Elvis, Einkaufstüten und ein Steak für 9,99 Dollar
Heute steht Las Vegas unter einem ganz anderen Motto. Wir haben keine Wanderung geplant, keinen Nationalpark, keine 500 Meilen vor uns und müssen auch nicht über irgendwelche Schotterpisten zu geheimen Militäranlagen fahren. Heute wird eingekauft. Richtig eingekauft. Las Vegas ist dafür schließlich bestens ausgestattet: Am nördlichen und südlichen Ende des Strips warten zwei riesige Premium Outlet Malls, dazwischen liegt die Fashion Show Mall mit allem, was eine Kreditkarte nervös werden lässt. Dort gibt es unter anderem einen riesigen Victoria’s Secret und natürlich einen Apple Store, was die Sache nicht ungefährlicher macht. Unser Tagesprogramm besteht damit im Wesentlichen aus drei Erwachsenen, einem Ford Explorer mit erfreulich großem Kofferraum und einer bemerkenswert optimistischen Einschätzung darüber, wie viel Geld man beim Einkaufen „spart“, wenn alles reduziert ist.
Bevor wir allerdings irgendwelche Geschäfte betreten, brauchen wir eine vernünftige Grundlage. Natürlich könnte man in Las Vegas für 21,99 Dollar im Paris frühstücken, wo das Buffet einen ausgezeichneten Ruf hat, aber wir sind schließlich nicht hierhergekommen, um unser Geld leichtfertig für Lebensmittel auszugeben. Wir brauchen es später für wesentlich wichtigere Dinge, von denen wir im Moment noch gar nicht wissen, dass wir sie brauchen. Also fahren wir ins Gold Coast Hotel & Casino an der West Flamingo Road, knapp anderthalb Kilometer vom Strip entfernt. Dort kostet das Frühstücksbuffet gerade einmal 7,99 Dollar, und weil wir uns beim Players Club anmelden, bekommen wir sogar noch einen Dollar Rabatt. 6,99 Dollar für ein komplettes Buffet inklusive Getränke. Das ist keine Mahlzeit mehr, das ist eine wirtschaftliche Entscheidung.

Das Ports O’Call Buffet ist außerdem herrlich entspannt. Während man in manchen großen Strip-Hotels morgens schon in einer Schlange steht, als würde gleich kostenlos Bargeld verteilt, warten hier gerade einmal zwei Paare vor uns. Wenige Minuten später stehen wir vor warmen Gerichten, kalten Sachen, Gebäck, Obst, diversen undefinierbaren amerikanischen Frühstückskomponenten und einer eigenen Eierstation, an der Omeletts und Eier nach Wunsch frisch zubereitet werden. Für 6,99 Dollar entwickeln wir selbstverständlich einen gewissen Ehrgeiz. Man möchte schließlich nicht mit dem Gefühl vom Tisch aufstehen, das Casino hätte bei diesem Geschäft gewonnen. Das wäre in Las Vegas geradezu peinlich.
Nach diesem eher umfangreichen Frühstück beginnt offiziell unsere Shoppingtour, allerdings nicht sofort. Auf dem Weg zum südlichen Outlet liegt nämlich das berühmte „Welcome to Fabulous Las Vegas“-Schild, und dort wurde inzwischen tatsächlich ein richtiger Parkplatz angelegt. Das macht die Sache deutlich angenehmer als früher, als ein Erinnerungsfoto gefühlt noch eine Mischung aus Straßenüberquerung, Verkehrsbeobachtung und leichtem Todeswunsch erforderte.
Heute haben wir Glück: Die Warteschlange ist überschaubar, das Wetter perfekt und damit steht fest, dass wir uns selbstverständlich anstellen. Wer nach Las Vegas fährt und kein Foto vor diesem Schild besitzt, war vermutlich nur auf der Durchreise oder hat die grundlegenden Regeln des Tourismus nicht verstanden.
Vor dem Schild steht außerdem ein Elvis. Natürlich steht dort ein – oder „der“ Elvis. Wir sind in Las Vegas; hier wäre es eher ungewöhnlich, wenn keiner da wäre. Unser Exemplar trägt weißen Glitzeranzug, Sonnenbrille, Gitarre und die unvermeidliche schwarze Tolle und bietet sich bereitwillig für Fotos an. Wir bitten ihn, sich zu uns zu gesellen, woraufhin der King uns zunächst darüber informiert, dass der Fotograf ihn auf Bildern grundsätzlich etwas dicker aussehen lasse. Das ist natürlich tragisch, aber wir sind bereit, dieses Risiko gemeinsam mit ihm zu tragen. Vielleicht funktioniert der Effekt ja umgekehrt und wir sehen daneben automatisch schlanker aus. Also stellt sich Elvis vor uns, wir werfen die Arme in die Luft und produzieren ein Foto, bei dem niemand später behaupten kann, wir hätten Las Vegas nicht mit der notwendigen Ernsthaftigkeit bereist.
Danach gibt es allerdings keine Ausreden mehr. Jetzt wird geshoppt. Wir arbeiten uns im Laufe des Tages durch die Las Vegas Premium Outlets South und North und nehmen natürlich auch die Fashion Show Mall mit. An die genaue Reihenfolge sämtlicher Geschäfte kann ich mich nicht mehr erinnern, was vermutlich weniger am Alter der Erinnerung liegt als daran, dass ein Shoppingtag irgendwann grundsätzlich seine zeitliche Struktur verliert. Man betritt einen Laden, verlässt ihn mit einer Tüte, betritt den nächsten, entdeckt dort etwas, das man selbstverständlich ebenfalls braucht, und irgendwann sitzt man wieder im Auto und versucht herauszufinden, ob wir jetzt eigentlich schon im nördlichen Outlet waren oder ob das erst noch kommt. Sicher ist nur: Wir waren überall. Und die Zahl der Tüten entwickelte sich im Laufe des Tages deutlich dynamischer als unser Kontostand.
In der Fashion Show Mall wartet dann allerdings eine Begegnung auf uns, die selbst für Las Vegas bemerkenswert ist. In der Tiefgarage entdecken wir nämlich unseren Elvis vom Las-Vegas-Schild wieder. Zumindest sind wir uns ziemlich sicher, dass er es ist, denn diese Frisur lässt wenig Spielraum für Verwechslungen. Der weiße Glitzeranzug ist verschwunden, stattdessen trägt der King jetzt Shorts und Hawaiihemd und sitzt in einem rosafarbenen Cadillac-Cabrio. Damit ist endgültig geklärt, dass Elvis nicht nur lebt, sondern offenbar auch einen ausgesprochen konsequenten Freizeitstil pflegt. Wir stehen zwischen unseren Einkaufstüten in einer Parkgarage und sehen dem King in seinem rosa Cadillac hinterher. Manchmal muss man in Las Vegas überhaupt nichts planen. Die Stadt erledigt den Unsinn ganz von allein.
Irgendwann sind sämtliche Outlets abgearbeitet, die Fashion Show Mall ebenfalls und unser Ford hat seinen eigentlichen Zweck für diesen Urlaub erkannt: Er ist kein SUV mehr, sondern ein rollendes Zwischenlager für amerikanische Konsumgüter. Gleichzeitig macht sich langsam wieder Hunger bemerkbar, was angesichts unseres Frühstücks eigentlich eine bemerkenswerte Leistung ist.
Aber Einkaufen verbraucht offenbar enorme Mengen Energie, insbesondere wenn man zwischendurch ständig Tüten zum Auto tragen muss. Für den Abend haben wir deshalb schon das nächste Schnäppchen im Visier: das Ellis Island Casino, etwas abseits vom großen Strip-Rummel. Dort gibt es einen Steak-Deal, der nicht einfach auf der normalen Speisekarte herumsteht und auf Laufkundschaft wartet. Man braucht die Players-Club-Karte beziehungsweise den entsprechenden Coupon, was uns sofort das angenehme Gefühl vermittelt, Mitglieder eines geheimen Las-Vegas-Zirkels zu sein.
Tatsächlich besteht dieser exklusive Zirkel vermutlich aus jedem Menschen, der fünf Minuten Zeit hat, sich beim Players Club anzumelden, aber das muss man ja nicht unnötig entzaubern. Für 9,99 Dollar bekommen wir Steak mit Beilagen und davor Suppe oder Salat. Und das Ganze sieht nicht nach „9,99 Dollar und hoffentlich überleben wir es“ aus, sondern nach einem vollkommen ordentlichen Abendessen. Nach dem 6,99-Dollar-Frühstück am Morgen haben wir damit einen Tag absolviert, an dem vermutlich mehr Geld für Kleidung als für unsere komplette Verpflegung ausgegeben wurde. Las Vegas kann erstaunlich günstig sein, solange man Restaurants und Kreditkartenabrechnung konsequent getrennt betrachtet.
Eigentlich könnte man danach vernünftigerweise ins Hard Rock Hotel zurückfahren. Wir sind seit Stunden unterwegs, haben gefühlt halb Las Vegas leergekauft und inzwischen auch gegessen. Aber „vernünftigerweise“ ist in Las Vegas kein besonders brauchbares Konzept. Also fahren wir noch ins New York-New York und wechseln für den Rest des Abends einfach den Kontinent. Drinnen schlendern wir durch die nachgebauten Straßen Manhattans, vorbei an Backsteinfassaden, Feuerleitern, kleinen Restaurants und Straßenschildern von Broadway und Greenwich Village. Draußen liegt Nevada, drinnen New York und irgendwo dazwischen verliert man ohnehin jedes Gefühl dafür, was in dieser Stadt eigentlich noch normal sein soll.
Unser Ziel ist die Times Square Bar, wo am Abend die Dueling Pianos spielen. Zwei Pianisten treten musikalisch gegeneinander an, erfüllen Musikwünsche, treiben sich gegenseitig an und ziehen das Publikum immer weiter mit hinein. Aus einem „wir schauen da mal kurz rein“ wird entsprechend schnell ein längerer Aufenthalt. Die Stimmung ist laut, ausgelassen und genau richtig für einen Abend in Las Vegas, an dem wir eigentlich seit dem Frühstück permanent unterwegs sind. Irgendwann sitzen wir da zwischen künstlichem Manhattan und echtem Casino und stellen fest, dass unser geplanter Shoppingtag inzwischen Frühstücksbuffet, Elvis im Glitzeranzug, Elvis im Hawaiihemd samt rosa Cadillac, drei Einkaufszentren, ein Zehn-Dollar-Steak und ein Piano-Duell hervorgebracht hat. Für einen Tag, an dem wir „eigentlich nur einkaufen“ wollten, ist das eine durchaus respektable Ausbeute.

Erst spät machen wir uns wieder auf den Weg ins Hard Rock Hotel. Dort wartet unser Zimmer hoch oben im Casino Tower und vermutlich auch die erste Gelegenheit, sämtliche Einkaufstüten einmal zusammenzutragen und festzustellen, was wir eigentlich alles gekauft haben. Aber das kann bis morgen warten. Für heute reicht die Erkenntnis, dass Las Vegas selbst aus einem simplen Shoppingtag zuverlässig eine Geschichte macht – und dass ein Ford Explorer offenbar genau die richtige Fahrzeugklasse ist, wenn man zwei Outlet Center und eine Fashion Show Mall an einem einzigen Tag besuchen möchte.
















