12,5 Meilen Strip, singende Kellner und die letzten acht Margaritas
Unser letzter kompletter Tag in Las Vegas begann, wie ein anständiger Tag in dieser Stadt offenbar beginnen musste: mit einem Buffet. Nachdem wir in den vergangenen Tagen bereits verschiedene Kandidaten ausgiebig getestet hatten, fehlte uns noch das Garden Court Buffet in der Main Street Station in Downtown. Natürlich nicht einfach deshalb, weil wir Hunger hatten. Inzwischen betrieben wir schließlich nahezu wissenschaftliche Vergleichsforschung und hatten eine persönliche Las-Vegas-Frühstücksrangliste entwickelt. Dass dabei Pancakes, Eier, Speck und sonstige Kalorienberge die wichtigsten Bewertungskriterien darstellten, war reiner Zufall. Die Main Street Station gehörte ebenfalls zum B-Connected Players Club, weshalb unsere inzwischen äußerst wertvolle Karte wieder einen kleinen Rabatt herausholte. Gegenüber fanden wir einen Parkplatz, bezahlten brav die Gebühr und erfuhren erfreulicherweise, dass wir sie uns als Casinogäste später wieder erstatten lassen konnten. So etwas freut uns ja. Nicht wegen der paar Dollar – natürlich ausschließlich aus Prinzip.

Das Buffet selbst konnte sich absolut sehen lassen. Warm, kalt, süß, herzhaft, Eier, Fleisch, Gebäck und all die Dinge, bei denen man beim ersten Gang noch denkt, man müsse sich unbedingt zurückhalten, um spätestens beim dritten mit einem Teller am Tisch zu sitzen, dessen Zusammenstellung ernährungsphysiologisch nur schwer zu erklären ist. Trotzdem schaffte es das Garden Court in unserem inzwischen hart umkämpften internen Ranking nur auf Platz drei. Ports O’Call und das French Market Buffet hatten die Messlatte offenbar bereits so hoch gelegt, dass wir uns langsam aufführten wie Restaurantkritiker, obwohl wir im Grunde nur drei Deutsche waren, die für möglichst wenig Geld möglichst viel Frühstück essen wollten. Schlecht war hier jedenfalls gar nichts – die Konkurrenz war einfach zu stark.
Anschließend meldete Benni ein Problem, bei dem wir natürlich sofort unsere Hilfe anboten: Er besaß offenbar noch Dollar. Und weil Bargeld am Ende einer USA-Reise keinesfalls unbeaufsichtigt bleiben darf, musste dringend gegengesteuert werden. Also machten wir noch einmal einen kurzen Abstecher zum Shopping. Nach den vergangenen Tagen wussten wir inzwischen ziemlich genau, wo welche Geschäfte lagen, sodass aus gemütlichem Bummeln eine Art taktischer Präzisionseinsatz geworden war. Rein, suchen, kaufen, raus. Powershopping. Vermutlich hätte man uns mittlerweile mit Stoppuhr durch ein Outlet schicken können. Irgendwann war auch diese finanzielle Gefahr gebannt und wir konnten uns unserem eigentlichen Tagesprogramm widmen: jener Hälfte des Las Vegas Strip, die wir bei unserem Casino-Marathon ein paar Tage zuvor noch nicht vollständig abgearbeitet hatten.
Wir stellten den Explorer im Wynn ab und begannen dort unsere letzte große Fußexpedition. Schon das Wynn und das benachbarte Encore waren wieder eine eigene Welt: viel Glas, Wasser, Blumen, Palmen und Dekorationen, bei denen vermutlich schon ein einzelnes Blumenarrangement mehr kostete als unser kompletter Urlaub. Von dort liefen wir weiter zur Fashion Show Mall, wo Starbucks für eine strategisch notwendige Kaffeepause herhalten musste. Anschließend ging es zu Treasure Island, Mirage, Caesars Palace und Bellagio. Dabei wurde uns wieder bewusst, wie irreführend Entfernungen auf dem Strip aussehen. Man sieht ein Hotel und denkt: „Da drüben ist es ja schon.“ Zwanzig Minuten später läuft man immer noch daran entlang und fragt sich, ob das Gebäude vielleicht währenddessen weiter nach hinten geschoben wird. In Las Vegas hat offenbar niemand vorgesehen, dass Menschen tatsächlich zu Fuß von einem Casino zum nächsten gehen.
Trotzdem liefen wir weiter. Beim Bellagio noch einmal durch die opulente Lobby, hinaus auf den Strip, irgendwann die Straßenseite gewechselt und weiter über Flamingo, Harrah’s, Venetian und Palazzo. Dazwischen Fußgängerbrücken, Rolltreppen, Casinos, Einkaufspassagen und ungefähr vier Millionen Spielautomaten, die überall blinkten und klingelten. Besonders praktisch ist Las Vegas darin, einen von A nach B grundsätzlich durch mindestens ein Casino zu führen. Man möchte lediglich die Straße überqueren und findet sich plötzlich zwischen Blackjack-Tischen, einer Cocktailbar und einem Souvenirshop wieder. Offenbar lautet das städtebauliche Grundprinzip: Wer läuft, könnte unterwegs schließlich noch Geld verlieren.
Am Palazzo angekommen schlossen wir unsere große Runde und liefen zurück zum Wynn, wo unser Auto auf uns wartete. Erst später stellten wir fest, was wir an diesem Tag tatsächlich veranstaltet hatten: 12,5 Meilen, also rund 20 Kilometer. Zwanzig Kilometer Las Vegas Strip. Zum Vergleich: Unsere Wanderung auf Angels Landing hatte gerade einmal ungefähr 6,5 Meilen umfasst. Dort waren wir allerdings einen Berg hochgeklettert und hatten uns zeitweise an Ketten festgehalten. Hier liefen wir lediglich durch Hotels. Danach fühlten sich unsere Füße trotzdem ungefähr genauso an. Offenbar ist Chanel körperlich anspruchsvoller, als man denkt.
Vom Wynn waren es glücklicherweise nur wenige Minuten mit dem Auto bis zum Stratosphere. Bevor wir allerdings hinein gingen, musste noch ein letzter Pflichttermin erledigt werden: World’s Largest Gift Shop. Eine Reise kann schließlich nicht enden, solange irgendwo auf einer geistigen Liste noch Namen von Menschen stehen, für die man kein Mitbringsel hat. Also hinein in diese gigantische Sammlung aus Las-Vegas-Schildern, T-Shirts, Tassen, Magneten und Dingen, deren Existenz man vorher nicht einmal geahnt hatte. Innerhalb kurzer Zeit waren die letzten Souvenirs eingesammelt und wir konnten offiziell behaupten, niemanden zu Hause vergessen zu haben.

Unsere Füße verlangten inzwischen allerdings nach einer längeren Sitzgelegenheit, weshalb Roxy’s Diner im Stratosphere genau richtig kam. Das Diner war herrlich klassisch eingerichtet, mit diesem amerikanischen Fifties-Look, der bei mir ohnehin grundsätzlich funktioniert, und das Essen war richtig gut und überraschend bezahlbar. Suppe, Wings, Onion Rings, Sandwiches – wir bestellten quer durch die Karte und waren eigentlich schon vollkommen zufrieden. Dann fingen die Kellner an zu singen. Und zwar nicht dieses leicht peinliche „Wir stellen jetzt jemanden vors Mikrofon, weil das zum Konzept gehört“, sondern richtig gut. Eine Kellnerin stand plötzlich neben unserem Tisch und sang, ein anderer Mitarbeiter übernahm später, und wir saßen da mit unserem Essen und bekamen nebenbei eine kleine Show geliefert. Nach 20 Kilometern Fußmarsch hätte ich vermutlich auch jemandem begeistert beim Vorlesen der Speisekarte zugehört, aber die beiden konnten wirklich singen. Wir hätten problemlos noch länger sitzen bleiben können.
Nur hatten wir noch etwas vor. Seit unserer ersten Nacht in Las Vegas trugen wir schließlich das zweite Ticket aus unserem Kombiangebot mit uns herum: den Eiffelturm im Paris. Und da dies unsere letzte Nacht in der Stadt war, gab es keine Ausrede mehr. Also wieder ins Auto, den Strip hinunter und hinein ins Parkhaus des Paris. Da wir die Tickets bereits hatten, konnten wir uns den ganzen organisatorischen Teil sparen und direkt Richtung Aufzug marschieren. Wenig später standen wir rund 165 Meter über dem Las Vegas Boulevard auf der Aussichtsplattform des Eiffelturms. Der Vegas-Eiffelturm ist nur etwa halb so groß wie sein Pariser Vorbild; ursprünglich sollte er tatsächlich höher werden, doch wegen des nahen Flughafens musste man die Ambitionen etwas zusammenstutzen. In Las Vegas wirkt selbst ein halber Eiffelturm allerdings immer noch völlig angemessen.
Unser Timing hätte kaum besser sein können. Die Sonne war gerade dabei, hinter den Bergen zu verschwinden, und während wir oben standen, wechselte Las Vegas langsam vom Tagesbetrieb in seine eigentliche Existenzform. Erst lagen die Hotels noch klar vor uns, dann wurde der Himmel dunkler und innerhalb weniger Minuten gingen überall die Lichter an. Der Strip zog sich unter uns durch die Stadt, der High Roller leuchtete in der Ferne, gegenüber lag das Bellagio und direkt unter uns begannen die Fontänen ihre nächste Show. Durch kleine Öffnungen im Schutzgitter konnten wir die Kameras so positionieren, dass nicht jedes Foto aussah, als hätten wir es aus einem Hochsicherheitsgefängnis aufgenommen. Gerade zur Blue Hour war die Aussicht fantastisch – noch genug Licht am Himmel, gleichzeitig aber schon dieses typische Las-Vegas-Leuchten, wegen dem man abends ständig stehen bleibt und fotografiert.
Wir blieben fast eine Stunde dort oben und genossen noch einmal diesen völlig übertriebenen Anblick. Nach all den Tagen in der Stadt hatten wir erstaunlich viel gesehen: den Strip von oben und unten, tagsüber und nachts, alte Casinos in Downtown, neue Luxushotels, riesige Einkaufszentren, Buffets, Bars, Shows und wahrscheinlich mehr Spielautomaten, als ein Mensch in seinem Leben braucht. Und jetzt standen wir am letzten Abend über allem und sahen auf diese leuchtende Wüstenstadt hinunter. Ein ziemlich passender Abschluss.
Wobei – ganz abgeschlossen war der Abend selbstverständlich noch nicht. Es gab schließlich inzwischen eine Tradition. Eine sehr junge Tradition, zugegeben, aber trotzdem eine Tradition: Margarita Time in Downtown. Also fuhren wir ein letztes Mal zur Fremont Street, stellten das Auto ab und liefen unter der riesigen LED-Decke hindurch. Nach den vergangenen Abenden kannten wir inzwischen fast schon unsere Route. Ein bisschen Straßenkünstler anschauen, ein bisschen über die Menschen staunen, ein bisschen Musik hören und irgendwann im Fremont Casino bei unserer Bar landen. Es war fast erschreckend, wie schnell sich so etwas zu einer festen Gewohnheit entwickeln kann.
Und natürlich bestellten wir wieder unsere acht Margaritas. Insgesamt. Ich erwähne das weiterhin sicherheitshalber, weil acht Margaritas ansonsten schnell nach einem ganz anderen Reisebericht klingen. Die Gläser standen vor uns auf dem Tisch, wir saßen dort und ließen die vergangenen Tage noch einmal Revue passieren. Vor knapp zwei Wochen war Benni mit uns zu seiner ersten USA-Reise aufgebrochen, inzwischen war er mit uns durch Slot Canyons geklettert, hatte Area 51 besucht, wilde Mustangs gesehen, im Grand Canyon Schnee erlebt, mit Eseln in Oatman Freundschaft geschlossen und gelernt, dass wir einen „reinen Fahrtag“ offenbar anders definieren als normale Menschen. Und irgendwo dazwischen hatten wir in Las Vegas eine ausgesprochen vernünftige Tradition erfunden, die aus acht sehr günstigen Margaritas bestand.
Das Beste daran: Wir mussten uns gar nicht besonders wehmütig von Las Vegas verabschieden. Der nächste Besuch war bereits beschlossen, die Flüge sogar schon gebucht. In einem Jahr würden wir wieder hier sitzen. Vermutlich wieder mit irgendwelchen neuen Hotels auf der Liste, wahrscheinlich wieder mit zu vielen Fotos und ziemlich sicher wieder mit irgendeinem ausgesprochen günstigen Essen, das ich vorher irgendwo ausgegraben hatte.
Und wenn wir Benni bis dahin nichts anderes beigebracht hatten, eines wusste er jetzt jedenfalls ganz sicher: Acht Margaritas gehören in Las Vegas zur Reisegruppe.
Viva Las Vegas!


























