Kein Wave-Permit, dafür einmal bis zum Himmel: Angels Landing
Unsere Penthouse Suite in Kanab hatten wir gleich für vier Nächte gebucht, und das aus einem sehr guten Grund: Wir wollten zur Wave. Genauer gesagt wollten wir erst einmal die ausgesprochen seltene Erlaubnis bekommen, überhaupt zur Wave wandern zu dürfen. Zehn Permits werden bereits Monate vorher online verlost, und bei dieser ersten Runde hatte uns das Glück freundlich ignoriert. Aber es gab noch eine zweite Chance: Jeden Morgen wurden in Kanab weitere zehn Plätze für den darauffolgenden Tag vergeben. Zehn.
Für alle Menschen, die dieselbe brillante Idee hatten wie wir. Deshalb standen wir schon früh am Visitor Center und warteten vor verschlossener Tür, während sich der Parkplatz langsam mit anderen hoffnungsvollen Gestalten füllte. Das hatte ein bisschen etwas von Schlussverkauf, nur dass niemand einen Fernseher für 199 Dollar wollte, sondern die Erlaubnis, stundenlang durch eine ziemlich einsame Wüstenlandschaft zu laufen. Um acht Uhr öffneten sich endlich die Türen, und bis zur eigentlichen Verlosung um neun konnten wir in Ruhe beobachten, wie unsere statistischen Chancen mit jedem Neuankömmling weiter zusammenschrumpften.
Pünktlich um neun erschien der Ranger, der diese Veranstaltung leitete, und allein für ihn hätte sich das frühe Aufstehen fast schon gelohnt. Ein wunderbar trockener Typ mit tiefer Stimme und einer Mimik, bei der man nie genau wusste, ob er gleich einen Witz machte oder uns ernsthaft vom sicheren Tod erzählen wollte. Zunächst kam jedenfalls der Sicherheitsteil: „It’s a wild country with wild animals“, „people got lost and died out there“ – „are you’re sure you wanna go out there?“.
Nach jeder Warnung sah er in eine Runde von Menschen, die teilweise um die halbe Welt geflogen waren, um genau das zu tun. Überraschenderweise stand niemand auf und sagte: „Ach so, Wüste? Nein, dann lieber Outlet.“ Also durften wir weitermachen. Jede Gruppe füllte einen Antrag mit Namen und Notfallkontakt aus, bekam eine Nummer und wanderte anschließend in eine kleine schwarze Lostrommel. Damit war unsere Urlaubsplanung für den nächsten Tag offiziell von einer Holzkugel abhängig.
Bevor die Trommel gedreht wurde, las der Ranger noch einmal sämtliche Nummern vor und erklärte die Regeln in einer Klarheit, die keinerlei Interpretationsspielraum ließ: „If you win, stay here. If not: leave.“ Verstanden. Kein Trostpreis, keine Urkunde „Ich war dabei“, kein gemeinsames Gruppenfoto der Verlierer.
Ein Helfer begann die Trommel zu drehen, während unser Ranger mit vollkommen unbewegter Miene verkündete: „I’m so excited.“ Ich glaube, Chuck Norris hätte in diesem Moment emotionaler gewirkt. Die erste Kugel fiel heraus. Eine Sechsergruppe hatte gewonnen, womit schlagartig nur noch vier Permits übrig waren. Sechs Asiaten brachen in Jubel aus, während ungefähr der komplette Rest des Raumes gleichzeitig versuchte, sich nichts anmerken zu lassen. Die nächste Kugel brachte eine Dreiergruppe hervor – leider ebenfalls nicht uns. Damit war die Sache praktisch erledigt. Keine Wave für uns. Ein bisschen enttäuscht waren wir natürlich, aber diese ganze Veranstaltung war so herrlich skurril gewesen, dass sich selbst das Verlieren fast gelohnt hatte. Außerdem hatten wir noch mehrere Morgen in Kanab. Wir konnten also morgen wiederkommen und erneut unsere Urlaubsgestaltung einer schwarzen Lostrommel anvertrauen. So sieht sorgfältige Reiseplanung aus.
Da wir nun überraschend frei über den heutigen Tag verfügen konnten, frühstückten wir erst einmal im Hotel und fuhren anschließend zum Zion National Park. Von Kanab ging es über den Highway 89 zur Mt. Carmel Junction und dann auf die US 9, die mitten durch den Park führt. Nach gut einer Stunde erreichten wir The Grotto am Scenic Drive, der Anfang März noch mit dem eigenen Auto befahren werden durfte.
Der Parkplatz war bereits ziemlich voll, aber wir ergatterten noch einen der letzten Plätze. Unser heutiges Ersatzprogramm für die nicht gewonnene Wave hieß Angels Landing. Knapp 500 Höhenmeter über uns lag dieser markante Felsen mitten im Zion Canyon, und allein der Name klang zunächst ausgesprochen friedlich: der Landeplatz der Engel. Ich stellte mir darunter etwas Sanftes, Himmlisches und vielleicht ein wenig Feierliches vor. Der National Park Service hatte bei der Namensgebung offenbar vergessen hinzuzufügen, dass man vorher mehrere Kilometer bergauf marschieren, 21 enge Serpentinen bezwingen und sich am Ende an Eisenketten über einen schmalen Felsgrat hangeln muss. Engel haben vermutlich Flügel und damit einen erheblichen Vorteil.
Wir überquerten den Virgin River, Benni studierte noch einmal die Trailbeschreibung und dann ging es los. Die ersten Kilometer auf dem West Rim Trail waren hervorragend ausgebaut, stellenweise sogar asphaltiert und zunächst so harmlos, dass man kurz glauben konnte, diese ganze Angels-Landing-Geschichte werde maßlos übertrieben. Der Weg führte am Fluss entlang, bevor er sich langsam an die Felswand schmiegte und in immer größeren Schleifen nach oben zog. Mit jeder Kehre gewannen wir an Höhe, und mit jeder Kehre wurde auch klarer, dass die knapp 4,35 Kilometer bis zum Ziel zwar auf dem Papier nicht nach viel klangen, die zuständige Vermessungsbehörde dabei aber offenbar vergessen hatte, die vertikale Komponente angemessen zu würdigen.
Es wurde steiler, wir kamen ordentlich ins Schwitzen, und jedes Mal, wenn ich dachte, wir müssten inzwischen doch schon ziemlich weit oben sein, zeigte ein Blick auf die Felswand, dass diese Ansicht ausgesprochen optimistisch war. Dafür öffnete sich hinter uns immer mehr vom Zion Canyon. Der Virgin River wurde kleiner, der Scenic Drive verwandelte sich langsam in ein schmales Band und unsere regelmäßigen Fotostopps ließen sich hervorragend als intensive Beschäftigung mit der Landschaft verkaufen. Dass man dabei gleichzeitig kurz wieder zu Atem kam, war ein erfreulicher Nebeneffekt.
Dann bog der Weg in den Refrigerator Canyon ab, und der Name war diesmal erfreulich ehrlich. Plötzlich lagen wir im Schatten, die Temperatur sank spürbar und der Trail wurde für eine Weile deutlich flacher. Nach dem bisherigen Aufstieg fühlte sich das an wie eine kleine Erholungspause, die uns der Berg großzügig gewährte, vermutlich weil er wusste, was gleich noch kam.
Wir liefen durch die enge Schlucht, genossen die Kühle und sammelten unsere Kräfte, bis vor uns schließlich Walter’s Wiggles auftauchten. 21 extrem enge Serpentinen, direkt übereinander in die Felswand gebaut. Von unten sah das aus, als hätte jemand versucht, mit einem Filzstift eine Treppe auf den Berg zu kritzeln. Walter Ruesch, der erste Superintendent des Zion National Parks, ließ diesen Abschnitt 1925 anlegen, um den Aufstieg überhaupt möglich zu machen. Eine großartige Idee, Walter. Wirklich. Während ich Kehre Nummer gefühlt 47 hochlief und meine Oberschenkel eine formelle Beschwerde einreichten, hätte ich trotzdem gern kurz mit ihm über seine Freizeitgestaltung gesprochen.

Oben am Scout Lookout war zunächst einmal Pause. Und dort konnte man zum ersten Mal sehr deutlich sehen, warum so viele Wanderer genau hier beschlossen, dass die Aussicht eigentlich völlig ausreichend sei. Vor uns zog sich der letzte Abschnitt des Weges als schmaler Felsgrat Richtung Angels Landing. Auf beiden Seiten ging es mehrere hundert Meter nach unten, an manchen Stellen war der Grat nur wenige Meter breit, und entlang der steilsten Passagen waren Ketten im Fels befestigt.
Bis hierher war die Wanderung anstrengend gewesen. Ab hier kam die psychologische Komponente hinzu. Ich wollte weiter. Eigentlich war mir das in dem Moment ziemlich klar, denn wenn ich schon bis hier hochgelaufen war und Angels Landing nun direkt vor mir lag, wollte ich nicht am Scout Lookout sitzen und später erzählen, ich hätte den Gipfel von hier aus angeschaut. Bei Stefan war die Lage etwas komplizierter. Der Mann hat Höhenangst, und vor uns lag ein Weg, dessen landschaftliches Grundkonzept im Wesentlichen aus „Abgrund links, Abgrund rechts“ bestand. Trotzdem kam er mit. Das beeindruckte mich fast genauso sehr wie der Trail selbst, denn ich wusste genau, dass ihm diese letzten 700 Meter erheblich mehr abverlangten als mir.

Also gingen wir weiter, und spätestens auf diesem letzten Abschnitt wurde aus einer Wanderung etwas völlig anderes. Wir kletterten über Felsstufen, zogen uns an den Ketten hoch, rutschten an manchen Stellen auf dem Hinterteil ein Stück nach unten und mussten uns immer wieder mit entgegenkommenden Wanderern arrangieren. Das funktionierte erstaunlich gut, erforderte allerdings gelegentlich Verhandlungen darüber, wer sich gerade an die Felswand drückte und wer auf der etwas luftigeren Seite wartete.
Ich persönlich bevorzugte eindeutig die Variante „Felswand“, Stefan vermutlich noch entschiedener. Anfangs nahm ich jeden Blick in die Tiefe sehr bewusst wahr. Einige Meter später war dafür kaum noch Zeit, weil man automatisch damit beschäftigt war, den nächsten Tritt zu suchen, die Kette zu greifen und herauszufinden, wie man seinen Körper möglichst würdevoll über den nächsten Felsvorsprung beförderte. Das mit der Würde klappte nicht immer. Mal kletterte ich, mal kroch ich, mal setzte ich den Hintern ein, weil dieser sich in bestimmten Situationen als überraschend zuverlässiges alpines Hilfsmittel erwies. Angels Landing ist keine Wanderung, bei der man sich permanent elegant vorkommt.

Und trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – war dieser Weg unglaublich. Je höher wir kamen, desto größer wurde die Landschaft um uns herum, und irgendwann hatte ich dieses herrliche Gefühl, vollkommen in dem zu verschwinden, was wir gerade machten. Keine Gedanken an die Wave-Lotterie, keine Pläne für morgen, keine Frage, wie lange es noch dauert. Nur der Fels, die Kette, der nächste Schritt und dieser immer gewaltigere Blick in den Canyon. Stefan arbeitete sich trotz seiner Höhenangst Stück für Stück mit nach oben, und das war wirklich keine Kleinigkeit. Es gibt einen Unterschied zwischen „Ich mag Höhen nicht besonders“ und der Entscheidung, trotzdem auf einem schmalen Grat weiterzugehen, während wenige Schritte neben einem mehrere hundert Meter Luft beginnen. Er blieb dran. Benni ebenfalls. Und irgendwann lagen die letzten Felsstufen hinter uns und der Grat wurde breiter.
Wir waren oben.
Und obwohl dieser Satz im Reisetagebuch eigentlich nicht allein stehen sollte, fühlt es sich fast unmöglich an, diesen Moment beiläufig in irgendeinem Absatz verschwinden zu lassen. Vor uns öffnete sich der komplette Zion Canyon, und für einige Sekunden war tatsächlich Ruhe in meinem Kopf. Das passiert nicht oft. Wir standen auf Angels Landing, auf 5.790 Fuß, mitten in diesem gewaltigen roten Felskessel, und sahen in beide Richtungen weit durch das Tal.
Tief unter uns zog der Virgin River seine Schleifen, daneben verlief winzig der Scenic Drive, gegenüber lagen Weeping Rock, The Organ und der Great White Throne. Dabei war Angels Landing selbst nicht einmal der höchste Berg weit und breit – aber genau seine Lage mitten im Canyon machte diesen Blick so unglaublich. Man stand nicht irgendwo oben und schaute auf Zion hinunter. Man stand mittendrin, nur eben ziemlich weit über allem anderen.

Ich war völlig hin und weg. Nicht nur von der Aussicht, sondern von allem, was dazugehört hatte: der lange Aufstieg, Walter’s Wiggles, der erste Blick vom Scout Lookout auf diesen irren Grat, die Ketten, die Kletterei und dieses permanente Wechselspiel zwischen „Wie geil ist das denn?“ und „Wer hat eigentlich beschlossen, dass wir Menschen so etwas freiwillig machen?“ Und dann stand Stefan neben mir. Stefan, der Höhe doof findet und dessen natürlicher Aufenthaltsort auf einem Berg normalerweise eher dort liegt, wo links und rechts ausreichend Boden vorhanden ist. Er hatte diesen ganzen letzten Grat trotzdem geschafft und stand tatsächlich mit mir auf Angels Landing. Ich glaube, genau das machte den Moment noch größer. Wir hatten uns diesen Blick wirklich erarbeitet, Meter für Meter, und jetzt saßen wir da oben und konnten kaum glauben, wie gut das hier war.
Fast eine Stunde blieben wir auf dem Gipfel. Wir machten Fotos, liefen über das Plateau, saßen einfach herum und schauten. Normalerweise bin ich durchaus in der Lage, auch an sehr schönen Orten irgendwann festzustellen, dass ich Hunger habe, irgendetwas fotografieren möchte oder langsam wissen will, was als Nächstes kommt. Hier oben hatte ich überhaupt keine Eile. Ich wollte diesen Ort einfach noch nicht verlassen. So sehr hatte mich bis dahin kaum eine Wanderung beeindruckt, und spätestens jetzt war klar, dass Angels Landing für uns eine neue Messlatte gesetzt hatte. Viel höher durfte die eigentlich nicht mehr werden – wir waren schließlich schon ziemlich weit oben.
Irgendwann mussten wir trotzdem wieder hinunter, und inzwischen war der Trail deutlich voller geworden. Nun zeigte sich auch die besondere gesellschaftliche Komponente einer Strecke, auf der Wanderer in beide Richtungen dieselben Ketten benutzen möchten. Es wurde gewartet, ausgewichen, durchgelassen und gelegentlich sehr genau geschaut, wo man den Fuß hinsetzte. Unser früher Start war definitiv eine gute Entscheidung gewesen, denn ich wollte mir gar nicht vorstellen, was hier während der Hauptsaison los war.
Beim Abstieg war die Aussicht außerdem nicht plötzlich weniger spektakulär, nur weil wir sie inzwischen kannten. Im Gegenteil: Jetzt konnte man manche Passagen noch besser sehen, die wir auf dem Weg nach oben vor lauter Konzentration kaum wahrgenommen hatten. Irgendwann lagen der Scout Lookout, Walter’s Wiggles und der Refrigerator Canyon wieder hinter uns, und unten am Virgin River fühlten sich meine Beine so an, als hätten sie heute durchaus ihren Beitrag zum Urlaub geleistet.

Bevor wir den Zion wieder verließen, fuhren wir noch bis zum Temple of Sinawava am Ende des Scenic Drives. Nach Angels Landing war es fast absurd, wieder unten im Canyon zu stehen und hinauf zu diesen gewaltigen Felswänden zu schauen. Vor ein paar Stunden hatten wir noch dort oben gestanden und genau hier heruntergesehen.
Jetzt schlängelte sich der Virgin River wieder direkt neben uns entlang, Wildtiere tauchten am Straßenrand auf, und während wir langsam durch den Park zurückfuhren, sah ich Angels Landing mit völlig anderen Augen. Morgens war es irgendein markanter Felsen gewesen, auf den wir hinaufwollten. Jetzt schaute ich hinauf und dachte nur: Da oben waren wir tatsächlich.

Zurück in Kanab stellte sich anschließend die nächste Herausforderung des Tages, die im Vergleich zu Angels Landing körperlich überschaubar, organisatorisch aber nicht völlig trivial war: ein geöffnetes Restaurant zu finden. Anfang März befand sich ein beträchtlicher Teil der örtlichen Gastronomie noch im Winterschlaf. Ich hatte vorher im Internet verschiedene Kandidaten herausgesucht, doch viele begrüßten uns mit geschlossenen Türen. Das Iron Horse hatte immerhin geöffnet, wenn auch mit reduziertem Off-Season-Menü, und nach diesem Tag hätten wir wahrscheinlich auch ein Schild mit „Heute nur trockenes Brot“ als ausgesprochen vielversprechend empfunden. Zum Glück gab es Burger, Spare Ribs und Chicken Wings, alles sehr lecker, und unsere Kellnerin empfahl mir dazu ihr Lieblingsbier. Wenn jemand nach einem Tag auf Angels Landing der Meinung ist, ich müsse jetzt ein bestimmtes Bier trinken, bin ich für derartige fachliche Beratung ausgesprochen empfänglich. Sie hatte recht, das Bier war hervorragend.
So saßen wir am Abend im Iron Horse, müde, satt und immer noch ein bisschen aufgedreht von diesem Tag. Eigentlich waren wir morgens aufgestanden, um bei einer Lotterie ein Permit für die Wave zu gewinnen. Wir hatten verloren. Und trotzdem hatte ich überhaupt nicht das Gefühl, dass uns heute irgendetwas gefehlt hatte. Im Gegenteil: Aus unserem Plan B war einer dieser Tage geworden, bei denen man schon beim Einschlafen weiß, dass man ihn noch sehr lange im Kopf behalten wird. Morgen würden wir wieder vor dieser schwarzen Lostrommel stehen und unser Glück erneut versuchen. Aber an diesem Abend war mir die Wave erstaunlich egal. Ich hatte heute mit Stefan und Benni auf Angels Landing gestanden – und viel besser konnte ein Urlaubstag eigentlich kaum werden.






































