Rhyolite, Titus Canyon, Dino-Kacka und Super Bloom: Ein unvergesslicher Tag im Death Valley
Nach einem schnellen Kaffee-Pitstop an der Tankstelle und einem gemütlichen Frühstück auf unserem Zimmer waren wir bereit für das, wofür wir überhaupt nach Beatty gekommen waren: einen kompletten Tag im Death Valley. Und zwar nicht einfach nur einmal Highway 190 rein, Badwater fotografieren und wieder raus, sondern mit allem, was sich sinnvoll in einen Tag packen ließ. Ganz oben auf unserer Liste stand der Titus Canyon, vorher wollten wir aber noch einmal kurz bei der Rhyolite Ghost Town und dem Goldwell Open Air Museum vorbeischauen. Rhyolite kannten wir zwar schon von unserer Reise 2013, aber Geisterstädte sind ein bisschen wie alte Bekannte: Wenn man sowieso in der Gegend ist, schaut man kurz vorbei und kontrolliert, ob noch alle tot sind.

Und tatsächlich hatte sich nicht allzu viel verändert. Die Ruinen standen noch, das berühmte Bottle House ebenfalls, und auch die etwas verstörende Geisterversammlung des Goldwell Open Air Museums war weiterhin vollständig anwesend. Wobei „vollständig“ nicht ganz stimmt – offenbar hatte die Belegschaft inzwischen sogar Zuwachs bekommen. Wir drehten also noch einmal unsere Runde zwischen Geistern, nackten Kunstwerken, verfallenen Gebäuden und Dingen, bei denen man nicht unbedingt wissen muss, was sich der Künstler dabei gedacht hat. Ein paar Fotos später ging es zurück auf die Highway 374. Jetzt aber wirklich: Death Valley.
Nach ungefähr drei Meilen erreichten wir die Abzweigung zur Titus Canyon Road, einer rund 27 Meilen langen Einbahnstraße, die quer durch die Grapevine Mountains ins Death Valley führt. Eine dieser Straßen, bei denen ein Schild mit „High Clearance Recommended“ ungefähr dieselbe beruhigende Wirkung entfaltet wie die Durchsage im Flugzeug, dass man sich wegen der Turbulenzen bitte anschnallen möge. Wir bogen trotzdem ab. Natürlich bogen wir ab. Und wenige Meilen später begann es zu regnen. Im Death Valley. Ausgerechnet.
Man fährt in eine der trockensten und heißesten Gegenden Nordamerikas und bekommt erst einmal Wetter, für das man eigentlich auch zu Hause hätte bleiben können. Die ersten Kilometer führten noch relativ unspektakulär durch das westliche Amargosa Valley, über uns hing ein grauer Himmel, vor uns lag eine nasse Wüste – und als wollte die Natur beweisen, dass sie den Humor dieser Situation durchaus verstanden hatte, spannte sich plötzlich ein gewaltiger Regenbogen über die Landschaft. Damit war zumindest klar: Wenn wir schon Regen im Death Valley bekommen, dann bitte die Deluxe-Version.
Je näher wir den Grapevine Mountains kamen, desto interessanter wurde die Strecke. Die Straße begann sich langsam nach oben zu schlängeln, Asphalt war längst Geschichte und unter den Rädern wechselten sich Waschbrett, loser Kies, Steine und ausgewaschene Stellen ab. Genau die Sorte Straße also, bei der man nach wenigen Kilometern jedes Geräusch des Mietwagens persönlich kennt und bei einem neuen Klappern sofort überlegt, ob das schon vorher da war.
Der Regen ließ zwar irgendwann nach, aber die tiefhängenden Wolken blieben und schoben sich zwischen die grünen Hügel. Und genau dieses Wetter, über das wir uns anfangs noch gewundert hatten, machte die Landschaft plötzlich richtig spektakulär. Statt der üblichen knochentrockenen Wüste lagen die Berge teilweise im Nebel, dazwischen brachen Sonnenstrahlen durch die Wolken und ließen einzelne Hänge aufleuchten. Death Valley hatte an diesem Morgen offensichtlich beschlossen, sich einmal nicht an seine eigene Stellenbeschreibung zu halten.
Über den White Pass ging es weiter durch den Upper Titanothere Canyon, und irgendwann konnten wir auf der gegenüberliegenden Talseite bereits sehen, was noch vor uns lag: eine schmale Piste, die sich in engen Serpentinen den Berg hinaufwand. Das war die Auffahrt zum Red Pass. Von unten sah sie durchaus beeindruckend aus, von oben vermutlich noch mehr, und irgendwo dazwischen saßen wir in unserem Auto und arbeiteten uns Kurve für Kurve nach oben. Schließlich erreichten wir den höchsten Punkt der Strecke – und als hätte jemand hinter dem Pass einfach einen anderen Wetterkanal eingeschaltet, war auf der anderen Seite plötzlich der blaue Himmel zurück. Na also. Geht doch.

Vom Red Pass öffnete sich der Blick weit über die zerklüfteten Berge und Täler, während sich die Straße unter uns in wilden Kurven durch die Landschaft zog. Und genau deshalb lieben wir solche Strecken. Nicht, weil sie besonders bequem wären – das waren sie definitiv nicht –, sondern weil hinter jeder Kurve etwas Neues auftaucht und man ständig das Gefühl hat, mitten durch eine Filmkulisse zu fahren. Nur dass der Kamerawagen hier vermutlich irgendwann aufgegeben hätte.
Vom Pass ging es anschließend ziemlich steil bergab. Die Straße wurde schmaler, steiniger und stellenweise deutlich langsamer zu fahren, bis irgendwann in der Ferne die Überreste von Leadfield auftauchten. Die ehemalige Minensiedlung bestand im Wesentlichen noch aus ein paar verfallenen Hütten und offenen Minenschächten. Viel mehr war nicht übrig geblieben von einem Ort, der in den 1920er-Jahren mit großen Versprechungen aus dem Wüstenboden gestampft worden war. Immerhin wurde die Straße hier wieder etwas freundlicher zu unserem Auto: weniger Steine, weniger Steigung, weniger Löcher. Man wird auf solchen Strecken erstaunlich genügsam.
Kurz hinter Leadfield begann dann der eigentliche Titus Canyon – und damit der Teil, wegen dem wir diese Strecke unbedingt fahren wollten. Schon vorher hatten wir gelesen, dass die heftigen Regenfälle des vergangenen Herbstes, ausgelöst durch El Niño, im Death Valley etwas ausgesprochen Seltenes verursacht hatten: eine sogenannte Super Bloom. Ausgerechnet eine der lebensfeindlichsten Landschaften Nordamerikas hatte beschlossen, im Frühjahr 2016 großflächig zu blühen.
El Niño
El Niño – übersetzt tatsächlich „das Christkind“ – ist ein Wetterphänomen im tropischen Pazifik, das meist rund um die Weihnachtszeit seinen Höhepunkt erreicht. Erwärmt sich das Oberflächenwasser vor Südamerika über längere Zeit ungewöhnlich stark, verändern sich Luftströmungen und Niederschlagsmuster teilweise weit über diese Region hinaus.
Die Auswirkungen können völlig gegensätzlich sein: Während manche Gegenden unter extremer Trockenheit leiden, bekommen andere ungewöhnlich große Regenmengen ab. Und genau davon hatte das Death Valley reichlich bekommen.
Schon entlang der Straße durch den Canyon standen überall gelbe und lilafarbene Blüten. Anfangs waren es nur einzelne Farbtupfer am Straßenrand, dann wurden es immer mehr, bis sich ganze Flächen über die sonst so karge Landschaft zogen. Wer das Death Valley nur als braune, staubige Steinwüste im Kopf hat, musste an diesem Tag sein inneres Bild etwas korrigieren. Zwischen Felsen, Geröll und Sand blühte es, als hätte jemand beschlossen, hier kurzfristig eine Gartenschau zu veranstalten. Nur ohne Bratwurststand und Parkplatz-Shuttle.
Während wir weiter durch den Canyon fuhren, rückten die Kalksteinwände langsam näher zusammen. Die Straße folgte einem trockenen Wash, schlängelte sich von einer Kurve in die nächste und wurde dabei immer enger. Erst standen die Felsen noch höflich mit etwas Abstand am Straßenrand, dann offenbar nicht mehr. Im Lower Titus Canyon liegen zwischen den Felswänden teilweise gerade einmal fünf oder sechs Meter. Links Fels. Rechts Fels. Dazwischen Auto. Viel Raum für kreative Fahrspurwahl blieb nicht.
Genau hier wurde die Fahrt richtig spektakulär. Die hohen Wände ragten fast senkrecht über uns auf, die Straße wand sich durch den engen Canyon und hinter jeder Kurve sah es wieder ein bisschen anders aus. Man fährt dort nicht einfach durch eine Landschaft – man steckt mittendrin. Und obwohl die Passage stellenweise erstaunlich eng ist, hatten wir nie das Gefühl, dass es unangenehm wurde. Eher im Gegenteil: Nach der langen Anfahrt über Pässe, Schotter und Serpentinen war dieser letzte Abschnitt wie das große Finale.
Und dann – ziemlich plötzlich – war der Canyon vorbei. Vor uns öffnete sich die riesige Ebene des Death Valley. Nach all den engen Felswänden wirkte die Landschaft beinahe absurd weit, und wir standen wieder auf einer normalen Straße. Asphalt! Nach Stunden auf der Titus Canyon Road fühlte sich das kurz an wie Luxus.

Ganz ohne Folgen waren die Regenmassen des vergangenen Herbstes allerdings nicht geblieben. Mehrere Straßen im Death Valley waren noch immer beschädigt oder komplett gesperrt, darunter Teile der Scotty’s Castle Road und der Trona Wildrose Road. Das Wasser, das uns jetzt diese unglaubliche Blütenpracht bescherte, hatte einige Monate zuvor ganze Straßenabschnitte weggerissen. Wüste bedeutet eben nicht automatisch, dass Wasser dort kein Problem ist. Im Gegenteil: Wenn es kommt, dann offenbar gerne mit Nachdruck.

Das sichtbare Ergebnis war dafür außergewöhnlich. Überall entlang unserer Strecke standen gelbe, weiße und lilafarbene Blüten, teilweise in riesigen Flächen. Eine solche Super Bloom hatte es zuletzt 2005 und davor 1998 gegeben. Die Samen vieler Wüstenpflanzen können jahrelang im Boden überdauern und warten dort geduldig auf genau die richtige Kombination aus Regen, Temperatur und anschließendem Sonnenschein. Und wenn das alles zusammenpasst, passiert plötzlich das hier: Aus dem Death Valley wird für ein paar Wochen das „It’s Alive Valley“.
Meine Zimmerpflanzen beherrschen dieses Prinzip übrigens nicht. Die reagieren auf „ein bisschen Wasser“ deutlich weniger spektakulär und im Zweifelsfall mit braunen Blättern.
Aber wie hieß es in Jurassic Park: “Life, uuh, finds a way”.
Jeff Goldblum als Dr. Ian Malcolm
Nachdem wir über die Scotty’s Castle Road wieder den Daylight Pass erreicht hatten, nahmen wir den Highway 190 Richtung Furnace Creek. Nach dem Titus Canyon war erst einmal Pause angesagt. Beim General Store versorgten wir uns mit etwas Essbarem und Getränken und gammelten eine Weile völlig zufrieden in der warmen Sonne herum. Nach Regen, Nebel, Schotterpiste und Gebirgspässen saßen wir jetzt mitten im Death Valley und machten Vesper. Manchmal besteht Abenteuer eben auch aus einem belegten Brot.
Anschließend ging es auf der Badwater Road weiter nach Süden. Unser erster Stopp war der Devil’s Golf Course, und schon der Name lässt vermuten, dass hier kein gepflegter englischer Rasen mit Clubhaus und Kleiderordnung auf uns wartete. Stattdessen erstreckte sich vor uns eine riesige Fläche aus bizarr aufgebrochenem Steinsalz, das durch Wind, Regen und Verdunstung zu scharfkantigen Spitzen und Krusten geformt worden war. 1934 schrieb ein Reiseführer sinngemäß, auf diesem Gelände könne vermutlich nur der Teufel Golf spielen – und damit hatte der Ort seinen Namen weg.
Benni ließ sich davon selbstverständlich nicht abschrecken und demonstrierte direkt einen imaginären Abschlag. Haltung tadellos, Platzverhältnisse schwierig. Ich vermute allerdings, dass die Greenfee hier überschaubar ist.
Von dort fuhren wir weiter zum Badwater Basin, dem tiefsten Punkt Nordamerikas. Hier standen wir 85,5 Meter unter dem Meeresspiegel, mitten auf dem Boden eines längst verschwundenen Sees. Vor uns zog sich eine riesige weiße Salzfläche ins Tal hinaus, darüber die Berge – und irgendwo weit oben an der Felswand gegenüber markiert ein kleines Schild die Höhe des Meeresspiegels. Man schaut hoch, sieht dieses Schild und versteht plötzlich sehr anschaulich, was „unter dem Meeresspiegel“ eigentlich bedeutet.
Der Name Badwater soll von einem frühen Vermesser stammen, der hier mit seinem Maultier auf Wasser stieß und vermutlich zunächst ziemlich erleichtert war. Das Tier wollte allerdings nicht trinken, weil das Wasser extrem salzhaltig war. Also notierte der Mann schlicht „bad water“ auf seiner Karte. Kein Marketingmeeting, keine Namensagentur, keine zwölfseitige Präsentation. Das Wasser war schlecht. Also Badwater. Fertig.
Wir liefen ein gutes Stück hinaus auf die Salzpfanne, bis die Straße hinter uns immer kleiner wurde und ringsum fast nur noch Weiß zu sehen war. Trotzdem bekommt man von hier unten kaum eine Vorstellung davon, wie gewaltig diese Fläche tatsächlich ist. Dafür mussten wir später noch ganz nach oben – aber vorher lag noch einiges dazwischen.
Auf dem Rückweg Richtung Furnace Creek bogen wir in den Artist Drive ein, eine rund sechs Meilen lange Einbahnstraße durch die Black Mountains. Und hier wurde es plötzlich bunt. Grünliche, rosafarbene, gelbe, rötliche und violette Gesteinsschichten ziehen sich durch die Hänge, und die schmale Straße windet sich mittendurch.
Nach Salzflächen, grauen Canyonwänden und gelber Wüstenblüte hatte das Death Valley offenbar noch ein paar Farbtöpfe übrig. Gerade weil sich die Landschaft auf so kurzer Strecke ständig verändert, ist der Artist Drive eine dieser Straßen, die man nicht einfach nur fährt. Man schaut, hält an, fährt zwanzig Meter weiter, schaut wieder und stellt irgendwann fest, dass sechs Meilen erstaunlich lange dauern können.
Danach ging es über den Highway 190 hinauf zum Zabriskie Point. Vom Parkplatz führt nur ein kurzer Weg zum Aussichtspunkt, und oben breitet sich eine Landschaft aus, die aussieht, als hätte jemand Berge aus zusammengeknülltem Sandpapier gebaut. Die hellen, stark erodierten Formationen bestehen aus Sedimenten des ehemaligen Furnace Creek Lake, der vor Millionen Jahren diese Gegend bedeckte. Hinter den bizarren Hügeln öffnet sich das Death Valley, und am Horizont stehen die Panamint Mountains. Nach all den verschiedenen Landschaften dieses Tages hätte man meinen können, irgendwann müsse das Death Valley doch einmal fertig sein. War es aber nicht.
Unser letzter Stopp sollte Dante’s View werden. Rund sieben Meilen südlich von Furnace Creek zweigt die Straße vom Highway 190 ab, anschließend geht es noch ungefähr 13 Meilen hinauf in die Black Mountains. Und „hinauf“ ist durchaus wörtlich gemeint. Die Straße wird zum Ende hin ordentlich steil und kurvig, bis man schließlich auf etwa 1.669 Metern Höhe steht.
Unten in Badwater waren wir noch im T-Shirt herumgelaufen. Hier oben empfing uns ein frischer Wind, der ziemlich deutlich machte, dass zwischen Talboden und Aussichtspunkt nicht nur ein paar Höhenmeter liegen. Dafür war die Aussicht grandios. Direkt unter uns lag die weiße Salzpfanne von Badwater, durch die wir wenige Stunden zuvor noch gelaufen waren. Von hier oben konnte man zum ersten Mal erkennen, wie riesig sie tatsächlich ist. Das gesamte Death Valley zog sich nach Norden und Süden durch die Landschaft, gegenüber erhoben sich die Panamint Mountains mit dem Telescope Peak.
Und wir hatten richtig Glück mit der Sicht. In der Ferne konnten wir sogar den Mount Whitney erkennen – mit 4.421 Metern der höchste Berg der zusammenhängenden Vereinigten Staaten. Damit lagen theoretisch der tiefste und der höchste Punkt der Continental United States gleichzeitig in unserem Blickfeld. Von Badwater bei minus 85,5 Metern bis Mount Whitney auf über 4.400 Meter. Das ist schon eine ziemlich beeindruckende Spannweite für einen einzigen Blick.
Besser konnte man unseren Tag im Death Valley eigentlich nicht beenden. Also machten wir uns irgendwann wieder auf den Weg hinunter und fuhren über den Daylight Pass zurück nach Beatty. Nach Titus Canyon, Super Bloom, Badwater, Artist Drive, Zabriskie Point und Dante’s View waren wir eigentlich bestens versorgt mit Erlebnissen. Eigentlich. Denn Beatty hatte noch Abendprogramm für uns.

Im Motel machten wir uns kurz frisch und gingen kurz vor fünf zum KC’s Outpost, laut unserer Recherche praktisch das beste Restaurant im Umkreis von ungefähr 120 Meilen. Das klingt zunächst nach einer beeindruckenden Auszeichnung, relativiert sich aber ein wenig, wenn man sich anschaut, wie viele Restaurants es im Umkreis von 120 Meilen überhaupt gibt. Wir waren jedenfalls die ersten Gäste und wurden entsprechend aufmerksam empfangen.
Als Tagesessen wurde uns hausgemachter Meatloaf empfohlen, inklusive Kartoffelpüree, Soße, Salat, Suppe, Brötchen und Nachtisch. Also im Grunde ein vollständiges amerikanisches Familienessen in mehreren Akten. Einziger Haken: Der Meatloaf war noch nicht fertig und brauchte etwa fünfzehn Minuten. Wir beschlossen, diese außergewöhnliche Verzögerung tapfer auszusitzen.

Und das Warten lohnte sich tatsächlich. Der Meatloaf kam mit einer würzigen Tomatenkruste, Kartoffelpüree und reichlich Soße auf den Tisch und war richtig, richtig gut. Dazu Suppe, Salat, Brötchen – und als wir eigentlich längst satt waren, erschien noch der Nachtisch: ein auffällig pinkfarbener Kuchen. Optisch irgendwo zwischen Barbie-Geburtstag und radioaktivem Dessert, geschmacklich überraschend hervorragend. Man sollte Lebensmittel eben nicht nach ihrer Farbe beurteilen. Zumindest nicht in Nevada.
Als wir wieder draußen standen, war es gerade einmal halb sieben. Fürs Motel eindeutig zu früh. Außerdem lag praktisch nebenan der Sourdough Saloon. Damit war die weitere Abendgestaltung entschieden.
Es war viel los, aber wir fanden einen Platz direkt an der Bar. Die Bedienung stellte uns einen Pitcher frisch gezapftes Bier hin und fragte irgendwann, woher wir kamen und wohin es als Nächstes gehen sollte. Wir erzählten ihr, dass wir morgen nach Rachel, Nevada fahren wollten – direkt an der Extraterrestrial Highway und in unmittelbarer Nähe der Area 51. Vielleicht würden wir ja ein paar Aliens treffen.
Sie schaute kurz durch den Saloon, grinste und meinte sinngemäß, dafür müssten wir eigentlich gar nicht bis Rachel fahren. Wir sollten uns einfach ihre Gäste anschauen. Und dann setzte sie noch einen drauf: In Beatty sei mancher Hund intelligenter als sein Besitzer. Damit war klar: Wir waren im richtigen Laden.

Während Stefan und Benni sich zunehmend ernsthaft um unseren Bierpitcher kümmerten, wurde mein bis dahin eher schweigsamer Nebensitzer plötzlich gesprächig. Er erzählte mir, dass er mit Steinen und Schmuck handelte. So weit, so normal. Jedenfalls für Beatty. Dann begann er, Plastiktüten auszupacken. Und er hatte viel dabei. Sehr viel.
Innerhalb kürzester Zeit verwandelte sich der Bereich vor uns an der Bar in eine Mischung aus Mineralienbörse, Souvenirshop und archäologischer Grabbelkiste. Er zeigte mir kunstvoll gefertigte Stücke von Native Americans, Armbänder, Sandrosen und Steine in allen möglichen Formen und Farben. Dann kamen Haifischzähne aus dem Bryce Canyon zum Vorschein. Ich weiß nicht, wie genau der Hai dorthin gekommen sein soll, aber falls die Geschichte stimmt, hatte er sich wirklich außergewöhnlich gründlich verschwommen.
Ich hätte an dieser Stelle bereits zufrieden nach Hause gehen können. Aber mein Nebensitzer hatte seinen Hauptdarsteller noch gar nicht ausgepackt. Aus einer weiteren Tüte förderte er einen unscheinbaren braunen Stein zutage und erklärte mir mit völliger Selbstverständlichkeit, dass es sich dabei um versteinerte Dinosaurier-Kacke handelte.
Da lag sie also. Dinosaurier-Scheiße. Auf der Theke eines Saloons in Beatty, Nevada. Und ich saß daneben mit einem Bier. Manchmal schreibt sich ein Reisebericht wirklich von allein. Natürlich nahm ich den Stein in die Hand. Was sollte ich denn machen? Man bekommt schließlich nicht jeden Montagabend die Gelegenheit, Millionen Jahre alten Dinosaurierkot auf seine mineralogische Qualität zu prüfen. Er sah überraschend unspektakulär aus, ungefähr wie ein hübscher Kieselstein, den man an einem Flussufer einstecken würde. Nur dass man bei diesem hier vermutlich anschließend nicht sagen sollte: „Schau mal, was für einen schönen Stein ich gefunden habe.“
Mein neuer Freund holte derweil unbeirrt weitere Schätze aus seinen Plastiktüten und erzählte dazu Geschichten. Stefan und Benni hatten sich inzwischen weitgehend aus dieser Geschäftsbeziehung verabschiedet und konzentrierten sich weiterhin lieber auf den Pitcher. Ich dagegen hing längst mitten in einem Gespräch, von dem ich ungefähr eine Stunde zuvor noch nicht gewusst hatte, dass ich es jemals führen würde.

Irgendwann war das Bier leer und wir beschlossen aufzubrechen. Ich verabschiedete mich von meinem ungewöhnlichen Barbekannten mit einem freundlichen: „Bye, my name is Gabi, nice to meet you.“ Er sah mich völlig cool an. „They call me Wolfman. Nice to meet you.“ Natürlich. Wolfman.
Wer sonst hätte in einem Saloon mitten in Nevada Plastiktüten voller Haifischzähne, Sandrosen und versteinerter Dinosaurier-Kacke dabei? Ich schaffte es noch bis zur Tür. Dann musste ich lachen. Wirklich richtig lachen. Mit Tränen. Sehr vielen Tränen.
Am Morgen waren wir losgefahren, um das Death Valley zu sehen. Wir hatten Regen in der Wüste erlebt, einen Regenbogen über dem Amargosa Valley, den Titus Canyon durchquert, eine seltene Super Bloom gesehen, waren 85 Meter unter dem Meeresspiegel über Salz gelaufen und später auf fast 1.700 Metern Höhe gestanden und hatten über das gesamte Tal geblickt. Und trotzdem war es am Ende des Tages Wolfman mit seiner Dino-Kacke, der den bleibendsten Eindruck hinterließ. Nevada eben.

























































