Wall Street am Vormittag, Boot am Nachmittag
Empire State bei Nacht
Der heutige Tag verspricht schon beim Aufwachen wieder genau das, was wir an New York so lieben: ein bisschen Chaos, ein bisschen Geschichte und sehr viel Großstadtgefühl. Auf dem Plan steht ein Wall-Street-Walk, geführt von Steve, einem Guide mit genau der richtigen Mischung aus Wissen, Humor und diesem leicht verschmitzten „Wartet mal ab, gleich wird’s interessant“-Blick.
Stefan und ich haben vor zwei Jahren schon einmal eine ähnliche Tour gemacht, allerdings mit einem anderen Guide. Und genau das macht den Reiz aus: Steve wählt eine leicht andere Route, setzt andere Schwerpunkte, bleibt länger an manchen Ecken stehen und lässt andere bewusst links liegen. Vieles kommt uns bekannt vor, manches fühlt sich überraschend neu an. Es ist ein bisschen wie ein Film, den man zum zweiten Mal sieht – man kennt die Handlung, achtet aber plötzlich auf ganz andere Details.
Wir bewegen uns durch das Herz des Finanzviertels, stehen zwischen historischen Fassaden, modernen Glasbauten und Orten, an denen Entscheidungen getroffen werden, die Auswirkungen auf die ganze Welt haben. Wall Street wirkt tagsüber geschäftig, fast nüchtern – und gleichzeitig schwingt überall diese besondere Atmosphäre mit. Geschichte zum Anfassen, Zahlen mit Macht, und mittendrin Touristen mit Kameras. Steve erzählt, erklärt, ordnet ein, und genau dadurch bekommt dieser Ort Tiefe.
Nach der Tour lassen wir das Finanzviertel hinter uns und wechseln abrupt die Kulisse. Es geht in den Central Park – und damit in eine völlig andere Welt. Nadine hat einen ganz bestimmten Wunsch: Strawberry Fields. Diese kleine, schlichte Gedenkstätte ist dem Andenken an John Lennon gewidmet, der ganz in der Nähe ermordet wurde. Der Ort ist ruhig, beinahe still, trotz der Stadt ringsum. Menschen bleiben stehen, manche legen Blumen nieder, andere setzen sich einfach nur auf den Boden. Es ist kein Ort großer Gesten, sondern einer der leisen Gedanken. Frieden, Musik, Verlust – alles liegt hier dicht beieinander.
Dann meldet sich sehr zuverlässig ein anderes Bedürfnis: Hunger. Und diesmal folgen wir einem Tipp, den wir uns am Vortag ganz fett im Kopf abgespeichert haben – eine Empfehlung von Corey aus der Food-on-Foot-Tour. Ziel ist das Time Warner Center am Columbus Circle. Allein das Gebäude wirkt schon wie ein Statement: modern, elegant, ein bisschen mondän.
Im Inneren wartet das Porter House Bar and Grill auf uns – ein Steakhouse mit Stil, großer Fensterfront und einem Blick auf den Central Park, der fast schon vom Essen ablenkt. Fast. Denn was hier auf den Tisch kommt, kann locker mithalten.
Für unschlagbare 25 Dollar gibt es ein 3-Gänge-Mittagsmenü, bei dem man kurz überprüft, ob man sich nicht verlesen hat. Als Vorspeise wählen wir zwischen der Tagessuppe oder einem klassischen Caesar Salad. Danach geht es weiter mit Steak Frites oder gegrilltem Lachs – beides auf den Punkt. Und zum Abschluss? New York Cheesecake oder Chocolate Cake.
Gestärkt – und ehrlich gesagt ein kleines bisschen bewegungsunwillig – treten wir wieder vor das Time Warner Center. Und dort stehen sie. Gelbe Taxis, wie bestellt. Wir zögern keine Sekunde, steigen ein und lassen uns direkt zum nächsten Programmpunkt fahren: dem NY Water Taxi. Öffentliche Verkehrsmittel sind großartig, aber manchmal ist ein Taxi einfach die eleganteste Lösung.
Wir entscheiden uns für eine komplette Rundfahrt. Einmal alles, bitte. Die Bootsfahrt beginnt auf dem Hudson River, und schon kurz nach dem Ablegen eröffnet sich dieser Blick, für den man New York sofort verzeiht, wenn es einen vorher durch die Subway gejagt hat. Manhattan zieht vorbei, die Skyline spiegelt sich im Wasser, die Stadt wirkt plötzlich geordnet, fast ruhig. Einer der ersten markanten Punkte ist das Empire State Building, das sich majestätisch in den Himmel schiebt, als hätte es sich extra für uns in Pose geworfen. Die Spitze scheint die Wolken zu berühren, das Licht bricht sich in den Fenstern – ein Bild, das man zwar kennt, das aber nie an Wirkung verliert.
An Bord gibt es einen Touristenführer, der uns eigentlich mit Geschichten und Hintergrundwissen versorgen soll. Eigentlich. Denn der Hudson zeigt sich heute von seiner lebhaften Seite. Die Wellen sind ordentlich in Bewegung, der Wind tut sein Übriges, und so verschluckt der Fluss leider einen Großteil der Erklärungen. Man sieht, dass er spricht, man ahnt, dass es interessant wäre – aber verstehen ist Glückssache. Schade, denn die Informationen hätten der Fahrt noch eine zusätzliche Ebene gegeben. Trotzdem: Der Blick entschädigt für alles.
Während unserer Fahrt zogen wir weiter in Richtung des Financial Districts. Vor uns wuchs die Kulisse der Wall Street in den Himmel, dicht gedrängt, selbstbewusst und beeindruckend. Hoch über allem thronte das One World Trade Center, ruhig, dominant und mit dieser selbstverständlichen Präsenz, die keinen Zweifel daran lässt, wer hier das neue Wahrzeichen ist. Die Fassaden der Hochhäuser funkelten im Sonnenlicht, Glas und Stahl warfen das Licht zurück, als hätte jemand die Stadt noch einmal extra poliert. Alles wirkte klar, groß und fast ein wenig unwirklich – Manhattan in Bestform.
Je weiter wir fuhren, desto mehr öffnete sich die Skyline vor uns. Immer wieder neue Perspektiven, immer wieder neue Blickwinkel. Vom eleganten Chrysler Building bis zur massiven Brooklyn Bridge reihte sich ein ikonisches Bauwerk an das nächste. Die Sonne stand inzwischen tiefer und tauchte die Gebäude in ein warmes, goldenes Licht, das selbst Beton weich wirken ließ. Es war einer dieser Momente, in denen man gar nicht weiß, wohin man zuerst schauen soll, weil einfach alles gleichzeitig sehenswert ist.
Dann erschien sie vor uns – die Freiheitsstatue. Kein hastiger Moment, kein Vorbeirauschen, sondern ein langsames Näherkommen. Dieses weltbekannte Symbol für Freiheit und Hoffnung stand ruhig auf Liberty Island, würdevoll und zeitlos. Trotz aller Postkarten, Filme und Fotos hatte der Anblick etwas Erhabenes. Man wird automatisch leiser, schaut genauer hin und merkt, dass manche Symbole ihre Wirkung einfach nie verlieren.
Schließlich kehrten wir zurück zum Pier und beendeten unsere Bootsfahrt. Zurück blieben unzählige Eindrücke, gespeicherte Bilder im Kopf und dieses zufriedene Gefühl, Manhattan gerade von einer seiner schönsten Seiten erlebt zu haben. Die Skyline vom Wasser aus zu sehen, gibt der Stadt eine ganz eigene Dimension – weniger hektisch, dafür umso eindrucksvoller.
Nadine hingegen konnte der Bootsfahrt deutlich weniger abgewinnen. Die Wellen des Hudson hatten es in sich, und während wir noch begeistert nach links und rechts schauten, war sie vor allem froh, als wir endlich wieder festen Boden unter den Füßen hatten. Erleichterung pur.
Zurück am Pier wartete direkt die nächste angenehme Überraschung auf uns: kostenlose Shuttlebusse, die Besucher quer durch Manhattan chauffierten. Wir entschieden uns für einen Bus, der uns möglichst nah an das Empire State Building bringen sollte. Der Plan war simpel, aber verlockend: hochfahren, oben bleiben und zusehen, wie der Tag langsam in die Nacht übergeht. Denn wenn New York eines kann, dann ist es genau dieser Übergang.
Und ja – spektakulär war es. Ohne jede Einschränkung. Der Blick von der Spitze des Empire State Building, hoch über den Dächern der Stadt, raubt einem schlicht den Atem. Mit jeder Minute, in der die Sonne tiefer sank, veränderte sich das Bild. Straßen wurden zu leuchtenden Linien, Brücken zu funkelnden Bögen, Wolkenkratzer zu Lichtskulpturen. Der Central Park lag dunkel und ruhig da, wie ein riesiger, grüner Fleck mitten im Lichtermeer. Selbst die Freiheitsstatue war noch auszumachen, klein, aber deutlich präsent. Es war ein Panorama, das man nicht einfach anschaut, sondern in sich aufsaugt.
Den Abend ließen wir schließlich wieder am Times Square ausklingen. Neonlichter, Menschenmassen, Geräusche aus allen Richtungen – alles pulsierte, alles lebte. Es fühlte sich an, als würde die Stadt tatsächlich niemals schlafen, sondern nur kurz blinzeln. Später nahmen wir die Subway zurück zur Fähre, die uns wieder nach Staten Island und in unser gemütliches Bed & Breakfast brachte. Damit ging unser dreitägiger New York Pass zu Ende – aber ganz sicher nicht unsere Lust auf weitere Tage in dieser Stadt, die uns jedes Mal aufs Neue einfängt.