Wieder in Glück bei der Wave, dafür Schnee, Giftpilze und ein verschwundenes Filmset
Der Morgen begann mit einem gewissen Déjà-vu. Frühstück im Hotel, anschließend wieder ins Auto und zum Visitor Center in Kanab, wo wir pünktlich zur nächsten Ausgabe von „Wer bekommt heute zehn der begehrtesten Wanderpermits der Gegend?“ erschienen. Gleiche Uhrzeit, gleicher Raum, derselbe Ranger und im Wesentlichen dieselbe Show wie gestern. Und erstaunlicherweise war sie beim zweiten Mal immer noch lustig.
Unser Ranger spulte sein Programm wieder mit dieser wunderbar trockenen Mischung aus Todeswarnung und völliger Emotionslosigkeit ab, die uns inzwischen fast vertraut vorkam. Wieder wurden Formulare ausgefüllt, Gruppen nummeriert, Holzkugeln in die schwarze Trommel gesteckt und Hoffnungen geschürt. Ich glaube, wir hätten langsam Eintritt dafür bezahlt. Kurz überlegten wir tatsächlich, morgen noch einmal vorbeizukommen – und zwar notfalls auch dann, wenn wir gar nicht mehr an der Verlosung teilnehmen wollten. Einfach hinsetzen, Ranger anschauen, warten, bis er mit unbewegter Miene „I’m so excited“ sagt, und anschließend zufrieden wieder gehen. Andere Menschen besuchen in ihrem Urlaub Theateraufführungen. Wir hatten die Wave Lottery.
Das Ergebnis entsprach ebenfalls ziemlich exakt der gestrigen Vorstellung: Wir gewannen wieder nichts. Dafür ging erneut eine große Portion der zehn Permits an eine sechsköpfige asiatische Reisegruppe, worauf sich ungefähr dasselbe Schauspiel wie am Vortag wiederholte: auf der einen Seite grenzenloser Jubel, auf der anderen Seite Menschen, die sich bemühten, ihre Enttäuschung mit Würde zu tragen. Wir gehörten zur zweiten Gruppe. Natürlich hätten wir die Wave wahnsinnig gern gesehen, aber richtig schlechte Laune konnte bei dieser Lotterie irgendwie trotzdem nicht aufkommen. Erstens war die Show zu gut, zweitens lagen rund um Kanab so viele fantastische Ziele, dass man eigentlich nur Plan A gegen einen anderen ziemlich hervorragenden Plan tauschte. Und drittens beschlossen wir an Ort und Stelle: Dann eben nächstes Jahr. Wir würden wiederkommen, noch einmal an dieser verdammten Lostrommel stehen und so lange Holzkugeln beim Herausfallen zuschauen, bis irgendwann unsere Nummer dabei war. Damit war das Thema für heute erledigt und unser Plan B stand ohnehin schon fest: Bryce Canyon.

Von Kanab fuhren wir auf dem Highway 89 nach Norden und dieses Mal nicht an der Mt. Carmel Junction Richtung Zion, sondern weiter zum Bryce Canyon. Gestern hatten wir uns noch an Ketten auf Angels Landing hochgezogen, heute sollte es etwas gemütlicher werden. Dachten wir. Am Sunset Point parkten wir unseren Ford und liefen zum Navajo Trailhead, wo uns allerdings ein Schild darauf hinwies, dass Teile des Trails wegen Schnee, Matsch und rutschiger Passagen problematisch beziehungsweise gesperrt waren.
Nun ja. Matsch war für mich bislang noch nie ein überzeugendes Argument gegen eine Wanderung gewesen. Im Gegenteil, ein Wanderweg, von dem man hinterher nicht wenigstens ein bisschen Dreck an den Schuhen mitbringt, hat sich möglicherweise gar nicht richtig bemüht. Also machten wir uns auf den begehbaren Teil des Navajo Trails und stiegen über die engen Serpentinen hinunter ins Amphitheater.
Der Bryce Canyon ist ohnehin eine Landschaft, bei der man sich fragt, wer beim Formen der Felsen irgendwann beschlossen hat, dass normale Berge jetzt wirklich langweilig genug seien. Überall standen diese roten, orangefarbenen und weißen Hoodoos, Türme und Zinnen dicht nebeneinander, und dazwischen schlängelte sich unser Weg immer weiter nach unten. Der Boden war tatsächlich stellenweise ziemlich matschig und rutschig, was die Sache für mich eher unterhaltsamer machte.

Stefan und Benni dürften meine Definition von „Extraportion Spaß“ möglicherweise nicht in allen Einzelheiten geteilt haben. Der Weg führte uns an Thor’s Hammer vorbei und schließlich zwischen den hohen Felswänden der Wall Street hindurch. Noch lag Schnee an vielen Stellen, und genau dieser Wechsel zwischen weißem Schnee, rotem Gestein und dem zunehmend blauen Himmel sah unglaublich aus. Außerdem waren kaum Menschen unterwegs. Wenn der Preis dafür ein paar matschige Schuhe waren, konnte ich damit ausgezeichnet leben.
Nach ungefähr 40 Minuten erreichten wir unten die Wegkreuzung und mussten entscheiden, wie es weitergehen sollte. Ein Teil des Navajo Trails war gesperrt, den Peek-A-Boo Trail kannten wir bereits von 2013, also fiel die Wahl auf den Queens Garden Trail, über den wir zum Sunrise Point zurück nach oben gelangen konnten. Zunächst führte er durch ein ruhiges Waldstück, in dem zwischen den Bäumen noch erstaunlich viel Schnee lag. Und dort begegneten uns auch ein paar Mule Deer mit diesen herrlich überdimensionierten Ohren, die aussehen, als könnten sie damit den Polizeifunk von Panguitch empfangen. Besonders scheu waren sie nicht. Sie gingen ein paar Schritte zur Seite, blieben stehen und sahen uns interessiert an, als müssten eigentlich sie entscheiden, ob wir hier ordnungsgemäß in ihren Wald gehörten. Wir fotografierten sie, sie musterten uns, und nachdem beide Seiten zu dem Ergebnis gekommen waren, dass vom jeweils anderen vermutlich keine unmittelbare Gefahr ausging, gingen wir unserer Wege.
Hinter dem Wald begann wieder diese typische Bryce-Landschaft aus roten Felsnadeln, kleinen Durchgängen, Türmen und bizarren Formationen. Und ständig blieb einer von uns stehen, weil hinter der nächsten Kurve schon wieder etwas anders aussah als fünfzig Meter vorher. Die Kamera bekam jedenfalls keine Ruhe. Besonders schön war der Schnee an den Nordhängen, der zwischen den roten Felsen lag und die Farben noch kräftiger wirken ließ. Genau deshalb mag ich den Westen zu dieser Jahreszeit so sehr. Es ist angenehm kühl zum Wandern, die großen Besucherströme sind noch nicht da und mit etwas Glück bekommt man roten Fels und Schnee gleichzeitig. Der kleine Nachteil besteht darin, dass manche Orte gastronomisch noch im Winterschlaf liegen. Aber wir waren jetzt schon einige Tage unterwegs und bislang noch nicht verhungert. Angesichts unserer bisherigen Portionen in amerikanischen Restaurants bestand vermutlich sogar ein gewisser Sicherheitsvorrat.
Der Queens Garden Trail führte schließlich wieder stetig bergauf, und damit kam der Teil einer Canyonwanderung, den man beim fröhlichen Hinunterlaufen gern verdrängt: Das Auto steht oben. Mit jedem Höhenmeter öffnete sich dafür der Blick weiter über das Amphitheater, und bei blauem Himmel, weißen Wolken, roten Hoodoos und den Schneeresten an den Hängen hatten wir wirklich Glück mit dem Wetter. Nach ungefähr zweieinhalb Stunden und 5,5 Kilometern waren wir wieder oben und liefen über den Rim zurück Richtung Sunset Point. Nach Angels Landing am Vortag fühlte sich die Runde fast schon erholsam an, wobei meine Beine zu dieser Einschätzung vermutlich eine etwas differenziertere Stellungnahme abgegeben hätten.
Inzwischen war es Mittagszeit und wir hatten Hunger. Rund eine halbe Stunde entfernt lag Panguitch, wo Anfang März ebenfalls noch große Teile des Ortes den Eindruck machten, als kämen sie irgendwann im April wieder zurück. Zum Glück kannten wir das Flying M noch vom vergangenen Jahr und wussten, dass es ganzjährig geöffnet hatte.
Stefan erklärte, er habe „nicht so großen Hunger“ und bestellte deshalb einen Salat. Das ist in Amerika grundsätzlich ein gefährlicher Satz. Was wenig später vor ihm stand, hätte in Deutschland problemlos als Salatbuffet für eine kleinere Familienfeier durchgehen können. Ich blieb bei einem BLT Sandwich, Benni bekam seinen geliebten Kaffee, und damit waren wir wieder ausreichend versorgt, um uns Gedanken darüber zu machen, was wir mit dem Rest des Tages anfangen könnten.
Die Antwort hatte ich morgens im Visitor Center praktisch schon eingesteckt. Dort war mir eine Broschüre über die Toadstool Hoodoos in die Hände gefallen, inklusive Wegbeschreibung, und solche Dinge haben bei mir eine gewisse Nebenwirkung: Sobald ich weiß, dass irgendwo in erreichbarer Entfernung etwas Merkwürdiges aus Stein herumsteht, möchte ich hin. Der Trailhead lag direkt am Highway 89 zwischen Kanab und Page, also fuhren wir kurzerhand durch Kanab hindurch weiter Richtung Osten.
Nach etwa 40 Minuten standen wir am Ausgangspunkt, passierten ein kleines Gatter, trugen uns in die Registrierungsbox ein und folgten anschließend dem Wash. Die vielen Fußspuren im Sand machten die Navigation ziemlich unkompliziert, und nach ungefähr zwanzig Minuten tauchte vor uns der erste große Hoodoo auf, der tatsächlich aussah, als hätte jemand einen überdimensionalen Steinpilz in die Wüste gestellt.
„Lucky Luke“ hieß dieses Exemplar, wobei ich keine Ahnung hatte, was genau ihn zum Lucky Luke unter den Hoodoos qualifizierte. Vielleicht zog er schneller als sein Schatten, sobald niemand hinsah. Wir umrundeten ihn und stiegen auf das Plateau, wo weitere dieser seltsamen Formationen verteilt standen. Kurz nach unserer Ankunft kamen uns drei Wanderer entgegen, und danach waren wir tatsächlich allein. Komplett allein. Nach dem Bryce Canyon mit seinen Aussichtspunkten, Wegen und anderen Besuchern war das ein wunderbarer Kontrast. Hier gab es keinen großen Parkplatz, keinen Shuttlebus und keinen Souvenirshop, sondern nur diese merkwürdigen Felsen, Sand, Wind und uns drei. Wir liefen kreuz und quer über das Plateau, entdeckten immer neue Hoodoos und hatten überhaupt keinen Grund zur Eile. Für etwas, das ich wenige Stunden zuvor noch nicht einmal auf dem Tagesplan gehabt hatte, waren diese Toadstools ein ziemlich guter Fund.
Nach gut einer Stunde liefen wir zurück zum Auto, und noch immer war genügend Tag übrig, um eine weitere Idee aus der Kategorie „Wenn wir schon mal hier sind“ unterzubringen. Auf dem Rückweg nach Kanab zweigten wir deshalb nach etwa elf Meilen bei Milemarker 31 auf die BLM 585 ab. Ziel war die Pahreah Ghost Town beziehungsweise das ehemalige Paria Movie Set. Hier waren über die Jahre verschiedene Western gedreht worden, und Namen wie John Wayne, Clint Eastwood und Jack Nicholson machten die Sache natürlich nicht uninteressanter. Außerdem führte die Dirtroad durch eine Landschaft, die selbst ohne irgendeinen Filmstar problemlos als Kulisse durchgegangen wäre. Die Felsen waren in Violett, Rosa, Gelb und Weiß gestreift und sahen teilweise so absurd aus, als hätte jemand bei der geologischen Farbgestaltung beschlossen, heute einmal alle verfügbaren Töne zu verwenden.
Nur vom versprochenen Movie Set fehlte jede Spur. Wir fuhren weiter, schauten, suchten – nichts. Keine Westernstadt, kein Saloon, nicht einmal ein einsamer Bretterverschlag, vor dem Benni wenigstens hätte John Wayne spielen können. Schließlich fanden wir eine Schautafel, und damit klärte sich das Rätsel auf. Die ursprünglichen Bauten waren 1998 von einer Flashflood weggerissen worden. Fans hatten später Teile der Filmkulisse wieder aufgebaut, was eine schöne Geschichte gewesen wäre, hätte nicht 2006 ein Feuer beschlossen, auch diesen zweiten Versuch zu beenden. Ein weiterer Wiederaufbau war nicht vorgesehen. Wir waren also zu einem Filmset gefahren, das zweimal verschwunden war. Einmal durch Wasser, einmal durch Feuer. Wenn jetzt noch irgendwo ein Erdbeben eingesetzt hätte, wäre die Sammlung der Naturgewalten nahezu komplett gewesen. Enttäuschend war der Abstecher trotzdem nicht, denn die Landschaft allein war die Fahrt wert und lieferte mehr als genug Fotomotive.
Etwas mehr Aufmerksamkeit verlangte anschließend allerdings die Straße selbst. Je weiter wir hinunter Richtung Paria River gekommen waren, desto deutlicher hatten Regen und Wasser ihre Spuren hinterlassen. Tiefe ausgewaschene Stellen zogen sich durch den Wash, und plötzlich war aus unserem gemütlichen kleinen Dirtroad-Ausflug eine Art praktische Prüfung für den Ford Explorer geworden. Stefan tastete sich vorsichtig vor, während Benni an den schwierigeren Stellen ausstieg und von draußen dirigierte, damit wir weder aufsetzten noch mit einem Rad in einer der Auswaschungen verschwanden. Ich übernahm währenddessen vermutlich die ausgesprochen verantwortungsvolle Position der fachkundigen Beobachterin. Irgendjemand musste schließlich darauf achten, dass Stefan und Benni ihre Arbeit ordentlich machten und das ganze auch filmen und fotografieren. Stück für Stück arbeiteten wir uns wieder nach oben, erreichten schließlich die bessere Dirtroad und waren dann doch ziemlich froh, als wieder Asphalt unter den Reifen lag.
Jetzt reichte es allerdings auch. Wir hatten morgens eine Wave-Lotterie verloren, waren durch den Bryce Canyon gewandert, hatten im Schnee Rehe mit Satellitenohren getroffen, in Panguitch einen Salat in Familiengröße gesehen, anschließend steinerne Giftpilze gesucht und zum Abschluss ein nicht mehr vorhandenes Filmset besucht, bei dessen Anfahrt wir beinahe noch die Geländetauglichkeit unseres Mietwagens wissenschaftlich untersucht hätten. Das war für einen Tag durchaus ausreichend. Also zurück nach Kanab und natürlich wieder ins Iron Horse. Nicht ausschließlich, weil wir es dort so liebten, sondern auch, weil die gastronomische Auswahl in Kanab zu dieser Jahreszeit weiterhin übersichtlich blieb. Inzwischen wurden wir von „unserer“ Kellnerin schon herzlich begrüßt, ich ließ mir wieder ein Bier von ihr empfehlen und auf dem Tisch landeten Ribs, Wings und Mini-Burger. Nach zwei Abenden entwickelte sich das Iron Horse damit langsam von einer Notlösung mangels Alternativen zu unserem persönlichen Stammlokal. Wenn das so weiterging, würde uns die Kellnerin vermutlich spätestens übermorgen fragen, ob wir wieder das Übliche wollten.
Und so endete auch unser zweiter erfolgloser Wave-Tag erstaunlich zufrieden. Natürlich hätten wir gern eines dieser zehn Permits aus der Trommel gezogen. Aber wenn das Pech bei einer Lotterie dazu führt, dass man stattdessen durch verschneite Hoodoos wandert, steinerne Pilze mitten in der Wüste findet und über eine ausgewaschene Dirtroad zu einem Westernset fährt, das gar nicht mehr existiert, dann gibt es deutlich schlechtere Arten zu verlieren. Nur eines stand fest: Mit der Wave waren wir noch nicht fertig. Irgendwann würde diese verdammte Holzkugel unsere Nummer ausspucken.






































