Eine Laterne kommt selten allein
Es fing ganz harmlos an. Mit einer IKEA-Laterne namens BORRBY. Eigentlich stellt man dort eine Kerze hinein, zündet sie an und erfreut sich an der gemütlichen Atmosphäre. Eigentlich.
Ich hingegen sah die Laterne an und dachte: „Da passt doch ein Geschäft rein.“
So entstand der erste kleine Laden. Dann der zweite. Und irgendwann hatte sich unser Zuhause unbemerkt in eine sehr ungewöhnliche Fußgängerzone verwandelt – mit Kiosk, Bäckerei, Schneiderei, Beauty-Salon, Weihnachtsshop, Buchladen und Candy Shop. Alles da. Nur Parkplätze fehlen noch.
Stefan versuchte anfangs, den Überblick zu behalten. Er stellte vernünftige Fragen wie: „Wo soll die denn noch hin?“ oder: „Brauchen wir wirklich noch eine Laterne?“ Süß, oder? Dieser kurze Moment, in dem er noch glaubte, bei der Sache mitreden zu können.
Inzwischen hat er aufgegeben. Wenn irgendwo eine neue BORRBY auftaucht, fragt er nicht mehr, warum sie da steht. Er möchte nur noch wissen, ob sie bleiben muss und welchen Fluchtweg er künftig benutzen soll. Vermutlich hat er innerlich längst akzeptiert, dass sich die kleinen Geschäfte eines Tages vom Wohnzimmer über den Flur bis ins Schlafzimmer ausbreiten werden. Ich nenne das Stadtentwicklung. Stefan nennt es „überall stehen Laternen“.
Und das Einkaufsviertel wächst weiter. Eine Werkstatt ist bereits in Planung, ebenso eine Pizzeria und ein Disney Store. Weitere Ideen habe ich natürlich auch – sehr viele sogar. Mehr, als wir freie Stellflächen haben. Aber solche unwichtigen organisatorischen Kleinigkeiten haben große Visionäre schließlich noch nie aufgehalten.
Willkommen also in meiner kleinsten Einkaufsstraße der Welt: Hier sind die Läden winzig, die Öffnungszeiten völlig frei erfunden und die Mieten erfreulich niedrig. Nur Stefan zahlt einen hohen Preis – er verliert nach und nach sämtliche Abstellflächen.
Die Bäckerei – mit diesem Laden fing alles an
Eines Tages sah ich eine völlig unschuldige IKEA-Laterne an und hatte plötzlich die Idee, darin eine Bäckerei zu eröffnen. Wie man das eben so macht. Andere Menschen sehen eine Laterne und denken an Kerzen. Ich sah Ladenfläche in bester Wohnlage.
Also bekam die BORRBY statt eines Teelichts eine komplette Inneneinrichtung: Regale, Verkaufstheke, Vorratsschrank und ein Sortiment, für das andere Bäckereien mindestens drei Filialen benötigen würden. Brot, Brötchen, Torten, Kuchen, Kekse, Milch, Eier und Marmelade – alles da. Die Backwaren sind zwar so klein, dass man für ein ordentliches Frühstück ungefähr 47 Brötchen bräuchte, dafür haben sie aber garantiert null Kalorien. Man bekommt sie schließlich nicht aus der Laterne heraus.

Auf der Theke stehen die Torten so verführerisch herum, als hätten sie noch nie etwas von einer Kühlkette gehört. Besonders stolz präsentiert sich ein sehr elegantes Schokoladentörtchen mit roten Kirschen. Es sieht aus, als wäre es für eine vornehme Hochzeit bestellt worden, bei der ausschließlich Mäuse auf der Gästeliste stehen.
Apropos Mäuse: Natürlich gibt es auch einen kleinen Stammkunden. Er wartet ganz unauffällig neben der Theke und tut so, als wäre er nur zufällig dort. Vermutlich kontrolliert er seit Stunden, ob irgendwo ein Croissant herunterfällt. Bezahlt hat er noch nie. Dafür hinterlässt er regelmäßig ausgezeichnete Bewertungen: „Fünf Sterne – sehr gutes Brot, niedrige Theke, Personal leicht abzulenken.“
Für größere Einkäufe steht sogar ein winziger Einkaufskorb bereit. Der ist dringend notwendig, denn niemand kann gleichzeitig zwei Baguettes, eine Torte, zwölf Eier und drei Flaschen Milch tragen – schon gar nicht, wenn man selbst nur vier Zentimeter groß ist.
An der Wand hängt außerdem ein richtiges Menü. Was genau darauf steht, spielt eigentlich keine Rolle. Es ist klein, sieht professionell aus und macht sofort klar: Hier wird nicht einfach nur Gebäck verkauft. Hier wird Gebäck mit Konzept verkauft.
Und dann ist da noch das rote Telefon. Eine wichtige Frage bleibt allerdings offen: Wen ruft man in einer Laternenbäckerei eigentlich an? Den Mehllieferanten? Die Tortenfeuerwehr? Oder IKEA, um weitere Gewerbeflächen zu bestellen? Vermutlich klingelt es sowieso ständig, weil jemand fragt, ob noch ein Tisch frei ist. Die Antwort lautet: Nein. Der gesamte Gastraum wird bereits von einem Kürbis blockiert.
Auch über die Öffnungszeiten ist nichts bekannt. Wahrscheinlich öffnet die Bäckerei, sobald das Licht angeht, und schließt, wenn ich den Stecker ziehe. Das Personal wurde bisher noch nie gesehen. Entweder beginnt die Schicht sehr früh – oder sämtliche Backwaren werden nachts heimlich von der Maus hergestellt. Das würde zumindest erklären, warum sie immer in der Nähe herumlungert.
Diese kleine Bäckerei war mein allererster Shop. Damals dachte ich noch, ich würde einfach einmal ausprobieren, ob man aus einer Laterne einen Laden machen kann. Man kann. Das war rückblickend eine gefährliche Erkenntnis.
Die Schneiderei – klein, fein und völlig frei von Konfektionsgrößen
Nach der Bäckerei hätte ich die Sache natürlich einfach gut sein lassen können. Ich hatte bewiesen, dass man in einer IKEA-Laterne ein Geschäft eröffnen kann. Experiment gelungen, wissenschaftliche Frage geklärt, zurück zum normalen Leben. Stattdessen eröffnete ich eine Schneiderei.
Sie trägt den ausgesprochen vornehmen Namen „Eternal Grace“. Das klingt weniger nach einem Laden in einer Laterne und mehr nach einem Modehaus, in dem man nur nach vorheriger Terminvereinbarung und mit geerbtem Adelstitel einkaufen darf. Wer hier lediglich eine Hose kürzen lassen möchte, sollte wenigstens so tun, als käme er gerade aus einem Schloss.

Im Mittelpunkt steht eine wunderschöne rote Nähmaschine. Sie ist winzig, sieht aber aus, als könnte sie jederzeit losschnattern und in einer Nachtschicht die komplette Frühjahrskollektion nähen. Strom braucht sie offenbar nicht. Vermutlich läuft sie mit Ehrgeiz, rotem Lack und dem festen Glauben daran, dass jede Naht irgendwie halten wird.
Auf dem Zuschneidetisch herrscht bereits Hochbetrieb. Dort liegen Stoffe, Spitzen, Borten, Maßband und eine goldene Schere bereit. Eine ausgesprochen mutige Kombination, denn wer schon einmal gleichzeitig mit Spitze, Maßband und Schere hantiert hat, weiß: Am Ende ist entweder das Kleid kürzer als geplant oder das Maßband hat plötzlich Fransen.
Die Stoffauswahl ist beachtlich. Rollen, Bänder und kleine Schachteln füllen jeden freien Winkel. Das Sortiment ist so ordentlich im Schrank verstaut, dass man sofort erkennt: Hier arbeitet niemand aus meinem Haushalt. Bei uns würden die Stoffreste nach spätestens zehn Minuten aussehen, als hätte eine Herde hyperaktiver Motten einen Polterabend gefeiert.
Besonders vornehm präsentiert sich der kleine Hut auf seinem eigenen Ständer. Er steht dort nicht einfach herum – er residiert. Wahrscheinlich ist er unverkäuflich und nur anwesend, um den übrigen Accessoires zu zeigen, wer hier gesellschaftlich ganz oben steht. Einen Kopf, auf den er passen könnte, habe ich bisher nicht gefunden. Aber das hat in der Modebranche noch nie jemanden davon abgehalten, etwas teuer auszustellen.
Die Schneiderpuppe trägt bereits ein elegantes Blumenkleid. Ob es fertig ist, weiß allerdings niemand. In einer Schneiderei ist ein Kleid schließlich nie wirklich fertig. Irgendwo kann immer noch eine Schleife, eine Spitze oder ein vollkommen überflüssiger, aber lebenswichtiger Knopf angebracht werden. Vermutlich steht die Puppe seit Wochen zur letzten Anprobe bereit und wagt nicht zu erwähnen, dass es unter den Armen ein bisschen spannt.
Auch eine gemütliche Ecke mit rotem Strickzeug gibt es. Offenbar übernimmt „Eternal Grace“ nicht nur feine Damenmode, sondern auch spontane Wollnotfälle. Laufmaschen, lose Knöpfe und eskalierte Schals werden vermutlich diskret durch den Hintereingang behandelt. Der besteht zwar nur aus Laternenwand, aber Diskretion ist schließlich eine Frage der Haltung.
Personal ist auch in dieser Filiale nicht zu sehen. Wahrscheinlich versteckt sich die Schneiderin hinter dem Schrank und wartet darauf, dass endlich jemand die Tür schließt. Oder sie wurde versehentlich unter einem Stoffrest eingenäht. Bei dieser Betriebsgröße wäre beides möglich.
Die Schneiderei war jedenfalls der Moment, in dem klar wurde: Die Bäckerei war kein einzelner kreativer Ausrutscher. Sie war der Beginn einer Ladenkette. Stefan wusste das damals nur noch nicht. Ich eigentlich auch nicht. Bis dann plötzlich der nächste Shop öffnete
Der Candy Shop – eine kleine Filiale des Zuckerschocks
Nach Bäckerei und Schneiderei fehlte in meiner winzigen Einkaufsstraße natürlich noch etwas Entscheidendes: ein Geschäft, in dem man sich ausschließlich von Zucker ernähren und anschließend mit sehr großen Augen durch das Wohnzimmer rennen kann. Also eröffnete der Candy Shop.
Schon beim Betreten wird klar: Ernährungsberater haben hier Hausverbot. In unzähligen Gläsern lagern Bonbons, Lollis, Zuckerstangen, Schokolade, Kaugummis und Dinge, die so bunt sind, dass sie vermutlich nicht einmal selbst wissen, welchen Geschmack sie darstellen sollen. Blau schmeckt hier wahrscheinlich nach Blau. Pink schmeckt nach Pink. Und Grün wird vorsichtshalber als Apfel verkauft.

Die Regale sind bis oben hin gefüllt. Jedes Glas enthält eine andere Sorte Süßigkeit, wobei die Mengen ausgesprochen sorgfältig kalkuliert wurden: genug für eine Kindergeburtstagsgesellschaft – oder für einen einzigen Erwachsenen, der behauptet, er nehme „nur mal eins zum Probieren“.
Besonders auffällig sind die beiden riesigen Zuckerwatten. Im Verhältnis zur Ladengröße haben sie ungefähr die Ausmaße ausgewachsener Zimmerpflanzen. Eine einzige Portion dürfte reichen, um eine vierköpfige Familie drei Tage lang wach zu halten. Vermutlich bekommt man beim Kauf automatisch eine Zahnbürste, einen Termin beim Zahnarzt und eine schriftliche Entschuldigung für den nächsten Morgen dazu.
An der Wand hängt außerdem ein gewaltiger rosa-weißer Lolli. Er dient entweder als Dekoration, Firmenlogo oder Notausgangsschild für Menschen mit akutem Unterzucker. Essen kann man ihn vermutlich nur mit Hammer und Meißel. Sollte er sich jemals von der Wand lösen, muss der Laden wegen einer klebrigen Naturkatastrophe vorübergehend schließen.
Natürlich besitzt der Candy Shop auch eine klassische Waage. Hier wird noch ganz traditionell abgewogen – allerdings vermutlich eher nach Augenmaß. Links drei Bonbons, rechts ein Schokoladentrüffel, dazwischen ein Lolli und schon behauptet der Zeiger selbstbewusst: „Das passt so.“ Die Waage sieht jedenfalls aus, als würde sie nicht nur das Gewicht, sondern auch das schlechte Gewissen messen.
Hinter der Verkaufstheke stehen weitere Gläser bereit. Sie sind klein, ordentlich beschriftet und so dicht nebeneinander aufgereiht, dass selbst ein besonders dünnes Gummibärchen nur seitwärts hindurchkäme. In den unteren Schubladen wartet offenbar die eiserne Süßigkeitenreserve. Falls draußen plötzlich der Winter ausbricht, könnte sich die komplette Laterne problemlos bis Ostern von Zucker ernähren.
Sogar Chupa Chups haben einen Ehrenplatz bekommen. Nicht irgendwo im Regal, sondern gut sichtbar in einem eigenen Glas, als wären sie die königliche Familie des Lutschersortiments. Der einfache Bonbon darf daneben liegen und darüber nachdenken, was er beruflich falsch gemacht hat.
Die Einrichtung ist in Rosa, Lila und Weiß gehalten und sieht aus, als hätten sich ein Puppenhaus und eine Tüte Fruchtgummi gemeinsam selbstständig gemacht. Selbst die Lampe wirkt ein bisschen wie ein Bonbon. Ich möchte allerdings ausdrücklich davon abraten, sie probeweise abzulecken.
Eine Verkäuferin ist auch hier weit und breit nicht zu sehen. Das überrascht wenig. Vermutlich ist sie nach einer Qualitätskontrolle von zwölf Bonbons, zwei Zuckerstangen und einer Portion Zuckerwatte mit hoher Geschwindigkeit aus der Laterne geschossen und läuft seitdem irgendwo um den Häuserblock.
Die Kundschaft bedient sich deshalb wahrscheinlich selbst. Bezahlt wird nach dem Vertrauensprinzip – und genau deshalb ist die Kasse leer, während die Bonbongläser jeden Abend auf unerklärliche Weise leichter werden. Hauptverdächtige gibt es bislang keine. Stefan behauptet, er sei es nicht. Eine gründliche Kontrolle seiner Jackentaschen steht allerdings noch aus.
Mit dem Candy Shop war endgültig klar: Aus meiner kleinen Idee war ein echtes Geschäftsviertel geworden. Ein sehr kleines Geschäftsviertel – aber mit genügend Zucker, um weiter kräftig zu wachsen.
Der Weihnachts-Deko-Shop – und Stefans festliches Augenrollen
Dann stand Weihnachten vor der Tür. Also nicht wirklich. Es war vermutlich noch genügend Zeit, um in Ruhe Geschenke zu kaufen, Plätzchen zu backen und sämtliche organisatorischen Aufgaben bis zum 23. Dezember aufzuschieben. Aber in meinem Kopf läuteten bereits die Glöckchen. Und sobald dort die Glöckchen läuten, wird irgendwo eine Laterne umgebaut.
Ich erklärte Stefan deshalb, dass unsere kleine Einkaufsstraße dringend einen Weihnachts-Deko-Shop brauche. Er antwortete nicht sofort. Stattdessen zeigte er mir ein Augenrollen, das technisch so ausgereift war, dass man damit vermutlich einen Adventskranz hätte antreiben können. Ich deutete es als Zustimmung.

Der Laden wurde anschließend mit allem ausgestattet, was Weihnachten schön, festlich und vollkommen platzsparend unmöglich macht. In den Regalen liegen Christbaumkugeln in sämtlichen Farben und Größen. Rot, Blau, Rosa, Türkis, Silber, gestreift, gepunktet und vermutlich auch eine Sorte, die nur bei Vollmond glitzert. Wer hier keine passende Kugel findet, besitzt wahrscheinlich gar keinen Weihnachtsbaum, sondern einen sehr anspruchsvollen Pfau.
Mehrere kleine Tannenbäume stehen bereits fertig geschmückt im Laden. Das ist praktisch für Kunden, die Weihnachten lieben, aber beim Gedanken an Lichterketten sofort nervös zu zucken beginnen. Einfach Baum kaufen, nach Hause tragen, hinstellen, fertig. Bei einer Körpergröße von vier Zentimetern dürfte allerdings schon der Transport eines dieser Bäume als ausgewachsene Expedition gelten.
An der Wand hängt eine Zuckerstange, die im Verhältnis zum Geschäft ungefähr so groß ist wie ein Laternenpfahl. Ob sie Dekoration oder Proviant für den Notfall ist, weiß niemand. Sollte der Laden einmal eingeschneit werden, könnte sich die Belegschaft jedenfalls bis Mitte Februar davon ernähren. Vorausgesetzt, sie bekommt das Ding von der Wand.
Natürlich gibt es auch Weihnachtskränze, goldene Glocken und leuchtend rote Weihnachtssterne. Die Weihnachtssterne sind überall verteilt, denn in diesem Laden gilt offenbar eine strenge Regel: Wenn noch irgendwo drei Millimeter freie Fläche zu sehen sind, muss sofort eine rote Schleife oder ein festliches Gesteck darauf.
Hinter der Theke stehen Glasgefäße voller Kugeln, Glitzer und anderer Dinge, die man im Dezember unbedingt benötigt und im Januar für elf Monate in einer Kiste verschwinden lässt. Besonders elegant wirken die großen gläsernen Behälter mit silbernem Inhalt. Vermutlich handelt es sich um hochwertigen Weihnachtszauber. Oder um den Glitzer, der nach dem Dekorieren übrig blieb und sich normalerweise bis Ostern in Teppich, Kleidung und Stefan festsetzt.
Eine ganze Gruppe kleiner Weihnachtsmänner wartet ordentlich in einer Reihe. Sie sehen aus, als hätten sie gerade eine Betriebsversammlung einberufen. Wahrscheinlich diskutieren sie darüber, wer Dienst an der Kasse hat und warum der Schneemann schon wieder nur dekorativ herumsteht. Einer von ihnen scheint besonders streng zu schauen. Vermutlich ist das der Filialleiter.
Der Schneemann selbst trägt Zylinder und lächelt vollkommen sorgenfrei. Leicht gesagt, wenn man weder schmelzen kann noch für die Jahresabrechnung zuständig ist. Er steht neben der Theke und begrüßt die Kunden, obwohl er vermutlich keinen einzigen Artikel finden könnte. Sein Zuständigkeitsbereich lautet eindeutig: gut aussehen und nicht im Weg stehen. Eine Aufgabe, die er nur zur Hälfte erfüllt.
Auch Weihnachtskarten gibt es. Sie stehen in kleinen Kästen bereit und sind vermutlich für all jene gedacht, die jedes Jahr überrascht feststellen, dass Weihnachten erneut am 24. Dezember stattfindet. Die Auswahl reicht von „Frohes Fest“ bis „Ich hatte keine Zeit für ein richtiges Geschenk, aber sieh mal, wie hübsch die Karte ist.“
Die Tapete ist ebenfalls weihnachtlich. Cupcakes, Weihnachtsmänner, Tannenbäume und Zuckerstangen sorgen dafür, dass selbst die Wände aussehen, als hätten sie zu viel Punsch getrunken. Zusammen mit all den Kugeln, Schleifen, Figuren und Bäumchen ergibt das eine Dekorationsdichte, bei der Minimalisten vermutlich bereits vor der Ladentür leise weinen.
Freie Flächen gibt es praktisch keine. Und genau das ist natürlich der Sinn von Weihnachtsdekoration: Man beginnt mit einer hübschen Kugel und hört erst auf, wenn man den Lichtschalter nicht mehr findet.
Stefan betrachtete das fertige Geschäft, betrachtete anschließend die nächste freie Stelle in unserem Zuhause und rollte erneut mit den Augen. Inzwischen beherrscht er verschiedene Varianten: das kurze Warnrollen, das langsame resignierte Rollen und das besonders festliche Doppelrollen mit anschließendem Seufzer. Ich fand den Laden jedenfalls wunderschön. Und Stefans Augenrollen passte farblich ganz hervorragend zu den Christbaumkugeln.
Der Kiosk – klein, aber mit erstaunlich gut gefüllter Spirituosenabteilung
Auf diesen Laden bin ich ganz besonders stolz: meinen Kiosk. Er ist die zuverlässige Nahversorgung meiner kleinen Laternenstadt und führt alles, was man im Leben wirklich braucht – Wasser, Brot, Obst, Chips, Waschmittel, Zigaretten und eine Auswahl an Alkohol, mit der sich vermutlich eine sehr kleine Kreuzfahrtgesellschaft mehrere Wochen lang beschäftigen könnte.
Das Geschäft folgt dabei dem klassischen Kiosk-Prinzip: Es gibt von allem etwas, nichts steht dort, wo man es vermuten würde, und man entdeckt bei jedem Besuch einen Artikel, von dem man bis eben nicht wusste, dass man ihn dringend benötigt.

In den Regalen warten Chips und andere Knabbereien in auffällig bunten Tüten. Die Verpackungen sind so winzig, dass wahrscheinlich exakt ein einzelner Chip hineinpasst. Perfekt für alle, die beim Fernsehen gern kontrolliert naschen: Tüte öffnen, Chip essen, Packung leer. So einfach kann Selbstdisziplin sein.
Direkt daneben stehen Wasser, Milch und Bier friedlich beieinander. Im Kiosk wird niemand beurteilt. Ob man morgens Milch, mittags Wasser oder abends etwas Stärkeres kauft, geht ausschließlich den winzigen Verkäufer etwas an – und der ist wie üblich nicht auffindbar.
Die Spirituosenabteilung kann sich sehen lassen. Malibu, Likör, Whiskey und diverse Flaschen mit ausgesprochen erwachsenem Inhalt stehen ordentlich aufgereiht hinter der Theke. So ordentlich, dass man beinahe vergisst, dass der komplette Vorrat vermutlich in ein normales Schnapsglas passen würde. Ein ausgewachsener Mensch könnte hier den gesamten Laden leer trinken und hätte anschließend wahrscheinlich noch nicht einmal Schluckauf.
Trotzdem gilt natürlich: kein Alkohol an Minderjährige. Das macht die Kontrolle allerdings kompliziert, denn sämtliche potenziellen Kunden sind nur wenige Zentimeter groß und sehen grundsätzlich aus, als müssten sie längst im Bett sein. Ohne Ausweis gibt es hier höchstens eine Flasche Wasser und eine sehr strenge Ansprache.
Mein absolutes Lieblingsstück ist der kleine Zigarettenpräsenter auf der Theke. Marlboro und Camel stehen gut sichtbar hinter der Scheibe. Auch hier wird der Jugendschutz sehr ernst genommen. Wer Zigaretten kaufen möchte, muss glaubhaft versichern, mindestens 18 Puppenjahre alt zu sein. Die Maus aus der Bäckerei hätte keine Chance. Sie sieht zwar erschöpft genug aus, besitzt aber keinen Lichtbildausweis.
Auf der Theke stehen außerdem Popcornbecher. Warum? Weil Popcorn immer eine gute Idee ist. Vielleicht befindet sich hinter der Laterne ein winziges Kino. Vielleicht warten die Kunden einfach gern mit Snack darauf, dass der Zigarettenautomat ihre Packung endlich herausgibt. Oder das Popcorn dient als Beilage zum Whiskey. In diesem Kiosk urteilt, wie gesagt, niemand.
Für die gesundheitsbewusste Kundschaft gibt es sogar Obst: Bananen, Äpfel und anderes frisches Zeug liegen ordentlich bereit. Sie bilden einen kleinen Schutzwall zwischen Alkohol und Knabberregal und können später als Beweis verwendet werden, dass man wirklich mit guten Absichten einkaufen gegangen ist. „Ich wollte doch nur Bananen kaufen“, sagt man dann und stellt unauffällig Chips, Popcorn, drei Flaschen Likör und eine Packung Zigaretten auf die Theke.
Auch Brot und Brötchen sind im Angebot. Die Bäckerei könnte darin unfaire Konkurrenz sehen, aber so funktioniert nun einmal die freie Marktwirtschaft in der Laternenstadt. Außerdem führt der Kiosk zusätzlich Pflegeprodukte, Waschmittel und allerlei Haushaltswaren. Man kann sich hier also gleichzeitig mit Frühstück, Körperpflege, Fleckenentferner und einem sehr kleinen Kater für den nächsten Morgen ausstatten.
An der Eingangstür kleben sogar die Logos verschiedener Paketdienste. Offenbar ist der Kiosk auch Paketshop – denn ein Laden, der bereits Lebensmittel, Alkohol, Tabak und Shampoo verkauft, hat selbstverständlich noch genügend Zeit, nach einem verschwundenen Päckchen zu suchen. Vermutlich liegt es ganz hinten, zwischen Bierkasten und Waschmittel, und wartet dort seit Weihnachten.
Die Einrichtung ist wunderbar vollgestopft. Jeder Zentimeter wird genutzt. Unter der Theke stehen Flaschen, darüber Lebensmittel, daneben Haushaltswaren und irgendwo dazwischen hat es sich ein Brot gemütlich gemacht. Brandschutzbeauftragte und Innenarchitekten sollten diesen Laden besser nicht gleichzeitig besuchen.
Stefan betrachtete den fertigen Kiosk mit einer Mischung aus Anerkennung und Sorge. Einerseits musste selbst er zugeben, dass die vielen winzigen Details ziemlich großartig sind. Andererseits wusste er inzwischen: Wenn ich sage, eine Laterne sei „fertig“, bedeutet das nicht, dass das Projekt abgeschlossen ist. Es bedeutet nur, dass ich Platz für den nächsten Laden brauche.
Der Buchladen – Bücher gibt es hier natürlich auch
Als Nächstes eröffnete ein Buchladen. Und zwar ein erstaunlich realistischer. Denn selbstverständlich gibt es dort Bücher. Sie stehen in Regalen, liegen auf dem Tisch und verbreiten überall diese wunderbare Atmosphäre von Bildung, Kultur und dem festen Vorsatz, irgendwann wieder mehr zu lesen.
Allerdings muss man zunächst an Spielzeug, Geschenkartikeln, Dekoration, Grußkarten und diversen Dingen vorbei, deren Zweck sich nicht sofort erschließt. Genau wie in einem echten Buchladen also.
Früher ging man in eine Buchhandlung, um ein Buch zu kaufen. Heute betritt man sie mit demselben Ziel und verlässt sie mit einer Duftkerze, einem Stofftier, einem Notizbuch, drei Postkarten, einer Tasse mit philosophischem Spruch und der leisen Frage, warum das alles 86 Euro gekostet hat. Das Buch hat man selbstverständlich vergessen.

Mein kleiner Laden ist deshalb nicht einfach nur eine Buchhandlung. Er ist „Bücher & Geschenke“ – eine ehrliche Bezeichnung, bei der der zweite Teil inzwischen vermutlich deutlich mehr Umsatz macht als der erste.
Die Wände sind mit Bücherregalen gefüllt. Dort stehen alte Klassiker, Bildbände und geheimnisvolle Werke, die so winzig beschriftet sind, dass niemand ihren Titel lesen kann. Das ist praktisch: Man kann einfach behaupten, es handle sich um anspruchsvolle Weltliteratur, und niemand kann das Gegenteil beweisen.
Auf einem Regal fährt eine kleine Holzeisenbahn zwischen den Büchern entlang. Warum verkauft ein Buchladen eine Eisenbahn? Weil sie dort stand, niedlich aussah und garantiert mehr kostet als ein gebundenes Buch. Wahrscheinlich gehört sie zu einer pädagogisch wertvollen Serie und fördert Kreativität, Motorik und die Bereitschaft der Eltern, an der Kasse tief durchzuatmen.
In einem türkisfarbenen Schrank wohnen mehrere Teddybären. Sie sitzen dort hinter Glas wie besonders flauschige Erstausgaben. Der oberste Bär schaut ein wenig überrascht, als hätte er selbst gerade sein Preisschild entdeckt. Die kleineren Exemplare darunter wirken, als würden sie bereits einen Ausbruchsplan ausarbeiten.
Direkt daneben steht ein ausgesprochen gemütlicher roter Sessel. Er lädt dazu ein, ein Buch aus dem Regal zu nehmen, sich hinzusetzen und so lange darin zu lesen, bis das Personal höflich fragt, ob man vielleicht vorhat, es auch zu kaufen. Da kein Personal zu sehen ist, könnte man theoretisch die komplette Weltliteratur kostenlos durchsitzen. Vorausgesetzt, man passt in den Sessel.
Auf dem Verkaufstisch stehen einige ausgewählte Bücher so dekorativ, dass man sie unmöglich anfassen möchte. Eines heißt „Film as Film“ und sorgt sofort für ein Gefühl tiefer intellektueller Bedeutung. Was der Titel genau sagen will, bleibt offen. Vielleicht: Film ist Film. Vielleicht auch: Dieses Buch kostet 39,95 Euro, weil es auf Englisch ist.
Daneben befinden sich kleine Karten und Geschenkartikel. Vermutlich trägt eine davon den Text: „Ich wusste nicht, welches Buch du möchtest, deshalb bekommst du diese hübsche Karte und darfst dir selbst eins kaufen.“ Das ist sehr praktisch und spart dem Schenkenden jede Form von Recherche.
Eine Gitarre lehnt ganz selbstverständlich vor der Theke. Sie gehört dort hin, weil Buchhandlungen inzwischen alles verkaufen dürfen, solange es ein bisschen kreativ aussieht. Vielleicht ist sie ein Lesezeichen in Übergröße. Vielleicht findet samstags ein Singer-Songwriter-Abend zwischen Reiseführern und Kochbüchern statt. Oder jemand hat sie vor Jahren abgestellt und niemand traut sich zu fragen, wem sie gehört.
Auch ein kleiner Weihnachtsbaum hat seinen Platz gefunden. Weihnachten ist schließlich die wichtigste Jahreszeit für Buchhandlungen: Dann betreten Menschen den Laden, die das ganze Jahr über kein Buch angefasst haben, und verlangen „etwas Schönes für Tante Hilde, aber nicht zu lang und bitte unter zehn Euro“. Sie gehen anschließend mit einem teuren Deko-Baum und einem Gutschein. Der kleine Baum ist also keine Dekoration. Er ist Verkaufspsychologie.
Sogar an eine Uhr wurde gedacht. Sie zeigt vermutlich ständig fünf Minuten vor Ladenschluss – genau jene magische Uhrzeit, zu der ein Kunde hereinkommt und sagt: „Ich möchte nur ganz kurz schauen.“ Zwanzig Minuten später vergleicht er noch immer verschiedene Kalender, während das Personal innerlich kündigt.
Besonders beeindruckend ist die Warenfülle. Jeder freie Zentimeter wurde genutzt. Bücher stehen neben Spielzeug, Bilder hängen über Geschenkartikeln, Teddys sitzen im Schrank und die Eisenbahn bewacht das obere Regal. Der Laden wirkt, als hätten eine Bibliothek, ein Spielwarengeschäft und ein Museumsshop beschlossen, sich gemeinsam eine viel zu kleine Wohnung zu teilen. Stefan sah hinein und fragte: „Ist das jetzt ein Buchladen oder ein Geschenkeladen?“ Ich sagte: „Ja.“
Denn genau das macht eine moderne Buchhandlung aus: Man kommt wegen eines Romans, verliebt sich in einen Teddy, kauft eine Gitarre, nimmt noch einen Dekoartikel mit und bestellt das eigentliche Buch später im Internet.cRealistischer hätte ich den Laden wirklich nicht bauen können.
Der Beauty-Salon – soeben eröffnet und schon komplett ausgebucht
Ganz neu in meiner Laternenstadt ist der Beauty-Salon. Er hat soeben eröffnet und ist damit der jüngste Laden im Viertel. Im Mittelpunkt steht die Behandlungsliege mit ihrer rosafarbenen, wunderbar flauschigen Decke. Sie sieht so gemütlich aus, dass man sofort vergisst, dass bei einer Beauty-Behandlung normalerweise Dinge mit dem Gesicht passieren, die weniger gemütlich sind. Cremes werden aufgetragen, Poren kritisch begutachtet und Augenbrauen in eine Form gebracht, die sie von selbst nie gewählt hätten.
Auf dieser Liege soll man sich entspannen. Das funktioniert vermutlich genau bis zu dem Moment, in dem jemand sagt: „Das kann jetzt kurz ein bisschen ziehen.“ „Kurz“ ist im Beauty-Salon ein sehr dehnbarer Begriff.

Neben der Liege steht ein Waschbecken, das ungefähr groß genug für eine einzelne Erdbeere ist. Trotzdem wird dort wahrscheinlich das komplette Wellnessprogramm durchgeführt: Gesichtsreinigung, Haarwäsche, Handbad und anschließend noch die Reinigung sämtlicher verwendeter Geräte. Wasserverbrauch pro Kundin: drei Tropfen. Nachhaltiger kann Schönheit kaum sein.
Die Regale sind mit Shampoos, Seifen, Cremes, Lotionen und geheimnisvollen Fläschchen gefüllt. Einige Produkte tragen Erdbeeren auf der Verpackung. Das bedeutet vermutlich, dass sie nach Erdbeere duften, Erdbeerextrakt enthalten oder einfach rosa sind und deshalb teurer verkauft werden können.
Daneben stehen große runde Flakons, die so edel aussehen, dass man sie niemals benutzen würde. Solche Produkte besitzt man nicht, um sie aufzubrauchen. Man stellt sie ins Bad, wischt regelmäßig Staub darum herum und sagt Besuchern: „Das ist eine ganz besondere Pflegelinie.“
Eine kleine Schale enthält sämtliche Werkzeuge, die man für professionelle Schönheit benötigt – Pinsel, Bürsten und verschiedene Dinge, bei denen die Kundschaft besser nicht zu genau nachfragt. Solange alles ordentlich in einer hübschen Schale liegt, wirkt es automatisch medizinisch geprüft und vollkommen vertrauenswürdig.
Auf dem Behandlungstisch warten weitere Cremetiegel, Flaschen und ein kleiner Spiegel. Dieser Spiegel ist vermutlich das gefährlichste Gerät im ganzen Salon. Vor der Behandlung zeigt er jede Pore in unerbittlicher Ehrlichkeit. Danach muss er aus Gründen der Kundenzufriedenheit strategisch günstig beleuchtet werden.
Ein großer silberner Wandspiegel hängt ebenfalls bereit. Er ist so prachtvoll, dass man davor automatisch eine bessere Haltung einnimmt. Hier erfolgt am Ende die große Enthüllung: „Und? Wie gefällt es Ihnen?“ Die einzig zulässige Antwort lautet natürlich: „Fantastisch!“ Alles andere könnte eine weitere Behandlung auslösen.
Sogar an Musik wurde gedacht. Im Regal steht ein kleines Schild mit der Aufschrift „music“. Ob sich dahinter tatsächlich eine Musikanlage verbirgt oder das Schild lediglich daran erinnert, sich entspannende Klänge vorzustellen, ist unklar. Vermutlich läuft eine Playlist mit Meeresrauschen, sanftem Klavier und gelegentlichen Werbeunterbrechungen für Erdbeer-Shampoo.
Auf dem Tisch steht außerdem eine Uhr. Sie erfüllt im Beauty-Salon eine besonders wichtige Funktion: Sie zeigt an, dass die zehnminütige Gesichtsmaske noch exakt neun Minuten und 48 Sekunden einwirken muss. Kundinnen starren sie währenddessen bewegungslos an und überlegen, ob das leichte Brennen wirklich „ganz normal“ ist.
Sehr interessant ist auch das Buch „Eye for Art“. Vielleicht handelt es sich um einen Ratgeber für perfektes Augen-Make-up. Vielleicht ist es ein hochwissenschaftliches Standardwerk darüber, wie man zwei Lidstriche tatsächlich gleich hinbekommt. Das ist bekanntlich eine Kunstform, die bislang nur sehr wenige Menschen vollständig beherrschen.
Zusätzlich gibt es weiche Handtücher, Schwämme und flauschige Badepuschel in zarten Farben. Alles sieht herrlich sauber und ordentlich aus. Noch. Spätestens nach dem ersten hektischen Samstag werden drei Handtücher fehlen, ein Pinsel im Waschbecken liegen und niemand mehr wissen, zu welchem Tiegel der kleine Deckel gehört.
Auch hier ist das Personal nicht zu sehen. Wahrscheinlich bereitet es sich im nicht vorhandenen Nebenraum auf die nächste Kundin vor. Vielleicht trägt die Kosmetikerin aber auch gerade selbst eine Gesichtsmaske und ist deshalb nicht von der Tapete zu unterscheiden.
Bei der Neueröffnung fragte Stefan vorsichtig, ob das nun wirklich der letzte Laden sei. Ich erklärte ihm, dass mein Laternenviertel inzwischen zwar über Schönheitspflege verfüge, aber noch immer keine Werkstatt, keine Pizzeria und keinen Disney Store habe. Man könne eine Stadt schließlich nicht einfach mit offenen Versorgungslücken zurücklassen. Daraufhin begann wieder das berühmte Augenrollen. Immerhin weiß ich jetzt, wo der Beauty-Salon sein nächstes Vorher-Foto bekommt.
Wo das ganze kleine Zeug eigentlich herkommt
Natürlich füllen sich diese Laternen nicht von allein. Hinter jedem winzigen Laden stehen viele Stunden Arbeit, jede Menge Klebstoff und eine vollkommen außer Kontrolle geratene Sammlung kleiner Dinge.
Ich kann inzwischen an keinem Bastelgeschäft mehr vorbeigehen, ohne wenigstens kurz hineinzuschauen. Wobei „kurz hineinschauen“ bedeutet, dass ich zwanzig Minuten später mit Miniatur-Obst, winzigen Lampen, kleinen Flaschen, Stoffresten, Holzleisten und irgendeinem Gegenstand herauskomme, dessen späterer Verwendungszweck noch völlig unklar ist. Aber er ist klein. Also brauche ich ihn.
Auch Action, Woolworth und Tedi gehören zu meinen bevorzugten Jagdgebieten. Ich betrete diese Läden mit der festen Absicht, wirklich nur eine ganz bestimmte Sache zu kaufen. Dann entdecke ich kleine Perlen, Mini-Weihnachtsschmuck oder eine Packung Holzstäbchen, aus denen man theoretisch eine Verkaufstheke bauen könnte. Kurz darauf stehe ich mit einem vollen Korb an der Kasse und habe die eine Sache vergessen, wegen der ich ursprünglich gekommen bin.
Wusstet ihr übrigens, dass man aus den kleinen Holzstäbchen, die normalerweise im Eis stecken, einen ganz hervorragenden Fußboden legen kann? Echtholz-Laminat für Laternen sozusagen. Und bevor jetzt jemand glaubt, ich hätte dafür hundert Eis am Stiel gegessen: Nein. So groß ist meine Opferbereitschaft für das Handwerk dann doch nicht. Die Stäbchen kann man fertig kaufen – sauber, eisfrei und ohne dass man sich vorher durch mehrere Familienpackungen Vanille-Schoko arbeiten muss. Wobei ich diese Möglichkeit selbstverständlich gründlich geprüft habe.
Die Stäbchen werden zugesägt, einzeln verlegt und festgeklebt. Das Ergebnis sieht wunderbar aus und vermittelt sofort den Eindruck einer hochwertig renovierten Ladenfläche. Der einzige Unterschied zum Verlegen eines echten Fußbodens besteht darin, dass man nicht auf den Knien durch das Zimmer rutscht. Stattdessen sitzt man über eine Laterne gebeugt da und versucht, ein drei Zentimeter langes Brett gerade auszurichten, das sich aus Prinzip am eigenen Finger festklebt.
Action, Woolworth und Tedi lieben mich. Vermutlich wird in den Filialen bereits heimlich Konfetti geworfen, sobald ich den Parkplatz befahre. Wenn irgendwo der Umsatz mit Holzstäbchen, Mini-Deko und vollkommen unerklärlichen Kleinteilen plötzlich steigt, weiß die Zentrale: Ich war wieder da.
Dabei kaufe ich nicht nur Dinge, die offensichtlich in eine Miniaturwelt gehören. Ich nehme einfach alles mit, das irgendwann nützlich werden könnte. Ein kleiner Knopf ist vielleicht ein zukünftiger Teller. Eine Perle könnte eine Lampe werden. Aus einer Verpackung entsteht eventuell ein Regal, und ein Stück Draht hat grundsätzlich unbegrenzte Karrierechancen.
Ich gebe es offen zu: Inzwischen besitze ich so viel Miniaturzeug, dass ich vermutlich eine ganze Palette BORRBY-Laternen ausstatten könnte. Nicht drei oder vier weitere – eine Palette. Sollte IKEA jemals einen Großauftrag für vollständig eingerichtete Kleingewerbe erhalten, könnte ich sofort liefern.
Die vielen Fundstücke werden zunächst gesammelt. Sehr professionell natürlich. Also in Schachteln, Tüten und Behältern, deren Inhalt ich garantiert wiederfinde, sobald ich fünf andere Kisten durchsucht und zwischenzeitlich vergessen habe, wonach ich eigentlich gesucht hatte.
Falls das passende Möbelstück nicht zu kaufen ist, wird es eben selbst gebaut. Dafür habe ich mir sogar eine Dremel-Tischsäge angeschafft. Andere Menschen kaufen Werkzeug, um eine Terrasse zu bauen oder ein Haus zu renovieren. Ich säge damit Bretter, die kaum größer als ein Butterkeks sind.
Aus winzigen Holzstücken klebe ich Regale, Theken, Schränke und Tische zusammen. Dabei zeigt sich regelmäßig, dass Miniaturmöbel zwar weniger Material benötigen als echte Möbel, aber keineswegs weniger Flüche. Ein Regal kann nur fünf Zentimeter hoch sein und trotzdem schief stehen wie ein ausgewachsenes Möbelstück aus einer Studentenwohnung.
Dann wird nachgemessen, gesägt, geklebt, wieder auseinander gemacht, erneut geklebt und so lange festgehalten, bis entweder der Leim trocken ist oder meine Finger dauerhaft zum Teil der Einrichtung geworden sind.
Was ich nicht kaufen, sägen oder kleben kann, wird aus Knete modelliert. So entstehen Lebensmittel, Dekorationen und all die kleinen Dinge, die ein Geschäft erst richtig lebendig machen. Miniatur-Obst ist dabei besonders praktisch: Eine leicht schiefe Orange ist kein Fehler, sondern Bioqualität. Und wenn ein Croissant seltsam aussieht, stammt es eben aus einer besonders kreativen französischen Backstube.
Für technisch anspruchsvollere Sonderanfertigungen kommt Stefan ins Spiel. Der inzwischen routiniert augenrollende Mann erhält dann einen sehr präzisen Auftrag wie: „Kannst du mir ein BILLY-Regal drucken? Aber in winzig.“ Oder: „Ich brauche eine Beauty-Liege, ein Waschbecken und einen kleinen Tisch. Am besten gestern.“
Darauf folgt meist zunächst ein Blick. Dann das bekannte Augenrollen. Danach beginnt der 3D-Drucker zu arbeiten.
So sind unter anderem die Liege, das Waschbecken und verschiedene Möbel für den Beauty-Salon entstanden. Während der Drucker Schicht für Schicht ein winziges Einrichtungsstück produziert, stehe ich schon daneben und überlege, welchen Laden ich als Nächstes ausstatten könnte.
Stefan ist damit offiziell Leiter der Abteilung für digitale Miniaturmöbel. Er hat sich nie auf diese Stelle beworben, wurde nicht eingearbeitet und kann auch nicht kündigen. Die Auftragslage ist hervorragend. Am Ende kommt in meinen Laternen alles zusammen: gekaufte Fundstücke, selbst gesägte Regale, geklebte Möbel, modellierte Kleinigkeiten und Teile aus dem 3D-Drucker. Nichts davon war ursprünglich dafür gedacht, gemeinsam in einer Laterne zu landen.
Aber genau das macht den Spaß aus.


























