Newport – Paläste am Meer und ein Bummel durch Downtown
Ich wache um 6 Uhr auf – und mein erster Gedanke ist nicht etwa „Guten Morgen“, sondern schlicht: Hunger.
Stefan ist sofort dabei. Frühstarter-Modus an, Schuhe an, Blick Richtung Frühstück. Und tatsächlich: Im Ambassador Inn wartet ein Continental Breakfast, das genau das hält, was es verspricht. Keine Show, kein ChiChi – aber Bagels, Toast, Orangensaft und Kaffee in ausreichender Menge. Mehr braucht es um diese Uhrzeit nicht. Wir frühstücken konzentriert, effizient und mit der leisen Vorfreude auf das, was der Tag bringen soll.
Punkt 7 Uhr sitzen wir im Auto und fahren Richtung Newport. Heute stehen sie auf dem Plan: die legendären Mansions am Atlantik. Acht prunkvolle Sommervillen, einst Rückzugsorte extrem wohlhabender amerikanischer Familien, heute liebevoll erhalten von der Preservation Society of Newport County. Schon auf dem Weg dorthin wird klar: Hier geht es nicht nur um die offiziellen Anwesen. Auch die „normalen“ Privathäuser wirken alles andere als normal – eher wie Nebenrollen in einem sehr opulenten Historienfilm.
Unser Startpunkt ist die berühmten Forty Steps – eine Treppe direkt am Klippenrand und gleichzeitig der Auftakt zum Cliff Walk. Es ist noch früh, die Sonne steht angenehm tief, und wir haben diesen spektakulären Ort fast für uns allein. Kein Gedränge, kein Lärm – nur Meer, Felsen und Licht.

Wir parken unser Auto in der Narragansett Avenue und stellen fest: Die Parkuhr ist außer Betrieb. Ratlosigkeit macht sich breit. Wie genau verhält man sich in den USA bei einer kaputten Parkuhr? Bezahlen? Nicht bezahlen? Wegfahren? Beten? Praktischerweise trifft genau in diesem Moment ein nettes amerikanisches Paar ein – mit exakt derselben Frage. Keine Lösung, aber immerhin geteilte Unsicherheit.
Wir entscheiden uns für die pragmatische Variante: ignorieren und hoffen. Vielleicht ist heute unser Glückstag und das Parken kostenlos. Vielleicht auch nicht. Aber jetzt wollen wir laufen.
Die ursprünglichen 40 Stufen wurden bereits 1830 aus Holz gebaut – von David Priestly Hall, damit seine Kinder bequemer zum Strand kamen. Später ersetzte man sie durch Stahl, heute bestehen sie aus Beton und führen zu einer kleinen Aussichtsplattform direkt über dem Meer. Wir steigen hinab, schauen kurz – beeindruckend, ja. Aber wir sind ehrlich: Das allein haut uns noch nicht um.
Also drehen wir uns nach Süden und nehmen den eigentlichen Cliff Walk in Angriff. Links glitzert der Atlantik, rechts erheben sich die gewaltigen Anwesen, eines beeindruckender als das nächste. Die Sonne scheint, das Meer funkelt, und mit jedem Schritt wird klar: Das hier ist genau unser Ding.

Je weiter wir auf dem Cliff Walk vorankommen, desto mehr wird uns eine Besonderheit dieser Gegend bewusst – und sie gefällt uns ausgesprochen gut. In den USA ist gesetzlich festgelegt, dass der Zugang zwischen Anwesen und Meer nicht versperrt werden darf. Keine Mauern, keine Zäune, keine „Private Property“-Schilder mit erhobenem Zeigefinger. Das bedeutet für uns: Wir dürfen hier ganz selbstverständlich entlang der Rückseiten dieser prunkvollen Villen spazieren, während links der Atlantik rauscht und rechts die Rückfassaden von Häusern auftauchen, die größer sind als manches Schloss. Ein Luxus, der nicht gekauft werden kann – sondern erlaufen wird.

Der nördliche Abschnitt des Cliffwalks ist dabei angenehm komfortabel. Der Weg ist gut gepflegt, breit und offiziell als Erholungsweg ausgewiesen. Kein Klettern, kein Balancieren – einfach Gehen und Staunen. Das erste große Statement setzt Ochre Court. Monumental, herrschaftlich, beinahe einschüchternd. Ein Haus, das nicht fragt, ob man es beeindruckend findet – es setzt es einfach voraus. Kurz darauf folgt das Vinland Estate, etwas zurückhaltender, aber nicht minder elegant. Beide Anwesen wirken, als hätten sie sich hier ganz selbstverständlich niedergelassen, ohne je zu überlegen, ob das vielleicht ein bisschen zu viel sein könnte.

Kurz vor dem Ochre Point steht dann das unumstrittene Schwergewicht dieser Strecke: The Breakers. Das wohl berühmteste Herrenhaus von Newport. Cornelius Vanderbilt II ließ dieses Sommerdomizil mit 70 Zimmern errichten – geplant von Richard Morris Hunt, einem der renommiertesten Architekten seiner Zeit. Das Ergebnis ist weniger Wohnhaus als vielmehr eine Machtdemonstration aus Stein, Säulen und Symmetrie. Stilistisch klar an der europäischen Renaissance orientiert, wirkt The Breakers wie ein Stück Europa, das man sehr entschlossen an die amerikanische Ostküste verpflanzt hat. Groß, prachtvoll, kompromisslos.

Wir setzen unseren Weg weiter nach Süden fort, immer mit dem Meer zur linken und der Architektur zur rechten Seite. Bald taucht die eindrucksvolle Rückseite von Rosecliff auf. Inspiriert vom Grand Trianon von Marie Antoinette in Versailles, strahlt dieses Anwesen eine beinahe spielerische Eleganz aus. Der Name ist Programm: Rosen, wohin man blickt. Und als wäre das nicht schon genug, hat Rosecliff auch noch Filmgeschichte geschrieben. Hier wurden Szenen für Der große Gatsby und True Lies gedreht. Ein Haus mit Star-Appeal – ganz ohne Allüren.

Unser nächster Halt ist das Marble House. Errichtet zwischen 1888 und 1892, ebenfalls von Richard Morris Hunt, diesmal für William Kissam Vanderbilt. Der Auftrag an den Architekten war herrlich unbescheiden: „Bauen Sie das beste Haus, das Geld kaufen kann.“ Gesagt, getan. 50 Zimmer, Unmengen an Marmor und eine Ausstattung, die keinerlei Zweifel daran lässt, dass Geld hier keine Rolle spielte. Und doch – im direkten Vergleich zu The Breakers wirkt das Marble House fast schon… zurückhaltend. Relativ gesehen natürlich. Denn objektiv betrachtet stehen wir immer noch vor einem Anwesen, das jede gängige Definition von Luxus mühelos sprengt.

Mit jedem Schritt wird klar: Der Cliffwalk ist keine einfache Spazierstrecke. Er ist eine Zeitreise, ein Blick in eine Epoche, in der Reichtum nicht dezent war, sondern sichtbar, greifbar und ganz bewusst inszeniert. Und wir dürfen mitten hindurchlaufen. Kostenlos. Mit Meeresblick.
Kurz nachdem wir das Marble House hinter uns lassen, endet der gepflegte Spazierweg abrupt – Feierabend für die noble Promenade, jetzt übernimmt die Natur. Wir wechseln auf einen schmalen Pfad, der uns bis zum Sheep Point führt. Ein kleiner Tunnel bringt uns auf die Südseite, und ab da geht es wagemutig an den Klippen entlang. Links der Fels, rechts der Atlantik, dazwischen wir – und diese Sorte Ausblick, bei der man automatisch langsamer geht, weil das Auge nicht hinterherkommt.

Mit jedem Schritt tauchen weitere Villen auf, eine beeindruckender als die nächste. Der Auslöser läuft heiß, ganz ohne Aufforderung. Außer uns sind hier kaum Touristen unterwegs, nur ein paar morgendliche Jogger ziehen konzentriert ihre Bahnen, als wäre das hier ein ganz normaler Trainingsweg und keine Filmkulisse.
Hinter dem Rough Point Mansion schließt plötzlich eine Joggerin zu uns auf. Strahlendes Lächeln, kurze Frage, ob wir ein paar Fotos machen können. Klar. Sie drückt mir ihr iPhone in die Hand und posiert auf den Klippen – mal mit dem tosenden Meer im Rücken, mal mit dem Mansion als dramatische Kulisse. Nach der ersten Runde prüft sie kritisch die Bilder, wünscht sich noch zwei weitere Aufnahmen, dann ist sie zufrieden. Profi.
Beim Weggehen blickt sie noch einmal hinüber zum Rough Point und erzählt uns begeistert, dass sie dieses Haus aus dem Film The Womanizer kennt – im Original The Ghosts of Girlfriends Past mit Matthew McConaughey. In meinem Kopf mache ich innerlich schon einen Haken an eine weitere Filmlocation. Später stellt sich heraus: leider falsch. Gedreht wurde im Castle Hill im Crane Estate. Tja. Filmwissen ist eben auch nur so lange gut, bis Google widerspricht.
Schließlich erreichen wir den südlichsten Punkt des Cliffwalks, treffend „Land’s End“ genannt. Hier dreht der Weg um und führt wieder nach Norden, Richtung Reject’s Beach. Die Bellevue Avenue ist jetzt nur noch ein paar Schritte entfernt – und mit ihr langsam auch wieder die Zivilisation.
Die Bellevue Avenue zeigt uns nun die andere Seite der Medaille – die Vorderansichten jener Anwesen, die wir zuvor nur von hinten bestaunt haben. Eine echte Prachtstraße, geschniegelt, geschniegelt und dabei herrlich selbstbewusst. Haus reiht sich an Haus, jedes größer, imposanter, teurer aussehend als das vorherige. Man läuft hier nicht einfach vorbei, man gleitet innerlich ein paar Jahrzehnte zurück in eine Zeit, in der Geld offensichtlich kein limitierender Faktor war.
Bellevue Avenue
Am Ende der Avenue stehen wir schließlich vor dem berühmten Breakers Mansion. Kurz blitzt der Gedanke auf, auch das Innere zu besichtigen. Dann werfen wir einen Blick auf den Eintrittspreis, schauen uns an – und lassen es bleiben. Die Fassade reicht uns völlig, unsere Neugier hält sich in Grenzen, und Newport hat noch mehr zu bieten als vergoldete Treppenhäuser. Also zurück zum Auto. Punkt 11:30 Uhr. Erleichterung: Es steht noch da. Unberührt. Ohne Knöllchen. Man weiß ja nie.

Statt direkt in die Innenstadt zu fahren, entscheiden wir uns für einen Umweg – und was für einen. Der Ocean Drive zieht sich rund 16 Kilometer an der Küste entlang und liefert eine Aussicht nach der anderen. Der Atlantik zeigt sich von seiner besten Seite, das Licht glitzert auf dem Wasser, und zwischendurch tauchen immer wieder Anwesen auf, bei denen völlig klar ist: Hier wohnt niemand mit Sparkassen-Girokonto. Eine entspannte Fahrt, die weniger Fortbewegung ist als vielmehr ein rollender Aussichtspunkt – und der perfekte Abschluss für unseren Vormittag in Newport.
Ocean Avenue
Wir setzen unsere Reise fort und legen noch einen kurzen Stopp am Hafen ein. Ein Ort mit Wiedererkennungswert – gestern Abend standen wir genau hier und haben einen Sonnenuntergang erlebt, der aussah, als hätte jemand am Himmel großzügig den Farbregler auf „Drama“ geschoben. Orange, Rosa, Gold – gespiegelt im ruhigen Wasser, dazu diese angenehme Hafenstille. Ein Moment, der hängen bleibt.

Am Tag wirkt der Hafen ganz anders, aber nicht weniger charmant. Das Wasser glitzert in der Sonne, Boote schaukeln träge vor sich hin, und entlang der Promenade reihen sich Cafés und kleine Läden, die sofort Urlaubsmodus auslösen. Alles wirkt entspannt, unaufgeregt, freundlich – Newport eben.

Die Mittagssonne steht inzwischen ziemlich selbstbewusst am Himmel, als wir in Downtown Newport ankommen. Das Licht ist klar, fast schon ein wenig grell, und genau richtig, um die Stadt von ihrer lebendigen Seite zu zeigen. Wir lassen das Auto stehen und schlendern durch das Hafenviertel, ohne Eile, ohne festen Plan. Gepflegte Restaurants reihen sich aneinander, viele mit Terrassen direkt am Wasser, auf denen Menschen sitzen, essen, reden, beobachten. Boote schaukeln im Hafen, Masten klappern leise im Wind, irgendwo spielt Musik – Newport fühlt sich jetzt deutlich städtischer an als noch am Morgen am Cliffwalk.
Richtig hungrig sind wir nach dem ausgiebigen Frühstück und dem langen Spaziergang eigentlich nicht, aber ganz ohne Pause geht es auch nicht. Also landen wir ganz entspannt bei Panera Bread und teilen uns ein Sandwich. Nichts Aufwendiges, nichts Spektakuläres – aber genau das Richtige in diesem Moment. Leicht, unkompliziert, schnell. So, dass man danach nicht träge wird, sondern einfach weiterschlendern kann.
Und weil wir schon dabei sind, das Leben angemessen zu würdigen, gönnen wir uns anschließend noch ein Eis von Ben & Jerry’s. Keine Diskussion, keine Abwägung – manche Entscheidungen trifft man einfach instinktiv richtig. Mit dem Eis in der Hand setzen wir uns ans Wasser, schauen den Booten zu und lassen die Szenerie auf uns wirken.
Bis etwa 13:30 Uhr genießen wir dieses entspannte Hafenleben, beobachten Menschen, hören Gesprächsfetzen, lassen den Vormittag langsam ausklingen. Dann ist klar: Der nächste Abschnitt des Roadtrips wartet. Die Straße ruft – und wir sind bereit, ihr zu folgen.

Der Abschied von Newport erfolgt standesgemäß über die Claiborne Pell Bridge. Über die Insel Jamestown geht es weiter, erst auf der US 4, dann über Wickford Junction und die US 102 bis nach Exeter. Dort legen wir noch einen kurzen, aber unverzichtbaren Zwischenstopp ein – ein weiterer Harley-Store wartet. Ein T-Shirt wandert in den Kofferraum, Pflicht erfüllt. Dreißig Minuten später überqueren wir die Grenze nach Connecticut. Die Straße ruft, wir folgen.

Auf der I-95 rollen wir weiter und kommen an Yale University vorbei. Kurz überlegen wir, halten dann aber Kurs. Wir haben am Ende der Reise bereits eine Führung in Harvard gebucht – eine Elite-Uni muss reichen. Man will sich ja nicht überfordern.
Da bis zum Abendessen noch etwas Zeit bleibt, steuern wir einen Walmart an und stocken die Getränkevorräte auf. Spontan kaufen wir eine große Plastikbox, die perfekt auf die Ladefläche passt. Getränke rein, Ordnung hergestellt. Unser Pickup beweist mal wieder, dass er nicht nur fährt, sondern auch denkt.

Zum Abendessen geht’s ins Texas Roadhouse in West Haven. Auf den Tisch kommen zuerst die legendären Dinner Rolls mit Zimtbutter – eigentlich schon ein Grund allein, hier anzuhalten. Danach folgt das Ribeye Steak. Punkt. Gut gesättigt machen wir uns an die letzten 60 Meilen des Tages.
Gegen 20 Uhr erreichen wir das Ardsley Acres Hotel. Leider endet der Tag erstmal weniger glamourös: Unser Zimmer riecht derart heftig nach Fäkalien, dass keine Diskussion nötig ist. Ursache offenbar eine Dohle, die sich direkt vor unserer Zimmertür niedergelassen hat – inklusive olfaktorischem Beweis ihrer Anwesenheit.
Ich bitte um ein anderes Zimmer, und das Personal reagiert erfreulich entspannt. Fünf Minuten Wartezeit, das Ersatzzimmer wird vorbereitet. Völlig in Ordnung. Hauptsache, wir schlafen nicht mit offenem Fenster und geschlossenem Atem. Ende gut, Abend gerettet.

































