Mit Dampf auf den Mount Washington – und dann immer weiter bis Maine
Um 5:30 Uhr klingelte der Wecker. Eine Uhrzeit, bei der der menschliche Körper normalerweise noch nicht einmal weiß, ob er schon existiert. Wir wussten es allerdings ziemlich genau, denn wir hatten einen Plan. Einen sehr frühen Plan. Zum Frühstück gab es nichts Großartiges, sondern schlicht ein paar Dinner Rolls aus unserem Vorrat. Nicht unbedingt das Frühstück, das Ernährungsberater für einen Bergtag empfehlen würden, aber dafür mussten wir weder jemanden wecken noch in einem verlassenen Motelkomplex ein weiteres schwarzes Telefon bedienen. Um 6:30 Uhr saßen wir im Auto und machten uns auf den Weg zur Mount Washington Cog Railway.
Am Vortag hatten wir noch vor der Auto Road gestanden und vernünftigerweise darauf verzichtet, 38 Dollar für die Aussicht auf eine geschlossene Wolkendecke zu bezahlen. Der Mount Washington hatte uns also gewissermaßen vertröstet. Heute wollten wir ihm erneut eine Chance geben – diesmal nicht auf vier Rädern, sondern mit der legendären Zahnradbahn. Ganz ursprünglich hatten wir sogar kurz mit der Idee gespielt, beides zu kombinieren: einer fährt mit dem Zug hoch, der andere mit dem Auto, oben treffen wir uns und auf dem Rückweg wird getauscht. Klang im ersten Moment ausgesprochen clever. Im zweiten Moment stellten wir fest, dass Bahn und Auto auf unterschiedlichen Seiten des Berges starten und man anschließend erst einmal um den kompletten Berg herumfahren müsste, um den jeweils anderen wieder einzusammeln. Also ungefähr die Art von Plan, die auf Papier brillant aussieht und in der Realität einen ganzen Urlaubstag frisst. Wir ließen es bleiben und entschieden uns für die Bahn.

Unsere Unterkunft lag nur etwa 25 Minuten entfernt, weshalb wir mehr als pünktlich an der Cog Railway Station ankamen. Der Himmel war glasklar und tiefblau, was uns sofort in gute Stimmung versetzte. Leider war es gleichzeitig ziemlich kalt, und das Visitor Center hatte noch geschlossen. Also standen wir draußen und warteten darauf, dass irgendein freundlicher Mensch endlich die Tür aufschloss und uns in die Wärme ließ. Der Preis für unseren Ausflug lag bei stolzen 154 Dollar für uns beide. New England zeigte sich damit erneut als Region, in der selbst Naturerlebnisse gern einen gewissen finanziellen Bildungsauftrag übernehmen.
Der Grund für den frühen Start war allerdings ein sehr guter: Der erste Zug des Tages wurde von einer alten Dampflokomotive gezogen. Später kamen überwiegend Bio-Diesel-Loks zum Einsatz, aber wenn man schon einmal mit der ältesten Zahnradbahn der Welt auf den Mount Washington fährt, dann wollten wir bitteschön Rauch, Kohle, Dampf und das Gefühl haben, dass jederzeit jemand mit Taschenuhr „All aboard!“ rufen könnte.
Nachdem wir eingecheckt und unsere richtigen Tickets erhalten hatten, sollten wir uns gegen 7:45 Uhr am Bahnsteig einfinden. Bis dahin konnten wir draußen beobachten, wie rangiert wurde und unsere Dampflok langsam bereitgestellt wurde. Schon das war ein kleines Schauspiel. Die Lok war kompakt, gedrungen und mit ihrem geneigt montierten Kessel gebaut wie etwas, das ganz offensichtlich nicht für gemütliche Flachlandfahrten vorgesehen war. Bei jeder Fahrt wurden ungefähr eine Tonne Kohle und rund 3.800 Liter Wasser verbraucht. Und die Kohle musste während der Fahrt von Hand in den Kessel geschaufelt werden. Spätestens da war klar: Der Heizer hatte an diesem Morgen deutlich mehr verdient als wir beide zusammen mit unseren Dinner Rolls.
Wenig später rollte die Bahn ein, der Schaffner winkte und wir stiegen mit den anderen Passagieren ein. Wir bekamen einen Platz direkt am Fenster, was natürlich perfekt war. Kaum saßen wir, setzte sich die Bahn langsam in Bewegung. Die Mount Washington Cog Railway wurde 1869 eröffnet und gilt als älteste Zahnradbahn der Welt. Schon die Tatsache, dass man damals überhaupt auf die Idee kam, eine Bahnlinie auf diesen Berg zu bauen, ist ziemlich beeindruckend. Heute hätte vermutlich erst einmal eine 400-seitige Machbarkeitsstudie ergeben, dass man besser eine Seilbahn plant.
Unsere Lok schnaufte los, schwarzer Rauch zog nach hinten und langsam schoben wir uns bergauf. Zunächst ging es noch durch dichten Wald, dann wurde das Gelände offener. Die Strecke ist eingleisig und besitzt mehrere Ausweichstellen, an denen sich bergauf- und bergabfahrende Züge begegnen können. Schon früh merkte man, wie steil die Bahn tatsächlich unterwegs war. Die durchschnittliche Steigung liegt bei etwa 25 Prozent, und das fühlt sich im Wagen deutlich eindrucksvoller an, als die Zahl zunächst vermuten lässt. Dann kam die berühmte Jacob’s Ladder.
Hier führt die Strecke über eine rund 7,5 Meter hohe Bockbrücke mit einer Steigung von bis zu 37 Prozent. In diesem Abschnitt sitzt man nicht mehr einfach nur in einer Eisenbahn, sondern eher in einem fahrenden Beweis dafür, dass Schwerkraft offenbar verhandelbar ist. Das Gleis hängt gefühlt irgendwo am Berg, unter uns nichts als Luft und Landschaft, während die Lok vorne stoisch weiterarbeitet.
Unser Bremser hieß Tom und erzählte während der Auffahrt jede Menge über die Bahn. Schon seine Jobbezeichnung klang herrlich altmodisch, und tatsächlich war seine Aufgabe alles andere als dekorativ. Um diesen Posten übernehmen zu dürfen, musste er die Strecke rund 200 Mal begleiten. Verständlich. Bei einer Bahn, die stellenweise mit 37 Prozent Gefälle unterwegs ist, möchte man ungern hören: „Keine Sorge, der Kollege macht das heute zum ersten Mal.“

Oben hatten wir rund eine halbe Stunde Zeit. Im Visitor Center gab es Kaffee und Donuts, was nach der Fahrt und unserem eher minimalistischen Frühstück dringend nötig war. Danach gingen wir wieder hinaus und fotografierten, was das Zeug hielt. Die Aussicht war wirklich spektakulär. Die White Mountains lagen unter uns, Bergketten zogen sich in alle Richtungen und die klare Luft machte aus dem Gipfel einen Ort, an dem man problemlos noch eine Stunde hätte stehen können.
Besonders spannend war für uns die Dampflok selbst. Wir beobachteten den Heizer dabei, wie er Kohle in den Kessel schaufelte, und fragten irgendwann ganz frech, ob wir uns den Arbeitsplatz einmal genauer anschauen dürften. Er sagte ja und zeigte uns die Lok von innen. Hebel, Räder, Armaturen und dieses ganze mechanische Gewirr, das im Gegensatz zu modernen Fahrzeugen noch so aussah, als könnte man daran tatsächlich erkennen, wie es funktioniert. Man spürte richtig, wie viel Handarbeit nötig war, damit diese kleine Lok einen Wagen voller Touristen auf fast 2.000 Meter Höhe brachte.
Dann wurde es Zeit für die Rückfahrt. Wir entschieden uns bewusst wieder für die Dampflok, denn später sollten nur noch die Bio-Diesel-Züge unterwegs sein. Wenn man schon 154 Dollar bezahlt, dann bitte zweimal volles Programm.
Bergab änderte sich die Rolle unseres Bremser Tom schlagartig. Während er bergauf noch Geschichten erzählen konnte, war jetzt Schluss mit Unterhaltung. Der Wagen besitzt ein eigenes Bremssystem, unabhängig von der Lok, und Tom musste ständig darauf achten, dass der Wagen nicht zu viel Druck auf die Lok ausübt. Auf den besonders steilen Abschnitten wäre es gefährlich, wenn der Wagen aufliefe und dabei das Zahnrad der Lok aus der Schiene drücken würde. Damit war ziemlich schnell klar, dass Tom jetzt etwas Besseres zu tun hatte, als Touristen mit Anekdoten zu versorgen.
Wir kamen natürlich sicher unten an, und die Fahrt war jeden Dollar wert. Teuer, ja. Aber eines dieser Erlebnisse, bei denen man später nicht sagt: „Ach, hätten wir uns sparen können.“ Ganz im Gegenteil. Die alte Dampflok, diese unglaubliche Steigung, die Aussicht vom Gipfel und die ganze Technik dahinter machten die Cog Railway zu einem echten Highlight dieser Reise. Danach hieß es wieder: Roadtrip.
Wir fuhren weiter Richtung Gorham, durch die White Mountains, vorbei an Seen, Wäldern und immer wieder Kürbisständen. Neuengland machte auch heute wieder ernst mit seinem Herbstthema. Teilweise standen so viele Kürbisse am Straßenrand, dass man den Eindruck bekam, irgendjemand hätte in Vermont und New Hampshire beschlossen, den gesamten Kontinent bis Halloween vollständig mit orangefarbenem Gemüse zu versorgen.
Gegen Mittag meldete sich unser Magen und wir fuhren kurz durch Gorham, ohne zunächst etwas Passendes zu finden. Beim Zurückfahren entdeckten wir dann Welsh’s Restaurant. Das Lokal sah nett aus, direkt davor war sogar ein Parkplatz frei – zwei überzeugende Argumente. Wir teilten uns ein B.L.T.-Sandwich mit Suppe und Pommes. Die Wartezeit lag bei ungefähr 45 Minuten, was uns ein wenig überraschte, aber dafür hatten wir Zeit, unsere bisherigen Eindrücke des Tages zu sortieren und die Cog Railway innerlich noch einmal hoch und runter zu fahren.
Danach ging es weiter auf dem Highway 2 – und schließlich über die Grenze nach Maine. Damit hatten wir tatsächlich alle sechs Neuengland-Staaten besucht. Für uns war das ein kleiner Meilenstein. Nicht, weil am Grenzschild jemand Konfetti geworfen hätte, sondern weil unsere persönliche USA-Landkarte wieder ein Stück vollständiger wurde. Kühlschrankmagnete gehörten dabei selbstverständlich zur Dokumentation. Nur noch sieben Bundesstaaten fehlten uns zu diesem Zeitpunkt, dann hätten wir die kompletten USA einmal bereist. Andere sammeln Briefmarken. Wir sammelten Bundesstaaten.
Nicht weit hinter der Grenze kamen wir durch Rumford und entdeckten dort etwas, das einen spontanen Stopp zwingend erforderlich machte: einen Muffler Man. Wer diese Figuren nicht kennt, muss wissen, dass sie zu den herrlich absurden Überbleibseln amerikanischer Straßenkultur gehören. Riesige Fiberglasmänner, ursprünglich als Werbefiguren gebaut und später kreuz und quer durchs Land verteilt. Dieser hier hieß Bunyan und stand zusammen mit seinem blauen Ochsen Babe am Straßenrand. Einst hatte die Figur zu einem örtlichen Baumarkt gehört, inzwischen bewachte sie das Informationszentrum der Stadt. Und natürlich mussten wir Fotos machen. Wer an einem riesigen Fiberglas-Holzfäller mit blauem Ochsen vorbeifährt und nicht anhält, hat das Prinzip eines amerikanischen Roadtrips nicht verstanden.
Hinter Bunyan entdeckten wir noch einen kleinen Park mit einem Weg hinunter zu den Rumford Falls am Androscoggin River. Also liefen wir kurzerhand hinunter, vertraten uns ein bisschen die Beine und genossen die Sonne. Genau diese spontanen Stopps machten unsere Reise so angenehm. Nicht alles musste vorher geplant sein. Manchmal reicht ein überdimensionaler Fiberglasmann, um den Nachmittag interessanter zu machen.
Von Rumford ging es weiter durch Maine, und die Landschaft blieb wunderschön. Wälder, kleine Orte, Seen und Straßen, die immer wieder durch langgezogene Täler führten. Der Tag neigte sich langsam dem Ende zu, und als wir Bangor erreichten, stand die Sonne bereits tief. Der Himmel leuchtete orange-rot und die Stadt lag im warmen Abendlicht vor uns.

Damit war allerdings noch nicht Schluss. Wir hatten Hunger. Und Bangor hatte ein Texas Roadhouse. Damit war die Entscheidung praktisch gefallen. Wir stoppten für ein ordentliches Ribeye-Steak und die obligatorischen Dinner Rolls mit Zimtbutter, die allein schon genug Kalorien besitzen, um einen kleineren Winter zu überstehen. Nach der frühen Dampflokfahrt, den vielen Meilen, dem Umweg zu Bunyan und dem langen Tag fühlte sich das genau richtig an.
Danach lagen noch rund 40 Meilen bis Trenton vor uns. Kurz nach 20 Uhr erreichten wir schließlich das Open Heart Inn. Unsere Unterkunft war wieder eine kleine Cabin, was inzwischen beinahe schon zum Stil dieser Reise gehörte. Es war bereits stockdunkel, als wir ankamen, also schleppten wir unsere Sachen ins Mini-Haus und machten es uns gemütlich.
Unsere Abendroutine war inzwischen perfekt eingespielt. Stefan sicherte die Fotos des Tages, während ich ungefähr in dem Moment einschlief, in dem mein Kopf das Kissen berührte. Eine ausgesprochen faire Arbeitsteilung, wie ich fand. Schließlich musste ja jemand dafür sorgen, dass am nächsten Morgen wenigstens einer von uns ausgeschlafen war.
Hinter uns lag ein Tag mit Dampflok, Zahnradbahn, Mount Washington, Maine-Grenze, Muffler Man und Sonnenuntergang in Bangor. Und vor uns wartete der nächste große Punkt dieser Reise: die Küste von Maine.






























