Die SS 125 gehört den Schweinen. Und den Kühen. Und ein bisschen uns.
Abschied vom Golf von Orosei, Kurs auf Lotzorai – und dazwischen die SS 125 Orientale Sarda, eine der wildesten und schönsten Straßen der Insel. Wer sie nur bei strahlendem Sonnenschein kennt, hat die halbe Geschichte nicht gehört. Wir bekamen heute die Director’s Cut-Version: Nebel, Dramatik, und eine Tierwelt, die offensichtlich niemanden gefragt hat, ob sie die Straße mitbenutzen darf.

Am Bellavista Dorgali hielten wir zuerst an. Das Küstenstädtchen lag friedlich unter uns, die hellen Häuser in einen Streifen Licht getaucht, dahinter das Meer – und hinter uns bereits die ersten schweren Wolken, die sich wie dunkle Vorhänge über die Berge schoben. Es war einer dieser Momente, in dem man kurz stehenbleibt, tief Luft holt und denkt: gut, dass wir hier sind. Dann fuhren wir in den Nebel hinein.
Was dann folgte, hätte als Kulisse für einen schottischen Highland-Film durchgehen können – nur dass es hier nach Rosmarin und feuchter Erde roch statt nach Whisky. Die Sichtweite war ein launisches Biest: Mal öffnete sich ein Panorama, das tief eingeschnittene Täler zeigte und schroffe Kalksteingipfel, die wie versteinerte Riesen aus dem Boden ragten. Und dann, keine zwei Minuten später, zog sich die graue Suppe so dicht um die Fahrzeuge, dass man sich wie ein Kapitän im Nordatlantik fühlte – nur ohne Schiff, dafür mit Scheibenwischer auf Stufe zwei. Die Bilder der Strecke sagen es deutlicher als Worte: mal strahlend grüne Täler, mal nichts als Wolke. Sardinien im April kann sich nicht entscheiden, und das ist wunderbar.
Wir schraubten uns kurvenreich durch dieses Nebelreich, und irgendwo zwischen zwei Haarnadelkurven begann Sardinien mit dem zu unterhalten, womit man auf keiner deutschen Autobahn rechnen muss.
Zuerst: die Ziegen. Sie tauchten aus dem Nebel auf wie ein Ensemble, das schon auf seinen Auftritt gewartet hat. Eine ganze Herde, die die Leitplanke als persönlichen Laufsteg nutzte und unsere Fahrzeuge mit dem desinteressierten Blick von Leuten betrachtete, die hier schon immer das Sagen hatten. Kein Erschrecken, kein Ausweichen, keine Reaktion. Vollständige, tiefenentspannte Ignoranz. Wir bremsten, warteten, fotografierten. Die Ziegen spazierten. Irgendwann war die Straße wieder frei – wahrscheinlich weil sie fertig waren, nicht weil wir gewartet hatten.
Nur wenige Kurven weiter: die Kühe. Auch diese hatten offensichtlich entschieden, dass der feuchte Asphalt der angenehmste Aufenthaltsort der Gegend ist. Ein paar von ihnen standen direkt auf der Fahrbahn und schauten uns durch die Windschutzscheibe an mit dem Ausdruck von jemandem, der sagen möchte: „Habt ihr keinen eigenen Berg?“ Wir hielten Abstand. Warteten. Die Kühe interessierte das herzlich wenig. Zeit ist auf 800 Metern Höhe ein Konzept, das nur für Menschen gilt.
Und dann – als wäre das Drehbuch des Tages noch nicht vollständig ausgereizt – die Schweine. Nicht ein einzelnes, verirrtes Tier, sondern ein ganzes Rudel Suino Sardo, der halbwilden sardischen Rasse, die das ganze Jahr frei durch die Macchia streunt und sich von Eicheln, Wurzeln und allem ernährt, was der Waldboden hergibt. Gescheckt, dunkel, selbstbewusst – sie wühlten sich in aller Seelenruhe durchs Gebüsch direkt neben der Straße, während der Nebel die Szene in ein surreales Licht tauchte. Noah und Emilia klebten an den Scheiben. Die Schweine interessierten sich für uns ungefähr so viel wie für den Nebel – gar nicht. Sie sind es gewohnt, hier zu sein. Wir waren die Gäste.
Es war, ehrlich gesagt, die schönste Safari, auf der man nie ausgestiegen ist.
Als wir uns schließlich die Serpentinen wieder Richtung Küste hinunterschraubten, passierte das Wunder, auf das man bei solchen Straßen immer hofft: Die Wolkendecke riss auf. Und darunter lag die Küstenlandschaft bei Tortolì und Arbatax wie hingemalt – Lagunen, die im plötzlichen Sonnenlicht glitzerten, die Küstenlinie, das Meer. Alles auf einmal sichtbar, nach Stunden in der grauen Suppe. Der Nebel blieb beleidigt in den Bergen zurück. Wir rollten zufrieden nach Lotzorai hinunter.

Vorher noch ein kurzer Stopp in Baunei – eines jener Bergdörfer, die so tun als wäre das 21. Jahrhundert an ihnen vorbeigerauscht ohne zu klopfen. Verblasste Fassaden, geschlossene Läden, eine handvoll Autos auf dem Dorfplatz. Diese Stille hat etwas – eine Ruhe, die keine Touristenwerbung produzieren kann, weil sie schlicht nicht auf Besucher wartet.
Im Restaurant Il Pozzo in Lotzorai brachten wir dann die Mägen zur Raison, die nach diesem Tag deutlich lauter protestierten als die Kühe auf der SS 125. Lasagne, Penne all’Arrabbiata, Cotoletta für Noah und – mit der unerschütterlichen Verlässlichkeit einer kleinen Dame die weiß was sie will – Penne Pomodoro für Emilia. Emilias Beziehung zu Penne Pomodoro ist die konstanteste Liebesgeschichte dieser Reise. Sie schwankt nicht. Sie zweifelt nicht. Sie bestellt, sie isst, sie ist zufrieden. Ehrlich gesagt bewundere ich das.
Ich bestellte die Seada. Die dritte auf dieser Reise. Es gab keine Diskussion darüber, keine innere Abwägung, keinen kurzen Blick auf andere Optionen. Der Teig brach auf, der Pecorino schmolz, der Erdbeerbaum-Honig floss. Oli und Nadine entschieden sich für Tiramisu, was ebenfalls für seliges Schweigen am Tisch sorgte. Wir sind eine Gruppe mit guten Prioritäten.
Nach dem Essen: Vorratsbeschaffung im Crai, den Nadine per Handynavi durch verwinkelte Gassen aufgespürt hatte wie einen versteckten Schatz. Zwischen Einheimischen die Regale zu plündern hat seinen eigenen Charme. Dann: Camping Village Le Cernie in Lotzorai – dicht unter Pinien, gutes Gefühl, und direkt vor der Tür: das Meer.
Das Meer war an diesem Tag nicht in der Stimmung für sanftes Plätschern. Es war laut, weiß, ungestüm – echte Brandung, die mit Wucht gegen den Strand rollte. Und Noah und Emilia fackelten keine Sekunde. Schuhe weg, Jacken zu, ab in die Gischt. Noah mit einem Stock in der Hand wie ein kleiner Meeresgott, der den Wellen erklären wollte, dass er hier das Kommando übernimmt. Die Wellen zeigten sich unbeeindruckt, was ihn kein bisschen störte. Emilia tanzte durch das Wasser, lachte, wurde nass, lachte weiter. Die Fotos zeigen es: zwei kleine Menschen, riesige Wellen, dramatischer Himmel – und das Lachen der Kinder das locker gegen das Tosen der Brandung ankam.
Wir Großen zogen ebenfalls die Schuhe aus – weil man das einfach tun muss, wenn das Meer so laut ist – und stapften in die Gischt. Was dann folgte, war weniger würdevoll als gedacht. Stefan lieferte den Beweis, dass Sardinien keine Rücksicht auf Selbstbild nimmt: Eine Welle, ein falscher Schritt, und schon sieht man auf dem Foto genau den Moment, in dem ein Mann versteht, dass er verloren hat. Arme ausgebreitet, Knie gebeugt, das Gesicht mit dem Ausdruck von jemandem, der sich noch nicht ganz eingestanden hat, was gerade passiert. Eines der ehrlichsten Fotos dieser Reise.
Vorher hatten Stefan und ich noch tapfer für die Nachwelt posiert – Bein hochgezogen, Arm ausgestreckt, als würden wir das alles mit größter Lässigkeit genießen. Nadine und Oli hingegen standen daneben und sahen tatsächlich entspannt aus. Einfach so. Ohne Aufwand. Das ist entweder echte Coolness oder gutes Timing beim Fotografen. Wir tippen auf Letztes.
Den Abend ließen wir unter den Pinien ausklingen – Grill an, Crai-Beute auf dem Rost, Camper nebeneinander unter den Bäumen. Zwischen Ziegen, Kühen, Schweinen und einer dritten Seada war das ein Tag, der alles hatte, was Sardinien ausmacht: das Unerwartete, das Langsame, das Wilde und das Ehrliche.
Man braucht nicht viel mehr als das.















































