Gemeinsam gestartet, getrennt gelandet
Von Frankfurt über London nach Phoenix
Der erste Reisetag beginnt gesammelt. Keine halben Abschiede, kein logistischem Chaos mit Treffpunkten irgendwo im Nirgendwo. Wir fahren alle zusammen nach Stuttgart zum Flughafen. Nadine sitzt am Steuer, Stefan und ich daneben, Bianca und Patrick mit im Gepäck – im wahrsten Sinne. Noch ist alles überschaubar, noch fühlt es sich mehr nach „wir bringen jemanden weg“ als nach „wir fahren jetzt wirklich los“.

Am Flughafen Stuttgart wird es dann ernst. Nadine verabschiedet sich von uns allen. Sie hat noch Schule vor sich, noch eine Woche Alltag, während wir gedanklich bereits auf Highways unterwegs sind. In einer Woche sehen wir uns wieder, sagen wir. Las Vegas. Klingt immer noch surreal, wirkt aber plötzlich sehr konkret. Nadine fährt wieder nach Hause, wir bleiben zurück mit unseren Koffern und dem ersten echten Reisemoment dieses Trips.

Gemeinsam fliegen wir weiter Richtung London. Ruhiger Flug, alles pünktlich, nichts, worüber man später dramatische Anekdoten erzählen müsste. Genau richtig für einen ersten Reisetag. Erst in London – genauer gesagt auf dem Weg nach Fürth – kommt der Punkt, an dem sich unsere Wege trennen. Hier wird aus einer Gruppe plötzlich zwei Pläne.
Bianca und Patrick steigen um Richtung San Francisco. Westküste, Highway 1, Pazifik, Roadtrip-Start wie aus dem Bilderbuch. Wir dagegen fliegen weiter nach Phoenix. Südwesten, Hitze, Weite, Wüste. Zwei völlig unterschiedliche Routen, ein gemeinsames Ziel: Las Vegas. In einer Woche treffen wir uns dort wieder. Dann kommt auch Nadine nach. Dann wird aus Reise Hochzeit. Oder aus Hochzeit Reise. Die Reihenfolge ist da noch nicht ganz klar.
Wir verbringen noch ein paar Minuten gemeinsam im Terminal, zwischen Abflugtafeln und Kaffeebechern. Ein letzter kurzer Austausch, ein paar Umarmungen, dann ist Schluss. Ciao. Wir sehen uns in Vegas. Bianca und Patrick verschwinden Richtung Gate, wir drehen uns um in die andere Richtung. Phoenix wartet – und davor eine kleine Arizona-Rundreise, die wir noch nicht kennen, aber bereits ahnen.
Der erste Tag endet nicht mit einem Highlight, sondern mit einem Gefühl: Jetzt laufen die Uhren auseinander. Und genau so muss es sein.
Die Zeit am Flughafen zieht sich wie Kaugummi unter dem Schuh. Nicht dramatisch, nicht nervig – eher dieses typische „Wir sind da, aber eigentlich noch nicht unterwegs“-Gefühl. Die Handgepäck-Koffer stehen brav neben uns, der Kaffee schmeckt wie überall auf Flughäfen, und man hat plötzlich sehr viel Zeit, Menschen zu beobachten. Ein Sport, den man erst auf Reisen wirklich perfektioniert.
British Airways 747 nach Phoenix
Irgendwann wird eingecheckt, irgendwann sitzen wir im Flieger, irgendwann hebt er ab. Langstrecke eben. Das Bordprogramm läuft wie nach Lehrbuch: zwei Filme, leicht zeitversetzt, damit man später nicht mehr weiß, ob man sie wirklich gesehen hat oder nur die Highlights im Halbschlaf. Dazwischen dösen, wieder aufwachen, aus dem Fenster schauen und so tun, als würde man dort unten irgendetwas erkennen. Spoiler: tut man nicht. Es ist dunkel, weit weg und sehr theoretisch.
Der Flug zieht sich, aber auf die angenehme Art. Keine Turbulenzen, kein Drama, nur dieses monotone Dahingleiten, bei dem Zeit und Zeitzonen langsam ihre Bedeutung verlieren. Irgendwann kommt die Durchsage: Wir befinden uns im Landeanflug auf Phoenix. Sitze gehen in aufrechte Position, Tische klappen hoch, und die Realität kehrt langsam zurück.
Und genau hier beginnt es. Eine Reihe vor uns sitzt ein junges Paar. Bis jetzt unauffällig nervös, ein bisschen tuschelnd, nichts Besonderes. Doch kaum senkt sich das Fahrwerk und das erste Rad küsst fast die Landebahn, klickt es vor uns gleich mehrfach. Sicherheitsgurte offen. Noch während wir offiziell gefühlt irgendwo über Arizona schweben, sind sie gedanklich schon am Ausgang.
Als das Flugzeug ausrollt, steigert sich die Konzentration. Köpfe werden zusammengesteckt, Blicke wandern, Bewegungen werden getestet. Als wir schließlich in der Parkposition stehen und noch niemand auch nur daran denkt, die Türen zu öffnen, beginnt der eigentliche Einsatz. Die Fluchtplanung.
Wer steht zuerst auf? Wer greift welche Tasche? Welcher Gang, welcher Winkel, welcher Moment? Ein Ladeplan wie bei der Bundeswehr. Präzise. Ernst. Hochkonzentriert. Ihr erklärtes Ziel: als Erste in Phoenix sein. Warum, weiß niemand. Vermutlich, weil Phoenix sonst weg ist oder jemand anderes schneller dort sein könnte.
Wir sitzen dahinter, angeschnallt, leicht müde und maximal amüsiert. Die Türen sind noch zu, die Klimaanlage brummt, und vor uns wird ein logistisches Meisterwerk vorbereitet, das in keiner Relation zum eigentlichen Ergebnis steht.
Als sich die Türen endlich öffnen, schießen sie los. Mission gestartet. Wir bleiben sitzen. Beobachten. Und grinsen.
Nach dem Aussteigen folgt der nächste Pflichtprogrammpunkt jeder USA-Reise: Immigration. Diese große Halle, in der alle plötzlich wieder sehr diszipliniert werden sollen – egal, wie eilig man es hat. Reihen bilden sich, Schilder hängen, Beamte schauen streng, und das unausgesprochene Gesetz lautet: Hier wird nicht gedrängelt. Hier wird gewartet.
Unser Fluchtpaar steht ein Stück von uns entfernt. Andere Schlange. Andere Hoffnung. Man sieht förmlich, wie es in ihren Köpfen arbeitet. Blicke nach links, nach rechts, leises Tuscheln, kleine Positionswechsel, als ließe sich das System durch geschicktes Zickzack überlisten. Spoiler: lässt es sich nicht. In den USA steht man brav in der Reihe. Punkt. Das scheint ihnen sichtbar schwerzufallen.
Wir kommen voran. Ruhig, Schritt für Schritt. Stempel, Blick, Foto, fertig. Kein Drama. Währenddessen versucht das Paar weiterhin, irgendwo ein imaginäres Zeitfenster zu entdecken, durch das man sich noch schnell vordrängeln könnte. Vergeblich.
Weiter zur Gepäckausgabe. Die Koffer lassen sich Zeit – wie immer. Und auch hier: Nervosität. Hin- und herlaufen, ständiges Schauen aufs Band, als würde es dadurch schneller werden. Wir bleiben stehen. Unser Koffer kommt. Ihrer auch. Fast zeitgleich. Der Vorsprung schrumpft bedenklich.
Draußen geht es weiter zum Shuttle für die Mietwagen. Zweiter Bus. Und wer steht wieder ein paar Meter vor uns? Genau. Unser inzwischen vertrautes Fluchtpaar. Das Tempo bleibt hoch, das Ziel klar: bloß nicht verlieren. Sie steigen ein, wir steigen ein. Gleicher Bus. Gleiche Richtung. Gleiche Realität.

Wir holen unser Auto, alles problemlos, und fahren weiter zum Days Inn Metro Center in Phoenix. Müdigkeit setzt langsam ein, diese angenehme Sorte, bei der man weiß: gleich ist Schluss für heute. An der Rezeption dann der nächste Akt der unfreiwilligen Comedy. Wer steht vor uns? Richtig. Das Paar. Wieder Drama. Das Zimmer passt nicht, dies stimmt nicht, das stimmt nicht. Diskussion. Leises Aufregen. Wir tauschen Blicke und warten.
Dann sind wir dran. Andere Dame. Freundlich. Unkompliziert. Zimmer. Schlüssel. Fertig. Manchmal gewinnt man nicht durch Schnelligkeit, sondern durch Geduld.
Das Zimmer ist gut. Sehr gut sogar. Koffer rein, Schuhe aus, Licht aus. Wir fallen ins Bett, als hätten wir genau darauf die letzten Stunden hingearbeitet. Morgen geht der Roadtrip los. Heute endet der Tag hier. Und das ist vollkommen in Ordnung.










