Cape Cod & Newport
Zwischen Dünen, Leuchttürmen und Sonnenuntergang

Neuer Tag, neue Erkenntnis: Unser legendäres 24-Dollar-Motel kann viel – Frühstück gehört nicht dazu. Schade. Aber wir sind schließlich in Amerika, dem Land, in dem Frühstück eine eigene Kulturform ist. Also auschecken, Motor an, Ziel eingeben: Keltic Kitchen.

Und was soll ich sagen: Volltreffer. Rustikales Holz, urgemütliche Atmosphäre, genau diese Sorte Lokal, bei der man sofort weiß, dass hier niemand Kalorien zählt. Mein French Toast mit Blueberries ist so großzügig portioniert, dass er locker als Notration für eine Kleinstadt durchgehen würde. Stefan ist ebenfalls glücklich, wir auch – und satt genug, um Berge zu versetzen. Oder zumindest Halbinseln.

Um 7:45 Uhr rollen wir los Richtung Cape Cod. Diese berühmte Landzunge misst rund 399 Quadratmeilen, ragt etwa 65 Kilometer in den Atlantik hinein und sieht auf der Karte aus wie ein leicht angewinkelter Ellbogen. Der Name? Abgeleitet von Cod – Kabeljau. Früher gab es hier davon offenbar mehr als genug. Heute begegnen wir vor allem Ruhe, Weite und einer Landschaft, die selbst ohne Sommertrubel beeindruckt.

Unser erstes Ziel ist der Scargo Tower – oder, wie wir ihn liebevoll nennen: das Scargo-Türmchen. Nach gut zwanzig Minuten Fahrt stehen wir vor dem Bauwerk von 1929. Groß ist er nicht, aber hoch genug, um über die Baumwipfel hinweg den Ozean zu erspähen. Oben angekommen breitet sich Cape Cod unter uns aus, ruhig, weit, herbstlich – atemberaubend. Stefan dreht komplett frei und produziert gefühlt hundert Selfies. Sicher ist sicher. So ein Panorama läuft schließlich nicht weg.

Scargo Tower

Cape Cod zeigt sich jetzt, im Spätherbst, von seiner gelassenen Seite. Kaum Trubel, kaum Verkehr – dafür umso mehr Atmosphäre. Man versteht sofort, warum diese Region so beliebt ist. Sie drängt sich nicht auf, sie wirkt einfach.

Der nächste kurze Stopp führt uns nach Brewster. Im Drummer Boy Park tauchen wir ein ins Windmill Village. Hier steht eine liebevoll restaurierte Windmühle aus dem 18. Jahrhundert – die Higgins Farm Windmill – daneben ein historisches Wohnhaus und eine Schmiede. Alles wirkt gepflegt, ruhig, fast ein bisschen so, als hätte jemand die Zeit vorsichtig angehalten.

Wir schlendern, schauen, lesen Tafeln und lassen die Geschichte auf uns wirken. Kein großes Spektakel, kein Lärm – nur dieser typische Neuengland-Charme, der selbst in der Nebensaison problemlos funktioniert. Cape Cod enttäuscht nicht. Nicht heute. Und vermutlich auch sonst nie.

Higgins Farm Windmill

Wir setzen unsere Reise weiter (meistens) auf der Route 6A fort – jener alten Hauptstraße nach Cape Cod, die sich Zeit lässt und genau das auch von ihren Fahrern verlangt. Die 6A führt uns durch kleine, fast schon bilderbuchhafte Orte, vorbei an gepflegten Holzhäusern, Kirchen mit weißen Türmen und immer wieder diesen Blicken auf den Atlantik, der plötzlich zwischen Bäumen und Häusern aufblitzt. Keine Eile, kein Stress – diese Strecke fährt man nicht, man genießt sie. Und genau das tun wir.

Irgendwann erreichen wir im Norden die Kreuzung mit der neueren Route 6. Die Abzweigung nach Provincetown lassen wir zunächst links liegen, denn unser erstes Ziel wartet noch ein Stück weiter: der Race Point Beach – der nördlichste Strand von Cape Cod.

Es ist 10 Uhr morgens, und was wir dort vorfinden, ist kaum zu glauben: niemand. Kein Handtuch, kein Spaziergänger, kein Hund. Nur wir, der Sand, das Meer und die Dünen. Eine ganze Stunde lang gehört dieser Strand uns allein. Die Sonne scheint, das Wasser leuchtet in einem fast unwirklichen Türkis, und der Wind weht genau so, dass man ihn als angenehm durchgehen lässt. Schuhe aus, Füße ins Wasser, einmal tief durchatmen – genau für solche Momente sind Roadtrips gemacht.

Cape Cod Racepoint

Nach diesem Strandmoment, der sich wie ein Geschenk anfühlt, fahren wir weiter zum Province Lands Visitor Center. Von der Aussichtsplattform auf dem Gebäude eröffnet sich ein weiter Blick über die Dünenlandschaft des Cape Cod National Seashore – sandige Hügel, niedrige Vegetation und dahinter wieder dieses endlose Blau.

Und natürlich gibt es hier auch einen Selfie-Spot. Groß, unübersehbar, mit Hashtag-Rahmen und allem Drum und Dran. Normalerweise würden wir darüber milde lächeln – heute machen wir einfach mit. Warum auch nicht? Manchmal darf ein Moment genauso inszeniert sein, wie er ist.

Anschließend machen wir uns auf den kurzen Weg nach Provincetown – oft liebevoll P’Town genannt. Die Stadt liegt ganz am äußersten Zipfel von Cape Cod, dort, wo die Halbinsel aufhört und das Meer von gleich drei Seiten übernimmt. Mehr Ende geht geografisch kaum. Rund 3.400 Einwohner, dafür umso mehr Charakter: weltoffen, bunt, kreativ. Provincetown ist seit jeher ein Anziehungspunkt für der Schwulen und Lesben-Community und für Künstler aller Art – und genau diese Mischung spürt man sofort.

Provincetown

Schon beim Ankommen wirkt alles ein bisschen freier, entspannter, ungezwungener. Pubs, kleine Läden, Galerien. Die Architektur ist typisch Küste: holzverkleidete Häuser, oft in sanften Pastellfarben gestrichen, selten höher als zwei Stockwerke. Hochhäuser? Fehlanzeige. Stattdessen viel Luft, viel Licht und ein Stadtbild, das bewusst klein geblieben ist. Alles wirkt sauber, gepflegt und irgendwie charmant unaufgeregt.

Provincetown Commercial Street

Unübersehbar ragt der Pilgrim Monument über die Stadt. Der Turm erinnert an die Pilger, die hier einst an Land gingen – geschichtsträchtig, aber ohne erhobenen Zeigefinger. Er ist einfach da, wacht über die Stadt und dient gleichzeitig als perfekter Orientierungspunkt. Verlaufen unmöglich.

Provincetown Pilgrim Monument

Provincetown ist eine Stadt zum Flanieren. Alles Wichtige spielt sich entlang der Commercial Street ab. Restaurants, Cafés, Geschäfte, Kunst – alles reiht sich locker aneinander. Unser Spaziergang beginnt unten am Hafen, von wo aus wir uns treiben lassen, ohne Plan, ohne Ziel, einfach der Straße entlang.

Die Septembersonne meint es gut mit uns. Obwohl die Hauptsaison langsam ausläuft, sind die Terrassen noch gut gefüllt. Menschen sitzen draußen, reden, lachen, genießen.

Unser Hunger hält sich zwar in Grenzen, aber irgendwann stolpern wir über eine kleine Pizzeria mit sonniger Terrasse und Blick auf den Hafen. Entscheidung in Sekundenbruchteilen: eine Pizza zum Teilen. Mehr braucht es nicht.

Gegen 13 Uhr verabschieden wir uns von Provincetown. Schwer fällt es nicht – aber ein kleines bisschen Wehmut fährt trotzdem mit. Ein paar Meilen weiter südlich wartet schon der nächste Pflichtstopp: der Highland Light in Truro. Der älteste und höchste Leuchtturm auf Cape Cod – man will ja schließlich nichts Halbes sehen.

Der Weg dorthin ist kurz, der Anblick dafür umso schöner. Weißer Turm, klare Linien, Himmel wie gemalt. Wir machen, was man hier zwangsläufig tut: Fotos. Viele Fotos. Aus allen Winkeln, mit Himmel, ohne Himmel, mit Zaun, ohne Zaun. Danach nicken wir zufrieden – Leuchtturm abgehakt – und steigen wieder ins Auto.

Highland Light Truro

Denn unser heutiges Ziel liegt noch ein gutes Stück entfernt: Newport in Rhode Island, rund 150 Meilen weiter südwestlich. Zeit also, Strecke zu machen.

Ganz ohne Umweg schaffen wir es natürlich nicht. Ein kurzer Stopp bei Cape Cod Harley-Davidson in Pocasset muss noch sein. Ein wirklich hübscher Laden, mit einem Hauch Südstaaten-Flair – was besonders witzig ist, wenn man bedenkt, dass man ihn mitten im Wald findet. Ernsthaft. Wald. Bäume. Und plötzlich Harley-Davidson. Damit hätten wir nun wirklich nicht gerechnet. Wieder was gelernt.

Cape Cod Harley Davidson

Um 15 Uhr zeigt die Uhr unmissverständlich: Weiterfahren. Die Strecke zieht sich, aber sie läuft gut, und gegen 17:30 Uhr rollen wir endlich bei unserem Hotel in Middletown ein, etwa zwanzig Autominuten nördlich von Newport. Kurzer Check-in, keine Zeit verlieren – der Sonnenuntergang wartet nicht.

Also gleich weiter nach Newport, runter zum Hafen. Die Vorfreude steigt mit jeder Minute. Dieser Tag war voll, abwechslungsreich und wunderschön – und jetzt soll er mit einem Sonnenuntergang am Wasser enden. Besser kann man ein Roadtrip-Kapitel eigentlich nicht abschließen.

Pünktlich um 18:30 Uhr stehen wir im King Park. Besser hätte man es nicht timen können. Der Hafen liegt beinahe unbeweglich vor uns, das Wasser glatt wie poliertes Glas, nur hier und da durchbrochen von leichten Wellen und den dunklen Silhouetten der Segelboote. Dahinter spannt sich die Newport Bridge über das Wasser, ruhig, monumental, fast nebensächlich angesichts dessen, was gerade am Himmel passiert.

Newport Harbor

Der Sonnenuntergang legt los, als hätte er heute etwas zu beweisen. Erst warmes Gold, dann tieferes Orange, schließlich dieses satte Rosa, das sich langsam ins Violette schiebt. Alles spiegelt sich im Hafen, jede Farbe doppelt, einmal oben, einmal unten. Und das Beste: Wir sind allein. Kein Stimmengewirr, kein Gedränge, kein Geduld-erforderndes Warten auf den besten Platz. Nur wir, das Wasser – und Jean-Baptiste Donatien de Vimeur, der von seinem Denkmal aus stumm auf das Schauspiel blickt. Zugegeben: Seine Aussicht ist vermutlich noch einen Hauch besser. Aber wir beschweren uns nicht.

Jean-Baptiste Donatien

Die Sonne ist noch nicht ganz verschwunden, als wir schließlich wieder ins Auto steigen. Das Licht wird weicher, die Farben dunkler, alles verlangsamt sich. Trotz des schwindenden Tageslichts entscheiden wir uns spontan für einen kleinen Umweg über die Ocean Avenue. Morgen werden wir diese berühmte Scenic Road bei Tageslicht fahren – aber jetzt reicht uns dieser Moment zwischen Tag und Nacht. Ganz im Süden der Ocean Avenue halten wir noch einmal kurz inne. Und dann passiert es: Die Sonne berührt den Horizont, zögert für den Bruchteil einer Sekunde und verschwindet schließlich im Meer. Kein großes Drama. Kein Applaus. Einfach nur dieses leise, perfekte Ende eines außergewöhnlich schönen Tages.

Danach meldet sich zuverlässig der Hunger. Nicht weit von unserem Motel in Middletown entfernt landen wir bei der Coddington Brewing Company. Eine Entscheidung, die mir grundsätzlich leichtfällt. Immer, wenn sich die Gelegenheit bietet, in einer kleinen amerikanischen Brauerei zu essen, bin ich sofort dabei. Ich liebe diese rustikalen Läden, das warme Licht, die Kupferkessel im Hintergrund – und natürlich die hausgebrauten Biere.

Stefan bleibt seiner Linie treu und bestellt Cola. Er behauptet nach wie vor, amerikanisches Bier sei nicht sein Ding. Ich halte das für ein Gerücht. Ein sehr hartnäckiges.

Ich dagegen entscheide mich ohne großes Zögern für ein Pumpkin Spice Beer. Die Beschreibung liest sich wie ein Herbstgedicht mit Hopfen: Kürbis im Sud, dazu Zimt, Ingwer, Muskatnuss, Nelken und Vanille. Ganz ehrlich – das klingt nicht nach Risiko, das klingt nach Plan. Und ja: Es schmeckt genauso gut, wie es klingt.

Normalerweise gehört zu meinem Bier-Ritual noch ein zweiter Durchgang – das sogenannte Waiter’s Favorite. Doch diesmal gibt es keine Experimente. Ich bestelle einfach noch einmal dasselbe Pumpkin Spice Beer. Man soll sein Glück schließlich nicht herausfordern.

Wir essen, trinken, lehnen uns zurück und lassen den Tag ausklingen.

Cheers – auf einen großartigen Tag, einen perfekten Sonnenuntergang und ein Abendessen, das genau dort endet, wo es hingehört: in einer kleinen Brauerei irgendwo in Rhode Island.

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