Von Burlington in die White Mountains – Cornflakes-Rationierung, Handyrettung und ein Berg ohne Aussicht
Der nächste Morgen begann im Anchorage Inn mit einer dieser Situationen, in denen das Wort „Frühstück inklusive“ auf einer Hotelbuchung rückblickend fast schon wie Satire wirkt. Rein juristisch betrachtet gab es tatsächlich Frühstück. Es standen Lebensmittel herum, man durfte sie essen und sie wurden offenbar morgens bereitgestellt. Damit waren die Mindestanforderungen vermutlich erfüllt. Kulinarisch bewegte sich das Ganze allerdings irgendwo zwischen Schulausflug und Lebensmittelrationierung nach einer mittelschweren Naturkatastrophe.
Es gab winzige Milchtütchen, einzeln portionierte Cornflakes und Kaffee, der eine bemerkenswerte Fähigkeit besaß: Er machte wach, allerdings hauptsächlich deshalb, weil sich beim ersten Schluck sämtliche Gesichtsmuskeln gleichzeitig zusammenzogen. Ich sah mir die kleinen Milchpackungen an und beschloss, mich wenigstens daran schadlos zu halten. Wenn schon kein vernünftiges Frühstück, dann eben Milch. Viel Milch. Ich saß also zwischen meinen gesammelten Tütchen und kam mir ein bisschen vor wie ein Hamster, der gerade erfolgreich die Wintervorräte des Nachbarkäfigs geplündert hatte.
Verhungern würden wir ohnehin nicht. In unserem Auto befand sich inzwischen eine strategische Lebensmittelreserve aus Chips, M&Ms, Keksen und diversen anderen Dingen, mit denen man zwar keinen Ernährungsberater beeindruckt, aber problemlos mehrere Tage eine Autobahnsperrung überleben könnte. Das war überhaupt eine unserer großen Stärken auf USA-Reisen: Wir konnten irgendwo mitten im Nirgendwo stranden und hätten spätestens nach drei Minuten ein kleines Buffet auf der Mittelkonsole eröffnet. Also weg mit den Cornflakes, rein ins Auto und weiter Richtung Montpelier.
Dort wollten wir zumindest kurz beim Vermont State House vorbeischauen. Montpelier ist die Hauptstadt Vermonts und wirkt dabei erfreulich wenig wie eine Hauptstadt. Keine Hochhäuser, kein Großstadtverkehr, kein monumentales Regierungsviertel. Stattdessen ein hübsches kleines Städtchen, eingebettet zwischen grünen Hügeln, und mittendrin dieses wunderschöne State House mit seiner goldenen Kuppel.
Das Wetter hatte erneut beschlossen, unsere Reisebroschüre persönlich zu gestalten. Blauer Himmel, ein paar dekorativ verteilte weiße Wolken und davor das State House, eingerahmt von Bäumen, die bereits deutlich Richtung Herbst unterwegs waren. Goldene Kuppel, rote und gelbe Blätter, blauer Himmel – man hätte das Foto direkt auf eine Packung Ahornsirup drucken können.
Wir machten unsere obligatorischen Fotos und fuhren weiter. Viel Zeit wollten wir heute nicht in Städten verbringen, denn vor uns lagen die White Mountains. Und die waren der eigentliche Grund, warum dieser Tag in unserer Planung ziemlich vollgestopft war.

Über den Highway 2 ging es weiter durch Vermont, vorbei an Seen, kleinen Ortschaften und immer wieder diesen wunderbaren Wäldern, die Ende September langsam ihre Farbe wechselten. Noch war es nicht überall die volle Indian-Summer-Explosion, aber stellenweise leuchteten die Bäume bereits in Rot, Orange und Gelb. Dazwischen Kürbisstände am Straßenrand, kleine Farmen und Seen, die so glatt dalagen, als hätte jemand kurz vor unserer Ankunft den Wind ausgeschaltet. So kann Autofahren gerne sein.
Irgendwann erreichten wir New Hampshire und damit die White Mountains. Unser erster größerer Stopp war der Franconia Notch State Park mit der berühmten Flume Gorge. 16 Dollar Eintritt pro Person waren für amerikanische Naturverhältnisse durchaus eine Ansage. Schließlich ist man aus dem Westen der USA ein bisschen verwöhnt. Dort kauft man einen Nationalpark-Pass und darf anschließend gefühlt einen halben Kontinent lang Berge anschauen. Hier kostete eine einzelne Schlucht plötzlich 32 Dollar für uns beide. Aber gut. Wir waren da. Die Schlucht war da. Und wegen 32 Dollar würden wir jetzt nicht beleidigt am Parkplatz umdrehen.
Vom Besucherzentrum aus hätte es sogar einen Shuttle gegeben, der einen näher an die eigentliche Gorge brachte. Wir entschieden uns aber für den rund 3,2 Kilometer langen Rundweg. Nach unserem Erlebnis an den Bash Bish Falls hätte die Formulierung „kurzer Spaziergang“ eigentlich sämtliche Alarmglocken auslösen müssen, aber offenbar waren wir lernresistent.
Der Weg führte zunächst angenehm durch den Wald zur Flume Covered Bridge, einer der ältesten überdachten Brücken New Hampshires. Diese Covered Bridges gehörten inzwischen fest zum Neuengland-Programm. Sobald irgendwo eine auftauchte, wurde angehalten, fotografiert und ehrfürchtig festgestellt, wie hübsch sie sei. Im Grunde betrieben wir bereits eine kleine private Sammlung. Andere Menschen sammeln Kühlschrankmagnete, wir sammelten Holztunnel.
Hinter der Brücke folgten wir dem Wasser weiter und erreichten Table Rock, eine riesige, vom Fluss freigelegte Granitfläche. Über rund 150 Meter zieht sich der glatte Conway-Granit durch den Wald, während das Wasser darüber hinwegfließt. Und dann begann langsam das eigentliche Spektakel. Die Flume Gorge.

Die Schlucht ist rund 240 Meter lang, ihre dunklen Granitwände ragen stellenweise bis zu 30 Meter hoch auf und stehen teilweise nur wenige Meter auseinander. Dazwischen rauscht das Wasser, überall wächst Moos, und Holzstege und Treppen führen direkt durch diese enge Felswelt hindurch. Das war wirklich beeindruckend. Man läuft nicht einfach an der Schlucht vorbei, sondern steckt mittendrin.
Wir gingen über die schmalen Holzwege immer weiter hinein, als uns plötzlich zwei Männer entgegenkamen. Nicht gehend. Rennend. Und zwar in einem Tempo, bei dem ziemlich schnell klar war: Die trainieren hier gerade nicht für den nächsten Halbmarathon.
Kurz vor den Avalanche Falls bemerkten wir, dass vor uns plötzlich eine größere Gruppe Menschen am Geländer stand und geschlossen nach unten in die Schlucht schaute. Das ist in einem State Park selten ein gutes Zeichen. Wir fragten ein nettes Paar neben uns, was passiert sei, und erfuhren, dass ein älterer Herr beim Fotografieren sein Handy verloren hatte. Nun hätte man an dieser Stelle verschiedene Möglichkeiten gehabt: Man könnte sich ärgern, einen Ranger informieren oder akzeptieren, dass das Mobiltelefon von nun an ein ausgesprochen exklusives Leben am Fuß eines Wasserfalls führt. Der Herr entschied sich allerdings für die Variante, über das Geländer einer felsigen Schlucht zu klettern und es persönlich zurückzuholen. Dabei war er ausgerutscht und ins Wasser geraten. Zum Glück stand er inzwischen wieder auf den Beinen, komplett durchnässt und vermutlich bis in die Unterhose eingeweicht, aber offenbar unverletzt.
Damit hätte die Geschichte eigentlich beendet sein können. Sie entwickelte sich allerdings in eine Richtung, die sehr schön zeigt, wie Menschen in Gruppen manchmal funktionieren. Sobald einer etwas ausgesprochen Unvernünftiges tut, findet sich offenbar zuverlässig jemand, der denkt, die Situation ließe sich am besten verbessern, indem man exakt dasselbe macht. Inzwischen waren deshalb weitere Leute über das Geländer geklettert, um dem Mann zu helfen. Wir standen oben und sahen zu, wie aus dem ursprünglichen Problem „ein Mann hat sein Handy verloren“ langsam eine deutlich größere Veranstaltung wurde. Unten standen nun mehrere Erwachsene zwischen kaltem Wasser und glatten Felsen, und die Frage, wie sie anschließend wieder aus der Schlucht herauskommen wollten, gewann zunehmend an Bedeutung.

Die beiden Männer, die uns zuvor im Laufschritt entgegengekommen waren, hatten offenbar als Einzige beschlossen, dass die vernünftigste Form der Hilfe darin bestand, nicht ebenfalls über das Geländer zu steigen, sondern jemanden zu holen, der sich mit Rettungsaktionen tatsächlich auskannte. Während wir auf den Holztreppen neben den Avalanche Falls weiter nach oben gingen, konnten wir das Geschehen immer wieder beobachten. Und dann setzte die Geschichte noch einen drauf: Ein weiterer älterer Herr kletterte ebenfalls über das Geländer – diesmal mit dem erklärten Ziel, das Handy zu bergen, das den ganzen Trubel überhaupt ausgelöst hatte.
Offenbar war inzwischen die Überzeugung entstanden, dieses Telefon dürfe unter keinen Umständen in der Schlucht zurückbleiben. Vielleicht befanden sich darauf die Zugangsdaten zum amerikanischen Atomwaffenarsenal, vielleicht die einzige brauchbare Aufnahme von Bigfoot oder schlicht sämtliche Urlaubsfotos der letzten zehn Jahre. Anders ließ sich kaum erklären, warum inzwischen mehrere Menschen bereit waren, für dieses Gerät einen unfreiwilligen Badeausflug zwischen glatten Granitfelsen zu riskieren. Und tatsächlich gelang es dem Mann, das Telefon zu erwischen. Kurz darauf kletterte er wieder über das Holzgeländer und präsentierte das gerettete Mobiltelefon mit einem Stolz, als hätte er gerade eigenhändig die Freiheitsstatue aus dem Hudson gezogen.
Das Handy war damit gerettet. Der kleine Nachteil bestand lediglich darin, dass inzwischen fünf oder sechs Menschen unten in der Schlucht standen und nicht mehr vernünftig herauskamen. Aus einer Handybergung war innerhalb weniger Minuten eine komplette Rettungsaktion geworden – das Telefon war sicher, dafür brauchte jetzt der Rest der Mannschaft professionelle Unterstützung. Wenig später rückten tatsächlich zwei Pickups mit Rettungskräften an, die über eine Zufahrt oberhalb der Wasserfälle die Stelle erreicht hatten. Die Helfer holten schließlich alle Beteiligten sicher aus der Schlucht, und glücklicherweise war niemand verletzt. Lediglich einige dürften nach dem Aufenthalt im eiskalten Wasser noch längere Zeit sehr intensiv darüber nachgedacht haben, welchen finanziellen und emotionalen Wert ein Mobiltelefon eigentlich besitzt.
Nachdem also Mensch und Mobiltelefon erfolgreich aus der Flume Gorge geborgen worden waren, konnten wir uns wieder dem eigentlichen Grund unseres Besuchs widmen: der Landschaft. Unser Rundweg führte weiter durch den Wald, vorbei an Aussichtspunkten und schließlich über die Sentinel Pine Bridge. Unterhalb der Brücke liegt ein tiefer Pool zwischen gewaltigen Felswänden, in dem sich das Wasser des Pemigewasset River sammelt. Von oben blickten wir ziemlich beeindruckend in die Tiefe – wobei wir nach den Ereignissen an den Avalanche Falls inzwischen automatisch überprüften, ob sich irgendwo wieder jemand auf der falschen Seite eines Geländers befand. Es war aber alles ruhig. Keine Menschen im Wasser, keine Handys in Felsspalten, keine Rettungskräfte. Fast schon enttäuschend unspektakulär.
Nach knapp zwei Stunden erreichten wir wieder das Besucherzentrum und erfuhren dort, dass bei der ganzen Aktion tatsächlich niemand verletzt worden war. Damit hatte diese kleine Episode ein ausgesprochen glückliches Ende – und das Handy vermutlich den teuersten und aufwendigsten Ausflug seines bisherigen Produktlebens hinter sich.
Damit konnten wir die Flume Gorge mit einem ausgesprochen guten Gefühl verlassen. Die Schlucht selbst war wunderschön gewesen, die Avalanche Falls beeindruckend und das unerwartete Unterhaltungsprogramm hatte der Eintrittskarte einen gewissen Mehrwert verliehen. Für 16 Dollar bekommt man andernorts schließlich nur Natur. Hier gab es Natur, Wasserfälle und eine Live-Vorführung zum Thema „Was Menschen bereit sind, für ein Smartphone zu tun“.
Das Wetter zeigte sich weiterhin von seiner allerbesten Seite, und so fuhren wir weiter durch die White Mountains in Richtung Twin Mountain. Die Landschaft war inzwischen genau das, weshalb wir diese Reise überhaupt gemacht hatten: bewaldete Berghänge, kleine Seen, vereinzelte Häuser und überall diese ersten kräftigen Herbstfarben. Grün mischte sich mit Gelb, Orange und Rot, und sobald die Sonne darauf fiel, sah das Ganze aus, als hätte jemand beim Farbregler ein bisschen übertrieben. Nur dass es tatsächlich so aussah. Wir hielten immer wieder an, machten Fotos und kamen entsprechend langsam voran. Aber für schnelles Vorankommen waren wir ohnehin nicht hier. Außerdem hatte Stefan spätestens seit seiner Begegnung mit dem Sheriff am Vortag eine gewisse Sensibilität für Geschwindigkeitsbegrenzungen entwickelt. Zumindest hoffte ich das.
Irgendwann meldete sich allerdings ein Problem, das selbst die schönste Herbstlandschaft nicht dauerhaft überdecken kann: Hunger. In Twin Mountain entdeckten wir am Straßenrand das Munroe Family Restaurant, das von außen ungefähr so aussah, wie man sich ein amerikanisches Familienrestaurant irgendwo in New Hampshire vorstellt. Kein Designer hatte sich hier selbst verwirklicht, kein Sternekoch servierte fermentierten Wald auf Schieferplatten, und niemand erklärte uns die Philosophie hinter dem Brot. Es war einfach ein Restaurant. Und genau darauf hatten wir Lust.
Drinnen war es liebevoll und etwas eigenwillig eingerichtet. An den Wänden hingen jede Menge Bilder von Babys und Kleinkindern, sodass man ein bisschen das Gefühl bekam, versehentlich bei einer sehr großen amerikanischen Familie im Wohnzimmer gelandet zu sein. Gäste gab es außer uns keine. Nach unserem Frühstückserlebnis am Vortag wussten wir inzwischen allerdings, dass ein leeres Restaurant keineswegs automatisch bedeutete, dass man sofort wieder rückwärts zur Tür hinauslaufen musste. Also blieben wir sitzen und bestellten Buffalo Chicken Sandwiches mit Blue Cheese.
Eine ausgezeichnete Entscheidung. Die Sandwiches waren richtig gut, die Bedienung ausgesprochen freundlich und spätestens nach den ersten Bissen war geklärt, dass die fehlenden Gäste definitiv nicht am Essen lagen. Vielleicht waren einfach alle anderen Menschen in New Hampshire gerade damit beschäftigt, ihre Handys aus irgendwelchen Schluchten zu bergen. Uns sollte es recht sein. Wir hatten das Restaurant praktisch für uns allein, bekamen hervorragendes Essen und mussten nicht einmal irgendwo Schlange stehen. Mehr kann man von einer Mittagspause eigentlich nicht verlangen.
Gut gestärkt ging es weiter, denn für diesen Tag hatten wir noch einen ziemlich großen Punkt auf unserer Liste: den Mount Washington. Unser Plan war, über die berühmte Mount Washington Auto Road bis auf den Gipfel zu fahren. Zunächst nahmen wir allerdings hinter Randolph eine kleine Abkürzung über die Dolly Copp Road. „Abkürzung“ ist bei amerikanischen Nebenstraßen allerdings ein Begriff, den man mit einer gewissen Vorsicht verwenden sollte. Die Straße war nicht asphaltiert und führte mitten durch dichten Wald. Dafür war sie wunderschön, herrlich ruhig und vermittelte genau dieses Gefühl, das wir an solchen Strecken lieben: Man verlässt die große Straße, das Navi ist vermutlich leicht nervös, und plötzlich fährt man irgendwo durch die Wildnis und hofft, dass am anderen Ende tatsächlich wieder Zivilisation auftaucht. Sie tat es. Und wenig später standen wir am Eingang der Mount Washington Auto Road.

Der Mount Washington ist mit 1.917 Metern der höchste Berg im Nordosten der USA und vor allem für eines bekannt: Wetter mit ausgeprägten Stimmungsschwankungen. Auf dem Gipfel können Bedingungen herrschen, bei denen man unten noch gemütlich im T-Shirt herumläuft und oben plötzlich darüber nachdenkt, ob Erfrierungen eigentlich von der Mietwagenversicherung abgedeckt sind. Jahrzehntelang hielt der Berg sogar den Weltrekord für die höchste direkt gemessene Windgeschwindigkeit außerhalb eines Tornados oder tropischen Wirbelsturms. Mit anderen Worten: Wenn irgendwo in Neuengland ein Berg darauf spezialisiert ist, Touristen meteorologisch zu demütigen, dann dieser.
Die Auffahrt sollte für uns beide samt Auto 38 Dollar kosten. Für acht Meilen Straße. Das ist ein Preis, bei dem man kurz darüber nachdenkt, ob am Gipfel wenigstens jemand das Auto wäscht und einem anschließend Champagner reicht. Trotzdem wollten wir hoch. Schließlich waren wir schon da, das Wetter unten war hervorragend und die Aussicht vom Gipfel musste gigantisch sein. Der Mann am Kassenhäuschen sah das etwas anders.
Er erklärte uns freundlich, dass der Gipfel gerade komplett in Wolken stecke und wir oben praktisch nichts sehen würden. Wir könnten selbstverständlich trotzdem bezahlen und hinauffahren, aber er wolle uns vorher darauf hinweisen. Das fanden wir ausgesprochen fair. Natürlich hätte er auch einfach 38 Dollar kassieren und uns acht Meilen später beim Fotografieren einer weißen Wand viel Vergnügen wünschen können. Wir sahen nach oben. Tatsächlich verschwand der Gipfel irgendwo in einer dicken Wolkendecke.

Damit war die Entscheidung gefallen. 38 Dollar für acht Meilen Serpentinen und anschließend einen spektakulären Blick auf Nebel wollten wir dann doch nicht investieren. Mount Washington musste ohne uns auskommen. Das hatte allerdings einen angenehmen Nebeneffekt: Plötzlich hatten wir Zeit. Und wenn auf einer USA-Reise unerwartet Zeit entsteht, findet Stefan mit bemerkenswerter Zuverlässigkeit irgendwo einen Harley-Davidson-Händler.
Den White Mountain Harley-Davidson Store hatten wir ursprünglich aus unserem Tagesprogramm gestrichen, weil es zeitlich zu knapp geworden wäre. Nun hatte Mount Washington persönlich dafür gesorgt, dass diese Entscheidung revidiert werden konnte. Man könnte also sagen, das Wetter hatte uns einen Harley-Shop geschenkt. Entsprechend gering war unsere Enttäuschung über den ausgefallenen Gipfel.
Nach einem äußerst zufriedenstellenden und für unsere Reisekasse etwas weniger zufriedenstellenden Besuch fuhren wir weiter. Unterwegs begegnete uns mit der Saco River Covered Bridge wieder eine dieser wunderschönen überdachten Holzbrücken, die zu Neuengland gehören wie Ahornsirup, Kürbisse und Menschen, die Entfernungen von zehn Meilen als „gleich um die Ecke“ bezeichnen. Die Brücke stammt aus dem Jahr 1890 und überspannt den Saco River – dunkelbraunes Holz, darunter das Wasser und rundherum Wald. Genau diese Motive hatten wir uns von Neuengland erhofft. Man fährt hindurch und erwartet eigentlich nur noch, dass irgendwo ein Pferdewagen auftaucht und jemand behauptet, das Internet werde sich niemals durchsetzen.

Anschließend erreichten wir den Kancamagus Highway, den Highway 112, eine der bekanntesten Panoramastraßen der White Mountains. Und spätestens hier wurde unser Zeitplan endgültig zu einer unverbindlichen Empfehlung. Die Straße führte durch eine fantastische Berglandschaft, und ständig tauchte irgendwo ein Aussichtspunkt, ein Fluss oder eine Stelle auf, an der wir selbstverständlich anhalten mussten. Nach ungefähr acht Meilen machten wir den ersten längeren Stopp an der Lower Falls Scenic Area, wenig später folgte die Rocky Gorge Scenic Area.
Der Swift River fließt hier über breite Felsplatten und zwischen großen Granitblöcken hindurch. Natürlich hätten wir uns das einfach vom sicheren Ufer ansehen können. Aber nachdem wir zwei Stunden zuvor noch kopfschüttelnd beobachtet hatten, wie Menschen wegen eines Handys über Geländer kletterten, balancierten wir nun selbst über große Felsen mitten im Fluss herum. Der entscheidende Unterschied bestand selbstverständlich darin, dass wir genau wussten, was wir taten. Das ist bekanntlich die offizielle Begründung sämtlicher Menschen unmittelbar vor einer bescheuerten Idee.
Immerhin ging alles gut. Niemand fiel ins Wasser, kein Mobiltelefon musste gerettet werden und wir konnten unsere Reise ohne Beteiligung der örtlichen Rettungskräfte fortsetzen.
Wir fuhren ganz gemütlich weiter Richtung Lincoln und hielten inzwischen gefühlt an allem, was auch nur entfernt nach Aussicht aussah. Die Sonne stand bereits tiefer und tauchte die Berge in dieses warme Licht, bei dem selbst ein gewöhnlicher Parkplatz plötzlich aussieht wie das Titelbild eines Neuengland-Kalenders. Die Herbstfärbung war noch nicht überall vollständig ausgeprägt, aber an vielen Stellen leuchteten die Wälder bereits kräftig gelb, orange und rot. Dazwischen immer wieder dunkles Grün, Felsen, Wasser und diese endlosen bewaldeten Berghänge. Genau dafür waren wir hier.
Als wir Lincoln erreichten, war allerdings bereits deutlich zu erkennen, dass der Tag langsam Feierabend machen wollte. Der Ort sah durchaus interessant aus und war offensichtlich ein touristisches Zentrum der Region, aber wir hatten noch ein Hotel zu finden. Oder genauer gesagt: eine Cabin. Also widerstanden wir ausnahmsweise unserem natürlichen Drang, noch irgendwo abzubiegen, und fuhren weiter Richtung Twin Mountain.
Gegen 18:45 Uhr erreichten wir schließlich das Twin Mountain Motor Court. Und hier war zunächst einmal: niemand. Die Anlage bestand aus einer Mischung aus Campingplatz, kleinen Cabins und einigen weiteren Gebäuden. Es war inzwischen dunkel, alles lag still da und weit und breit war kein Mensch zu sehen. Keine Autos, keine Rezeptionistin, keine anderen Gäste. Nichts. Es wirkte ein bisschen wie der Anfang eines Films, bei dem man als Zuschauer bereits weiß, dass die beiden Hauptdarsteller besser weitergefahren wären. Wir natürlich nicht.

Im hinteren Bereich entdeckten wir schließlich ein etwas größeres Gebäude mit einem Schild „Office“. Die Tür war offen. Ich ging hinein und schaltete das Licht an. In der Mitte des Raumes stand ein Billardtisch, daneben eine verschlossene Tür, eine Pinnwand und ein Wandtelefon. Menschen weiterhin keine. Dafür hing dort ein Schild: „We are open. If you need anything, pick up the little black phone and call us.“
Natürlich. Mitten in den White Mountains, in einem verlassen wirkenden Gebäude, bei Dunkelheit, sollte ich ein schwarzes Telefon von der Wand nehmen und eine unbekannte Nummer anrufen. Jeder Horrorfilm der Achtziger hätte an dieser Stelle eine bedrohliche Synthesizer-Musik eingespielt. Ich nahm den Hörer ab.
Eine freundliche Frauenstimme meldete sich und erklärte, sie sei gleich da. Und tatsächlich dauerte es keine drei Minuten, bis draußen eine Dame mit einer Art Golf-Caddy angefahren kam. Damit war die Horrorfilmhandlung vorerst abgesagt. Sie war ausgesprochen nett, kassierte unsere Übernachtung und gab uns den Schlüssel für Cabin Nummer 9.
Bevor sie wieder verschwand, fragte ich sie noch nach einem Restaurant. Auch dafür war sie bestens vorbereitet und zog mehrere Speisekarten hervor. Sie empfahl uns Grandma’s Kitchen und rief sogar dort an, um zu klären, ob die Küche noch geöffnet hatte. Das war wirklich Service. Anschließend erklärte sie uns den Weg: einfach die Straße hinunterfahren, an einer Kreuzung mit einem gelb blinkenden Licht links abbiegen – dann seien wir praktisch da.
Perfekt. Das klang nach drei Minuten. Wir warfen noch schnell einen Blick in unsere Cabin, stellten fest, dass alles in Ordnung war, und machten uns auf den Weg. Wir fuhren. Und fuhren. Und fuhren noch ein bisschen. Vom gelben Blinklicht keine Spur. Von Grandma ebenfalls nicht. Irgendwann gaben wir Grandma’s Kitchen ins Navi ein. Entfernung: zehn Meilen.
Da fiel uns wieder ein wichtiger kultureller Unterschied zwischen Deutschen und Amerikanern ein. Wenn ein Deutscher sagt „gleich da vorne“, meint er normalerweise eine Entfernung, die man notfalls noch zu Fuß bewältigen könnte. Wenn ein Amerikaner sagt „right down the road“, kann sich das Ziel offenbar auch in einem anderen Postleitzahlengebiet befinden. Nach ungefähr zwanzig Minuten tauchte tatsächlich das gelbe Blinklicht auf. Und kurz darauf Grandma’s Kitchen.

Die Empfehlung war allerdings hervorragend. Das Restaurant war gemütlich, unkompliziert und genau das Richtige nach diesem langen Tag. Ich bestellte das „Grilled Bacon Wrapped Meatloaf“, also Hackbraten im Speckmantel – eine Mahlzeit, bei der schon der Name keinerlei Zweifel daran lässt, dass Salat heute nicht die Hauptrolle spielen wird. Stefan nahm einen Cheeseburger. Beides war richtig gut, und spätestens jetzt hatten wir Cheryl ihren sehr großzügig ausgelegten Begriff von „gleich um die Ecke“ vollständig verziehen.
Gegen 20:30 Uhr fuhren wir die zehn Meilen wieder zurück zu unserer Cabin. Hinter uns lagen ein Frühstück, das mit viel Wohlwollen als Nahrungsaufnahme bezeichnet werden konnte, Montpelier, eine Fahrt durch die White Mountains, eine wunderschöne Schlucht samt völlig eskalierter Handyrettung, Buffalo Chicken, ein wegen Wolken abgesagter Mount Washington, ein dafür eingeschobener Harley-Davidson-Händler, Covered Bridges, der Kancamagus Highway, jede Menge Herbstlandschaft und Grandma’s Kitchen.
Für einen einzigen Tag war das eigentlich ausreichend. Und außerdem mussten wir am nächsten Morgen früh raus. Sehr früh. Warum? Weil es der Fahrplan so will!








































