Von Cadillac Mountain zu Hummern, Seehunden und einem Harley-Shop ohne Beute
Nach zwei Tagen, an denen der Wecker uns zu Uhrzeiten aus dem Bett geprügelt hatte, die eigentlich nur Bäckern, Flughafenpersonal und Menschen mit sehr fragwürdigen Lebensentscheidungen vorbehalten sind, durften wir heute tatsächlich etwas entspannter starten. Unser großes Tageshighlight – eine „Lobster Fishing & Seal Watching“-Tour – begann erst um 13:45 Uhr. Das bedeutete: kein Sonnenaufgang, kein Klettersteig, kein Frühstück im Halbdunkel. Fast schon Urlaub.
Also beschlossen wir, den Morgen ganz zivilisiert auf der Wiese vor unserer Cabin im Open Heart Inn zu beginnen. Warm war es nicht unbedingt, aber mit Jacke durchaus angenehm, und im Office gab es frischen Kaffee und frisch gebackene Muffins. Zusammen mit unseren eigenen Vorräten ergab das ein Frühstück, das zwar keinen Michelin-Stern verdient hätte, aber dafür deutlich besser war als die Cornflakes-Rationierung im Anchorage Inn. Und auf einer Veranda in Maine schmeckt selbst ein Muffin irgendwie nach Roadtrip.
Gegen 9:15 Uhr packten wir unseren kompletten Hausstand wieder in den Pickup und machten uns auf den Weg Richtung Mount Desert Island. Unsere Nationalpark-Karte war zwar am Vortag abgelaufen, aber wir hatten herausgefunden, dass die Auffahrt auf den Cadillac Mountain außerhalb des kostenpflichtigen Bereichs lag. Das passte hervorragend, denn nach unserem Sonnenaufgang im Morgengrauen wollten wir den Berg nun noch einmal bei Tageslicht sehen.
Auf der Bar Harbor Road ging es erneut über Thompson Island, links die Frenchman Bay, rechts die Blue Hill Bay und irgendwo vor uns der Cadillac Mountain, diesmal sogar sichtbar und nicht nur als schwarzer Schatten im Morgengrauen. Die Auffahrt selbst schlängelte sich in vielen Kurven nach oben, und obwohl 465 Meter für süddeutsche Verhältnisse eher die Kategorie „größerer Hügel mit Ambitionen“ darstellen, wirkt das hier direkt an der Küste erstaunlich imposant. Vom Parkplatz aus liefen wir noch eine kleine Runde zu mehreren Aussichtspunkten und konnten nun endlich sehen, was uns gestern beim Sonnenaufgang im Dunkeln verborgen geblieben war: Bar Harbor, die kleinen Inseln vor der Küste, die Buchten auf beiden Seiten und große Teile der Landschaft, durch die wir am Vortag gefahren waren. Das Wetter war diesmal etwas grauer, aber immer wieder rissen die Wolken auf und ließen blaue Stellen durch. Nicht perfekt, aber auch weit entfernt von Katastrophe – und nachdem uns Neuengland bislang mit Sonne geradezu verwöhnt hatte, wollten wir uns nun wirklich nicht beschweren.

Danach versuchten wir aus sportlichem Ehrgeiz noch einmal unser Glück am eigentlichen Nationalparkeingang. Vielleicht, so der Gedanke, würde die Rangerin ja übersehen, dass unser Pass gestern abgelaufen war. Vielleicht würde sie uns mit einem freundlichen Lächeln durchwinken. Vielleicht würde sie denken: Diese beiden sympathischen Deutschen waren gestern schon hier, lasst sie doch einfach noch eine Runde drehen. Die Realität bestand allerdings aus einer Rangerin, die offenbar Kalender lesen konnte. Neuer Pass oder Tagesticket, sonst kein Zutritt. Damit war unser Versuch ungefähr so erfolgreich wie der Plan, in New York kostenlos zu parken. Wir drehten also wieder um und fuhren stattdessen nach Bar Harbor. Das war ohnehin keine Strafe, denn uns hatte das Städtchen schon am Vortag richtig gut gefallen.
Da wir Zeit hatten und unser gestriges Frühstück bei Jeannie’s Great Maine Breakfast hervorragend gewesen war, machten wir das einzig Vernünftige: Wir gingen noch einmal hin. Ein zweites Frühstück gehört schließlich zu den großen Errungenschaften des Urlaubs. Diesmal wollte ich es ganz Maine-gerecht angehen und bestellte Blueberry Pancakes mit echtem Ahornsirup. Dazu stand natürlich wieder dieses Glas Rhabarbermarmelade auf dem Tisch, das am Vortag bereits erheblichen Eindruck bei uns hinterlassen hatte. Wir halfen also auch diesmal gewissenhaft dabei, den Bestand zu reduzieren. Blaubeeren, Ahornsirup, Rhabarbermarmelade – wenn man schon in Maine ist, muss man sich schließlich kulturell anpassen. Stefan hielt sich etwas vernünftiger, aber vernünftig war an diesem Morgen sowieso ein dehnbarer Begriff.
Nach dem Frühstück schlenderten wir noch ein wenig durch Bar Harbor, bevor es langsam Zeit wurde, zum Hafen hinunterzugehen. Dort lag bereits die „Mrs. Samantha“, unser Boot für die Lobster Fishing & Seal Watching Tour. Besonders groß war sie nicht, und genau das gefiel uns. Statt einer schwimmenden Reisegruppe mit 150 Menschen waren wir gerade einmal sechs Passagiere. Das versprach eine Tour, bei der man tatsächlich etwas sehen und hören konnte, ohne sich mit Ellbogen bis zur Reling vorarbeiten zu müssen. Ein junger Mann kontrollierte unsere Tickets, kurz darauf waren wir an Bord und wurden von Captain Mike und Lizzy begrüßt. Lizzy stammte selbst aus einer Fischerfamilie und stellte schon nach den ersten Minuten klar, dass sie über Hummer ungefähr so viel wusste wie andere Leute über ihre eigene Familie – vermutlich mehr.
Wir fuhren hinaus in die Bucht, und Lizzy begann zu erzählen, wie die Hummerfischerei in Maine überhaupt funktioniert. Eine Lizenz zu bekommen, ist hier keineswegs so einfach wie „ich hätte gern ein Boot und ein paar Fallen“. Die Lizenzen sind stark reglementiert und werden häufig innerhalb von Familien weitergegeben. Auch die Fangmethoden sind genau vorgeschrieben: Hummer dürfen nur mit Fallen gefangen werden, und Größe, Geschlecht und Zustand der Tiere entscheiden darüber, ob sie überhaupt behalten werden dürfen. Unsere Tour war ohnehin reine Demonstration; alles, was wir heute aus dem Wasser holten, sollte anschließend wieder zurück ins Meer.
Captain Mike steuerte schließlich eine der Bojen an, griff sie mit einem langen Haken und zog das Seil an Bord. Über eine Winde kam langsam die Hummerfalle aus dem Wasser, tropfend, schwer und tatsächlich voller Leben. Mehrere Hummer saßen darin, außerdem natürlich allerlei Kleinkram, der offenbar ebenfalls beschlossen hatte, diesen kleinen Metallkäfig vorübergehend als Wohnraum zu nutzen. Die kleineren Hummer durften sofort wieder ins Wasser, während einige größere Exemplare vorsichtig herausgenommen wurden. Bevor sie in einen Eimer kamen, bekamen ihre Scheren dicke Gummibänder verpasst. Eine Maßnahme, die ich ausgesprochen vernünftig fand, denn ich wollte die Tiere gern aus der Nähe sehen, aber möglichst nicht anschließend mit einer Schere weniger an mir selbst.

Lizzy nahm einen der Hummer in die Hand und erklärte uns, wie man das Geschlecht erkennt, wie die verschiedenen Scheren funktionieren und welche Rolle die einzelnen Körperteile spielen. Unser Exemplar war ein Männchen, und je länger sie erklärte, desto mehr hatte ich das Gefühl, dass diese Tiere deutlich komplexer sind, als sie später in einem Restaurant aussehen. Besonders interessant war die Größenkontrolle. Fischer verwenden ein Messwerkzeug, mit dem die Länge des Rückenpanzers kontrolliert wird. Ist ein Hummer zu klein, muss er zurück. Ist er zu groß, ebenfalls. Trächtige Weibchen sind tabu, und besonders große Männchen dürfen ebenfalls nicht gefangen werden. Lizzy erklärte das sehr charmant mit dem Hinweis, dass die Damen für die Fortpflanzung nun einmal gern die stattlichen Kerle behalten würden. Verständlich. Evolution betreibt offenbar auch Qualitätsmanagement.
Wer sich nicht an diese Regeln hält, riskiert empfindliche Strafen und im schlimmsten Fall seine Lizenz. Und nach allem, was Lizzy erzählte, wurde schnell klar, dass die Fischer diese Vorgaben sehr ernst nehmen. Die Hummerfischerei ist hier nicht nur Geschäft, sondern für viele Familien seit Generationen Lebensgrundlage. Entsprechend wichtig ist es, dass auch in einigen Jahren noch etwas im Meer herumkrabbelt, das man fangen kann.
Dann kam eine Information, die ich ausgesprochen sympathisch fand: Hummerfallen sind so konstruiert, dass Hummer theoretisch auch wieder herausfinden können. Clevere Exemplare tun das offenbar tatsächlich. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass im Kochtopf möglicherweise eine gewisse natürliche Vorauswahl stattfindet. Nicht unbedingt Darwins eleganteste Studie, aber die Botschaft war klar: Wer den Ausgang findet, lebt länger.
Schließlich durften wir die Hummer sogar selbst in die Hand nehmen. Ich näherte mich meinem Exemplar mit dem nötigen Respekt, denn auch mit Gummibändern sahen die Scheren nicht aus wie etwas, das man freiwillig am Finger ausprobieren möchte. Der Panzer fühlte sich hart und erstaunlich massiv an, das Tier war schwerer, als ich erwartet hatte, und irgendwie war es schon ein ziemlich merkwürdiges Gefühl, so einen Hummer direkt vor sich zu halten. Gestern hatte ich einen seiner entfernten Verwandten noch in einem Brötchen gegessen, heute standen wir uns praktisch persönlich gegenüber. Ich beschloss, das nicht weiter zu thematisieren.
Nachdem sämtliche Hummer ausreichend vermessen, erklärt, fotografiert und von deutschen Touristen bestaunt worden waren, kamen sie wieder zurück ins Wasser. Vielleicht hatten sie aus diesem Erlebnis etwas gelernt. Vielleicht erzählten sie später ihren Artgenossen von einem seltsamen Boot, auf dem Menschen sie kurz herausholten, betatschten und wieder zurückwarfen. In jedem Fall konnten sie froh sein, dass ihre heutige Begegnung mit Menschen nicht in einem der großen Kochtöpfe von Bar Harbor endete.
Captain Mike steuerte anschließend noch eine kleine Insel an, auf der wir Seehunde beobachten konnten. Außerdem kreisten Weißkopfseeadler über der Gegend, und dazu stand dort noch ein kleiner Leuchtturm – Maine war offenbar entschlossen, für die Touristen sämtliche Motive gleichzeitig aufzustellen. Die Seehunde lagen auf den Felsen herum und machten genau das, was Seehunde besonders gut können: sehr beschäftigt aussehen, obwohl sie eigentlich nichts tun. Nach den letzten Tagen mit Bergwanderungen und Weckzeiten vor Sonnenaufgang konnte ich diese Lebensweise ausgesprochen gut nachvollziehen.
Nach rund zwei Stunden liefen wir wieder in Bar Harbor ein. Die Tour hatte uns richtig gut gefallen. Nicht diese große touristische Show mit übertriebener Inszenierung, sondern klein, persönlich und tatsächlich interessant. Lizzy hatte so begeistert erzählt, dass man danach erheblich mehr über Hummer wusste, als man jemals erwartet hatte wissen zu wollen. Und vor allem hatten wir verstanden, warum diese Tiere und die Fischerei hier in Maine so eng miteinander verbunden sind.

Gegen 16 Uhr saßen wir wieder im Pickup. Vor uns lagen noch ungefähr vier Stunden Fahrt Richtung Süden, also hieß es langsam Abschied nehmen von Mount Desert Island. Auf dem Highway 3 ging es zurück nach Ellsworth, wo uns am Straßenrand plötzlich ein Harley-Davidson-Händler auffiel. Nun weiß man inzwischen, was bei uns normalerweise passiert, wenn irgendwo ein Harley-Schild auftaucht: Blinker, Parkplatz, Laden. So auch diesmal. Wir gingen hinein, sahen uns um und erlebten etwas ausgesprochen Seltenes. Die Auswahl war so überschaubar, dass wir tatsächlich nichts fanden.
Wir verließen einen Harley-Davidson-Shop ohne Einkauf. Ich möchte nicht übertreiben, aber vermutlich hätte man diesen Moment dokumentieren und einer wissenschaftlichen Einrichtung melden sollen.
Danach ging es auf dem Highway 1 weiter Richtung Süden, und jetzt begann eine dieser Fahrten, bei denen die Straße selbst eigentlich das Sightseeing übernahm. Wir kamen durch Lincolnville, Northport, Belfast und Searsport, kleine Orte direkt an der Küste, mit Häfen, Buchten und Häusern, die teilweise so typisch nach Maine aussahen, dass man automatisch langsamer fuhr. Immer wieder überquerten wir breite Flüsse auf hohen Brücken, unter uns Boote und kleine Hafenanlagen, daneben bewaldete Ufer. Das Wetter hatte inzwischen allerdings beschlossen, den Urlaubskatalog einzupacken. Der Himmel war überwiegend grau, gelegentlich tauchte ein kleines blaues Loch auf, nur um kurz darauf wieder zu verschwinden. Trotzdem war die Strecke wunderschön und hatte gerade mit diesem etwas kühleren, grauen Licht ihren eigenen Charme.
Eigentlich hatten wir in Camden noch einen längeren Stopp eingeplant. Der Ort gilt als ausgesprochen hübsch, mit Hafen, kleinen Straßen und dieser typischen Maine-Kulisse aus Booten, weißen Häusern und Wasser. Als wir dort ankamen, war es allerdings schon später als gedacht und das Wetter machte wenig Lust auf einen ausgedehnten Spaziergang. Wir fuhren durch, schauten ein bisschen aus dem Fenster und beschlossen, Camden auf unsere imaginäre Liste „beim nächsten Mal bei Sonne“ zu setzen. Man muss nicht jeden Punkt einer Reiseplanung mit Gewalt abhaken. Manchmal reicht auch ein freundliches „Tut uns leid, heute nicht“.

Je weiter wir nach Süden kamen, desto dunkler wurde es, und irgendwann war die Landschaft draußen ohnehin nur noch eine Ahnung hinter den Scheiben. In Brunswick meldete sich schließlich der Hunger, und nach Lobsterkunde, Hafenstädten und mehreren Stunden Fahrt waren wir nicht mehr in der Stimmung für kulinarische Experimente. Five Guys lag günstig, also hielten wir dort an und bestellten zwei Burger. Nach dem gestrigen Lobster war das gewissermaßen eine Rückkehr in vertrautes Terrain. Kein Panzer, keine Scheren, keine Messlehre, kein Hinweis auf Mindestgröße. Einfach Burger essen und fertig.
Danach fuhren wir direkt weiter zum Travelers Inn, wo Zimmer 39 auf uns wartete. Es war längst dunkel, wir waren müde und dieser Tag hatte trotz seines vermeintlich entspannten Starts wieder erstaunlich viel Programm produziert: Frühstück auf der Veranda, Cadillac Mountain, ein erfolgloser Versuch mit abgelaufenem Nationalparkpass, zweites Frühstück in Bar Harbor, zwei Stunden Hummerfischerei, Seehunde, Adler, ein Harley-Shop ohne Beute und anschließend noch etliche Stunden Küstenstraße bis Brunswick. Für einen Tag, der angeblich ganz entspannt beginnen sollte, war das gar nicht schlecht.






















