Keine Flamingos, dafür Schnitzel-Fondue und Serpentinen ohne Ende
Um 8 Uhr auf der La Cera Farm: Die Sonne hatte heute offensichtlich keine Lust. Stattdessen: bewölkter Himmel, kühle Luft, und zwei Camper-Besatzungen, die beim Frühstück so tun als wäre das vollkommen in Ordnung. Ei, Kaffee, Tee, Pane Carasau, Salami. Die sardische Grundversorgung funktioniert wetterunabhängig. Abfahrt 9:35 Uhr – für unsere Verhältnisse geradezu skandalös pünktlich.

Heute hieß es: Abschied vom Norden, Kurs auf die Ostküste. Erster Stopp: Capo Coda Cavallo, der „Pferdeschwanz“ Sardiniens – ein Halbmond aus Fels und Meer, der seinen Namen vermutlich von jemandem bekam, der sehr viel Fantasie und einen sehr langen Hals hatte. Der Himmel war zwar wolkenverhangen, aber was für Wolken. Regisseure würden für dieses Licht wahrscheinlich morden. Die wuchtigen Steinhäuser fügten sich in die herbe Szenerie ein wie selbstverständlich, als hätten sie schon immer da gestanden und dem Wind erklärt, dass er sich ruhig etwas mehr Mühe geben kann. Vor uns: das Meer, die Inseln Molara und die markante Tavolara, die wie ein gestrandeter Flugzeugträger aus dem Wasser ragt. Es pfiff uns ordentlich um die Ohren, aber das gehört dazu. Sardinien im März gibt einem das Gefühl, das Leben mit beiden Händen angefasst zu haben – auch wenn diese Hände dabei leicht gefroren sind.
Dann: Mission Flamingo-Watching. Die Laguna di San Teodoro gilt als einer der besten Plätze Sardiniens, um diese eleganten rosa Vögel in freier Wildbahn zu beobachten. Wir kamen. Wir schauten. Wir froren.
Die Flamingos hatten andere Pläne. Wahrscheinlich lagen sie in beheizten Unterkünften und aßen Gamberi, während wir mit hochgezogenen Schultern durch den Schneidwind stapften und verbissen die leere Lagune nach rosa Gefieder absuchten.

Die Kulisse war trotzdem schön – einsame Boote lagen wie vergessen am Ufer, rustikale Holzstege führten ins Nichts, das Wasser lag ruhig und grau und flamingo-frei vor uns. Man hätte fast meinen können, die Bilder wären absichtlich melancholisch komponiert. Wir hielten so lange durch, bis klar war: Die kommen heute nicht. Und dann zogen wir Konsequenzen. Wer bei diesen Temperaturen freiwillig draußen herumsteht, ist entweder sehr engagiert oder hat zu Hause vergessen, nachzudenken. Die Flamingos hatten recht. Wir gingen essen.
Da das Flamingo-Watching in etwa so erfolgreich war wie der Versuch, in der Sahara Schlittschuh zu laufen, war es an der Zeit für den nächsten Stopp: Operation Kalorien-Therapie. Mit tiefgefrorenen Nasenspitzen und dem Hunger einer kleinen Armee steuerten wir La Caletta an. Sa Tappa Bistrot – das Lokal tauchte am Horizont auf wie eine Fata Morgana – nur mit besserem Geruch und echten Stühlen. Und von der ersten Sekunde an war klar: Hier sind wir richtig. Kein laminiertes Touristenmenü, keine Bilder auf der Karte. Bodenständig, warm, laut auf die richtige Art.

Nadine und Oli bestellten Culurgiones – diese handgefalteten sardischen Teigtaschen, die so sorgfältig geformt aussehen, dass man kurz zögert sie zu essen, es dann aber doch tut, weil der Duft keinerlei Aufschub erlaubt. Stefan entschied sich für Pane Frattau: Das legendäre sardische Hirtenbrot, in Brühe eingeweicht, in Tomatensoße geschichtet, mit einem pochierten Ei gekrönt – ein Gericht, das so viel Tradition atmet, dass man danach kurz das Bedürfnis verspürt, Schafe zu hüten. Ich bestellte Tagliata con Fonduta, was im Wesentlichen bedeutet: zartes Kalbfleisch neben einem kleinen dampfenden Töpfchen aus geschmolzenem Gorgonzola. Fleischfondue „für Fortgeschrittene“Next Level“. Die einzig logische Antwort auf den Morgen, den wir gerade hinter uns hatten.
Und dann, weil die Seada von gestern offensichtlich keine ausreichende Warnung war, bestellte ich zum Abschluss wieder eine. Man lernt aus Fehlern. Oder man wiederholt sie bewusst, weil sie so verdammt gut schmecken. Die Seada kam. Der Teig brach knusprig auf, der Pecorino zog Fäden, der Erdbeerbaum-Honig glänzte dunkel und herb. Diät ist ein deutsches Wort. Hier gilt sardisches Recht, und das sieht Seadas eindeutig als Grundnahrungsmittel vor.
Wir saßen glücklich, aufgewärmt und mit dem friedlichen Blick von Leuten, die ihren Frieden mit dem Wetter gemacht haben, am Tisch. Wenn die Flamingos nicht kommen, kommt der Käse. Ein fairer Tausch.
Den direkten Weg nach Cala Gonone zu nehmen wäre natürlich viel zu einfach gewesen. Warum Autobahn, wenn man über Sant’Anna und Lula durch das Hinterland fahren kann? Bevor die Höhenmeter-Jagd losging, hielten wir noch kurz an der Scogliera Baia Sant’Anna. Was für eine Wucht. Die schäumende Brandung peitschte unaufhörlich gegen die rötlichen Felsen, das Meer war in wilder, ungeduldiger Bewegung, die Luft roch nach Salz und Dramatik. Noah und ich standen am Rand und schauten hinunter, während Stefan hinter uns die Kamera festhielt – wahrscheinlich weniger für ein gutes Foto als um sicherzustellen, dass weder Kamera noch Fotograf ins Meer segeln. Ein Bild, das man sich merkt.

Dann: die Serpentinen. Und damit meine ich nicht irgendwelche netten Kurven, sondern das volle Programm. Die Straße verwandelte sich in eine endlose Abfolge von Haarnadelkurven, die sich um den Monte Albo schrauben wie handgemachte Spaghetti, die jemand in die Landschaft geworfen hat. Mit jedem Höhenmeter steigerte sich die Dramatik – und die Geräuschkulisse in unseren Fahrzeugen. Das Geschirr in den Schränken veranstaltete bei jeder Kehre ein Percussion-Konzert, das jedem Rock-Schlagzeuger zur Ehre gereicht hätte. Klirr, schepper, rums – wir wussten jederzeit ganz genau, wo sich die Bialetti gerade befand. Sie befand sich in Bewegung.
Die Straße wurde an manchen Stellen so schmal, dass man den Atem anhält, wenn ein Fiat Panda entgegenkommt – und kurz überlegt, wer von beiden eigentlich zurücksetzen müsste. Wir passierten Bergdörfer, in denen die Zeit schlicht aufgehört hat weiterzulaufen. Bröckelnde Fassaden in verblassten Farben, Läden mit geschlossenen Rollläden die vielleicht seit Jahren zu sind, eine einzelne Katze auf einem Mauerstück in der Sonne – und das alles ohne ein einziges Touristenzeichen, ohne Souvenirladen, ohne irgendjemanden, der weiß, dass wir hier sind. Es ist das echte, unpolierte Sardinien, das man nur sieht, wenn man die Autobahn ignoriert und seinem Navi vertraut, auch wenn es leise an seiner eigenen Entscheidung zweifelt.
Hinter jeder Kurve öffnete sich aber eine neue Belohnung: saftig grüne Täler, schroffe Kalksteingipfel die sich in den Wolken verloren, ein plötzlicher Blick bis zum fernen Meer, Kakteen am Wegesrand die sich im Wind wiegten. Die Fotos zeigen es – zwei Camper auf einer Straße, die eigentlich nur für einen gebaut wurde, mit einer Landschaft drumherum, die sich um unsere Anwesenheit herzlich wenig schert und trotzdem jeden Kilomter rechtfertigt.
Am Ende der Serpentinen-Symphonie: kollektives Durchatmen. Geschirrschrank-Inspektion. Alles noch drin – mehr oder weniger an ursprünglicher Position.
Taktischer Zwischenstopp am Supermarkt: Pane Carasau, Salami, Schinken, Käse, der einen eigenen Beifahrersitz verdient hätte. Dann das Finale: Cala Gonone. Als wir auf dem Camping Sardinia Cala Gonone zum Stehen kamen, atmeten wir erst einmal tief durch. Der erste Blick auf den Golf von Orosei war die Entschädigung für jede Schweißperle am Lenkrad – das Meer, die Buchten, die Felsen. Immer noch kühl, immer noch ein bisschen grau, aber von einer Schönheit, die kein schönes Wetter braucht um zu überzeugen.

Der Campingplatz ist so dicht mit Pinien bewachsen, dass man sich im Wald fühlt – was wunderschön ist, und was seinen Preis hat. Das Gelände ist so hügelig, dass unsere Fahrzeuge ohne Ausgleichskeile in etwa so gerade stehen wie ein Baum im Sturm. Wer hier ohne Wasserwaage anreist, schläft schief oder gar nicht. Wir hatten Keile. Die Weisen unter uns haben immer Keile dabei.
Den Abend verbrachten wir im Camper mit unseren sardischen Supermarkt-Schätzen. Käse, Schinken, Brot, der Rest des Tages. Draußen rauschten die Pinien. Drinnen war es warm. Morgen soll die Sonne kommen.
Wir glauben es, wenn wir sie sehen.







































