Plan B schmeckt manchmal nach Seada und Sonnenschein
Der Morgen begann mit der Sorte Wetter, gegen die man keinen Einspruch einlegen kann. Draußen: Wind, Regen, rutschige Piste. Drinnen: die bittere Erkenntnis, dass unsere groß angekündigte Bootsfahrt ins La Maddalena Archipel buchstäblich ins Wasser gefallen war. Der Wettergott hatte in der Nacht ordentlich an den Campern gerüttelt, als wollte er sichergehen, dass wir auch wirklich verstanden haben, wer hier das Sagen hat.
Umdisponieren. Also versammelten wir uns zum Krisengipfel-Frühstück bei Nadine und Oli – sechs Menschen, ein rollender Küchenschrank, draußen pfeift der Wind als hätte er noch eine persönliche Rechnung offen. Drinnen dafür: Ei, Kaffee, Tee, Pane Carasau, Salami, Käse. Unser strategisch angelegtes Vorrats-Arsenal aus den vergangenen Tagen bewährte sich jetzt als das, was es immer war – ein Rettungsanker für genau solche Momente. Kulinarisch hatten wir die Lage im Griff. Meteorologisch weniger.
Während wir kauten und schwiegen und kauten, konsultierten wir die Wetter-Apps. Und die lieferten ein Bild, das entweder ein kleines Wunder ankündigte oder einfach bewies, dass Algorithmen keinen Sinn für geografische Realität haben. Für Palau: Wind, Regen, Weltuntergangsstimmung. Für La Maddalena, die keine fünf Kilometer entfernt auf der anderen Seite des Wassers liegt: strahlender Sonnenschein. Wir tauschten Blicke. Die Sorte Blicke, die sagen: Das kann nicht stimmen. Aber wir wollen, dass es stimmt. Also glauben wir’s einfach.
Die Entscheidung war schnell gefällt: Wir wagen das Experiment.

45 Minuten Fahrt nach Palau, ein ständiges Spiel zwischen Scheibenwischer und bangem Himmelsgucken. In Palau angekommen: leichter Regen, kalter Wind durch die Hafengassen – aber weiter hinten, über dem Wasser, tatsächlich: blauer Himmel. Der Parkplatz am Hafen war menschenleer und – kleiner Triumph über das italienische Gebührensystem – in der Nebensaison kostenlos. Am Delcomar-Schalter kauften wir unsere Tickets ins Hoffnungsparadies, und weil bis zur 12-Uhr-Fähre noch etwas Zeit blieb, passte natürlich noch ein kochend heißer Espresso. Der passt immer.

Was dann auf der Fähre passierte, war ein meteorologisches Spektakel, das man eigentlich nicht glaubt, bis man es selbst sieht. Ich stand an Deck – weil ich alles für ein gutes Foto tue, auch wenn der Rest der Familie vernünftigerweise drinnen saß und mich mitleidig beobachtete – und schaute zurück: Über Palau türmten sich dicke, schwarzgraue Wolkenberge auf wie eine Drohkulisse aus einem Katastrophenfilm. Und dann schaute ich nach vorne: Sonnenschein. Echter, unverschämter, blauer Himmel über La Maddalena. Die Fähre fuhr buchstäblich durch die Wetterfront hindurch, von einer Welt in die andere. Die Bilder zeigen es besser als jede Beschreibung – hinten Apokalypse, vorne Postkarte. Sardinien macht manchmal Sachen.
Wir legten an und betraten La Maddalena mit dem Gefühl, einen geheimen Cheat-Code für den Wettergott geknackt zu haben. Und die Stadt empfing uns – nun ja. La Maddalena im März ist La Maddalena im Winterschlaf. Die Stadt befand sich in einem kollektiven Frühjahrsputz-Rausch: Überall wurde gehämmert, gepinselt, gewienert. Viele Fensterläden noch fest verschlossen, Plätze menschenleer, Löwenstatuen die stoisch in die Sonne blinzeln als wären sie die einzigen verbliebenen Einwohner. Es hat einen eigenartigen Charme, eine Stadt kurz vor ihrer Saison zu sehen – wie ein Filmset, auf dem gerade noch die letzten Kulissen aufgebaut werden, bevor der Trubel beginnt.
Wir schlenderten durch die pastellfarbenen Gassen, vorbei an der Kirche, am Hafen mit seinen aufgebockten Jachten, durch Treppchen und Gässchen, die im Sommer vermutlich von Touristen bevölkert werden und jetzt nur von unseren Schuhen auf dem Kopfsteinpflaster hallten. Die wenigen Restaurants mit geöffneten Türen versuchten es mit laminierten Speisekarten in Großformat – der zuverlässigste Hinweis der Gastronomiegeschichte, dass man dort besser nicht isst. Wir zogen weiter.
Der Weg Richtung Marina del Ponte, der Brücke rüber zur Nachbarinsel Caprera, führte uns durch eine Gegend, die mit „malerisch“ wahrscheinlich nicht gemeint ist. Betonmauern, Militärzäune, Funktionsarchitektur. Wer das liebt, ist hier richtig. Alle anderen nennen es Durststrecke – und genau auf dieser Durststrecke, zwischen Zäunen und geparkten Lieferwagen, passierte das klassische Roadtrip-Wunder: Wir stolperten über die Trattoria La Baracca.
Von außen: unscheinbar. Das Schild eher ein Hinweis als eine Einladung. Aber drinnen – drinnen saßen die echten Sarden. Bauarbeiter in neongelben Westen, Fischer, ein paar Stammgäste die sich lautstark über Dinge unterhielten, die wir nicht verstanden, aber gern belauscht hätten. Keine animierten Menükarten, kein „Willkommen, hier ist Ihr Touristenteller“. Der Chef kam persönlich an den Tisch und präsentierte uns drei Prachtexemplare frischer Fische, die laut seiner überzeugten Auskunft heute Morgen noch munter im Meer herumgepaddelt waren. Nun. Unser Fachwissen über sardische Fischarten und ihre fachgerechte Zerlegung auf dem Teller hält sich auf dem Niveau eines gelegentlichen Goldfisch-Besitzers. Also blieben wir bei der Karte.
Was dann auf den Tisch kam, rechtfertigte den ganzen verregneten Morgen. Calamari fritti: außen knusprig, innen zart, mit Zitrone – fertig, mehr braucht es nicht. Gegrilltes Gemüse, Fleischspezialitäten vom Grill, frisches Brot. Alles ehrlich, laut und gut. Die Restaurantbilder sagen alles: Oli über der Speisekarte mit dem Gesicht eines Mannes, der weiß, dass er die richtige Entscheidung getroffen hat. Und dann, als krönender Abschluss, mein Nachtisch – und der verdient einen eigenen Absatz.
Die Seada al Miele. Falls das noch niemand gegessen hat: Stellt euch eine handgroße, frittierte Teigtasche vor, gefüllt mit geschmolzenem, leicht säuerlichem Pecorino, übergossen mit bitter-dunklem Erdbeerbaum-Honig, der auf Sardinien Miele di Corbezzolo heißt. Der Teig bricht knusprig auf, der Käse zieht Fäden, der Honig ist herb-süß und trifft auf das Herzhafte – und das Gehirn sitzt kurz mal da und weiß nicht, ob es Haupt- oder Nachspeise meldet. Es ist beides. Es ist keines. Es ist Sardinien auf einem Teller, und ich hätte zwei davon essen können, wenn noch Platz gewesen wäre.
Satt, glücklich und mit dem Gefühl, die echte Seele der Insel gefunden zu haben – nicht in den laminierten Speisekarten am Hafen, sondern in diesem lauten, ehrlichen Laden zwischen den Militärzäunen – rollten wir zurück zum Fähranleger. Auf die 30-Minuten-Wanderung zur Caprera-Brücke verzichteten wir. Es war 16 Uhr, die Seada lag noch warm im Magen, und die 16:30-Uhr-Fähre wartete. Manche Kompromisse schließt man gerne.
Kulinarik-Check:
Die Seada – Sardiniens süß-herzhaftes Goldstück
Wer denkt, Käse gehöre nur auf die Pizza oder zum Wein, hat die Rechnung ohne die sardische Seada gemacht. Dieses Dessert ist kein simpler Nachtisch, sondern eine Institution.
Was steckt drin? Im Grunde ist eine Seada eine handgroße Teigtasche aus feinstem Hartweizengrieß und Schmalz. Das Herzstück ist jedoch die Füllung: junger, ungesalzener Pecorino-Käse, der oft mit einem Hauch Zitronenschale verfeinert wird.
Das Finale am Herd: Die Tasche wird nicht einfach gebacken, sondern in Olivenöl goldbraun und knusprig frittiert. Dabei geschieht die Magie: Der Teig wird kross und schlägt Blasen, während der Käse im Inneren zu einer cremigen, leicht säuerlichen Masse schmilzt.
Der Clou – Der Honig: Bevor das Ganze auf den Tisch kommt, wird die heiße Seada großzügig mit flüssigem Honig übergossen. Traditionell nutzt man dafür den Miele di Corbezzolo (Erdbeerbaumhonig). Dieser ist eine sardische Spezialität für sich: Er ist dunkel und hat eine feinherbe, fast bittere Note, die perfekt mit dem fetten Käse und dem süßen Teig harmoniert.
Das Urteil: Der erste Löffel ist ein Schock für die Sinne – im besten Sinne! Wenn der knusprige Teig bricht, der heiße Käse
Fäden zieht und sich mit dem bitter-süßen Honig vermischt, weiß man: Das ist Sardinien auf einem Teller.
Roadtrip-Tipp: Bestellt euch eine Seada nur dort, wo sie frisch zubereitet wird. Das Tiefkühl-Zeug aus dem Supermarkt ist dagegen so enttäuschend wie ein Regentag in Porto Cervo. In der Trattoria La Baracca war sie jedenfalls ein absolutes Gedicht!
Zurück in Palau hatte sich das Wetter inzwischen anständig benommen. Wir beschlossen, den Abend mit dem einzig richtigen Gegenmittel für einen guten Tag zu verbringen: Grillen. Nadine googelte nach Metzger und Bäcker, und auf dem Weg dorthin beschenkte uns Palau noch mit einem unerwarteten kulturellen Intermezzo. An einigen Hauswänden: Murals. Großformatige, detailreiche Wandgemälde, die sardisches Leben zeigen – Töpfer bei der Arbeit, Marktszenen, alte Handwerksberufe. Direkt auf die Giebelseiten einfacher Gebäude gemalt, als wäre die Wand immer schon ein Bilderrahmen gewesen. Man läuft an ihnen vorbei und stoppt unwillkürlich. Kurz fotografieren, kurz staunen, dann weiter zum Metzger.
Der Metzger: überraschend groß, üppiges Angebot, frisches Fleisch und Salumi. Die Panetteria da Francesca: sardische Backwaren, Brot, der Duft der einem schon auf der Straße entgegenkommt. Mit vollen Tüten und der Vorfreude auf den Abend fuhren wir zurück zum La Cera Farm Camping.
Und dort wartete das emotionale Highlight des Tages – das mit keiner Seada der Welt zu toppen ist. Kaitlyn, die Besitzerin des Hofes, holte Noah und Emilia ab und nahm sie mit in den Stall. Was dann folgte, ist auf den Fotos so perfekt eingefangen, dass eigentlich keine Worte nötig wären. Die neugierigen Esel streckten ihre Köpfe über den Zaun. Die Kinder staunten, streichelten, lachten. Und dann: die Babyziege. Vier Tage alt. Schneeweiß, federleicht, zerbrechlich und vollkommen ahnungslos, was für eine Aufregung sie ausgelöst hat. Noah hielt sie im Arm mit dem konzentrierten Ernst eines Mannes, der versteht, dass er gerade etwas Besonderes in den Händen hält. Emilia strahlte. Die Abendsonne strahlte. Und ich drückte auf den Auslöser und dachte: Für solche Momente fährt man irgendwohin.
Dann allerdings: die Dusche. Oder was in ihrer Abwesenheit als solche durchging.
Die Duschen der La Cera Farm befinden sich im Freien. Bei 30 Grad im Sommer ist das vermutlich traumhaft. Im März mit sardischem Gegenwind ist es ein Erlebnis, das man entweder mit Humor oder gar nicht übersteht. Stefan und ich durften noch heißes Wasser genießen – wobei „genießen“ hier bedeutet: Heißer Strahl von oben, eiskalter Wind durch die Holzlatten von der Seite. Man fühlt sich wie ein Brathähnchen, das gleichzeitig im Gefrierfach rotiert.
Nadine und Emilia hatten weniger Glück. Unser ausgiebiges Duschvergnügen hatte den Boiler offenbar in die Knie gezwungen. Was folgte, war kein heißes Wasser mehr, sondern sardisches Quellwasser in seiner ursprünglichsten, ehrlichsten, herzlosesten Form. Eiskalt. Nadine berichtete später mit der Ruhe einer Frau, die das Schlimmste hinter sich hat, dass der ohnehin schon eisige Wind daneben fast wie eine warme Sommerbrise gewirkt habe. Immerhin braucht man nach einer solchen Dusche keinen Espresso mehr, um hellwach zu sein. Der Körper erledigt das ganz von allein.

Abgehärtet, leicht zitternd und mit doppelter Gänsehaut-Schicht erschienen wir am Grill. Oli übernahm das Kommando, brutzelte das frische Metzger-Fleisch mit der Ernsthaftigkeit eines Mannes, der das schon tausend Mal gemacht hat und weiß, wie es geht – und es tatsächlich weiß. Gegessen wurde wieder im Großraum-Camper (immerhin 40 cm länger als unserer!) bei Nadine und Oli, eng, warm, laut. So wie es sein soll.
Und während wir aßen, schmiedeten wir bereits den neuen Plan für die Bootsfahrt. Alghero um eine Nacht kürzen, vorher nach Porto Pozzo fahren, am Hafen übernachten, am nächsten Morgen direkt an Bord. Das Geld für den bereits bezahlten Platz ist weg – aber Parkplatz am Hafen kostenlos, also finanziell neutral. Und vielleicht, diesmal, spielt der Wettergott mit.
Wenn Plan A buchstäblich absäuft, macht Plan B manchmal noch mehr Spaß. Heute war der Beweis.
Gute Nacht.
















































