Ein Gratisstellplatz für 140 Euro – unser letzter Abend in Italien
Der Morgen begrüßte uns mit Sonne, Vogelgezwitscher und der beruhigenden Erkenntnis, dass wir in der Nacht offenbar doch nicht mitten in einem verwunschenen Waldstück mit angeschlossenem Labyrinth geparkt hatten. Bei Tageslicht sah das Camping Village Mugello Verde nämlich plötzlich ausgesprochen ordentlich aus. Die Wege führten terrassenförmig durch das Gelände, zwischen Bäumen lagen die Stellplätze, die Sanitäranlagen waren gepflegt und überhaupt wirkte alles deutlich weniger nach „Blair Witch Project auf Italienisch“ als noch am Vorabend.
Wir frühstückten in Ruhe, schauten uns noch einmal um und mussten ein wenig über uns selbst lachen. Nachts hatten wir mit Taschenlampen bewaffnet nach den Waschräumen gesucht, als wollten wir einen verschollenen Tempel entdecken. Jetzt lag alles ganz selbstverständlich vor uns. Ein breiter Weg hier, ein Schild dort, ein Gebäude keine fünfzig Meter entfernt. Manchmal braucht es eben nur Tageslicht, um aus einer Expedition wieder einen Campingplatz zu machen.
Gegen halb zehn checkten wir aus und rollten vom Gelände. Der letzte Abschnitt unserer Reise lag vor uns. Noch einmal durch die Toskana, noch einmal ein bisschen Italien einsammeln, bevor der Camper endgültig Kurs auf Norden nehmen würde.

Wobei „direkt nach Norden“ natürlich relativ ist. Denn kaum waren wir unterwegs, rückte ein Ort in greifbare Nähe, den wir inzwischen fast schon als alte Bekannte betrachten konnten: das Barberino Designer Outlet. Eigentlich nicht geplant. Aber das ist bei uns kein Ausschlusskriterium, sondern eher eine Empfehlung. Also bogen wir ab.
Das Outlet kannten wir bereits, allerdings bisher vor allem bei Wetterlagen, die mehr nach Gummistiefel als nach Flanieren aussahen. Dieses Mal hatte der Herbst offenbar beschlossen, persönlich die Dekoration zu übernehmen. Die Bäume leuchteten in Rot, Orange und Gelb, das Wasser zog sich ruhig durch das Gelände, kleine Brücken verbanden die Einkaufsbereiche, und zwischen den Gebäuden lag dieses warme Licht, das sogar aus einem Outlet einen halben Landschaftspark macht.
Wir schlenderten los, ohne echten Einkaufsauftrag. Rein theoretisch brauchten wir nichts. Praktisch ist „nur mal schauen“ eine der gefährlichsten Formulierungen im gesamten Einzelhandel. Aber diesmal blieben wir tatsächlich erstaunlich vernünftig. Wir liefen durch die kleinen Gassen, warfen Blicke in Schaufenster, begutachteten Auslagen und begegneten wieder Karl Lagerfelds metallisch glänzendem Miniatur-Abbild, das dort stand, als würde es persönlich kontrollieren, ob die Besucher stilistisch halbwegs tragbar angezogen waren.
Die ganze Anlage wirkte fast leer, die Musik plätscherte dezent aus den Lautsprechern, und der Herbst machte aus jedem Schritt eine kleine Fotoserie. Es war weniger Shoppingtour als Spaziergang mit Markenlogo. Und genau deshalb schön. Keine Hektik, kein Tütenkampf, kein Schlussverkauf mit Ellbogentechnik. Einfach gehen, schauen und sich fragen, warum man ausgerechnet in einem Outlet plötzlich das Gefühl bekommt, durch einen italienischen Herbstfilm zu laufen. Irgendwann siegte dann aber doch wieder die Vernunft. Wir hatten schließlich noch einen ernsthaften Programmpunkt vor uns: den großen Reise-Abschluss-Einkauf.
Ein Supermarkt in Italien ist für uns selten nur ein Supermarkt. Es ist eher eine Mischung aus Feinkostmuseum, Schatzsuche und logistischer Herausforderung. Andere fahren kurz rein und kaufen Brot. Wir betreten das Gebäude mit dem inneren Auftrag, mindestens drei Monate Italiengefühl in den Camper zu verladen.
Im Esselunga-Superstore begann das Drama schon beim Olivenöl. Regal um Regal. Flaschen in allen Formen. Etiketten mit Olivenzweigen, Hügeln, steinalten Bauern und Versprechen, die ungefähr klangen wie: „Dieses Öl wurde bei Vollmond von einer Nonna persönlich gesegnet.“ Von günstig bis finanzielle Lebensentscheidung war alles dabei. Wir standen davor wie vor einem Weinregal ohne Sommelier und versuchten, anhand von Farbe, Herkunft und Bauchgefühl die richtige Wahl zu treffen.
Am Ende landeten mehrere Flaschen im Einkaufswagen. Nicht die billigsten, nicht die Sorte, für die man vermutlich einen Kreditberater braucht, sondern solide Mittelklasse. Öl, das zu Hause nach Urlaub schmecken soll, ohne dass man es nur mit weißen Handschuhen aus dem Schrank holen darf. Danach kamen Pasta, Käse, Eier und ein paar Kleinigkeiten, die man zu Hause zwar theoretisch ebenfalls bekommt, die aber auf italienischem Boden automatisch wichtiger wirken. Und dann erreichten wir die Abteilung, in der jede Restvernunft traditionell den Dienst quittiert: Fleischwaren.
Dort lag sie. Eine große Schinkenkeule, fein gepfeffert, beeindruckend in Größe und Ausstrahlung. Kein kleines Stück für zwei Abendessen, sondern ein Objekt, das fast nach einem eigenen Sitzplatz im Camper verlangte. Wir betrachteten sie kurz. Dann sahen wir uns an. Und wie es bei uns in solchen Momenten üblich ist, sprach niemand den vernünftigen Satz aus. Die Keule wanderte in den Wagen.
Daneben lag eine Salami, die ebenfalls nicht den Eindruck erweckte, sie sei für zurückhaltende Haushalte gemacht worden. Also kam sie gleich mit. Der Einkaufswagen entwickelte sich langsam vom Transportmittel zur rollenden Delikatessenabteilung. Der Kassierer zog alles über den Scanner, als würde täglich jemand mit einer halben italienischen Speisekammer bei ihm auftauchen. Keine hochgezogene Augenbraue, kein fragender Blick. Vermutlich dachte er: Deutsche. Letzter Urlaubstag. Ganz normal.
Nachdem wir den Einkauf im Camper verstaut hatten, mussten wir erst einmal prüfen, ob zwischen Honig, Wein, Käse, Öl, Salami, Schinken und den restlichen Mitbringseln überhaupt noch Platz für uns selbst vorhanden war. Es ging. Knapp. Aber Camper sind bekanntlich kleine Raumwunder. Man muss nur bereit sein, eine Schinkenkeule als Familienmitglied zu akzeptieren.
Unser eigentliches Ziel des Tages lag noch vor uns: das Weingut La Bandina. Dort hatten wir eine Weinprobe mit Vesper gebucht und durften anschließend direkt auf dem Gelände übernachten. Ein Gratisstellplatz, wie es hieß. Allein dieses Wort lässt das schwäbische Herz bekanntlich einen kleinen Freudentanz aufführen. Dass solche kostenlosen Übernachtungen manchmal wirtschaftlich raffinierter enden als ein Fünf-Sterne-Hotel, sollte sich später zeigen.
Gegen 16 Uhr erreichten wir das Weingut. Die Sonne stand schon tiefer und tauchte die Hügel in dieses weiche, goldene Licht, das jeden Rebstock aussehen lässt, als hätte er gerade ein professionelles Fotoshooting hinter sich. Das Anwesen lag ruhig zwischen Feldern und Weinbergen, rustikal und gleichzeitig gepflegt, mit genau der richtigen Mischung aus Gutshof und italienischem Landhaus.
Wir stellten den Camper ab, sahen uns ein wenig um und warteten auf den Beginn der Weinprobe. Eigentlich sollten noch andere Gäste teilnehmen. Zumindest hatten wir uns eine kleine Gruppe vorgestellt, vielleicht weitere Camper, ein paar Weinfreunde, irgendein Paar aus Holland, das jede Rebsorte am Geruch erkennt. Um 17 Uhr saßen wir dort noch immer allein.

Nur Stefan, ich, ein freundlicher Mitarbeiter des Weinguts und ein Tisch im warmen Abendlicht. Besser hätte man es nicht planen können. Keine fremden Gespräche, kein Gedränge, kein Mensch, der bei jedem Glas demonstrativ „eine schöne Mineralität“ murmelt, obwohl er eigentlich nur Durst hat. Es fühlte sich nicht wie eine gebuchte Weinprobe an, sondern wie ein privater Abend bei jemandem, der zufällig einen sehr gut gefüllten Weinkeller besitzt.
Ganz allein waren wir allerdings nicht lange. Kaum stand die erste Platte auf dem Tisch, erschien ein schwarz-weißer Hund und positionierte sich in sicherem Abstand neben Stefan. Offensichtlich hatte sich inzwischen auch in Italien herumgesprochen, dass bei ihm die Chancen auf tierische Gesellschaft besonders gut stehen. Erst die Katze auf dem Campingplatz, jetzt ein Hofhund. Stefan zieht Tiere an wie andere Leute Mücken.

Der Hund setzte sich hin und beobachtete jede Bewegung. Nicht aufdringlich. Eher professionell. Ein Blick auf Stefan, ein Blick auf den Schinken, wieder zurück zu Stefan. Die beiden führten ein stummes Duell, wie man es sonst nur aus alten Western kennt. Wer blinzelt zuerst? Wer gibt nach? Wer bekommt am Ende das Stück Salami?
Der junge Mitarbeiter des Weinguts erklärte uns währenddessen mit großer Begeisterung die einzelnen Weine. Zum Glück nicht in dieser steifen Art, bei der man sich kaum noch traut zu trinken, weil man Angst hat, dabei den Abgang falsch zu interpretieren. Er erzählte locker, kompetent und mit echter Freude über die Sorten, über die Herstellung und darüber, was wir jeweils im Glas hatten. Keine PowerPoint, kein Fachseminar, keine Prüfung am Ende. Einfach guter Wein und jemand, der Spaß daran hatte, ihn zu zeigen.
Wir probierten sechs verschiedene Sorten. Einen Merlot, einen frischen weißen Frizzante, einen Rosé namens Ira und einen kräftigen Rotwein, den Sheerah. Dazwischen weitere Gläser, deren Namen sich mit zunehmender Dauer etwas schwieriger voneinander unterscheiden ließen. Das ist das Schöne an einer Weinprobe: Am Anfang notiert man sich noch Aromen, Herkunft und Ausbau. Später sagt man nur noch: „Der ist gut. Davon nehmen wir was.“
Besonders der Rosé und der Sheerah hatten es uns angetan. Beide landeten später in unserer Einkaufskiste, dazu noch eine Flasche von dem weißen Prickler, der offiziell für einen besonderen Anlass gedacht war. Erfahrungsgemäß wird so ein besonderer Anlass später gern zu „Freitagabend und wir haben noch Käse“ umdefiniert. Völlig legitim.

Zum Wein gab es eine Vesperplatte, die nicht mit Dekoration, Pinzetten und essbaren Blüten arbeitete, sondern mit dem einzig sinnvollen Konzept: gute Sachen, ordentlich auf den Tisch. Hauchdünner Parmaschinken, würziger Parmesan, knuspriges Brot und dazu ein großer, cremiger Blauschimmelkäse aus Ziegenmilch.
Dieser Käse war gefährlich gut. Kräftig, würzig, cremig und genau so beschaffen, dass man sich einreden konnte, ein weiteres Stück sei aus Gründen der Qualitätskontrolle notwendig. Wir ließen uns deshalb später ein ordentliches Stück für zu Hause einpacken. „Ordentlich“ im Sinne von: genug, um daheim mehrere Menschen damit zu versorgen oder zwei Personen sehr glücklich zu machen.
Während wir aßen und probierten, sank die Sonne immer tiefer. Die Weinberge färbten sich goldener, die Luft wurde kühler, und der Hofhund wechselte langsam von professioneller Beobachtung zu demonstrativer Hoffnungslosigkeit. Stefan blieb standhaft. Zumindest offiziell. Was unter dem Tisch möglicherweise an diplomatischen Verhandlungen stattfand, entzieht sich meiner Kenntnis.
Wir saßen lange dort. Ohne Eile, ohne nächsten Programmpunkt, ohne irgendeine Sehenswürdigkeit, die noch abgehakt werden musste. Nach all den Städten, Kurven, Märkten, Fähren, Bussen, Gassen, Treppen und Parkplätzen war dieser Abend plötzlich ganz ruhig. Ein Glas Wein in der Hand, die Hügel vor uns und das Gefühl, dass man einen Urlaub kaum besser beenden kann.
Irgendwann kam die Rechnung. Der Stellplatz war tatsächlich kostenlos. Also rein technisch. Kein Strom, kein Wasser, keine Sanitäranlagen, einfach stehen und schlafen. Gratis. Ein Wort wie Musik. Die Weinprobe kostete zwanzig Euro pro Person. Die Vesperplatte fünfundvierzig Euro. Dazu drei Flaschen Wein, ein beachtliches Stück Blauschimmelkäse und vermutlich noch das eine oder andere, das im Verlauf des Abends ganz selbstverständlich in die Einkaufskiste gewandert war. Macht zusammen ungefähr 140 Euro. Für eine Nacht auf einem Gratisstellplatz. Der schwäbische Rechenschieber legte kurz eine Schweigeminute ein.
Aber ehrlich: Wir haben keinen Cent bereut. Denn wir hatten dafür nicht nur Wein und Essen bekommen, sondern einen ganzen Abend, der sich wie ein würdiger Abspann dieser Reise anfühlte. Keine laute Schlussnummer, kein Feuerwerk, kein großes Drama. Nur warmes Licht, Weinberge, gutes Essen, ein freundlicher Gastgeber und ein Hund, der Stefan vermutlich noch heute in Erinnerung hat.
Später gingen wir zurück zum Camper. Unsere Vorräte waren inzwischen so italienisch, dass man bei einer Verkehrskontrolle vermutlich eher nach der Einfuhrgenehmigung für Schinken, Käse und Wein gefragt hätte als nach den Fahrzeugpapieren. Draußen wurde es still, die letzten Farben verschwanden hinter den Hügeln, und irgendwo auf dem Hof lag wahrscheinlich der Hund und verarbeitete die Enttäuschung, dass von Stefans Vesper nicht mehr für ihn abgefallen war.





















