IKEA BORRBY außer Kontrolle: Mein Laternen-Imperium
Es fing harmlos an. Mit einer gewöhnlichen IKEA-Laterne namens BORRBY. Das Schweden-Konstrukt ist eigentlich dafür gedacht, eine stumpfe Kerze zu beherbergen, damit man sich am gemütlichen Schein erfreut. Eigentlich. Ich starrte das Glashaus an und mein Gehirn meldete sofort: „Da passt doch hervorragend eine Gewerbefläche rein.“
So entstand der erste kleine Laden. Dann der zweite. Und ehe Stefan das Bauamt einschalten konnte, verwandelte sich unser Wohnzimmer in ein vollverschachteltes Miniatur-Einkaufszentrum. Kiosk, Bäckerei, Schneiderei, Beauty-Salon, Weihnachtsshop, Buchladen und Candy Shop. Alles vor Ort. Nur Parkplätze fehlen – wie in jeder echten Innenstadt.
Stefan versuchte anfänglich noch, mühsam die Zügel der Vernunft in den Händen zu halten. Er stellte diese typischen, rührenden Fragen wie: „Wo soll die denn noch hin?“ oder „Brauchen wir wirklich noch eine Laterne?“ Süß. Dieser kurze, naive Moment, in dem der Mann glaubte, beim Bebauungsplan ein Mitspracherecht zu besitzen.
Mittlerweile hat er die Kapitulation unterschrieben. Taucht eine neue BORRBY auf, fragt er nicht mehr nach dem Sinn. Er erkundigt sich nur noch nach dem verbleibenden Fluchtweg zum Kühlschrank. Er hat innerlich akzeptiert, dass die Nachverdichtung demnächst den Flur erobert. Ich nenne es eine dynamische Stadtentwicklung. Stefan nennt es „überall steht dieser Kram im Weg“.
Und die Expansion stoppt nicht. Werkstatt, Pizzeria und Disney Store sind bereits in der Pipeline. Dass uns schlichtweg der Platz ausgeht, ist eine organisatorische Bagatelle, die echte Visionäre noch nie gestoppt hat.
Willkommen in der kleinsten Fußgängerzone der Welt: Öffnungszeiten völlig frei erfunden, Mieten unschlagbar günstig. Nur Stefan zahlt drauf – und zwar mit dem schleichenden Verlust sämtlicher Abstellflächen.
Laterne Nr. 1: Die Bäckerei – mit diesem Laden fing alles an
Laterne und denken an Kerzen. Ich sah Ladenfläche in bester Wohnlage.
Also bekam die BORRBY statt eines Teelichts eine komplette Inneneinrichtung: Regale, Verkaufstheke, Vorratsschrank und ein Sortiment, für das andere Bäckereien mindestens drei Filialen benötigen würden. Croissants, Brot, Brötchen, Torten, Kuchen, Kekse, Milch, Eier und Marmelade – alles da. Die Backwaren sind zwar so klein, dass man für ein ordentliches Frühstück ungefähr 147 Brötchen bräuchte, aber Masse statt Klasse war schließlich noch nie ein Problem.
Apropos Backwaren: Die stammen selbstverständlich nicht aus der Konditorei, sondern zum großen Teil aus meiner eigenen Backstube – sprich, vom Küchentisch. Jedes einzelne Brötchen, jedes Croissant, die Baguettes wurde in mühevoller Handarbeit aus Modelliermasse geformt und anschließend bemalt. Ich war quasi der Bäcker der kleinen Dinger, nur ohne Mehl an den Händen, dafür mit Acrylfarbe unter den Fingernägeln. Eine völlig neue Definition von „Backwaren aus eigener Herstellung“.

Für die Kommunikation nach außen sorgt ein rotes Retro-Telefon – standesgemäß direkt neben der Theke platziert. Der einzige Stammkunde mit Lieferadresse im Haus: eine Maus, die sich diskret im Eck eingerichtet hat und vermutlich regelmäßig Großbestellungen für Muffins aufgibt. Eine wichtige Frage bleibt trotzdem offen: Wen ruft man in einer Laternenbäckerei sonst noch an? Den Mehllieferanten? Die Tortenfeuerwehr? Oder IKEA, um weitere Gewerbeflächen zu bestellen? Wahrscheinlich letzteres.
Fazit: Ein Laden so gemütlich, dass man direkt reinziehen möchte. Stefan hätte das vermutlich auch gerne getan – dann wäre wenigstens noch Platz für ihn im Haus gewesen.
Laterne Nr. 2: Die Schneiderei – klein, fein und völlig frei von Konfektionsgrößen
Nach der Bäckerei war klar: Es kann nicht bei einem Laden bleiben. Schließlich muss man ja auch irgendwo hin, wenn man von den 147 Brötchen der Bäckerei ein paar Kilo zugelegt hat und neue Kleider braucht. Willkommen also in der (Änderungs-)Schneiderei – ab sofort eröffnet in unserem Wohnzimmer.
Hier gibt es dann das volle Programm für die anspruchsvolle Kundschaft: eine rote Nähmaschine, die aussieht, als hätte sie schon mehr Ballkleider genäht als ein ganzes Opernhaus benötigt, eine Schneiderpuppe im Blumenkleid, die sich offensichtlich für was Besseres hält, und ein Setzkasten-Schrank, so vollgestopft mit Garnrollen, Bändern und Stoffballen, dass selbst Karstadt neidisch würde.

Was nach liebevoll drapierter Idylle aussieht, war in Wahrheit ein Kleinkrieg mit einer Pinzette. Jedes einzelne Bändchen musste von Hand aufgewickelt werden – nur um sich mit stoischer Gelassenheit wieder abzuwickeln, kurz bevor es endlich im Regal stehen sollte. Nach der dritten Wiederholung waren nicht nur meine Nerven, sondern auch meine Finger aneinandergeklebt. Man könnte sagen: Für dieses Miniatur-Regal habe ich mehr geflucht als für so manches echte Billy-Regal von IKEA.
Auf dem Tisch: Nadeln, Spitzenborten und Knöpfe, fein säuberlich drapiert – bereit für den nächsten Kunden. Der kleine Lampenschirm in der Ecke sorgt für die passende Atmosphäre: gedämpftes Licht, gehobene Ansprüche, und garantiert keine Laufkundschaft.
Fazit: Ein Laden, in dem selbst Dornröschen ihr Ballkleid hätte nähen lassen können – hätte sie nur gewusst, dass er in einer Laterne bei uns im Wohnzimmer steht. Stefan wusste es. Und hat wieder eine Abstellfläche weniger.
Laterne Nr. 3: Der Candy Shop – eine kleine Filiale des Zuckerschocks
Nein, bevor Gerüchte aufkommen: Der gleichnamige Song war es nicht, der mich zu dieser Laterne inspiriert hat. Ich habe schlicht und ergreifend zu viel Zucker im Blut und noch Stellfläche im Wohnzimmer – eine Kombination, die zwangsläufig irgendwann in einem ein Geschäft enden musste, in dem man sich ausschließlich von Zucker ernähren und anschließend mit sehr großen Augen durch das Wohnzimmer rennen kann. Also eröffnete der Candy Shop. Schon beim Betreten wird klar: Ernährungsberater haben hier Hausverbot.
Und was für einer! Bunte Bonbongläser stapeln sich bis unter die Decke, Zuckerwatte in Rosa und Türkis schwebt dekorativ über der Theke, und die Chupa Chups haben gleich einen eigenen Ehrenplatz bekommen – quasi die Hausmarke des Ladens. Dazu eine kleine Waage, auf der offenbar noch nie etwas Vernünftiges gewogen wurde, sondern nur Karamell, Lutscher und schlechte Entscheidungen. Unten im Regal warten Bonbontütchen und Limonade in Regenbogenfarben darauf, dass irgendjemand – realistisch betrachtet: niemand – sie kauft.

Besonders stolz bin ich auf die kleinen goldenen Kugeln, die verdächtig an Ferrero Rocher erinnern. Die habe ich höchstpersönlich aus winzigen Perlen und zerknittertem Goldpapier gefertigt – das Zerknittern war übrigens keine Schlamperei, sondern angewandte Wissenschaft, denn genau das gibt dem großen Vorbild ja auch diese charakteristische Struktur. Ein paar der Kügelchen sind mir damals allerdings zwischen den Fingern durchgerutscht und irgendwo im Haus verschwunden. Bis heute finden wir sie in regelmäßigen Abständen wieder – eine Art goldener Ostereiersuche, die einfach nie endet.
Das Deckenlicht taucht den ganzen Laden in ein warmes Gelb, das jeden Karies-Albtraum optisch aufwertet. Ehrlich gesagt sieht der Laden so einladend aus, dass selbst Erwachsene hier spontan ihr Taschengeld verprassen würden – gäbe es Taschengeld für Erwachsene, und gäbe es diesen Laden nicht nur in Laternenform.
Fazit: Ein Laden so süß, dass er glatt Karies verursachen könnte – rein optisch. Stefan hat inzwischen aufgehört, nach dem Sinn zu fragen, und fragt nur noch, ob der Zuckerwatte-Turm wirklich so hoch bleiben muss, oder ob er demnächst umkippt und die halbe Theke mit sich reißt.
Der Weihnachts-Deko-Shop – und Stefans festliches Augenrollen
Dann stand Weihnachten vor der Tür. Also nicht wirklich. Es war noch genügend Zeit, um in Ruhe Geschenke zu kaufen, Plätzchen zu backen und sämtliche organisatorischen Aufgaben bis zum 23. Dezember aufzuschieben. Aber in meinem Kopf läuteten bereits die Glöckchen. Und sobald dort die Glöckchen läuten, wird irgendwo eine Laterne umgebaut. Das Ergebnis: ein Laden, der aussieht, als hätte der Weihnachtsmann seine Werkstatt outgesourct und dabei gleich noch die komplette Deko-Abteilung von Depot mitgenommen.
Ich erklärte Stefan deshalb, dass unsere kleine Einkaufsstraße dringend einen Weihnachts-Deko-Shop brauche. Er antwortete nicht sofort. Stattdessen zeigte er mir ein Augenrollen, das technisch so ausgereift war, dass man damit vermutlich einen Adventskranz hätte antreiben können. Ich deutete es als Zustimmung.

Die Regale biegen sich unter Ornamenten in Rosa, Türkis und Gold, Kränze aus grünem Filz hängen dekorativ an der Wand, und eine ganze Batterie an Glaskugeln – in allen erdenklichen Mustern – wartet darauf, an einen Baum gehängt zu werden. Unten im roten Setzkasten stehen gläserne Ornamente aufgereiht wie eine Weihnachtskugel-WacheEine ganze Gruppe kleiner Weihnachtsmänner wartet ordentlich in einer Reihe. Sie sehen aus, als hätten sie gerade eine Betriebsversammlung einberufen. Wahrscheinlich diskutieren sie darüber, wer Dienst an der Kasse hat und warum der Schneemann schon wieder nur dekorativ herumsteht. Einer von ihnen scheint besonders streng zu schauen. Vermutlich ist das der Filialleiter.
Making of: Die kleinen Schachteln für die „Glaskugeln“ habe ich liebevoll aus Weihnachtspostkarten gebastelt – Upcycling auf höchstem Niveau. Die Kugeln selbst waren, zugegeben, keine echten Glaskugeln, sondern schlichte Perlen, die ich mir bei Emilia aus deren Schmuck-Bastelkasten sagen wir mal… ausgeliehen habe. Ohne Rückgabetermin, versteht sich. Das eigentliche Abenteuer begann dann beim Kleben: Erst pappten die Schachteln an meinen Fingern fest, dann die Perlen obendrauf, und irgendwann war unklar, ob ich noch eine Weihnachtsdeko baute oder selbst Teil der Installation wurde. Am Ende hat es trotzdem irgendwie geklappt – Klebstoff und Sturheit gewinnen eben immer.
Fazit: Ein Laden, der so glitzert, dass er glatt eine eigene Stromrechnung verdient hätte. Es fehlt eigentlich nur noch Bing Crosby aus dem Hintergrund. Stefan betrachtete das fertige Geschäft, betrachtete anschließend die nächste freie Stelle in unserem Zuhause und rollte erneut mit den Augen. Inzwischen beherrscht er verschiedene Varianten: das kurze Warnrollen, das langsame resignierte Rollen und das besonders festliche Doppelrollen mit anschließendem Seufzer. Ich fand den Laden jedenfalls wunderschön. Und Stefans Augenrollen passte farblich ganz hervorragend zu den Christbaumkugeln.
Laterne Nr. 5: Der Kiosk – mit erstaunlich gut gefüllter Spirituosenabteilung
Nach Bäckerei, Schneiderei, Süßwarenladen und Weihnachtsshop musste natürlich auch die Grundversorgung sichergestellt werden. Willkommen also beim Kiosk – der Institution, die in jedem Viertel um die Ecke steht und jetzt eben auch in unserem Wohnzimmer.
Und damit ja niemand am Realitätsgehalt zweifelt, kleben an der Tür GLS-, UPS- und DPD-Aufkleber, exakt wie beim echten Vorbild. Vermutlich nimmt dieser Kiosk sogar Pakete für die ganze Nachbarschaft an – nur dass die Nachbarschaft hier aus einer Fensterbank besteht. Drinnen dann das volle Programm: Chipstüten, Softdrinks, eine kleine Weinflasche für den gehobenen Kioskkunden und, mit spürbarem Stolz gebastelt, waschechte Zigarettenschachteln – winzig ausgedruckt und mit der Pinzette zusammengesetzt, mit einer Präzision, für die andere Leute einen Uhrmacherkurs belegen würden.

Die Einrichtung ist wunderbar vollgestopft. Jeder Zentimeter wird genutzt: unter der Theke Flaschen, darüber Lebensmittel, daneben Haushaltswaren, und irgendwo mittendrin hat es sich, völlig unbeeindruckt von der Logik, ein selbstgebackenes Brot direkt neben dem Shampoo gemütlich gemacht. Brandschutzbeauftragte und Innenarchitekten sollten diesen Laden besser nicht gleichzeitig besuchen – der eine würde wegen der Fluchtwege kollabieren, der andere wegen der Regalordnung.
Denn zusätzlich führt der Kiosk auch noch Pflegeprodukte, Waschmittel, Obst und allerlei Haushaltswaren. Man kann sich hier also in einem Aufwasch mit Frühstück, Körperpflege, Fleckenentferner und einem sehr kleinen Kater für den nächsten Morgen ausstatten. Rundum-Versorgung auf 15 Quadratzentimetern – das schafft nicht mal der echte Kiosk um die Ecke.
Fazit: Ein Laden, der mehr Sortiment auf kleinstem Raum bietet als so mancher Real-Markt vor der Schließung. Stefan hat beim Anblick der Zigarettenschachteln nur gefragt, ob wir jetzt auch noch eine Jugendschutz Warnung brauchen. Ich hab ihm gesagt, das kläre ich, sobald ich einen Platz für Laterne Nummer sechs gefunden habe.
Wo das ganze kleine Zeug eigentlich herkommt
Natürlich füllen sich diese Laternen nicht von allein. Hinter jedem winzigen Laden stecken viele Stunden Arbeit, jede Menge Klebstoff und eine Sammlung kleiner Dinge, die sich jeder vernünftigen Kontrolle längst entzogen hat.
Ich kann inzwischen an keinem Bastelgeschäft mehr vorbeigehen, ohne wenigstens kurz hineinzuschauen. Wobei „kurz hineinschauen“ bedeutet, dass ich zwanzig Minuten später mit Miniatur-Obst, winzigen Lampen, kleinen Flaschen, Stoffresten, Holzleisten und irgendeinem Gegenstand herauskomme, dessen späterer Verwendungszweck mir selbst noch völlig schleierhaft ist. Aber er ist klein. Also brauche ich ihn. Diese Logik hat noch nie versagt.
Auch Action, Woolworth und Tedi gehören zu meinen bevorzugten Jagdgebieten. Ich betrete diese Läden mit der festen Absicht, wirklich nur eine ganz bestimmte Sache zu kaufen. Dann entdecke ich kleine Perlen, Mini-Weihnachtsschmuck oder eine Packung Holzstäbchen, aus denen man theoretisch eine Verkaufstheke bauen könnte. Kurz darauf stehe ich mit vollem Korb an der Kasse und habe ausgerechnet die eine Sache vergessen, wegen der ich ursprünglich gekommen bin.
Wusstet ihr übrigens, dass man aus den kleinen Holzstäbchen, die normalerweise im Eis stecken, einen ganz hervorragenden Fußboden legen kann? Echtholz-Laminat für Laternen, sozusagen. Und bevor jetzt jemand glaubt, ich hätte mich dafür durch hundert Eis am Stiel gegessen: Nein. So groß ist meine Opferbereitschaft für das Handwerk dann doch nicht. Die Stäbchen gibt es fertig zu kaufen – sauber, eisfrei und ohne dass man sich vorher durch mehrere Familienpackungen Vanille-Schoko arbeiten muss. Wobei ich diese Möglichkeit selbstverständlich gründlich geprüft habe. Rein wissenschaftlich.
Die Stäbchen werden zugesägt, einzeln verlegt und festgeklebt. Das Ergebnis sieht wunderbar aus und vermittelt sofort den Eindruck einer hochwertig renovierten Ladenfläche. Der einzige Unterschied zum Verlegen eines echten Fußbodens: Man rutscht dabei nicht auf den Knien durchs Zimmer. Stattdessen sitzt man über eine Laterne gebeugt und versucht, ein drei Zentimeter langes Brettchen gerade auszurichten, das sich aus Prinzip lieber am eigenen Finger festklebt als an der vorgesehenen Stelle.
Action, Woolworth und Tedi lieben mich. Vermutlich wird in den Filialen bereits heimlich Konfetti geworfen, sobald ich den Parkplatz befahre. Wenn irgendwo der Umsatz mit Holzstäbchen, Mini-Deko und vollkommen unerklärlichen Kleinteilen plötzlich steigt, weiß die Zentrale Bescheid: Ich war wieder da.
Dabei kaufe ich längst nicht mehr nur Dinge, die offensichtlich in eine Miniaturwelt gehören. Ich nehme grundsätzlich alles mit, das irgendwann nützlich werden könnte. Ein kleiner Knopf ist vielleicht ein zukünftiger Teller. Eine Perle könnte eine Lampe werden. Aus einer Verpackung entsteht eventuell ein Regal, und ein Stück Draht hat generell unbegrenzte Karrierechancen vor sich.
Ich gebe es offen zu: Inzwischen besitze ich so viel Miniaturzeug, dass ich vermutlich eine ganze Palette BORRBY-Laternen ausstatten könnte. Nicht drei oder vier weitere – eine Palette. Sollte IKEA jemals einen Großauftrag für vollständig eingerichtete Kleingewerbe erhalten, ich könnte sofort liefern. Referenzen vorhanden.
Die vielen Fundstücke werden zunächst gesammelt. Sehr professionell, versteht sich. Also in Schachteln, Tüten und Behältern, deren Inhalt ich garantiert wiederfinde – und zwar genau in dem Moment, in dem ich fünf andere Kisten durchsucht und zwischenzeitlich völlig vergessen habe, wonach ich eigentlich gesucht hatte.
Falls das passende Möbelstück nicht zu kaufen ist, wird es eben selbst gebaut. Dafür habe ich mir sogar eine Dremel-Tischsäge angeschafft. Andere Menschen kaufen Werkzeug, um eine Terrasse zu bauen oder ein Haus zu renovieren. Ich säge damit Bretter, die kaum größer sind als ein Butterkeks.
Aus winzigen Holzstücken klebe ich Regale, Theken, Schränke und Tische zusammen. Dabei zeigt sich regelmäßig: Miniaturmöbel brauchen zwar weniger Material als echte Möbel, aber keineswegs weniger Flüche. Ein Regal kann gerade mal fünf Zentimeter hoch sein und trotzdem schief stehen wie ein ausgewachsenes Möbelstück aus einer Studentenbude.
Dann wird nachgemessen, gesägt, geklebt, wieder auseinandergenommen, erneut geklebt und so lange festgehalten, bis entweder der Leim trocken ist – oder meine Finger dauerhaft Teil der Einrichtung geworden sind. Meistens beides.
Was ich nicht kaufen, sägen oder kleben kann, wird aus Knete modelliert. So entstehen Lebensmittel, Dekorationen und all die kleinen Dinge, die einen Laden erst richtig lebendig machen. Miniatur-Obst ist dabei besonders praktisch: Eine leicht schiefe Orange ist kein Fehler, sondern Bioqualität. Und wenn ein Croissant seltsam aussieht, stammt es eben aus einer besonders kreativen französischen Backstube.
Für technisch anspruchsvollere Sonderanfertigungen kommt Stefan ins Spiel. Der inzwischen routiniert augenrollende Mann erhält dann einen sehr präzisen Auftrag wie: „Kannst du mir ein BILLY-Regal drucken? Aber in winzig.“ Oder: „Ich brauche eine Beauty-Liege, ein Waschbecken und einen kleinen Tisch. Am besten gestern.“
Darauf folgt meist zunächst ein Blick. Dann das bekannte Augenrollen. Dann beginnt der 3D-Drucker zu arbeiten – Stefan hat gelernt, dass Widerstand länger dauert als Nachgeben. So sind unter anderem die Liege, das Waschbecken und verschiedene Möbel für den Beauty-Salon entstanden. Während der Drucker Schicht für Schicht ein winziges Einrichtungsstück produziert, stehe ich schon daneben und überlege, welchen Laden ich als Nächstes ausstatten könnte. Geduld war noch nie meine Kernkompetenz.
Stefan ist damit inoffiziell Leiter der Abteilung für digitale Miniaturmöbel. Er hat sich nie auf diese Stelle beworben, wurde nicht eingearbeitet und kann auch nicht kündigen. Die Auftragslage ist hervorragend, eine Bezahlung gibt es nicht. Am Ende kommt in meinen Laternen alles zusammen: gekaufte Fundstücke, selbst gesägte Regale, geklebte Möbel, modellierte Kleinigkeiten und Teile aus dem 3D-Drucker. Nichts davon war ursprünglich dafür gedacht, gemeinsam in einer Laterne zu landen. Aber genau das macht den Spaß aus.
Laterne Nr. 6: Der Buchladen – Bücher gibt es hier natürlich auch
Die Inspiration für diesen Laden stammt schnurstracks von Osiander in Esslingen. Ja, dort gibt es tatsächlich auch Bücher. Sie stehen in Regalen, liegen auf dem Tisch und verbreiten überall diese wunderbare Atmosphäre von Bildung, Kultur und dem festen Vorsatz, irgendwann wieder mehr zu lesen. Dieser Vorsatz hält bekanntlich ungefähr bis zum Ausgang.
Allerdings muss man zunächst an Spielzeug, Geschenkartikeln, Dekoration, Grußkarten und diversen Dingen vorbei, deren eigentlicher Zweck sich nicht sofort erschließt. Mit Kindern dabei eine echte Herausforderung – ungefähr auf dem Schwierigkeitsgrad einer Sonderaufgabe im Elite-Slalom. Und alles ist teuer. Sehr teuer.

Früher ging man in eine Buchhandlung, um ein Buch zu kaufen. Heute betritt man sie mit demselben Ziel und verlässt sie mit einer Duftkerze, einem Stofftier, einem Notizbuch, drei Postkarten, einer Tasse mit philosophischem Spruch und der leisen Frage, warum das alles 86 Euro gekostet hat. Das Buch hat man selbstverständlich vergessen.
Genau dieses Prinzip habe ich mir für die Laterne zunutze gemacht: ein rotes Sesselchen zum gemütlichen Schmökern, eine kleine Ukulele für spontane Lesungen mit musikalischer Untermalung, ein Spielzeugzug oben im Regal, ein pinkes Plüschtier hinter Glas und obendrauf noch ein Weihnachtsbaum – Saison hin oder her, Geschenkartikel kennen schließlich kein Kalenderjahr. Bücher gibt es natürlich auch, fein säuberlich in den Regalen drapiert, allerdings deutlich in der Unterzahl gegenüber allem, was man eigentlich nicht wollte, aber trotzdem mitnimmt.
Fazit: Ein Laden, der die Buchhandlungs-Erfahrung eins zu eins ins Miniaturformat übersetzt – man geht rein wegen der Bildung und kommt raus mit einer Ukulele. Stefan hat beim Anblick nur gefragt, ob das jetzt bedeutet, dass demnächst auch noch echte Bücher im Haus rumliegen. Ich musste ihn enttäuschen: Die einzigen Bücher, die hier zuverlässig gelesen werden, sind drei Zentimeter groß und aus Papier gefaltet.
Laterne Nr. 7: Der Beauty-Salon – soeben eröffnet und schon komplett ausgebucht
Nach Bäckerei, Schneiderei, Süßwarenladen, Weihnachtsshop, Kiosk und Buchhandlung durfte natürlich die Selbstfürsorge nicht zu kurz kommen. Schließlich muss man sich nach so viel anstrengendem Ladenbau auch mal erholen – und sei es nur im Miniaturformat.
Der Salon protzt geradezu mit Wellness-Attitüde: eine gemütliche pinke Liege zum Verweilen, dazu ein ganzes Regal voller Pflegeprodukte – Shampoo, Duschgel, Cremes, alles fein säuberlich nach Farben sortiert, als hätte hier jemand Marie Kondo persönlich zu Besuch gehabt. Ein Schildchen mit der Aufschrift „Music“ sorgt für die passende Beschallung während der Behandlung, ein Spiegel mit silbernem Rahmen hängt dekorativ an der Wand, und auf dem kleinen Beistelltisch liegt sogar ein Buch mit dem vielsagenden Titel „Eye For Art“ – Bildung und Bodylotion, Hand in Hand.

Besonders bemerkenswert: Liege und Waschbecken stammen nicht aus dem Bastelladen, sondern aus Stefans 3D-Drucker. Der Mann, der ursprünglich nur gefragt hatte, ob wir wirklich noch eine Laterne bräuchten, druckt inzwischen anstandslos Beauty-Möbel im Miniaturformat. Vom Zweifler zum Zulieferer – eine Entwicklung, die selbst mich überrascht hat.
Fazit: Ein Salon, in dem man sich nach einem stressigen Tag in der Bäckerei nebenan wunderbar entspannen könnte – wäre man nicht zu groß dafür. Stefan hat beim Anblick nur gefragt, ob die Liege eigentlich auch für ihn eine Alternative zum Sofa wäre, seit dort kein Platz mehr frei ist.
Ich für meinen Teil gönne mir jetzt jedenfalls erst mal eine Beauty-Behandlung – zumindest in Gedanken. Ich lege mich geistig auf die pinke Liege, atme tief durch, höre dem Schildchen „Music“ beim Nichtstun zu und genieße für einen Moment die Illusion von Wellness. Realistisch betrachtet bin ich nur drei Zentimeter zu groß für den Termin, aber die Vorstellung allein tut schon gut.
Und während ich da so – gedanklich – entspanne, lässt einen die Frage natürlich nicht los: Was wird eigentlich Laterne Nummer acht? Eine Werkstatt ist ja schon länger angekündigt, eine Pizzeria steht ebenfalls auf der Liste, und auch ein Disney Store schwirrt mir seit einer Weile im Kopf herum. Stellflächen gibt es zwar offiziell keine mehr – aber das hat mich bisher auch noch nie aufgehalten.
Laterne Nr. 8: Die Garage
Die angekündigte Werkstatt ist fertig – und siehe da, sie heißt „Speedy“. Passender Name, wenn man bedenkt, wie schnell aus „vielleicht noch eine achte Laterne“ ein kompletter Kfz-Betrieb geworden ist, samt Schubladenbeschriftung, die verdächtig nach Markenpiraterie im Miniaturformat klingt – aber wer fragt bei Autoteilen schon nach Lizenzen.

Mein persönliches Highlight ist das Lochbrett an der Wand: Hammer, Zange, Schraubenzieher, Sägen, Schraubenschlüssel in drei Größen – alles fein säuberlich aufgereiht, ganz so, wie es sich für einen Betrieb mit dem Anspruch „ExpertCare“ gehört. Darunter habe ich noch einen rollenden Werkzeugwagen drapiert, vollgestopft mit Bremsscheiben, einem Schraubenschlüssel und einem Glas mit der schönen Aufschrift „Mechanic“ – Inhalt unbekannt, aber irgendwie wichtig wirkend. Dazu Reifen in allen Ecken, eine rote Ölkanne mit Rennsport-Optik, ein „Caution Wet Floor“-Schild, das hier vermutlich täglich im Einsatz ist, und ein paar Handschuhe, die tapfer einen Reifen umklammern – offenbar habe ich auch bei der Werkstattbelegschaft Wert Sicherheit gelegt.
Making of: Werkzeuge mit der Pinzette an die Wand kleben – kann ich. Den dabei versehentlich angeklebten Finger konnte ich sogar wieder lösen, ohne dass Notarzt oder Sekundenkleber-Hotline eingeschaltet werden mussten. Ein Lineal und ein Schraubenzieher hängen allerdings noch an eben diesem Finger. Ich glaub, ich lass das jetzt einfach so. Aber wie heißt es so schön: Eine Werkstatt ist nie wirklich fertig – genau wie meine Sammlung an Laternen.
Fazit: Ein Betrieb, der zeigt, dass ich mittlerweile auch vor Kfz-Technik nicht zurückschrecke – zumindest in Laternen-Größe. Stefan hat beim Anblick nur gefragt, ob wir jetzt auch offiziell einen Gewerbeschein für „Speedy“ brauchen. Ich hab ihm gesagt: Erst wenn die Pizzeria und der Disney Store auch stehen. Dann ist eh alles zu spät.






























