Sonnenaufgang, Stahlbügel und ein Lobster mit Sicherheitsabstand
Gestern um 5:30 Uhr aus dem Bett gekrochen, heute klingelte der Wecker bereits um 4:30 Uhr. Urlaub. Endlich ausschlafen, zur Ruhe kommen und den Alltag hinter sich lassen. Genau unser Konzept. Nicht.
Der Grund für diesen völlig freiwilligen Angriff auf unseren Biorhythmus war allerdings ein guter: Wir wollten den Sonnenaufgang auf dem Cadillac Mountain erleben. Von dort oben soll man einen der schönsten Sonnenaufgänge an der amerikanischen Ostküste sehen können – und wenn irgendwo „einer der schönsten“ steht, sind wir bekanntlich sofort bereit, zu Uhrzeiten aufzustehen, zu denen vernünftige Menschen höchstens kurz die Bettdecke zurechtrücken. Um Viertel nach fünf saßen wir also im Auto und fuhren Richtung Acadia National Park, dem einzigen Nationalpark in ganz New England.
Draußen war es stockdunkel. Von der viel gepriesenen Landschaft sahen wir entsprechend wenig, aber nach ungefähr 45 Minuten erreichten wir den Gipfel des Cadillac Mountain. Stolze 465 Meter hoch. Für jemanden aus Süddeutschland zunächst eine Höhenangabe, bei der man sich fragt, ob man dafür wirklich einen Bergnamen braucht. Allerdings beginnt das Ganze hier praktisch auf Meereshöhe, und damit steht der Cadillac Mountain ziemlich eindrucksvoll direkt über der Küste. Außerdem ist um kurz vor sechs morgens ohnehin nicht die richtige Zeit für geografische Überheblichkeit.

Wir waren natürlich nicht allein. Auf dem Gipfel hatte sich bereits eine stattliche Anzahl Menschen versammelt, darunter gefühlt die komplette Fotoabteilung von National Geographic. Stative standen überall, Kameras waren ausgerichtet und sämtliche Objektive zeigten erwartungsvoll Richtung Horizont. Der Cadillac Mountain liegt weit im Osten der USA und gilt zu bestimmten Zeiten des Jahres als einer der ersten Orte des Landes, an denen morgens die Sonne zu sehen ist. Das wollten offensichtlich nicht nur wir erleben. Und dann ging sie tatsächlich auf.
Erst wurde der Horizont heller, dann schob sich langsam ein orangefarbener Streifen über das Meer, die kleinen vorgelagerten Inseln erschienen als dunkle Silhouetten und schließlich kam die Sonne selbst hervor. Dazu ein paar Wolken, die genau dort herumlagen, wo sie fotografisch maximal nützlich waren. Blau, Orange, Gelb, Meer, Inseln – das komplette Programm. Wir hatten gestern schon mit dem Mount Washington ausgesprochenes Wetterglück gehabt, und offenbar lief unsere Bestellung für gutes Wetter noch.
Meine Kamera ging jedenfalls in den Dauerbetrieb. Foto. Noch eins. Sicherheitshalber noch eins. Jetzt vielleicht noch mit etwas mehr Himmel. Und noch eines mit weniger Himmel. Dasselbe noch einmal zwei Sekunden später, denn selbstverständlich könnte sich in diesen zwei Sekunden die gesamte Situation fundamental verändert haben. Wer fotografiert, kennt das. Am Ende besitzt man 147 Bilder eines Sonnenaufgangs und sitzt später zu Hause vor dem Computer mit der Frage, warum man von exakt derselben Sonne 147 Beweisstücke benötigt.
Als die Sonne endgültig über dem Horizont stand, machten wir uns relativ zügig auf den Rückweg zum Auto. Denn ein paar hundert Menschen hatten gerade gleichzeitig denselben Gedanken, und bevor aus dem romantischen Sonnenaufgang ein kollektiver Abreiseversuch wurde, wollten wir lieber weg sein. Unser nächstes Ziel war Bar Harbor. Und inzwischen hatten wir nicht nur einen Sonnenaufgang gesehen, sondern auch Hunger. Einen gewaltigen.

Bei Jeannie’s Great Maine Breakfast fanden wir genau das, was wir brauchten. Wir waren noch früh genug dran, um problemlos einen Tisch zu bekommen. Das änderte sich allerdings erstaunlich schnell. Kaum hatten wir bestellt, füllte sich das Restaurant, vor der Tür bildete sich eine Schlange und plötzlich fühlten wir uns mit unserem Tisch wie Besitzer einer äußerst begehrten Immobilie.
Es gab French Toast, Eier und Speck – also ein solides amerikanisches Frühstück, das keinerlei Zweifel daran ließ, dass der Körper anschließend über ausreichend Energie verfügen würde. Besonders im Gedächtnis geblieben ist mir allerdings etwas völlig Unspektakuläres: Auf jedem Tisch stand ein Glas Rhabarbermarmelade. Und die war unfassbar lecker. So lecker, dass ich anschließend noch lange versucht habe, irgendwo eine vergleichbare zu finden. Erfolglos. Manche großen Reiseerinnerungen bestehen eben aus Sonnenaufgängen über dem Atlantik. Andere aus Rhabarbermarmelade.
Nach diesem eher üppigen Frühstück stand unsere nächste Unternehmung an: eine Wanderung auf den Champlain Mountain.
Und hier muss ich ausdrücklich festhalten, dass ich Stefan bei der Auswahl des Trails vollkommen fair behandelt habe. Stefan ist bekanntlich nicht der größte Freund von Höhe. Also präsentierte ich ihm verschiedene Wandermöglichkeiten und ließ ihn selbst entscheiden. Demokratischer geht es wirklich nicht. Dass sich unter den angebotenen Möglichkeiten ausgerechnet der Precipice Trail befand, der als anspruchsvollster Trail des Acadia National Parks gilt, war lediglich ein Detail.
Stefan hatte allerdings ein starkes Argument: Wir waren ein halbes Jahr zuvor auf Angels Landing gewesen. Was sollte ihn jetzt noch schocken? Nun. Der Precipice Trail vielleicht.
Um 7:45 Uhr standen wir am Trailhead direkt an der Park Loop Road. Wanderschuhe an, Rucksack auf, Kamera dabei und neu im Team: unsere GoPro. Der Trail ist insgesamt nur etwa 2,6 Meilen lang. Eine Distanz, die zunächst eher nach einem etwas ambitionierteren Spaziergang klingt. Der Champlain Mountain selbst ist gerade einmal 328 Meter hoch. Auch das klingt auf Papier vollkommen harmlos.

Dann steht man davor. Vor einem erhebt sich eine nahezu senkrechte Granitwand und irgendwo dort hindurch soll ein Wanderweg führen. Nicht daneben. Nicht gemütlich in Serpentinen außen herum. Mittendurch. Und dann war da noch dieses dezente gelbe Hinweisschild…
Der Trail begann auch ohne unnötiges Vorgeplänkel. Direkt am Anfang mussten wir über ein Feld aus gewaltigen Granitblöcken klettern. Blaue Markierungen zeigten uns ungefähr, wo der Weg verlief, wobei „Weg“ hier bereits eine recht großzügige Interpretation war. Man kraxelte über Felsen, quetschte sich zwischen ihnen hindurch und musste an einer Stelle sogar unter riesigen Granitblöcken durch eine kleine Höhle klettern. Großartig. Genau unser Ding.
Bis zu dem Moment, an dem der amerikanische National Park Service offenbar beschlossen hatte, dass Wanderer eine gewisse Mindestkörpergröße mitbringen sollten. Vor uns befand sich eine Felsstufe mit einem Stahlbügel. Dieser Bügel wäre sicherlich ausgesprochen hilfreich gewesen, hätte er sich nicht ungefähr dort befunden, wo bei mir bereits die nächste Etage beginnt. Mit meinen rund 1,60 Metern stand ich also darunter, streckte mich und kam zu der ernüchternden Erkenntnis: keine Chance. Ohne Hilfe wäre ich wahrscheinlich rückwärts vom Felsen gefallen und hätte dabei ausgesehen wie ein Käfer, den jemand auf den Rücken gedreht hat.
Aber ich war vorbereitet. Seit unserem Abenteuer auf dem Devils Garden Trail im Arches National Park hatte ich nämlich ein Seil im Rucksack. Damals hatte ich beschlossen, dass so etwas irgendwann noch einmal nützlich sein könnte. Stefan hatte diese Entscheidung möglicherweise unter „Gabi schleppt wieder irgendeinen Kram mit“ abgespeichert. Nun kam der große Moment des Seils.
Mit etwas Improvisation, Ziehen, Schieben und einer Technik, die vermutlich in keinem offiziellen Kletterhandbuch empfohlen wird, bekam ich meine 1,60 Meter über die Felsstufe. Triumph. Das Seil hatte seine Daseinsberechtigung endgültig bewiesen und durfte von diesem Moment an vermutlich bis ans Ende seines Lebens unangetastet im Rucksack wohnen.

Kurz darauf überquerten wir eine kleine Holzbrücke und erreichten nach ungefähr 700 Metern die Abzweigung zum Orange & Black Path. Wir hielten uns links – und ab jetzt hörte der Precipice Trail endgültig auf, so zu tun, als wäre er ein normaler Wanderweg.
Wir gewannen unglaublich schnell an Höhe. Die Autos auf dem Parkplatz unter uns schrumpften innerhalb kürzester Zeit zu kleinen Spielzeugautos, während der Weg zunehmend senkrecht wurde. Stahlbügel steckten im Fels, Leitern führten nach oben, Drahtseile halfen an ausgesetzten Stellen und schmale Holzstege überbrückten Passagen, bei denen man besser nicht darüber nachdachte, wer diese Konstruktion irgendwann dort oben montiert hatte.
Teilweise führte der Trail über schmale Felsbänder direkt an der Wand entlang. Auf der einen Seite Granit, auf der anderen sehr viel Landschaft – allerdings ohne störenden Boden dazwischen. Ich fand es fantastisch. Stefan vermutlich etwas weniger. Sein Satz „Nach Angels Landing kann mich nichts mehr schocken“ hatte inzwischen jedenfalls ein wenig von seiner ursprünglichen Überzeugungskraft verloren.
Aber der Trail war sensationell. Je höher wir kamen, desto weiter öffnete sich der Blick über die Frenchman Bay. Tief unter uns lag Bar Harbor, davor unzählige kleine Inseln im blauen Atlantik. Immer wieder hielten wir an, fotografierten, filmten und genossen diese Mischung aus Kletterei und Landschaft. Der Precipice Trail war kein Weg, den man einfach hinauflief. Man arbeitete sich Stück für Stück durch den Berg – über Leitern, Bügel, Felsen und schmale Passagen – und bekam dafür nach jeder Ecke eine noch bessere Aussicht serviert.
Nach ungefähr zwei Stunden hatten wir den anspruchsvollsten Teil hinter uns und erreichten den Gipfel des Champlain Mountain. Unter uns lag Bar Harbor, in der Bucht ankerte ein Kreuzfahrtschiff und das Wetter hätte kaum besser sein können. Blauer Himmel, Sonne und klare Sicht bis weit über die Inselwelt hinaus.
Wir suchten uns einen Felsen, setzten uns hin und machten erst einmal eine halbe Stunde Pause. Nach dem Aufstieg fühlte sich normales Sitzen plötzlich wie eine ausgesprochen luxuriöse Tätigkeit an. Außerdem hatten wir Zeit, das Panorama zu genießen und festzustellen, dass wir tatsächlich beide heil oben angekommen waren.
Für den Rückweg entschieden wir uns für den Orange & Black Path, sodass aus der Tour ein schöner Rundweg wurde. Der Abstieg begann vergleichsweise friedlich mit Steintreppen durch den Wald. Nach dem Precipice Trail wirkte das beinahe wie barrierefreies Wandern. Ganz so gemütlich blieb es natürlich nicht. Auch hier gab es wieder einige steilere und felsige Abschnitte, aber nach den Leitern und Stahlbügeln der vergangenen Stunden konnte uns das nicht mehr ernsthaft beeindrucken.
Schließlich erreichten wir wieder die bekannte Kreuzung, kamen zurück auf den unteren Abschnitt des Precipice Trails, überquerten unsere kleine Holzbrücke und kletterten noch einmal durch die Granitblöcke. Nach insgesamt ungefähr vier Stunden standen wir wieder am Auto. Müde, glücklich und ziemlich begeistert.
Und weil ein Sonnenaufgang und vier Stunden Kletterwanderung für einen Urlaubstag selbstverständlich noch kein ausreichendes Programm darstellen, fuhren wir anschließend einfach weiter.
Die 27 Meilen lange Park Loop Road führte uns nun entlang der Küste des Acadia National Parks. Unser erster Stopp war Sand Beach, ein kleiner heller Sandstrand, eingerahmt von bewaldeten Hügeln und Granitfelsen. Nach dem schweißtreibenden Vormittag war es herrlich, einfach ein Stück am Wasser entlangzulaufen. Der Atlantik rollte in kleinen Wellen an den Strand, Möwen flogen über uns hinweg und für einen Moment sah alles fast nach Badeurlaub aus. Fast. Wir beließen es beim Spaziergang.
Wenig später erreichten wir Thunder Hole, eine der bekanntesten Attraktionen des Parks. Hier läuft das Meer in eine enge Felsspalte hinein. Unter den richtigen Bedingungen wird die Welle mit enormer Kraft hineingedrückt, Wasser schießt nach oben und ein dumpfer Knall entsteht – daher der Name. Theoretisch. Heute hatte der Atlantik allerdings offenbar frei.
Eine größere Menge Besucher stand erwartungsvoll auf dem Holzsteg und blickte auf die Felsspalte, während das Meer unten ein wenig hineinplätscherte, etwas Schaum produzierte und wieder hinauslief. Thunder Hole präsentierte sich eher als „Plätscher Hole“. Wir warteten trotzdem eine Weile. Man weiß ja nie. Vielleicht kommt sie noch, die eine große Welle. Kam sie nicht.
Immerhin konnten wir beobachten, mit welcher Kraft das Wasser aus der Felsspalte zurückgezogen wurde. Beeindruckend war es trotzdem – nur eben ohne den angekündigten Spezialeffekt.
Weiter ging es zum Jordan Pond. Und dort zeigte sich Neuengland wieder von genau der Seite, wegen der wir diese Reise gemacht hatten. Der kleine See lag vollkommen ruhig zwischen bewaldeten Hügeln, dahinter die beiden wunderbar benannten Erhebungen North Bubble und South Bubble. Die ersten Bäume hatten bereits ihre Herbstfarben angenommen, und Rot, Orange und Gelb spiegelten sich im glasklaren Wasser.
Das Wasser war so klar, dass man im Uferbereich bis auf den Grund sehen konnte. Große Felsen lagen im Vordergrund, dahinter der spiegelglatte See und die bunten Wälder. Ein Fotomotiv nach dem anderen. Also Kamera raus. Schon wieder. Der Speicherkarte wurde auf dieser Reise wirklich nichts geschenkt.
Nach weiteren sechs Meilen auf der Park Loop Road erreichten wir gegen 15:30 Uhr wieder Bar Harbor. Nach Sonnenaufgang, Frühstück und vier Stunden Kletterei am Champlain Mountain fühlte sich ein gemütlicher Stadtbummel inzwischen beinahe wie ein Wellnessprogramm an. Keine Stahlbügel, keine Leitern, kein Abgrund neben dem rechten Fuß – stattdessen kleine Geschäfte, Restaurants, Souvenirläden und jede Menge Menschen, die offensichtlich einen deutlich entspannteren Urlaubstag geplant hatten als wir. Bar Harbor gefiel uns ausgesprochen gut. Natürlich war das Städtchen touristisch, schließlich liegt es direkt vor den Toren des Acadia National Parks und empfängt regelmäßig ganze Kreuzfahrtschiffe voller Menschen, aber trotzdem hatte es sich diesen typischen Neuengland-Charme bewahrt: hübsche Häuser, kleine Läden, überall das Meer in Sichtweite und an praktisch jeder zweiten Ecke irgendeine Form von Lobster. Man konnte hier vermutlich nicht einmal eine Briefmarke kaufen, ohne dass irgendwo ein roter Hummer darauf abgebildet war.
Und dann entdeckte ich in einem der Souvenirshops etwas, an dem ich unmöglich vorbeigehen konnte: einen knallroten Plüsch-Lobster. Natürlich brauchte ich keinen knallroten Plüsch-Lobster. Niemand braucht einen knallroten Plüsch-Lobster. Aber das ist bei Souvenirs bekanntlich auch überhaupt nicht die entscheidende Frage. Die entscheidende Frage lautet vielmehr, ob man sich zu Hause ärgern würde, ihn nicht gekauft zu haben – und damit war die Sache praktisch entschieden. Wenig später verließ ich den Laden also mit einem neuen Reisegefährten unter dem Arm, während Stefan vermutlich einmal mehr darüber nachdachte, warum wir – zwei Personen – eigentlich immer Gepäck für mindestens vier nach Hause schleppen.
Inzwischen meldete sich außerdem wieder der Hunger. Was angesichts des amerikanischen Frühstücks am Morgen eigentlich eine beachtliche Leistung unseres Stoffwechsels war, aber immerhin hatten wir zwischenzeitlich einen Berg bestiegen und konnten die erneute Nahrungsaufnahme damit halbwegs seriös begründen.
Wir liefen hinunter zum Hafen und entdeckten dort das Stewman’s Downtown mit einer riesigen Holzterrasse direkt am Wasser. Am Eingang gab es eine Art Check-in-Schalter, an dem wir gefragt wurden, ob wir lieber drinnen oder draußen sitzen wollten. Bei diesem Wetter war die Antwort klar. Wenn man schon in Maine direkt am Hafen sitzt, während die Sonne scheint und der Atlantik praktisch neben dem Tisch beginnt, setzt man sich nicht freiwillig in einen geschlossenen Raum. Auf dem Weg zu unserem Tisch kamen wir außerdem an den großen Kesseln vorbei, in denen die Lobster gekocht wurden. In Maine gehört dieser Anblick offenbar zur Restaurantdekoration wie andernorts eine Vase mit Blumen – nur dass die Blumen hier Scheren haben und ihr weiterer Tagesablauf deutlich ungünstiger aussieht.

Nun hatte ich mir vorgenommen, auf dieser Reise möglichst die Spezialitäten der jeweiligen Region zu probieren, und Maine machte einem die Sache ziemlich einfach: Lobster, Blaubeeren und Ahornsirup. Blaubeeren und Ahornsirup hatte ich gedanklich bereits für das Frühstück am nächsten Morgen reserviert, womit nur noch der Lobster offen war. Allerdings gab es da ein kleines Problem: Ich bin kein besonders großer Freund von Meeresfrüchten und meine Begeisterung sinkt noch einmal erheblich, wenn das Essen vollständig erhalten auf meinem Teller liegt und mich möglicherweise anschaut. Außerdem hatte ich in meinem bisherigen Leben noch nie einen Lobster fachgerecht zerlegt. Die Speisekarte enthielt zwar tatsächlich eine bebilderte Anleitung dafür, was einerseits sehr fürsorglich war, andererseits aber auch darauf hindeutete, dass die Angelegenheit möglicherweise komplizierter werden könnte als ein normales Abendessen. Ich sah mich bereits mit irgendwelchen Zangen hantieren, während Panzerteile über den Tisch flogen und ich nach zwanzig Minuten Arbeit drei Gramm Lobsterfleisch erbeutet hatte.
Zum Glück gab es eine ausgesprochen elegante Lösung für Menschen wie mich: die Lobster Roll. Im Grunde Lobster für Anfänger. Jemand anderes hatte das Tier bereits zerlegt, alles Essbare herausgesucht und anschließend so in ein Brötchen gepackt, dass nichts mehr Augen, Fühler oder Scheren besaß. Damit konnte ich hervorragend leben. Die Lobster Roll war tatsächlich richtig lecker, wunderbar frisch und – wie offenbar alles, was in Neuengland auch nur entfernt aus dem Meer kommt – nicht gerade billig. Zum leidenschaftlichen Lobster-Fan wurde ich trotzdem nicht, aber zumindest konnte ich anschließend guten Gewissens behaupten, in Maine Lobster gegessen zu haben. Und sollte es mich irgendwann noch einmal hierher verschlagen, würde ich mich vielleicht sogar an ein vollständiges Exemplar wagen. Dann allerdings mit Werkzeug, Bedienungsanleitung und ausreichend Sicherheitsabstand zu den Nachbartischen.
Stefan zeigte bei der Essenswahl ebenfalls ungeahnte Experimentierfreude und bestellte tatsächlich keinen Burger, sondern ein Sandwich. Dass dieses Sandwich auf dem Teller verdächtig nach einem Burger aussah, wollen wir an dieser Stelle nicht kleinlich bewerten. Veränderung braucht schließlich Zeit, und für Stefans kulinarische Verhältnisse war das bereits ein mutiger Schritt in unbekanntes Terrain.
Nach dem Essen war unser Tag natürlich noch längst nicht vorbei. Schließlich waren wir erst seit 4:30 Uhr auf den Beinen, hatten einen Sonnenaufgang angeschaut, einen Berg erklettert und einen Nationalpark umrundet – da konnte man gegen Abend ruhig noch einmal 40 Minuten quer über Mount Desert Island fahren. Unser letztes Ziel war das Bass Harbor Head Light am südlichen Ende der Insel, wo wir rechtzeitig zum Sonnenuntergang ankommen wollten. Unterwegs bekamen wir sogar noch eine kleine Kostprobe der örtlichen Tierwelt zu sehen, bevor wir schließlich den Parkplatz am Leuchtturm erreichten. Der war bereits ziemlich voll, was uns zuversichtlich stimmte: Wo so viele Autos stehen, musste sich schließlich irgendwo auch der berühmte Fotospot befinden.

Wir folgten zunächst brav den Schildern zum Leuchtturm, gingen einige Treppen hinunter und standen wenig später direkt davor. Hübsch war er durchaus, nur entsprach die Perspektive überhaupt nicht dem Bild, das wir aus dem Internet kannten. Dort thronte der Leuchtturm malerisch auf einer Granitklippe über dem Meer; wir dagegen standen so dicht davor, dass man beinahe hätte klingeln können. Noch merkwürdiger war allerdings, dass wir hier fast allein waren. Der Parkplatz war voll, die Menschen aber verschwunden. Entweder hatte der Acadia National Park irgendwo ein ausgesprochen gut verstecktes Paralleluniversum eingerichtet oder wir waren schlicht am falschen Ende des Leuchtturms gelandet.

Also wieder zurück. Tatsächlich entdeckten wir einen weiteren Pfad, der über Treppen hinunter zu den Klippen führte, und dort löste sich das Rätsel schlagartig. Hier waren sie alle. Auf den Felsen hatte sich bereits eine stattliche Armada von Fotografen eingerichtet, bewaffnet mit Stativen, Kameras und Objektiven, bei deren Anblick unsere Kreditkarte vermutlich vorsorglich die Flucht ergriffen hätte. Jeder hatte sich einen Platz auf den Granitfelsen gesucht und wartete auf den Sonnenuntergang. Wir kletterten vorsichtig hinunter und fanden tatsächlich noch eine kleine freie Stelle, auf der wir unser Stativ aufbauen konnten. Vor uns schlug der Atlantik gegen die Felsen, darüber stand das Bass Harbor Head Light auf seiner Granitklippe und langsam begann sich der Himmel zu verfärben. Genau dieses Bild hatten wir gesucht.
Also Kamera ausrichten, Einstellungen prüfen und warten. Rundherum herrschte diese merkwürdige stille Übereinkunft, die unter Fotografen meistens erstaunlich gut funktioniert: Jeder versucht, niemandem durchs Bild zu laufen, man duckt sich notfalls irgendwo vorbei und respektiert, dass andere Menschen möglicherweise seit einer Stunde genau auf diesen einen Moment warten. Die Sonne sank langsam Richtung Horizont, die Kameras klickten immer häufiger und obwohl einige Wolken am Himmel standen, sah das Ganze richtig schön aus. Ich hatte bereits einige Aufnahmen gemacht und war ausgesprochen zufrieden mit unserer kleinen Position auf den Felsen.
Und dann kamen die beiden: Ein älteres Paar spazierte völlig unbeeindruckt an der kompletten Reihe wartender Fotografen vorbei, kletterte auf einen Felsen direkt vor uns und stellte sich dort hin. Nicht irgendwo am Rand. Nicht kurz für ein Foto. Sondern exakt mitten in das Motiv von ungefähr zwanzig Menschen, die seit geraumer Zeit ihre Kameras auf den Leuchtturm gerichtet hatten. Man konnte förmlich spüren, wie hinter ihnen gleichzeitig mehrere Blutdruckwerte in Bereiche stiegen, die medizinisch zumindest interessant gewesen wären.
Zunächst blieb alles erstaunlich zivilisiert. Einige Fotografen baten die beiden freundlich, doch ein kleines Stück zur Seite zu gehen, weil sie direkt vor den Kameras standen und alle hier auf den Sonnenuntergang warteten. Eine vollkommen nachvollziehbare Bitte, sollte man meinen. Die Antwort fiel allerdings sinngemäß aus wie: „Das geht uns nichts an.“ Damit war die internationale Fotografenfreundschaft offiziell beendet. Von hinten kamen nun Pfiffe, Kommentare und zunehmend deutlicher formulierte Hinweise darauf, dass dieser Felsen möglicherweise nicht der ideale Aufenthaltsort sei. Das Paar ließ sich davon zunächst überhaupt nicht beeindrucken und drehte sich zwischendurch sogar noch demonstrativ zu uns um. Ich war inzwischen vor allem froh, dass ich meine Bilder bereits im Kasten hatte, denn die Stimmung hinter den beiden entwickelte sich langsam in eine Richtung, bei der ich nicht völlig ausgeschlossen hätte, dass wir neben dem Sonnenuntergang noch eine spontane Schwimmveranstaltung erleben würden.
Irgendwann schienen auch die beiden zu bemerken, dass ihre Beliebtheitswerte unter den anwesenden Fotografen gewisse Luft nach oben hatten, und verschwanden schließlich wieder – natürlich erst, nachdem die Sonne praktisch untergegangen war. Zurück blieb eine Gruppe ziemlich empörter Menschen, aber immerhin auch ein paar wunderschöne Bilder. Der kleine Leuchtturm auf der Granitklippe, darunter das dunkler werdende Meer und darüber der Abendhimmel sah genauso aus, wie wir es uns vorgestellt hatten. Und irgendwie gehörte die Geschichte mit den beiden menschlichen Fotobomben nun eben auch dazu.

Als wir schließlich zurück zu unserer kleinen Cabin fuhren, machte sich der Tag dann doch bemerkbar. Seit 4:30 Uhr waren wir unterwegs gewesen, hatten den Sonnenaufgang auf dem Cadillac Mountain erlebt, uns durch ein amerikanisches Frühstück gearbeitet, vier Stunden lang den Precipice Trail bezwungen, die Park Loop Road abgefahren, Sand Beach, Thunder Hole und Jordan Pond besucht, Bar Harbor unsicher gemacht, meinen ersten Lobster gegessen und zum Abschluss noch den Sonnenuntergang am Bass Harbor Head Light fotografiert. Für einen einzigen Urlaubstag war das eine durchaus respektable Ausbeute – und mein Körper hatte inzwischen beschlossen, dass weitere Programmpunkte nicht mehr zur Diskussion standen.
Zurück in der Cabin schaffte ich es deshalb gerade noch bis ins Bett und war praktisch sofort im Tiefschlaf. Stefan hingegen setzte sich natürlich noch an den Computer und begann, die Fotos des Tages zu sichern. Nach der Menge, die ich allein beim Sonnenaufgang produziert hatte, dürfte das ungefähr so entspannend gewesen sein wie eine Nachtschicht in einem Rechenzentrum.
Aber Arbeitsteilung ist schließlich das Fundament jeder guten Ehe: Ich produziere tagsüber möglichst viele Gigabyte, Stefan kümmert sich nachts darum, dass sie nicht verloren gehen.
The same procedure as every day.











































