Grand Teton – 150 Kilometer geplant, 300 bekommen und zwischendrin noch einen Berg bestiegen
2010 hatten wir den Grand Teton National Park einfach links liegen lassen. Im wahrsten Sinne des Wortes. Yellowstone war damals der große Star unserer Reise, und was südlich davon noch an Bergen, Seen und Landschaft herumstand, musste sich mit einem Blick aus dem Autofenster begnügen. Im Nachhinein keine unserer Glanzleistungen, denn inzwischen wussten wir natürlich, dass der Grand Teton National Park keineswegs nur der landschaftlich hübsch geratene Vorhof von Yellowstone ist. Also sollte er diesmal seinen eigenen Tag bekommen. Einen ganzen. Großzügig geplant, mit Jenny Lake, einer Wanderung zu den Hidden Falls und zum Inspiration Point und anschließend noch genügend Zeit für ein paar der berühmten Aussichtspunkte. Die Strecke von Old Faithful bis zum Jenny Lake: rund 150 Kilometer, etwa zwei Stunden Fahrt. Ein wunderbar übersichtlicher Plan. Und damit war eigentlich schon klar, dass irgendetwas dazwischenkommen würde.
Bevor wir uns allerdings auf große Entdeckungsreise begeben, kümmern wir uns um das Wesentliche und gehen noch einmal in der Old Faithful Lodge frühstücken. Ein Tag in den Bergen sollte schließlich nicht mit leerem Magen begonnen werden, schon gar nicht, wenn Wanderwege darin vorkommen. Die Lodge ist am Morgen angenehm gemütlich, draußen dampft Yellowstone bereits wieder zuverlässig vor sich hin, und wir sitzen beim Frühstück noch in der beruhigenden Gewissheit, dass unser Tagesplan hervorragend durchdacht ist. Danach packen wir unsere Sachen in den Explorer und wollen Yellowstone ganz einfach über den Highway 89 nach Süden verlassen. Grand Teton, wir kommen.
Ungefähr bis zum Ortsausgang von Old Faithful hält dieser Plan. Dann stehen wir vor einer Straßensperre. Die direkte Verbindung Richtung Süden ist wegen Arbeiten an einer Brücke dicht. Nicht ein bisschen dicht, nicht „zehn Minuten warten, dann dürfen Sie durch“, sondern richtig dicht. Unser Jenny Lake liegt südlich von uns, wir befinden uns nördlich davon, und zwischen beidem hat jemand beschlossen, ausgerechnet heute eine Brücke zu bearbeiten. Das Navigationssystem beziehungsweise unsere Karte präsentiert uns daraufhin die Alternative, und die besitzt einen gewissen Unterhaltungswert: Wir fahren zunächst nach Westen aus Yellowstone hinaus, dann durch Idaho weit nach Süden und anschließend wieder nach Osten nach Wyoming hinein. Statt gemütlicher 150 Kilometer werden es ungefähr 300. Statt zwei Stunden fast viereinhalb. Man könnte sagen, wir machen einen kleinen Umweg. Man könnte allerdings auch sagen, wir fahren einmal großräumig um unser eigentliches Ziel herum, damit wir uns später von hinten anschleichen können.
Also gut. Roadtrip ist Roadtrip. Wir verlassen Yellowstone über West Yellowstone und fahren auf den Highways 20, 32 und später 33 durch Idaho. Und wenn man schon ungefragt 150 zusätzliche Kilometer geschenkt bekommt, kann man sich wenigstens die Landschaft anschauen. Die ist nämlich tatsächlich wunderschön. Weite Felder, sanfte Hügel, kleine Orte, riesiger Himmel und Straßen, die sich kilometerweit durch die Landschaft ziehen. Es ist diese typische amerikanische Weite, bei der man irgendwann vergisst, dass man eigentlich gerade einen Umweg fährt. Zumindest so lange, bis man auf die Uhr schaut. Dann erinnert man sich wieder.
Je weiter wir nach Süden kommen, desto näher rücken schließlich die Berge. Die Landschaft verändert sich, und irgendwann taucht vor uns Jackson Hole auf. Allein die Fahrt hinunter ins Tal ist spektakulär: Wälder an den Hängen, dahinter Bergketten, unten dieses weite grüne Becken – und irgendwo dort wartet endlich der Grand Teton National Park auf uns. Inzwischen haben wir allerdings bereits mehr als doppelt so lange im Auto gesessen wie ursprünglich vorgesehen. Unser entspannter Nationalparktag hat sich bis hierher hauptsächlich dadurch ausgezeichnet, dass wir sehr viel Nationalpark noch nicht gesehen haben.

Etwa sieben Meilen vor Jackson biegen wir auf die Moose-Wilson Road ab. Und spätestens hier bekommt unsere unfreiwillige Idaho-Rundfahrt eine ziemlich überzeugende Rechtfertigung. Der Name „Moose-Wilson Road“ klingt schließlich nicht so, als hätte man sich bei der Tierwelt völlig aus der Verantwortung ziehen können. Wenn eine Straße schon Moose heißt, möchten wir bitte auch welche sehen.
Und tatsächlich: Da stehen sie. Nicht einer. Gleich vier. Mehrere Elchkühe bewegen sich durch das sumpfige Gelände und zwischen den Büschen neben der Straße. Zwei stehen teilweise im Wasser, andere verschwinden beinahe im dichten Grün, und für einen Moment ist die lange Anfahrt komplett vergessen. Natürlich wird sofort angehalten und die Kamera gezückt. Die Tiere interessiert unsere Begeisterung ungefähr so sehr wie uns die aktuelle Vegetation Idahos. Sie waten gemächlich durchs Wasser, knabbern an Zweigen und führen ihr Elchleben mit jener beneidenswerten Ruhe weiter, die Wildtiere immer dann ausstrahlen, wenn Menschen daneben hektisch Objektive wechseln.
Besonders fotogen möchten sie allerdings nicht sein. Mal steckt der Kopf hinter einem Busch, mal steht genau dort ein Ast, wo kein Ast hingehört, und eine der Damen präsentiert uns vorzugsweise Körperteile, die in einem Naturkalender vermutlich eher auf der Rückseite landen würden. Trotzdem bekommen wir einige schöne Aufnahmen. Vor allem aber haben wir unsere ersten Moose des Tages gesehen – und zwar ausgerechnet auf der Moose-Wilson Road. Manchmal liefert Amerika seine Sehenswürdigkeiten erfreulich korrekt beschriftet.
Als wir schließlich am Jenny Lake ankommen, sind aus unseren geplanten 150 Kilometern tatsächlich rund 300 geworden und aus zwei gemütlichen Stunden fast viereinhalb. Damit hat sich ein beträchtlicher Teil unseres großzügig geplanten Tages bereits auf diversen Highways in Idaho aufgelöst. Und als kleine Zugabe ist der Parkplatz am Jenny Lake natürlich voll. Sehr voll. Wir drehen unsere Runden und beobachten jeden Menschen, der sich einem Auto nähert, mit jener unauffälligen Aufmerksamkeit, die man sonst nur von Raubtieren bei der Jagd kennt. Schlüssel in der Hand? Unser Kandidat. Kofferraum auf? Könnte dauern. Nur etwas aus dem Auto holen? Enttäuschung auf ganzer Linie.
Dann haben wir Glück. Ein Platz wird frei. Wir schlüpfen hinein, schnappen unsere Sachen und machen uns auf den Weg zum Bootsanleger. Denn für unsere Wanderung wollen wir nicht erst um den halben Jenny Lake laufen, sondern mit dem Shuttle Boat auf die andere Seite übersetzen. Und nach allem, was heute Morgen bereits schiefgelaufen ist, passiert nun etwas geradezu Verdächtiges: Wir erwischen tatsächlich noch ein Boot.

Kaum sitzen wir, ist der Ärger über die Anfahrt endgültig vergessen. Das kleine Boot zieht hinaus auf den tiefblauen Jenny Lake, hinter uns schäumt die weiße Heckwelle, und vor uns wachsen die Tetons direkt aus der Landschaft. Keine sanften Vorberge, die einen langsam auf das Kommende vorbereiten. Diese Bergkette steht einfach da. Schroff, felsig und gewaltig, als hätte jemand die Kulisse eines Westerns unmittelbar ans Seeufer geschoben. Der Grand Teton selbst ragt über 4.000 Meter hoch auf, und während wir über das Wasser fahren, wird ziemlich deutlich, warum dieser Nationalpark einen eigenen Tag verdient hat. Eigentlich sogar mehr als einen. Aber das wissen wir zu diesem Zeitpunkt bereits, ohne dass wir uns darüber noch weiter ärgern möchten.
Auf der anderen Seite steigen wir aus und beginnen unsere Wanderung Richtung Hidden Falls. Von der Bootsanlegestelle sind es nur ungefähr 600 Meter bis zum Wasserfall, was auf dem Papier nach einem kleinen Spaziergang klingt. Das Papier verschweigt allerdings, dass der Weg nicht über einen ebenen Bürgersteig führt. Es geht durch Wald, über Wurzeln und Steine, immer wieder bergauf, neben uns rauscht der Cascade Creek durch die Bäume. Genau so hatten wir uns Grand Teton vorgestellt: dichter Wald, klares Bergwasser, Felsen und diese herrliche Luft, bei der man für kurze Zeit glaubt, Wandern sei eine ausgesprochen vernünftige Freizeitbeschäftigung.

Dann hören wir die Hidden Falls schon, bevor wir sie richtig sehen. Das Wasser stürzt zwischen den Felsen über 30 Meter in die Tiefe, weißer Schaum wirbelt über die Steine, und der Name „Hidden Falls“ wirkt angesichts des Geräuschpegels ein bisschen optimistisch. Versteckt vielleicht. Unauffällig definitiv nicht. Wir bleiben eine Weile stehen, machen Fotos und genießen die kühle Luft am Wasser. Bis hierher wäre die Wanderung auch ausgesprochen familienfreundlich gewesen. Ein hübscher Weg, ein schöner Wasserfall, alles bestens. Wir wollen aber weiter zum Inspiration Point. Und damit endet der gemütliche Teil.
Hinter den Hidden Falls wird der Weg deutlich steiler. Aus dem Waldweg wird zunehmend ein felsiger Bergpfad, der sich am Hang entlang nach oben zieht. Teilweise wird er schmal, neben uns fällt das Gelände ziemlich überzeugend Richtung Jenny Lake ab, und plötzlich bekommt der Begriff „Inspiration Point“ eine neue Bedeutung. Man ist vor allem inspiriert, genau darauf zu achten, wohin man den nächsten Fuß setzt. Die Aussicht wird mit jedem Meter besser, gleichzeitig wachsen die Felsen neben uns zu einer steilen Wand auf. Auf manchen Abschnitten kraxeln wir über größere Steine, dann führt der Trail wieder auf schmalen Passagen am Hang entlang. Kein Klettersteig, kein hochalpines Drama – aber definitiv auch nicht mehr die Sorte Spaziergang, die man mit einem Eis in der Hand erledigt.
Zwischendurch bleiben wir immer wieder stehen. Natürlich ausschließlich wegen der Aussicht. Keinesfalls, weil bergauf laufen überraschenderweise anstrengender ist als bergab. Unter uns wird der Jenny Lake immer kleiner und blauer, hinter ihm breiten sich Wälder und das weite Tal von Jackson Hole aus. Je höher wir kommen, desto mehr öffnet sich der Blick. Spätestens jetzt sind die zusätzlichen Stunden im Auto endgültig verziehen. Für genau das sind wir hergefahren.

Dann erreichen wir den Inspiration Point auf rund 7.200 Fuß, also ungefähr 2.200 Metern Höhe. Und der Name ist ausnahmsweise keine touristische Übertreibung. Vor uns liegt der Jenny Lake in einem derart kräftigen Blau, dass man bei einem Foto wahrscheinlich sofort verdächtigt würde, am Sättigungsregler gedreht zu haben. Dahinter ziehen sich die Wälder durch das Tal, am Horizont liegen weitere Bergketten, und über allem spannt sich ein fast wolkenloser Himmel. Wir suchen uns einen Platz auf den Felsen und setzen uns. Nach dem Aufstieg ist das ohnehin eine hervorragende Idee, die sich problemlos als intensives Landschaftserlebnis verkaufen lässt.

Dann kommt unser Picknick heraus. Und damit haben wir innerhalb von zwei Tagen offenbar eine neue Tradition etabliert: Gestern saßen wir mit unserem Essen oberhalb der Grand Prismatic Spring, heute am Inspiration Point über dem Jenny Lake. Die Restaurantwahl unserer Reise wird zunehmend exklusiver, nur der Service lässt etwas zu wünschen übrig. Niemand bringt Getränke, die Sitzmöbel bestehen aus Fels und die Toilette ist unangemessen weit entfernt. Dafür ist die Aussicht kaum zu schlagen. Wir sitzen dort oben, essen unsere mitgebrachten Sachen und schauen über den See. Mehr braucht es in diesem Moment tatsächlich nicht.
Natürlich machen wir wieder viel zu viele Fotos. Eines noch mit dem See. Eines ein bisschen weiter links. Eines mit mehr Bergen. Eines mit weniger Felsen im Vordergrund. Und eines sicherheitshalber noch einmal, falls bei den vorherigen zwanzig irgendetwas schiefgegangen sein sollte. Digitalfotografie hat uns nicht unbedingt vernünftiger gemacht.
Irgendwann müssen wir zurück. Durch den Umweg am Morgen ist unser Zeitplan inzwischen ohnehin eher eine historische Dokumentation dessen, was wir einmal vorhatten. Eine komplette Umrundung des Jenny Lake fällt damit aus. Also steigen wir denselben Weg wieder hinunter, vorbei an den Felsen, zurück durch den Wald und zur Bootsanlegestelle. Bergab sieht manches erstaunlicherweise noch steiler aus als bergauf, aber irgendwann sitzen wir wieder im Boot und lassen uns bequem über den See zurückfahren. Nach der Kraxelei fühlt sich allein die Tatsache, dass jemand anderes die Fortbewegung übernimmt, ausgesprochen luxuriös an.

Zurück am Explorer geht es auf die Teton Park Road Richtung Norden. Und jetzt bekommen wir endlich die Fahrt, die eigentlich für heute Morgen vorgesehen war. Die Straße führt mitten durch den Nationalpark, und links von uns stehen die Tetons in voller Pracht. Grand Teton, Mount Owen, Teewinot – eine zerklüftete Wand aus Fels, die ohne große Vorwarnung aus der Ebene aufragt. Immer wieder halten wir an, weil die Aussicht schon wieder ein bisschen anders aussieht und selbstverständlich fotografiert werden muss. Unser Fortbewegungsmuster besteht inzwischen aus ungefähr zehn Minuten fahren, anhalten, aussteigen, fotografieren, wieder einsteigen. Effizient ist anders, aber dafür sind wir nicht hier.
Am Jackson Lake wird die Landschaft noch einmal großartiger. Der riesige blaue See liegt vor der Bergkette, und die Tetons spiegeln sich stellenweise im Wasser. Wir halten am Jackson Lake Dam, laufen ein Stück über den Damm und schauen hinaus über den See. Nach dem hektischen Vormittag ist es hier beinahe absurd friedlich. Blauer Himmel, blaues Wasser, Berge dahinter – Grand Teton gibt sich wirklich Mühe, uns vorzuführen, was wir 2010 alles verpasst haben.
Und er gewinnt.

Leider haben wir durch unsere große Idaho-Ehrenrunde keine Zeit mehr für alles, was ursprünglich noch auf unserer Liste stand. Schwabacher Landing, Snake River Overlook und Oxbow Bend müssen warten. Das ärgert uns zwar, aber immerhin wissen wir jetzt, dass wir wiederkommen müssen. Es gibt unangenehmere Erkenntnisse als die, dass man irgendwann noch einmal in den Grand Teton National Park fahren sollte. Außerdem wäre es inzwischen reichlich vermessen, sich über einen Tag zu beschweren, an dem wir Moose gesehen, den Jenny Lake mit dem Boot überquert, zu einem Wasserfall gewandert und auf einen Aussichtspunkt gekraxelt sind. Der Tag war nur eben anders sortiert als bestellt.
Als wir weiter nach Norden fahren, wartet dann die nächste kleine Überraschung. Die Straßensperre, die uns am Morgen zu unserer 300-Kilometer-Rundreise gezwungen hat, ist inzwischen verschwunden. Die Brückenarbeiten sind für heute beendet und die Straße wieder geöffnet. Natürlich.
Heute morgen sind wir viereinhalb Stunden durch zwei Bundesstaaten gefahren, weil genau diese Straße gesperrt war. Jetzt könnten wir also ganz gemütlich und direkt zurück nach Yellowstone fahren. Vielen Dank auch. Andererseits hätten wir ohne den Umweg vermutlich die Moose auf der Moose-Wilson Road nicht gesehen. So funktioniert Roadtrip-Mathematik: Man rechnet sich das Ergebnis so lange schön, bis es wieder nach Absicht aussieht.
Über den South Entrance fahren wir zurück in den Yellowstone National Park. Und weil wir schon einmal hier sind und der Tag offenbar noch nicht genügend Programm enthält, biegen wir am West Thumb Geyser Basin ab. Das gehört für mich zu den schönsten Thermalgebieten im ganzen Park, vor allem wegen seiner Lage direkt am Yellowstone Lake. Nach den gewaltigen Bergen des Grand Teton wirkt es beinahe verrückt, innerhalb relativ kurzer Zeit wieder zwischen dampfenden Quellen und bunten Pools zu stehen. Aber genau das ist Yellowstone: Man gewöhnt sich gerade an eine Landschaft, und zehn Kilometer später sieht die Erde wieder völlig anders aus.
Wir laufen über die Boardwalks durch das West Thumb Geyser Basin. Direkt vor uns liegt der riesige Yellowstone Lake, daneben leuchten die heißen Quellen in Türkis, Blau, Orange und Rostrot. Besonders der Abyss Pool sieht aus, als hätte jemand ein Loch direkt in eine andere Welt gebohrt. Das Wasser ist so dunkelblau und klar, dass man hineinschaut und gleichzeitig wissen möchte, wie tief es ist und lieber nicht zu genau darüber nachdenken will. Einige der Thermalquellen liegen sogar unmittelbar am oder im See. Einer der bekanntesten kleinen Kegel, der Fishing Cone, ragt aus dem Wasser und wirkt aus der Entfernung fast wie ein steinerner Kochtopf, den jemand dort vergessen hat.

Der Rundweg ist angenehm kurz, was uns nach dem Inspiration Point durchaus entgegenkommt. Wir spazieren zwischen den Quellen hindurch, während Dampf über die Wege zieht und der Yellowstone Lake dahinter völlig unschuldig blau glitzert. Diese Kombination gefällt mir besonders: auf der einen Seite ein riesiger, friedlicher Bergsee, auf der anderen kocht die Erde. Yellowstone kann offenbar selbst bei der Landschaft keine Entscheidung treffen und macht deshalb einfach beides gleichzeitig.
Danach geht es weiter nach Norden zum Mud Volcano. Wer nach Grand Prismatic Spring und West Thumb glaubt, Yellowstone bestehe ausschließlich aus türkisblauen Traumquellen, bekommt hier die optische Gegenveranstaltung. Beim Mud Volcano ist Schluss mit Wellnessfarben. Hier blubbert graubrauner Schlamm in Kratern, Dampf quillt aus der Erde und der Schwefelgeruch macht ziemlich deutlich, dass die Natur auch eine Abteilung besitzt, die nicht für Hochglanzprospekte zuständig ist.
Besonders die Dragon’s Mouth Spring ist akustisch beeindruckend. Aus einer Höhle dröhnen Wasser und Dampf, als hätte dort tatsächlich irgendein schlecht gelauntes Wesen Quartier bezogen. Das Wasser schwappt rhythmisch hinein und heraus, Dampf quillt aus der Öffnung, und wenn man nicht wüsste, dass dahinter Geothermie steckt, könnte man sich problemlos eine passend dramatische Geschichte dazu ausdenken. Insgesamt riecht das Gebiet allerdings so, als hätte der erwähnte Drache zusätzlich erhebliche Verdauungsprobleme. Nach kurzer Zeit sind wir deshalb gleichzeitig fasziniert und durchaus bereit, wieder etwas Frischluft zu bekommen.
Die bekommen wir wenige Kilometer später im Hayden Valley. Und was für welche.
Das breite Tal öffnet sich vor uns, der Yellowstone River schlängelt sich durch die Wiesen, und überall liegen diese riesigen offenen Flächen, für die Yellowstone berühmt ist. Nach den engen Bergpfaden am Jenny Lake und den dampfenden Thermalgebieten wirkt die Landschaft plötzlich wieder vollkommen ruhig. Bis wir die dunklen Punkte in den Wiesen entdecken.
Bisons.
Nicht zwei oder drei, sondern eine ganze Herde verteilt sich über das Tal. Einige liegen im Gras, andere ziehen gemächlich durch die feuchten Wiesen oder stehen am Wasser. Aus der Entfernung wirken sie fast klein, bis man sich daran erinnert, welche massigen Kolosse dort unten tatsächlich unterwegs sind. Wir halten an und beobachten sie eine ganze Weile. Kein Tier scheint irgendeinen Termin zu haben. Ein Bison liegt herum, ein anderer frisst, der nächste läuft fünf Meter und entscheidet anschließend offenbar, dass für heute genug Bewegung war. Ich kann dieses Lebenskonzept durchaus nachvollziehen.
Gerade diese Ruhe macht das Hayden Valley so schön. Keine große Inszenierung, kein Aussichtspunkt, an dem ein Schild erklärt, dass man jetzt bitte beeindruckt sein soll. Einfach eine riesige Landschaft, ein Fluss und Bisons, die darin herumlaufen, als hätte es uns Menschen nie gegeben. Nach all dem Programm des Tages bleiben wir eine Weile stehen und schauen einfach nur.

Und Yellowstone ist noch nicht fertig mit uns. Auf der Weiterfahrt entdecken wir am Straßenrand einen Wapiti-Bullen. Mit seinem gewaltigen Geweih steht er dort zwischen den Bäumen und sieht aus, als wäre er eigens für ein Werbefoto des Nationalparks bestellt worden. Wir halten natürlich wieder an. Die Kamera, die heute ohnehin kaum eine Pause bekommen hat, muss noch einmal ran. Der Wapiti dagegen bleibt vollkommen gelassen. Er steht da, schaut ein wenig in der Gegend herum und vermittelt sehr überzeugend den Eindruck, dass wir deutlich aufgeregter über diese Begegnung sind als er.

Inzwischen meldet sich allerdings unser Magen. Und zwar mit wesentlich mehr Nachdruck als der Wapiti. Also fahren wir zur Canyon Village Lodge und suchen etwas zu essen. Nach dem Bison Burger gestern Abend treffen wir eine ausgesprochen kreative kulinarische Entscheidung. Wir bestellen Bison Burger. Schon wieder.
Offenbar befinden wir uns auf dem Weg zu einer sehr speziellen Yellowstone-Diät. Morgens Lodge-Frühstück, tagsüber wandern und abends Bison. Der Burger ist allerdings wieder richtig gut, und nach diesem Tag gibt es wenig, was uns mehr interessiert als etwas Deftiges auf dem Teller. Wir sitzen da, essen und lassen die vergangenen Stunden noch einmal Revue passieren. Eigentlich wollten wir heute nur gemütlich zum Grand Teton fahren, ein bisschen wandern und anschließend wieder zurück. Stattdessen haben wir Idaho umrundet, Moose gesehen, sind über den Jenny Lake gefahren, zum Inspiration Point gestiegen, am Jackson Lake entlanggefahren, haben wieder Yellowstone betreten, Geysire angeschaut, Schwefeldämpfe inhaliert, Bisons beobachtet und einen Wapiti getroffen. Unsere Definition von „ein Tagesausflug“ ist offenbar etwas aus dem Ruder gelaufen.
Danach wartet nur noch die Fahrt zurück nach Old Faithful. Ungefähr eine weitere Stunde durch Yellowstone, die an diesem Abend erstaunlich ruhig verläuft. Und das ist auch gut so. Würde jetzt noch ein Bär am Straßenrand auftauchen, müssten wir vermutlich aus reinem Pflichtgefühl wieder anhalten, obwohl sämtliche Akkus – die der Kamera und unsere eigenen – inzwischen deutlich im roten Bereich liegen.
Als wir schließlich unsere Cabin erreichen, ist der Tag endgültig aufgebraucht. Wir schleppen uns hinein, stellen unsere Sachen irgendwo ab und brauchen keine ausführliche Abendgestaltung mehr. Draußen dampft Yellowstone wahrscheinlich weiterhin ungerührt vor sich hin. Wir dagegen sind fertig.
Was für ein Tag. Aus 150 geplanten Kilometern wurden 300, aus zwei Stunden Fahrt fast viereinhalb, aus einem Besuch im Grand Teton eine Idaho-Rundreise mit Elchen, Bootsfahrt und Bergwanderung – und auf dem Rückweg haben wir zur Sicherheit noch einen halben Yellowstone-Tag drangehängt. Morgen darf es dann gerne etwas ruhiger werden. Wobei wir uns inzwischen eigentlich besser nicht mehr trauen sollten, so etwas zu sagen.





































