Ciao Panda, hallo Neapel – die Jagd nach dem Honig, der nicht gefunden werden wollte
Ursprünglich war der letzte Tag mit Mietwagen vollkommen vernünftig geplant. Am nächsten Morgen wollten wir gemütlich auf dem Campingplatz auschecken, anschließend mit beiden Fahrzeugen zum Flughafen fahren, dort den Panda abgeben und danach geschlossen im Camper Richtung Heimat starten. Logisch, ordentlich und fast schon erschreckend erwachsen. Genau deshalb änderten wir den Plan.
Statt den Mietwagen erst morgen zurückzubringen, beschlossen wir spontan, ihn schon heute am Flughafen abzugeben und den gewonnenen Tag für einen letzten Ausflug nach Neapel zu nutzen. Eine Entscheidung, die sich bereits auf der Fahrt als ausgesprochen klug erwies. Denn was sich rund um Neapel morgens Verkehr nennt, wäre anderswo vermutlich eine behördlich genehmigte Massenpanik. Roller tauchten aus Winkeln auf, in denen eigentlich gar kein Platz war, Autos wechselten Spuren nach einem System, das offenbar nur ihnen selbst bekannt war, und dazwischen wurde gehupt, gewunken und mit einer Überzeugung gefahren, als hätten Verkehrsregeln lediglich beratenden Charakter.

Im kleinen Panda ließ sich dieses Schauspiel noch halbwegs gelassen bewältigen. Mit dem Camper hätte ich vermutlich nach zehn Minuten gleichzeitig geschwitzt, gebetet und den Kaufvertrag für ein kleineres Fahrzeug unterschrieben. Stefan blieb äußerlich ruhig, wie immer. Innerlich führte er wahrscheinlich bereits ein ausführliches Verfahren gegen das Navi, die Straßenplanung und die gesamte Region Kampanien.

Am Flughafen verabschiedeten wir uns schließlich von unserem blauen Mietwagen. Schön war er nicht. Der Panda hatte optisch ungefähr den Charme eines Toasters auf vier Rädern, aber er war klein, zuverlässig und hatte sich durch jede Gasse gequetscht, die andere Fahrzeuge nicht einmal als Straße erkannt hätten. Man muss ihn also nicht lieben, aber ein wenig Respekt hatte er sich verdient. Ciao, Panda. Du warst hässlich, aber tapfer.
Nach der Rückgabe ging es mit dem Shuttle weiter Richtung Garibaldi. Zwischen Flugreisenden mit Koffern, Nackenkissen und leicht panischem Blick saßen wir völlig entspannt und ohne Gepäck, was uns vermutlich aussehen ließ wie zwei Menschen, die versehentlich am Flughafen gelandet waren und nun schauten, was passiert.
Am Bahnhof Garibaldi stiegen wir in die Metro um. Diese Station ist nicht einfach nur ein Ort, an dem Züge halten. Sie ist ein mehrstöckiges, unterirdisches Bauwerk zwischen Raumstation, Kunstinstallation und Verkehrsknotenpunkt mit leichtem Größenwahn. Rolltreppen führten scheinbar bis zum Erdmittelpunkt, Edelstahl glänzte, Lichtinstallationen flimmerten, Menschen verschwanden in Tunneln und tauchten irgendwo anders wieder auf. Neapel kann eben selbst einen U-Bahnhof so bauen, dass man kurz überlegt, ob man noch umsteigen oder bereits für einen Science-Fiction-Film vorsprechen soll.
Wir kannten den Weg inzwischen und ließen uns mit einer gewissen Local-Kompetenz Richtung Toledo schaukeln. Zumindest redeten wir uns das ein. Ein paar Stationen später standen wir wieder an der Oberfläche und damit mitten in dieser Stadt, die mich bereits beim ersten Besuch vollständig erwischt hatte. Neapel ist laut, überfüllt, unberechenbar und wahrscheinlich genau deshalb so großartig. Stefan war noch nicht ganz überzeugt, aber ich hielt an meiner Theorie fest: Venedig fand er anfangs auch anstrengend, und inzwischen liebt er es. Neapel braucht eben manchmal etwas länger. Wahrscheinlich muss man sich erst ein paarmal fast von einer Vespa überfahren lassen, bevor die Beziehung ernst wird.
Der eigentliche Grund für unsere Rückkehr war allerdings erstaunlich bodenständig. Wir suchten Honig. Ausgerechnet ich. Ich mochte Honig noch nie. Dieses klebrige, süße Zeug aus dem Supermarkt hatte für mich ungefähr denselben Reiz wie lauwarmer Brokkoli. Ich hatte ihn auf Brot probiert, im Tee, als Hausmittel und vermutlich auch irgendwann in einem Joghurt, der behauptete, gesund zu sein. Das Ergebnis war immer dasselbe: Nein, danke.
Aber seit gestern, auf dem Sentiero degli Dei an dieser urigen Berghütte ist alles anders. Der alte Mann hatte uns dunklen, fast schwarzen Kastanienhonig auf schlichtem Brot serviert, angeblich aus der Region rund um den Vesuv. Der Honig war kräftig, herb, kaum süß und so gut, dass ich ernsthaft darüber nachdachte, ob man das Glas unauffällig im Rucksack verschwinden lassen könnte. Aus der überzeugten Honigverweigerin war innerhalb weniger Minuten eine Frau mit Mission geworden. Also marschierten wir los. Ziel: Kastanienhonig vom Vesuv. Plan: einfach auf einem Markt kaufen. Realität: Neapel.
Unsere Suche begann am Mercato della Pignasecca, diesem herrlich ungefilterten Marktviertel, in dem alles gleichzeitig passiert. Fisch lag glitzernd auf Eis, Gemüse stapelte sich in leuchtenden Farben, Verkäufer riefen Preise über mehrere Stände hinweg, Motorroller bahnten sich mitten durch die Menge ihren Weg und irgendwo flog eine Papiertüte über die Straße, als hätte auch sie Termine.
Es roch nach Fisch, Käse, Kaffee, feuchtem Pflaster und dieser ganz besonderen Mischung aus Alltag und Ausnahmezustand, die Neapel offenbar serienmäßig mitliefert. Eigentlich hätte es hier Honig in allen denkbaren Varianten geben müssen. Kastanie, Zitrone, Orange, Vesuv, Heiliger Januarius und vermutlich auch Maradona-Sonderedition. Gab es aber nicht.

Dafür entdeckten wir Parmesan. Nicht so ein kleines, bescheidenes Stück für den Kühlschrank, sondern einen ausgewachsenen Brocken, bei dem man kurz überlegen musste, ob man ihn essen oder als Möbelstück benutzen sollte. Natürlich kauften wir ihn. Fast so groß wie Stefans Kopf, vakuumverpackt und vermutlich schwer genug, um bei einer Gepäckkontrolle als Sportgerät durchzugehen. Der Rucksack wurde voller, die Honigsituation blieb unverändert.
Also weiter in die Quartieri Spagnoli. Dort begann die Suche endgültig, sich in eine kleine Expedition zu verwandeln. Die Gassen waren eng, die Häuser hoch, die Wäsche hing quer über den Köpfen, und alle paar Sekunden schoss ein Roller vorbei, dessen Fahrer offensichtlich davon ausging, dass Fußgänger bewegliche Dekoration seien. Lieferwagen zwängten sich um Ecken, die baulich nicht für Lieferwagen vorgesehen waren, Händler standen in Türen, Nachbarn unterhielten sich über mehrere Stockwerke hinweg, und irgendwo spielte Musik, laut genug für drei Straßen.
Wir gingen in jeden Laden, der auch nur entfernt nach Lebensmitteln aussah. Kleine Supermärkte, Feinkostgeschäfte, Bäckereien, winzige Tante-Emma-Läden, bei denen vermutlich schon die Nonna des Besitzers hinter derselben Theke gestanden hatte. Wir fragten nach „miele di castagno“, zeigten Fotos, formten mit den Händen imaginäre Gläser und lächelten dabei immer verzweifelter. Keine Chance.
Kein Kastanienhonig. Kein Vesuv-Honig. Teilweise nicht einmal normaler Honig. Für eine Region, die offenbar Bienen besitzt, war das Produkt erstaunlich gut getarnt. Wir fühlten uns langsam wie Indiana Jones auf der Suche nach einem Glas Frühstücksaufstrich. Nur ohne Hut, Peitsche und brauchbare Schatzkarte.
Während der Honig sich weiterhin erfolgreich versteckte, meldete sich der Hunger. Das war in Neapel grundsätzlich gefährlich, weil man keine zehn Meter gehen kann, ohne an etwas Vorzüglichem vorbeizukommen. Stefan entdeckte schließlich in einer Seitengasse ein kleines Restaurant mit Tischen draußen, grünen Pflanzen und genau dieser Atmosphäre, bei der man sofort merkt: Hier sitzen keine Menschen, weil es gut auf Instagram aussieht. Hier sitzen sie, weil das Essen stimmt.
La Casa de Femminielli war kein durchgestylter Touristenladen, sondern ein kleines Stück echtes Viertel. Die Gasse lebte direkt neben unserem Tisch weiter. Roller knatterten vorbei, Stimmen hallten zwischen den Häusern, Geschirr klapperte, Gläser klirrten, und wir saßen mittendrin, als hätte Neapel uns für eine Stunde in sein Wohnzimmer eingeladen.
Wir begannen mit einer Caprese, die bewies, wie wenig man für sehr gutes Essen braucht. Reife Tomaten, weicher Mozzarella, etwas Basilikum und Olivenöl. Kein Schaum, keine Deko aus der Pinzette, kein Teller in der Größe eines Wagenrads mit drei Tropfen Sauce. Einfach Zutaten, die wussten, was sie können.
Danach nahm ich Spaghettone alla Nerano. Dicke Pasta, Zucchini, Käse und eine Sauce, die so cremig war, dass man nach dem ersten Bissen bereits bedauerte, nur eine Portion bestellt zu haben. Stefan entschied sich für Ziti allo Scarpariello. Der Name klang ein bisschen nach einem Mann, den man besser nicht nach seinen Geschäften fragt, aber das Gericht war großartig: Tomatig, würzig, leicht scharf und mit genau dem richtigen Biss.
Dazu kam vino della casa, eiskalt und unkompliziert. Der Wein perlte nicht, erzählte keine Geschichte von Hanglagen und Barrique-Fässern und kam auch nicht mit einer dreiseitigen Erklärung. Er war einfach gut, kalt und im richtigen Moment da. Mehr kann man von einem Hauswein kaum verlangen.
Wir stießen an. Auf Neapel. Auf unseren letzten Tag. Auf spontane Planänderungen. Und sogar auf den Honig, den wir nicht gefunden hatten. Denn inzwischen spielte der kaum noch eine Rolle. Wer braucht schon ein Glas Kastanienhonig, wenn gerade Spaghettone alla Nerano vor einem steht?

Nach dem Essen ließen wir uns noch einmal durch die Quartieri Spagnoli treiben. Ohne echtes Ziel, was in Neapel ohnehin die beste Fortbewegungsart ist. Jeder Versuch, einen sauberen Plan einzuhalten, wird hier spätestens an der nächsten Kreuzung von einem Roller, einem Marktstand oder einem Mann mit Lieferwagen beendet.
Ampeln waren vorhanden, aber eher als farbige Stadtmöblierung. Rot, Gelb und Grün schienen dekorative Vorschläge zu sein, die man je nach persönlicher Stimmung berücksichtigen konnte. Kreisverkehre funktionierten nach dem Prinzip: Wer zuerst fährt, fährt. Wer später fährt, fährt ebenfalls. Wer hupt, hat offenbar recht.
Als Fußgänger musste man irgendwann einfach losgehen. Nicht zögern, nicht zu lange überlegen, keine Zustimmung vom Verkehr erwarten. Ein Schritt auf die Straße, und plötzlich hielten die Autos tatsächlich an. Meistens jedenfalls. Es fühlte sich an wie die Szene aus Indiana Jones, in der er auf die unsichtbare Brücke tritt: Erst glaubt man, es sei Wahnsinn, dann trägt es einen tatsächlich. Nur dass im Film keine Vespa hinter ihm hupte.
Gegen 16 Uhr machten wir uns langsam auf den Rückweg. Von Toledo ging es wieder mit der Metro nach Garibaldi, wo wir den richtigen Zugang zu unserem Regionalzug suchen mussten. Der Bahnhof ist groß genug, um problemlos mehrere Personengruppen dauerhaft zu verlieren. Ein freundlicher Mitarbeiter zeigte uns schließlich den Weg zum Bahnsteig Richtung Villa Regina.

Und dann bekam ich als Lokführerin in Zivil noch mein ganz persönliches Tageshighlight. Wir landeten im ersten Wagen mit freiem Blick in Richtung Führerstand. Während andere Fahrgäste vermutlich einfach froh waren, einen Sitzplatz zu haben, saß ich da wie ein Kind in der ersten Reihe eines Freizeitparks und beobachtete Signalbilder, Streckenverlauf und alles, was sich vorne abspielte.
Der Kollege am Führerstand hatte außerdem eine Eigenschaft, die ich sofort sympathisch fand: Er pfiff. Nicht einmal aus Routine, sondern an jeder Station, durch die wir ohne Halt fuhren. Das Signalhorn ertönte deutlich, Menschen drehten sich um, gingen einen Schritt zurück und wussten wenigstens, dass da gleich ein Zug durchrauschte.
Ich fand das großartig. Denn nichts ist unangenehmer, als mit Geschwindigkeit durch einen Bahnhof zu fahren, während jemand direkt an der Bahnsteigkante steht, mit dem Rücken zum Gleis, Kopfhörer im Ohr und dem Blick tief im Handy. Ein kräftiger Pfiff ist da kein unnötiges Theater. Das ist gesunder Menschenverstand mit Lautsprecher.

Gegen 17:30 Uhr stiegen wir in Villa Regina aus. Von dort führte der vertraute Weg zurück zum Campingplatz, vorbei an alten Mauern, Olivenbäumen, halb überwucherten Grundstücken und dieser kampanischen Mischung aus historischer Kulisse und leichtem Verfall, bei der man nie genau weiß, ob etwas zweitausend Jahre alt oder seit Dienstag nicht repariert worden ist.
Als wir wieder durch das Tor von Villa Julia gingen, fühlte es sich tatsächlich ein wenig wie Heimkommen an. Der Camper stand zwischen Zitronenbäumen, irgendwo bewegte sich vermutlich bereits Stefans Katze in unsere Richtung, und vor uns lag nur noch eine letzte Nacht.
Der Honig blieb verschollen. Dafür hatten wir einen Parmesanbrocken im Rucksack, ein großartiges Mittagessen im Bauch und noch einmal einen ganzen Tag Neapel im Kopf. Ein schlechter Tausch war es nicht.





























