Fähre von Positano nach Amalfi, Abfahrt 15:40 Uhr. Das gibt uns noch eine gute Stunde, um endlich durch Positano zu schlendern, nicht nur zu fahren.

Denn beim letzten Besuch hatten wir das Vergnügen, den Ort nur aus dem Autofenster zu bestaunen – ein lebendiger, bunter Bilderrahmen, der viel zu schnell vorbeizog, weil Parken schlicht ein Ding der Unmöglichkeit war. Jetzt aber: Zeit zum Bummeln! Kleine Läden mit handgemachter Keramik, Zitronenkleidern, Strohhüten, Postkartenmotiven in Echtzeit. Überall hängen Blüten, die Fassaden sind buttergelb und pfirsichfarben, als hätte ein Pastellmaler sich ausgetobt. Aber unsere Beine melden sich recht bald zurück aus dem Off: „Wir sind raus.“ Also holen wir uns ein ordentliches Gelato, lassen uns an der Hafenmauer nieder – und genießen einfach.

Pünktlich um 15:40 Uhr gleitet das Schiff in den Hafen. Es ist fast zu schön, um wahr zu sein: Der Himmel ist wolkenfrei, die See ruhig, die Farben wie frisch aus dem Lightroom-Filterkasten. Als wir ablegen, lehnen wir uns zurück – die Kamera bereit, die Augen noch mehr.
Und dann beginnt sie: eine der schönsten Schifffahrten Europas. Wirklich. Das ist keine Übertreibung. Die Amalfi-Küste zeigt sich vom Wasser aus in ihrer ganzen dramatischen Pracht. Steil fallen die Berge ins Meer, durchsetzt von Terrassen, Zitronenhainen und bunten Häusern, die wie Farbkleckse an den Felsen hängen. Positano verschwindet langsam hinter uns – ein vertikales Postkartenmotiv, das sich in jedem Meter Entfernung neu zusammensetzt. Und vor uns liegt ein Bild, das mit jeder Seemeile noch schöner wird.

Links türmt sich der Fels auf, kantig, wild, fast abweisend. Doch dazwischen blitzen immer wieder versteckte Villen, Kapellen und verwunschene Pfade hervor. Einmal fahren wir an einer winzigen Höhle vorbei, durch die das Sonnenlicht türkisgrün leuchtet, als hätte Poseidon selbst eine Unterwasser-Disco eingerichtet.
Und dann dieser Blick zurück auf den Sentiero degli Dei – den Pfad der Götter, den wir am Vormittag bezwungen (okay, ein Stück weit bezwungen, fast) haben. Von hier unten wirkt er wie ein zartes Band entlang der Steilwand, und wir klopfen uns innerlich nochmal auf die Schultern.

Die Farben wechseln minütlich: das Meer zwischen Saphir, Türkis und Tinte, die Berge zwischen Smaragd und Schiefer, der Himmel als makellose Leinwand darüber. Manchmal begegnet uns ein Segelboot, manchmal ein Schwarm Möwen – und immer wieder dieser Moment, in dem man einfach nur denkt: „Ist das wirklich echt?“
Mit dem Schiff nach Amalfi
Kurz vor Amalfi sehen wir das Küstenstädtchen wie eine Bühne auftauchen – eingebettet zwischen Berg und Meer, mit der markanten Kathedrale von Sant’Andrea, die sich wie ein steinernes Mosaik aus dem Hang schiebt. Ein letzter Foto-Moment, ein letzter Seufzer, dann legt das Schiff an.
Ankunft in Amalfi: in Gold getaucht vom spätnachmittäglichen Sonnenlicht, das die Fassaden zum Glühen bringt. Die Beine sind müde, das Herz leicht, und das Meer hat seinen ganz eigenen Applaus hinterlassen – in Form einer Gänsehaut.

Jetzt geht’s erstmal schnurstracks zur Touristeninformation, denn irgendwo muss man ja rausfinden, wie man wieder hoch nach Bomerano kommt – unser Auto wartet schließlich dort oben geduldig wie ein braver Hund. Die nette Dame am Schalter verkündet: Der nächste Bus kommt in 45 Minuten. Nicht lang genug, um groß was zu unternehmen, aber zu lang, um einfach nur blöd rumzustehen.
Also verteile ich mich strategisch in den umliegenden Souvenirläden, während Stefan sich als Lagekundiger um den Bus kümmert. Ich finde – rein zufällig natürlich – eine Tasche mit Zitronenmotiv (klar!), ein Zitronen-Kopfkissen mit passendem Bezug, zwei Schlüsselanhänger mit Mini-Vespas (Noah! Emilia! Geschenk erledigt!), und allerlei anderen Krimskrams, den man definitiv nicht braucht – es sei denn, man ist auf der Amalfi-Küste, dann braucht man das natürlich dringend.
Zurück am Busbahnhof suchen wir uns ein schönes Plätzchen mit Aussicht auf… die Bushaltestelle. Stefan hat schon mal gespäht, wo der Bus nach Pomerano abfahren wird – oder zumindest wo er ungefähr abfahren könnte, denn feste Regeln scheinen hier eher optional zu sein.
Zehn Minuten vor Abfahrt machen wir uns auf den Weg zur vermeintlichen Einstiegsstelle. Ein Mann ruft: „Bomerano, da hinten!“ Und dann geht’s los: eine Horde von Menschen setzt sich in Bewegung wie beim Schlussverkauf, wir mittendrin. Menschen drängeln, Ellbogen fliegen, der Busfahrer sieht gestresst aus. Ich schaffe es noch irgendwie in den Bus, Stefan steht draußen. Ich winke, rufe, gestikuliere – der Busfahrer ruft: „Zu! Bus voll!“
Stefan draußen, ich drinnen. Eine Szene wie aus einer schlechten Liebeskomödie – nur mit mehr Schwitzen und weniger romantischer Musik. Ich rufe dem Fahrer noch zu, dass ich dann doch lieber wieder zu meinem Mann will, was er mit einem Augenrollen quittiert. Also schiebe ich mich rückwärts durch ein Meer aus verschwitzten Rucksäcken und Selfiesticks, remple mich zur Tür, stolpere raus – und wir stehen wieder nebeneinander. Immerhin. Der Bus fährt ab. Ohne uns.
Gut. Das war’s dann wohl. Wir schlurfen zurück zur Info und hören dort: Wenn viele Leute übrig bleiben, wird manchmal ein zweiter Bus organisiert. Irgendwo. Irgendwann. Man müsse nur „die Augen offenhalten“ – was in diesem Kontext ungefähr so präzise ist wie „der Schatz liegt irgendwo im Wald“.
Doch siehe da – zehn Minuten später geht plötzlich wieder so ein kollektives Raunen durch die Menschenmenge. Irgendwo schreit jemand „Pomerano!“, andere rennen, wir rennen hinterher – und tatsächlich, ein zweiter Bus steht bereit. Wieder kein Sitzplatz-Festival, aber wir ergattern zwei halbwegs zusammenhängende Sitze, wischen uns den Schweiß von der Stirn und lehnen uns erleichtert zurück.
Die Fahrt nach Bomerano verläuft zum Glück weniger dramatisch. Der Bus kurvt zügig die Serpentinen hinauf, während draußen die Amalfi-Küste langsam in goldenes Abendlicht getaucht wird. Und während andere noch in Flipflops auf das nächste Schiff warten, sitzen wir im Bus wie zwei erschöpfte Helden – mit Zitronenkissen im Gepäck, erschöpften Waden und der Gewissheit, dass nichts auf dieser Reise ohne Drama geht. Aber genau das ist es ja, was Italien so herrlich macht.









































