Wir wollten doch nur einen Espresso!
Es gibt Anschaffungen, bei denen stellt man hinterher fest, dass man eigentlich gar keinen Gegenstand gekauft hat, sondern ein neues Hobby. Manchmal sogar eine neue Lebensaufgabe. Bei uns begann diese Erkenntnis mit einem ziemlich großen Karton und endete wenige Tage später damit, dass ich mit einer Feinwaage in der Küche stand, Sekunden stoppte und ernsthaft darüber diskutierte, ob ein Mahlgrad von 9,0 vielleicht doch zu grob sei und wir besser auf 8,7 gehen sollten. Dabei wollten wir eigentlich nur einen Espresso. Also gut, vielleicht nicht irgendeinen Espresso. Wir wollten diesen Espresso, den man in Italien bekommt. Diesen kleinen, unscheinbaren Kerl in der viel zu kleinen Tasse, der irgendwo in einer Bar in Venedig, Neapel oder sonst wo auf den Tresen gestellt wird, als wäre überhaupt nichts dabei. Zwei Schlucke, dunkel, dicht und schokoladig, oben eine Crema, auf der ein Löffel vermutlich problemlos kurz parken könnte. Kein großes Theater, kein Barista mit Vollbart, Lederschürze und einer Bohne, die bei Vollmond von einer peruanischen Bergziege persönlich geerntet wurde. Einfach Kaffee. Aber eben richtig guter.
Und weil wir solche Dinge erfahrungsgemäß gern unkompliziert angehen, kauften wir dafür eine Lelit Mara X. Da stand sie also plötzlich in unserer Küche, ein blitzendes, verchromtes Monster aus Edelstahl mit E61-Brühgruppe, Hebeln, Manometern und ausreichend technischer Ausstrahlung, um jederzeit auch die Steuerung eines kleineren italienischen Kernkraftwerks übernehmen zu können. Direkt daneben zog eine Eureka Mignon Oro 65 ein, eine Kaffeemühle, die ungefähr so aussieht, als könne sie wahlweise Espressobohnen mahlen oder hochpräzise Bauteile für die Raumfahrt herstellen. Und daneben steht weiterhin unser Vollautomat, der arme Kerl. Jahrelang war er ein angesehenes Mitglied unseres Haushalts. Bohnen oben rein, Knopf drücken, Kaffee unten raus. Ein solides Geschäftsmodell, das sich über Jahrzehnte bewährt hat. Und plötzlich bekommt er einen italienischen Kollegen zur Seite gestellt, bei dem für dieselbe Tätigkeit eine Mühle, eine Waage, ein Tamper, diverse Siebe, ein Abschlagbehälter, eine Stoppuhr und offenbar ein Grundstudium in Strömungsmechanik erforderlich sind. Ich bilde mir ein, dass er uns seitdem beobachtet und sich vermutlich denkt: Ihr wisst aber schon, dass man bei mir einfach auf „Espresso“ drücken kann? Ja. Wissen wir. Aber das wäre jetzt zu einfach.
Denn was dir beim Kauf einer Siebträgermaschine keiner mit der nötigen Deutlichkeit sagt: Ein Siebträger ist kein Haushaltsgerät, sondern eher ein Haustier mit ausgeprägtem Charakter, italienischem Temperament und einer gewissen Freude daran, seine Besitzer psychisch zu zermürben. Bei einem Toaster ist die Sache überschaubar. Brot rein, Hebel runter, Brot braun. Niemand sitzt anschließend mit ernster Miene davor und sagt: „Ich glaube, wir müssen den Toastgrad um 0,3 reduzieren und die Brotmenge um 0,4 Gramm erhöhen.“ Beim Siebträger ist genau das plötzlich ein völlig normales Gespräch. Wir hatten uns das natürlich anders vorgestellt. Bohnen in die Mühle, Kaffeemehl in den Siebträger, ein bisschen festdrücken, Hebel hoch und unten kommt Venedig raus. So ungefähr. Stattdessen kam zunächst etwas heraus, das durchaus flüssig war, womit die positiven Eigenschaften aber auch weitgehend beschrieben wären.

Unser erster Kandidat war Quarta Avio. Süditalien, kräftig, dunkel geröstet und damit genau unsere Richtung, denn schließlich mögen wir Espresso und keine warme Fruchtschorle mit Kaffeenote. Also Bohnen rein, mahlen, tampen, Hebel hoch und erwartungsvoll auf die Tasse schauen. Dort passierte zunächst einmal nicht besonders viel. Irgendwann tröpfelte eine dunkle Flüssigkeit aus dem Siebträger, ungefähr in der Geschwindigkeit eines Wasserhahns, der seit 1994 eine neue Dichtung braucht. Nach gefühlten drei Werktagen war genug davon in der Tasse, um einen ersten Schluck zu wagen. Ich probierte und musste anerkennen, dass das Ergebnis zumindest charakterstark war. Wenn man ein Stück Grillkohle sehr fein mahlt, mit heißem Wasser übergießt und anschließend durch einen Motorölfilter presst, dürfte das geschmacklich ungefähr in diese Richtung gehen.
Also änderten wir den Mahlgrad, mahlten wieder, wogen wieder, tampten wieder, zogen den nächsten Espresso und probierten erneut. Nicht gut. Also noch einmal. Ein bisschen gröber, ein bisschen feiner, 17 Gramm rein, Espresso raus, probieren, kritisch gucken und wieder von vorne. Das Problem bei dieser Art der Fehlersuche ist allerdings, dass man das Versuchsergebnis nicht wie bei einem missglückten technischen Experiment einfach zur Seite stellen kann. Man muss es schließlich probieren, sonst weiß man ja nicht, ob Versuch Nummer sieben besser war als Versuch Nummer sechs. Und so hatte ich im Laufe des frühen Abends eine Menge Espresso getrunken, die vermutlich ausgereicht hätte, um eine mittelgroße italienische Reisegruppe geschlossen durch eine Nachtfahrt zu bringen. Irgendwann musste ich mich dann tatsächlich von unserem neuen Forschungsprojekt losreißen, denn ich hatte Nachtschicht.

Ausgerechnet. Normalerweise gehört vor einer Nachtschicht ja durchaus ein gewisses strategisches Schlafmanagement dazu: ein bisschen vorschlafen, Kräfte sammeln, den Körper wenigstens kurz davon überzeugen, dass die kommende Nacht ganz bestimmt eine hervorragende Idee ist. Dieses Problem hatte ich an diesem Tag nicht mehr. Schlaf war inzwischen ohnehin nur noch ein interessantes Konzept, von dem andere Menschen gelegentlich berichteten. Ich hätte vermutlich mit geschlossenen Augen im Bett liegen können und trotzdem jeden einzelnen Herzschlag bis zum Dienstbeginn mitzählen können. Dafür fuhr ich ausgesprochen wach zur Arbeit. Sehr wach. Vermutlich hätte man mir in dieser Nacht auch noch eine zweite Schicht hinten anhängen können, und ich hätte anschließend auf dem Heimweg freiwillig sämtliche Bahnhofsschilder poliert.
Immerhin hatte die ganze Sache einen entscheidenden Vorteil: Während andere Menschen nachts Kaffee trinken, um wach zu bleiben, hatte ich meinen Bedarf vorsorglich bereits für die komplette Schicht und vermutlich noch für die drei Folgenden gedeckt. Meine persönliche Müdigkeitskurve war nicht abgeflacht, sie war schlicht aus dem Diagramm verschwunden. Und während ich zur Arbeit fuhr, beschäftigte mich selbstverständlich trotzdem weiterhin die wirklich wichtige Frage des Tages: War der Mahlgrad jetzt eigentlich schon richtig oder müssten wir morgen vielleicht doch noch ein kleines bisschen feiner gehen? Spätestens da war klar, dass diese Maschine bereits nach wenigen Tagen erheblichen Einfluss auf unser Leben genommen hatte.
Besonders schön wird es nämlich, wenn man in so einer Situation zusätzlich anfängt, im Internet nach Lösungen zu suchen. Das sollte man bei einem Siebträger wirklich nur tun, wenn man psychisch gefestigt ist, denn dort erfährt man sehr schnell, dass Kaffee keineswegs einfach „durchläuft“. Kaffee extrahiert, und plötzlich hat man es mit Flow, Ratio, Preinfusion, Puck Preparation, Temperaturmanagement und natürlich Channeling zu tun. Begriffe, die wenige Tage zuvor keinerlei Bedeutung im eigenen Leben hatten und über die man nun während einer Nachtschicht nachdenkt, obwohl normale Menschen um diese Uhrzeit vermutlich einfach froh wären, wenn ihr Kaffee heiß ist.

Channeling war bis dahin ein Wort, das in meinem aktiven Wortschatz ungefähr dieselbe Bedeutung hatte wie Quantenchromodynamik. Nun wusste ich plötzlich, dass das heiße Wasser offenbar keineswegs brav und gleichmäßig durch den Kaffeekuchen fließt, sondern sich bei schlechter Vorbereitung heimlich irgendwo einen Tunnel gräbt und dort mit Begeisterung hindurchrauscht. Das Ergebnis kann dann gleichzeitig sauer, bitter und beleidigt schmecken, was für 30 Milliliter Flüssigkeit schon eine bemerkenswerte Bandbreite an Emotionen ist. Man steht also in seiner eigenen Küche und versucht einem Wasserstrahl beizubringen, sich gefälligst anständig zu benehmen, während einen der Vollautomat daneben schweigend beobachtet. Ich bin mir ziemlich sicher, dass er in diesen Momenten innerlich gelacht hat.

Spätestens jetzt hätte ein vernünftiger Mensch vermutlich gesagt: Wisst ihr was, der Kaffee aus dem Vollautomaten war eigentlich gar nicht schlecht. Wir hingegen hatten inzwischen diesen Punkt überschritten, an dem es noch um Vernunft ging. Schließlich hatten wir keinen verchromten italienischen Kleinwagen für die Küchenarbeitsplatte gekauft, um nach drei Tagen klein beizugeben. Also wurde weitergeforscht und die Quarta-Bohnen kamen zunächst auf die Ersatzbank. Stattdessen griffen wir zur roten Illy-Dose. Nicht besonders exotisch, nicht handgepflückt von einem einsamen Bauern namens Giuseppe, der seine Kaffeepflanzen jeden Morgen persönlich mit Opernarien begrüßt, sondern schlicht Illy. Italienischer Kaffee mit eingebautem Sicherheitsnetz.

Von nun an wurde nichts mehr dem Zufall überlassen. Exakt 17 Gramm Kaffee kamen in den Siebträger, wobei „exakt“ inzwischen tatsächlich exakt bedeutete und nicht mehr unsere frühere Haushaltsdefinition von „wird schon ungefähr passen“. Das Kaffeemehl wurde sorgfältig verteilt, der Siebträger auf die Matte geklopft und der Tamper kerzengerade aufgesetzt. Auch „gerade“ hatte mittlerweile eine völlig neue Bedeutung bekommen. Früher war etwas gerade, wenn es aus einem Meter Entfernung nicht offensichtlich schief aussah. Jetzt war gerade plötzlich Wasserwaagen-gerade, Neurochirurgen-gerade, vermutlich sogar NASA-gerade. Wenn irgendwo auf der Welt ein Satellit wegen einer Abweichung von 0,2 Grad aus seiner Umlaufbahn geraten wäre, hätte ich dafür inzwischen vollstes Verständnis gehabt.
Dann kam dieser eine Versuch. Der Siebträger wurde eingespannt, die Tasse auf die Waage gestellt und der Hebel umgelegt. Zunächst erschienen ein paar dunkle Tropfen, die sich langsam zu einem feinen Strahl verbanden, und plötzlich sah das Ganze genauso aus wie in all diesen Videos, die man inzwischen zu völlig absurden Uhrzeiten angesehen hatte. Der Espresso lief dunkel, glänzend und zähflüssig in die Tasse, fast wie warme Schokolade, während sich oben eine dichte, haselnussbraune Crema bildete. Zum ersten Mal stand da nicht das Ergebnis eines technischen Versuchsaufbaus, bei dem man vorsichtshalber Schutzbrille und Feuerlöscher bereithalten sollte, sondern tatsächlich ein Espresso.
Ich nahm die Tasse und probierte – und da war er plötzlich. Italien. Kein Grillbrikett, kein verbrannter Autoreifen und auch keine „interessanten Röstaromen mit langem Abgang“, was bekanntlich häufig nur die höfliche Umschreibung für „schmeckt scheiße, war aber teuer“ ist. Einfach dieser kleine, kräftige, cremige Espresso, wegen dem wir den ganzen Zirkus überhaupt angefangen hatten. Und genau in diesem Moment versteht man plötzlich das komplette Konzept Siebträger, was leider bedeutet, dass man ab diesem Zeitpunkt endgültig verloren ist. Bis dahin hätte man die Maschine noch zurückgeben und behaupten können, das Ganze sei ein Missverständnis gewesen. Jetzt wusste man aber, was dieses verchromte Biest kann, wenn Mahlgrad, Menge, Tampen, Bezugszeit und vermutlich auch die Stellung des Mondes zufällig miteinander harmonieren.
Und eigentlich hätte die Geschichte an dieser Stelle wunderbar enden können. Wir hatten den Espresso bezwungen, die 17 Gramm unter Kontrolle, der Mahlgrad war kein vollkommenes Mysterium mehr und aus der Mara X kam endlich genau das heraus, weswegen wir sie gekauft hatten. Man hätte jetzt zufrieden einen Espresso trinken, sich gegenseitig anerkennend zunicken und behaupten können, man habe das Thema Siebträger verstanden. Leider trinken wir aber auch Cappuccino.
Damit eröffnete sich unverzüglich die nächste Abteilung unseres privaten italienischen Forschungsinstituts: Milch aufschäumen. Etwas, das in sämtlichen Videos im Internet ungefähr so kompliziert aussieht wie Wasser in ein Glas zu gießen. Der Barista hält sein Kännchen unter die Dampflanze, es macht ein paar Sekunden lang dieses lässige Pfffffschschsch, dann schwenkt er die Milch zweimal gelangweilt im Kreis und gießt anschließend einen Schwan, eine Tulpe oder vermutlich auf Wunsch auch das Brandenburger Tor in den Cappuccino. Kann ja nicht so schwer sein.

Kann es doch. Unsere ersten Versuche hatten mit Milchschaum ungefähr so viel zu tun wie Bauschaum mit Panna Cotta. Mal entstanden riesige Blasen, in denen man beinahe hätte einziehen können, mal wurde die Milch einfach nur heiß, und gelegentlich bekamen wir eine Konsistenz zustande, die oben so fest war, dass man sie vermutlich hätte abheben und als Dämmmaterial verwenden können. Das angestrebte Ziel hieß dagegen „feinporiger Mikroschaum“, ein Begriff, den wir bis dahin ebenfalls problemlos durchs Leben gekommen waren, ohne ihn jemals zu benötigen. Nun war Mikroschaum plötzlich wichtig. Sehr wichtig sogar. Die Milch sollte rollen, aber nicht zu viel Luft bekommen, die Dampflanze musste knapp unter die Oberfläche, dann wieder etwas tiefer, das Kännchen im richtigen Winkel stehen und irgendwo dazwischen sollte dieses ominöse Geräusch entstehen, das angeblich klingt wie reißendes Papier. Unsere Milch klang allerdings häufig eher so, als würde jemand in der Küche einen Fahrradreifen aufpumpen.
Das wirklich Gemeine daran war, dass man die Ergebnisse natürlich nicht einfach wegschüttet. Schließlich war das völlig unschuldige Milch, die nichts dafür konnte, dass zwei Erwachsene beschlossen hatten, aus ihr eine wissenschaftliche Abschlussarbeit zu machen. Also tranken wir sie. Becherweise. Warme Milch. Sehr viel warme Milch. Irgendwann saßen wir abends mit unseren Tassen da und hatten zwar immer noch keinen vernünftigen Cappuccino, dafür aber vermutlich den Calciumhaushalt einer mittelgroßen Milchkuh. Ein weiterer Versuch? Klar. Vielleicht diesmal die Dampflanze etwas höher. Pffffft. Zu viel Luft. Nächster Becher warme Milch. Vielleicht etwas tiefer. Rrrrrrrr. Keine Luft. Noch ein Becher warme Milch. Man möchte schließlich nichts verschwenden, und offenbar hatten wir beschlossen, uns notfalls durch mehrere Liter Vollmilch bis zur Barista-Reife zu trinken.

Natürlich kam irgendwann auch hier dieser eine Moment, in dem plötzlich alles anders war. Die Milch machte nicht mehr irgendwelche Geräusche, sondern genau dieses leise Zischen, das sie laut Internet machen sollte, sie begann im Kännchen tatsächlich zu rollen und verwandelte sich zum ersten Mal nicht in heißen Badeschaum, sondern in etwas Glänzendes, Cremiges, fast Flüssiges. Wir schwenkten das Kännchen mit jener konzentrierten Ernsthaftigkeit, mit der andere Menschen möglicherweise Sprengstoff entschärfen, gossen die Milch in unseren inzwischen hart erkämpften Espresso – und hatten tatsächlich einen Cappuccino. Einen richtigen. Cremig, samtig und so, wie wir ihn haben wollten.
Von Latte Art waren wir zu diesem Zeitpunkt allerdings noch ungefähr so weit entfernt wie der Vollautomat von einer italienischen Barista-Meisterschaft. Während Menschen auf YouTube Herzen und Farnblätter in ihre Tassen zauberten, produzierten wir eher Motive aus der Kategorie „Verkehrsunfall im Schneesturm“. Mit etwas Fantasie konnte man gelegentlich ein Herz erkennen, allerdings nur, wenn man vorher wusste, dass es eines sein sollte und bereit war, bei der Interpretation großzügig zu sein. Aber das war uns inzwischen völlig egal. Der Espresso schmeckte, die Milch war cremig und niemand musste anschließend noch einen halben Liter warme Milch aus einem Becher trinken. In unserer persönlichen Entwicklung zum Barista war das bereits Champions League.
Der Vollautomat stand während dieser ganzen Versuchsreihe übrigens weiterhin direkt daneben und sah sich das Elend schweigend an. Derselbe Vollautomat, der seit Jahren auf Knopfdruck einen Cappuccino macht, ohne dass jemand eine Dampflanze positionieren, die Milch rollen lassen oder auf das Geräusch von reißendem Papier warten muss. Vermutlich war genau das der Moment, in dem er endgültig begriff, dass seine Stellung im Haushalt nicht wegen mangelnder Leistung gefährdet war. Für ihn war klar: Wir hatten einfach den Verstand verloren.
Seitdem ist jeder Espresso natürlich kein Getränk mehr, sondern eine kleine persönliche Herausforderung. War der heute vielleicht eine Sekunde zu schnell? Sind 17 Gramm wirklich perfekt oder sollten wir 17,2 probieren? Könnte der Mahlgrad noch einen Hauch feiner? Warum lief er gestern bei exakt derselben Einstellung anders? Hat sich die Luftfeuchtigkeit verändert? Steht Merkur ungünstig? Hat die Bohne schlecht geschlafen? Vor wenigen Wochen hätte ich Menschen, die behaupten, das Wetter habe Einfluss auf ihren Espresso, vermutlich noch geraten, dringend öfter vor die Tür zu gehen. Inzwischen stehe ich selbst morgens in der Küche, schaue kritisch auf die Mühle und halte solche Überlegungen keineswegs mehr für völlig ausgeschlossen. So schnell kann ein Mensch abrutschen.

Natürlich wohnt der Vollautomat weiterhin neben der Mara X, und wir brauchen ihn auch. Er macht Kaffee, während die Italienerin daneben Espresso zelebriert. Der eine arbeitet zuverlässig im öffentlichen Dienst: Knopf drücken, Auftrag erledigen, nächster bitte. Die andere führt erst eine kleine Oper auf, verlangt präzise Vorbereitung, Aufmerksamkeit und gutes Zureden und gibt dafür am Ende ungefähr 30 Milliliter Flüssigkeit heraus. Wirtschaftlich betrachtet ist die Sache vermutlich schwer zu erklären, aber wenn alles stimmt und diese winzige Tasse dunkel, cremig und duftend vor einem steht, sitzt man beim ersten Schluck gedanklich für einen kurzen Moment tatsächlich wieder irgendwo in Italien an einer Bar.
Dort hat allerdings niemand vorher 17 Gramm Kaffee auf einer Feinwaage abgewogen, über Channeling diskutiert oder mit einer Stoppuhr neben der Espressomaschine gestanden. Der Barista hat den Siebträger eingespannt, einen Hebel bewegt, uns die Tasse hingestellt und dafür ungefähr 1,30 Euro verlangt.
Wir hätten vielleicht einfach öfter nach Italien fahren sollen.
Aber das wäre nun wirklich zu einfach gewesen.