Von Luxushotels, platten Füßen und acht Margaritas für den Endspurt
Der nächste Morgen beginnt mit einem ausgesprochen vertrauten Gefühl: Wir fahren wieder ins Gold Coast Hotel & Casino und stellen fest, dass man sich an ein Frühstücksbuffet für 6,99 Dollar erstaunlich schnell gewöhnen kann. Gestern hatten wir dort bereits sehr erfolgreich bewiesen, dass sich ein Players-Club-Ausweis zumindest kulinarisch auszahlt, und heute gibt es keinen vernünftigen Grund, dieses funktionierende System zu verändern. Also wieder Ports O’Call, wieder Teller füllen, wieder Eierstation, wieder Pancakes, wieder das beruhigende Gefühl, dass wir zumindest beim Frühstück gerade einen wirtschaftlich sehr vernünftigen Urlaub verbringen. Diese Tugend wird im Laufe des Tages noch dringend benötigt, denn heute wollen wir uns die großen Casino-Hotels am südlichen Strip vorknöpfen – und Las Vegas hat die unangenehme Angewohnheit, einem innerhalb weniger Stunden sehr überzeugend zu erklären, warum Dinge für 3.000 Dollar eigentlich vollkommen normal sind.
Nach dem Frühstück fahren wir zum City Center und stellen den Explorer in der Tiefgarage ab. Unser erster Weg führt ins Aria, und schon nach wenigen Minuten wird deutlich, dass wir heute in einer anderen Liga unterwegs sind. Das Aria ist nicht verspielt, nicht kitschig und hat auch keinen künstlichen Vulkan oder eine Pyramide vor der Tür. Es ist einfach modern, groß, glänzend und so perfekt aufgeräumt, dass man sich mit unseren bequemen Urlaubsklamotten fast automatisch ein bisschen zu praktisch angezogen vorkommt.
Vom Aria geht es weiter in die Crystals Shops. Hier endet dann endgültig der Bereich, in dem wir realistisch einkaufen könnten, und es beginnt eine Art kostenloses Luxusmuseum. Chanel, Louis Vuitton und weitere Geschäfte, bei denen vermutlich schon die Türklinke mehr kostet als unsere komplette heutige Verpflegung, reihen sich aneinander. Wir laufen an den Schaufenstern vorbei und bewundern Dinge, für deren Preis ich vermutlich lieber noch einmal drei Wochen durch den Westen fahren würde. Kaufen müssen wir hier nichts. Wir haben gestern schließlich genug erledigt. Heute ist kulturelle Bildung. Stefan und Benni wirken mit dieser Definition jedenfalls deutlich entspannter.
Ein paar Schritte weiter wartet das Cosmopolitan, und hier erwischt es mich wieder. Ich mag dieses Hotel. Sehr. Das Cosmopolitan fühlt sich für mich komplett anders an als viele der klassischen Vegas-Casinos: moderner, dunkler, eleganter und ein bisschen so, als hätte jemand beschlossen, ein Casino zu bauen, in dem man sich nicht zwangsläufig innerhalb der ersten fünf Minuten von blinkenden Automaten anschreien lassen muss. Ich stelle sofort erneut fest, dass ich hier irgendwann unbedingt einmal übernachten möchte – idealerweise in einem Zimmer mit Balkon und Blick auf die Bellagio Fountains. Allein die Vorstellung, abends draußen zu sitzen und die Fontänen praktisch vom Bett aus zu sehen, reicht mir als langfristige Reiseplanung völlig aus. Man braucht schließlich Ziele im Leben.
Bis dahin begnügen wir uns mit einer Pause in der Chandelier Bar. Diese Bar ist im Grunde ein gigantischer Kronleuchter, der sich über mehrere Ebenen erstreckt und aus unzähligen funkelnden Glassträngen besteht. Mittendrin stehen tatsächlich Sofas, auf denen man wunderbar herumlümmeln kann. Und genau das tun wir. Nach gestern mit Outlets und heute bereits mehreren Casino-Kilometern sind wir inzwischen geübt darin, jede öffentlich zugängliche Sitzgelegenheit sofort als strategische Erholungszone zu identifizieren. Stefan nutzt das besonders konsequent und sieht auf dem Foto so aus, als hätte er beschlossen, dass der Rest des Tages notfalls ohne ihn stattfinden kann.
Auch die Lobby des Cosmopolitan ist typisch Vegas: acht riesige Säulen, komplett mit LED-Flächen verkleidet, auf denen ständig wechselnde Bilder und Animationen laufen. Mehrere hundert Displays, zig Rechner dahinter – alles nur dafür, dass man beim Durchlaufen kurz stehen bleibt und denkt: Gut, normal hätte es natürlich auch getan, aber dann wären wir ja nicht in Las Vegas. Genau diese maßlose Konsequenz macht die Stadt so unterhaltsam. Wo anderswo eine hübsche Wand reicht, braucht Las Vegas eben eine digitale Wand, die wahrscheinlich mehr Rechenleistung besitzt als unser kompletter Haushalt.
Irgendwann lösen wir uns vom Cosmopolitan und nehmen die kostenlose Tram Richtung Monte Carlo. Von dort arbeiten wir uns Stück für Stück weiter nach Süden. Draußen verändert sich der Strip gerade sichtbar. Zwischen Monte Carlo und New York-New York entsteht eine neue Fußgängerzone, dahinter wächst eine riesige Veranstaltungshalle aus dem Boden, die in wenigen Wochen eröffnen soll. Las Vegas ist ohnehin ständig im Umbau. Man kann hier alle paar Jahre wiederkommen und hat zuverlässig das Gefühl, jemand hätte in der Zwischenzeit mindestens ein halbes Hotel verschoben, drei Casinos umbenannt und irgendwo eine neue Attraktion hingestellt.
Wir ziehen weiter durch New York-New York und anschließend zum Excalibur, dessen bunte Türmchen von außen noch immer aussehen, als hätte ein Freizeitpark eine Burg bestellt und beim Thema Zurückhaltung versehentlich die falsche Taste gedrückt. Von dort bringt uns die Tram weiter zum Mandalay Bay. Im Vergleich zum Excalibur ist das fast schon vornehm, riesig, goldfarben und mit dieser typischen Las-Vegas-Mischung aus Hotel, Casino, Einkaufswelt und Dingen ausgestattet, die niemand zwingend braucht, aber trotzdem existieren müssen. Besonders hängen bleibt mir der gläserne Weinaufzug. Natürlich gibt es hier einen Aufzug nur für Weinflaschen. Vermutlich wäre ein normales Regal schlichtweg zu unauffällig gewesen.
Vom Mandalay Bay geht es zurück zum Luxor. Eine Pyramide mitten in Nevada ist selbstverständlich vollkommen logisch, solange vorne eine Sphinx steht. Wir laufen durch das riesige Atrium, schauen uns um und stellen wieder einmal fest, wie absurd groß diese Hotels eigentlich sind. Von außen denkt man: Da ist ein Casino. Drinnen merkt man, dass man darin problemlos einen halben Tag verschwinden kann und anschließend nicht einmal sicher ist, ob man alle Etagen gesehen hat.
Weiter geht es Richtung MGM, und dort werden sofort Erinnerungen an 2009 wach. Damals hatten wir vier Nächte im MGM verbracht und ich war ziemlich begeistert. Inzwischen ist einiges umgebaut worden und für mich hat das Hotel ein bisschen von genau dem verloren, was ich damals daran mochte. Wahrscheinlich ist das vollkommen unfair, weil Erinnerungen ohnehin grundsätzlich bessere Beleuchtung haben. Trotzdem: Das alte MGM in meinem Kopf gefällt mir noch immer besser.
Danach laufen wir den kompletten Weg praktisch wieder zurück. Excalibur, New York-New York, Monte Carlo, City Center – und spätestens jetzt melden sich unsere Füße mit einer erstaunlich deutlichen Stellungnahme zur bisherigen Tagesplanung. Las Vegas sieht auf der Karte immer so kompakt aus. Casino neben Casino, alles wunderbar nah beieinander. In Wirklichkeit kann man bereits innerhalb eines einzigen Hotels mehr Kilometer zurücklegen als auf mancher Wanderung. Nur dass man dabei statt Wanderschuhen ständig über Teppichböden läuft und an Spielautomaten vorbeikommt.
Wir überqueren schließlich den Strip und landen in den Miracle Mile Shops des Planet Hollywood. Dort wollen wir das Rainstorm-&-Fountain-Spektakel sehen, bei dem mitten in der Einkaufspassage ein künstliches Gewitter losgeht. Wir sind sogar rechtzeitig zur Show da und sichern uns ein Eis von Ben & Jerry’s. Damit sitzen wir also in einem Einkaufszentrum, essen Eis und warten darauf, dass es künstlich regnet. Las Vegas schafft Situationen, die man zu Hause nur schwer erklären kann. Das Gewitter selbst ist nett, aber nicht lebensverändernd. Dafür ist das Eis gut. Damit ist die Sache für mich ausgeglichen.

Gegen 16 Uhr unterbrechen wir unsere Casino-Wanderung, denn ich habe noch einen Auftrag. Meine Tochter wird in wenigen Wochen ebenfalls in den Westen reisen und möchte Tickets für „Rock of Ages“. In einer Vegas2Go-Zeitschrift habe ich einen 40-Prozent-Coupon entdeckt, und natürlich wird so etwas nicht ignoriert. Also fahren wir zum Rio. Dort hatten wir 2013 fünf Nächte verbracht und verbinden mit dem Hotel ziemlich gute Erinnerungen – vor allem an das damals großartige Buffet und die riesige Carnival-Show, bei der Wagen mit Tänzern unter der Decke durch das Casino schwebten.
Diesmal wirkt das Rio allerdings überraschend ruhig. Die große Show gibt es nicht mehr, die legendäre Buffet-Schlange ebenfalls nicht, und plötzlich steht man da und fragt sich ein wenig, was aus diesem Laden geworden ist. Aber unser eigentliches Ziel erreichen wir problemlos: Die Musicalkarten sind mit Coupon sensationell günstig, Auftrag erledigt. Damit haben wir zumindest an einer Stelle des Tages offiziell Geld gespart. Ich halte diesen Erfolg für erwähnenswert.
Danach geht es zum Orleans, wo ein Fuddruckers auf uns wartet. Diese Burgerkette kennen und mögen wir seit unserem ersten USA-Urlaub 1999, also ist die Entscheidung schnell gefallen. Nach all den glitzernden Hotels, LED-Säulen, Weinaufzügen und Luxusläden tut so ein ganz normaler Burger geradezu gut. Kein Tisch mit Kristallen, kein Kellner, der vermutlich einen Vornamen wie „Jean-Pierre“ trägt – einfach Burger. Wunderbar.
Nun wäre eigentlich ein hervorragender Zeitpunkt, ins Hotel zurückzufahren und die Füße hochzulegen. Unsere Füße selbst würden diesem Vorschlag ohne Abstimmung zustimmen. Wir nicht. Stattdessen parken wir im Linq und kämpfen uns durch das komplett neu gestaltete Hotel zur frisch entstandenen Promenade zwischen Linq und Flamingo. Dort ist wieder einmal sichtbar, wie schnell sich Las Vegas verändert. Neue Geschäfte, Bars und Restaurants säumen die Fußgängerzone, und ganz am Ende steht die Attraktion, für die wir gestern bereits unser Kombiticket gekauft haben: der High Roller.

Mit seinen 167,6 Metern ist er zu diesem Zeitpunkt das höchste Riesenrad der Welt und ragt deutlich über die umliegenden Gebäude. Die Gondeln sind riesige verglaste Kapseln, theoretisch für bis zu 40 Menschen ausgelegt. Heute Abend ist allerdings kaum etwas los, weshalb wir fast eine Privatfahrt bekommen: außer uns befinden sich gerade einmal zwei weitere Personen in der Gondel. Das gefällt mir ausgesprochen gut. Dreißig Minuten für eine komplette Umdrehung, genug Platz zum Fotografieren und niemand, der einem dauerhaft vor die Linse springt. So könnte Tourismus ruhig öfter funktionieren.
Der Zeitpunkt ist perfekt. Als wir unten einsteigen, ist es noch hell genug, um die Gebäude und Berge rund um Las Vegas zu erkennen. Während wir langsam höher steigen, beginnt die Dämmerung, und nach und nach gehen überall die Lichter an. Vom höchsten Punkt aus liegt fast der komplette Strip vor uns. Bellagio, Caesars, die Hotels rund um das City Center, dahinter die endlose Stadt bis zu den Bergen. Auf den Bildern sieht man wunderbar, wie sich die Farbe des Himmels während der Fahrt verändert. Beim Hinauffahren noch blau, oben die letzten Reste des Sonnenuntergangs und beim Abstieg bereits dunkle Nacht mit einem Teppich aus Millionen Lichtern darunter. Genau für solche Momente ist Las Vegas nachts gemacht.
Gegen 20 Uhr stehen wir wieder unten. Jetzt sind die Füße endgültig der Meinung, dass sie für heute genug geleistet haben. Ein Getränk wäre angebracht. Allerdings sind die Bars am mittleren Strip voll und teuer. Und jetzt kommt Stefan mit einer Idee, die einen gewissen schwäbischen Charme besitzt: Downtown. Dort hatten wir 2011 Margaritas für einen Dollar bekommen. Mehr Argumente braucht es eigentlich nicht. Also zurück zum Explorer und ab Richtung Fremont Street.
Downtown ist wieder ein vollkommen anderes Las Vegas. Keine riesigen modernen Hotelanlagen, sondern alte Casinos, Neonreklamen, Straßenbühnen und darüber die gigantische Fremont Street Experience. Die überdachte Fußgängerzone zieht sich über mehrere Blocks, und die komplette Decke besteht aus Millionen LEDs, auf denen regelmäßig Videoshows laufen. Dazwischen spielen Bands, Sänger treten auf und überall stehen Straßenkünstler. Einige davon sind wirklich gut. Andere besitzen vor allem sehr viel Selbstvertrauen.
Und dann gibt es noch jene Kategorie, für die man vermutlich ausschließlich nach Las Vegas fahren muss. Ein Mensch im Teddy-Kostüm. Zwei Nonnen, deren Kleidung bei näherer Betrachtung nicht ganz den üblichen kirchlichen Vorschriften entspricht. Darth Vader steht ebenfalls herum, und irgendwo dazwischen ziehen Menschen vorbei, deren Kostümidee sich mir bis heute nicht erschließt. Downtown ist wunderbar hemmungslos. Niemand fragt, ob etwas geschmackvoll ist. Die einzige relevante Frage lautet offenbar: Gucken die Leute hin? Falls ja, funktioniert es.
Wir erinnern uns allerdings an den eigentlichen Grund für unsere Fahrt hierher: günstige Margaritas. Am Fremont Casino prangt tatsächlich Werbung für Drinks zu 1,50 Dollar. Die betreffende Bar finden wir ganz hinten bei den Sportwetten, und natürlich ist sie voll. Eine einzige Mitarbeiterin versucht dort, gefühlt die komplette Fremont Street mit Getränken zu versorgen. Die Arme arbeitet in einer Geschwindigkeit, bei der ich bereits vom Zuschauen Durst bekomme. Wir ergattern einen Platz an den Wetttischen und entscheiden uns deshalb für eine ausgesprochen effiziente Bestellung: Wenn wir schon warten müssen, bestellen wir gleich mehrere.
Das Ergebnis ist auf dem Foto dokumentiert. Vor Benni stehen irgendwann fünf Becher gleichzeitig, weitere verteilen sich auf uns. Insgesamt kommen wir auf acht Margaritas. Nicht pro Person – das möchte ich sicherheitshalber ausdrücklich erwähnen, auch wenn Bennis Gesichtsausdruck auf dem Foto durchaus anderes vermuten lässt. Acht Margaritas für zusammen zwölf Dollar. Damit haben wir den finanziellen Tiefpunkt des Las-Vegas-Getränkemarktes erfolgreich gefunden. Ob sie qualitativ mit einer Cocktailbar im Cosmopolitan mithalten können, ist eine andere Frage. Nach dem zweiten Becher nimmt die wissenschaftliche Genauigkeit der Verkostung ohnehin etwas ab.

Irgendwann machen wir uns wieder auf den Weg ins Hard Rock Hotel. Es ist unsere letzte Nacht dort, und allein deshalb muss ich noch einmal bewusst unseren Blick aus der 22. Etage genießen. Morgen wechseln wir ins SLS und damit auch ein Stück weiter nach Norden. Heute allerdings endet ein Tag, an dem wir gefühlt den halben südlichen Strip zu Fuß vermessen, uns durch Aria, Cosmopolitan, Excalibur, Mandalay Bay, Luxor, MGM, Planet Hollywood und Rio gearbeitet, Burger gegessen, Musicaltickets gekauft, Las Vegas aus 168 Metern Höhe bei Nacht betrachtet und anschließend acht Margaritas für zwölf Dollar vernichtet haben.
Unsere Füße sind fertig. Unsere Kameras ebenfalls ziemlich gut beschäftigt. Und Benni hat offenbar noch genug Energie, um auf dem letzten Foto sehr zufrieden in die Kamera zu grinsen. Wahrscheinlich lag es an der Aussicht. Oder an den Margaritas.











































