Von Montana nach Washington – viel Straße, ein bisschen Harley und plötzlich dieser Columbia River
Nach dem gestrigen Tag meldeten sich beim Aufstehen zunächst einmal unsere Beine zu Wort. Fünfzehn Kilometer Iceberg Lake Trail verschwinden schließlich nicht einfach über Nacht aus dem Körper, nur weil man anschließend noch gemütlich im Auto über die Going-to-the-Sun Road gefahren ist. Irgendwo zwischen Bettkante und Badezimmer wurde jedenfalls deutlich, dass unsere Muskulatur durchaus Buch geführt hatte. Trotzdem saßen wir wenig später beim Frühstück und waren schon wieder bereit für die nächste Etappe. Heute stand allerdings kein Wanderweg auf dem Programm, kein Grizzly sollte uns zehn Meter neben dem Trail überraschen und wir mussten auch keinen Bergsee zu Fuß erobern. Heute wurde gefahren. Und zwar ordentlich.

Wir verabschiedeten uns von Bigfork und damit auch von Montana, das uns in den vergangenen Tagen wirklich das volle Programm geliefert hatte: Berge, Seen, endlose Landschaft, Grizzlys und mit dem Glacier National Park einen dieser Orte, bei denen man eigentlich schon während des Besuchs weiß, dass man sich später noch sehr lange daran erinnern wird. Nun ging es weiter Richtung Westen. Unser Tagesziel war Ellensburg im Bundesstaat Washington, und dazwischen lagen einige hundert Kilometer Straße, ein Stück nördliches Idaho und jede Menge amerikanische Landschaft vor der Windschutzscheibe.
Genau solche Fahrtage gehören für mich zu einem Roadtrip genauso dazu wie die großen Sehenswürdigkeiten. Man steigt morgens irgendwo ins Auto, stellt das Navi auf einen Ort, der noch ziemlich weit entfernt ist, und sieht im Laufe des Tages zu, wie sich draußen die Welt verändert. Hinter Bigfork verschwanden langsam die gewaltigen Bergkulissen des Glacier National Parks, die Straßen wurden länger, die Orte kleiner und zwischendurch gab es immer wieder diese Abschnitte, auf denen kilometerweit scheinbar überhaupt nichts passierte. Was in Deutschland vermutlich spätestens nach zwölf Minuten die Frage aufwerfen würde, ob man sich verfahren hat, gehört in den USA einfach dazu. Straße, Wald, Berge, ein Fluss, wieder Straße – und irgendwann eine Tankstelle, bei der man vorsichtshalber anhält, weil niemand genau weiß, wann die nächste kommt.

Unsere Route führte uns durch das nördliche Idaho, das wir an diesem Tag eher durchquerten als wirklich besichtigten. Trotzdem war die Fahrt alles andere als langweilig. Dichte Wälder zogen an uns vorbei, dazwischen öffnete sich die Landschaft immer wieder und Flüsse begleiteten die Straße. Idaho war heute gewissermaßen unser Transitstaat – landschaftlich hübsch, aber mit dem undankbaren Job, zwischen Montana und Washington zu liegen und uns möglichst störungsfrei hindurchzulassen.
Irgendwann erreichten wir Spokane und damit Washington. Das große „Welcome to Washington“-Schild am Straßenrand war natürlich ein Foto wert. Wieder ein neuer Bundesstaat, wieder ein kleiner Haken auf unserer inneren Roadtrip-Landkarte. Ich mag diese State-Line-Schilder bis heute. Eigentlich sind es nur ein paar Quadratmeter Blech am Straßenrand, aber auf einer Rundreise haben sie etwas von einem Etappensieg: So, Montana erledigt, Idaho durchquert, Washington – wir wären dann da.
In Spokane gab es allerdings zunächst einen Programmpunkt, der auf unseren USA-Reisen beinahe schon unter Grundversorgung fiel: Harley-Davidson. Lone Wolf Harley-Davidson lag praktischerweise auf unserer Strecke, und damit war eigentlich bereits entschieden, dass wir dort anhalten würden. Man kann an amerikanischen Harley-Läden schließlich nicht einfach vorbeifahren. Also theoretisch schon. Unser Auto hätte das technisch problemlos geschafft. Wir nicht.
Drinnen begann das übliche Ritual: ein bisschen schauen, ein bisschen stöbern und am Ende selbstverständlich feststellen, dass mindestens ein T-Shirt unbedingt noch mit nach Deutschland musste. Dabei besaßen wir zu Hause keineswegs einen akuten Mangel an Harley-Shirts. Aber das ist bei diesen Dingern offenbar wie bei Kühlschrankmagneten oder Hard-Rock-Café-Shirts: Das Exemplar aus Spokane ist selbstverständlich völlig anders als alle anderen. Es steht schließlich Spokane drauf. Damit war die Sache sachlich ausreichend begründet, die Einkaufstüte wanderte ins Auto und wir konnten weiterfahren.

Für das Mittagessen betrieben wir anschließend deutlich weniger Aufwand. McDonald’s musste reichen. Kein kulinarischer Höhepunkt, kein Restaurant mit Seeblick und auch nichts, worüber man Jahre später ehrfürchtig erzählen würde – aber schnell, unkompliziert und auf einem Fahrtag genau das, was wir brauchten. Essen rein, Getränke mitnehmen, wieder auf die Interstate. Amerika kann Roadtrip-Verpflegung ausgesprochen effizient.
Danach lag ein langer Abschnitt Interstate 90 vor uns. Washington zeigte sich zunächst keineswegs so, wie ich mir diesen Bundesstaat immer vorgestellt hatte. Beim Namen Washington denkt man automatisch an sattgrüne Wälder, Regen, Seattle und Landschaften, in denen vermutlich irgendwo permanent ein Vampir aus Twilight hinter einem Baum steht. Doch je weiter wir nach Westen kamen, desto trockener und offener wurde es. Die Wälder verschwanden zunehmend, die Landschaft wurde karger, die Hügel braun und weit – und plötzlich sah Washington überhaupt nicht mehr nach Washington aus.
Gegen 15:30 Uhr kam dann einer dieser Stopps, die einen Fahrtag schlagartig vom reinen Kilometerfressen zum Erlebnis machen. Vor uns öffnete sich die Landschaft und tief unten lag der Columbia River.
Wir hielten am Aussichtspunkt an, stiegen aus und standen plötzlich vor einem Panorama, das auf den Fotos schon beeindruckend aussieht, in Wirklichkeit aber noch einmal eine ganz andere Wirkung hatte. Der breite blaue Fluss zog sich weit durch die trockene, fast baumlose Landschaft, eingerahmt von hellbraunen Hängen und unter einem wolkenlosen Himmel. Eine Brücke spannte sich weit unten über das Wasser, und von unserem erhöhten Standort aus konnte man dem Columbia River kilometerweit durch die Landschaft folgen.
Das war wieder so ein typisch amerikanischer Größenmoment. Alles war weit. Der Fluss breit, die Landschaft riesig, der Himmel sowieso und wir standen irgendwo dazwischen an einer Steinmauer und versuchten, das Ganze auf ein Foto zu bekommen. Was natürlich nur bedingt funktioniert. Landschaften dieser Größenordnung haben die unangenehme Eigenschaft, sich auf einem Bildschirm anschließend wesentlich handlicher zu benehmen, als sie in Wirklichkeit waren.
Wir blieben eine Weile dort, liefen am Aussichtspunkt entlang und schauten einfach hinunter. Nach den grünen Bergen und Seen Montanas wirkte diese trockene Landschaft fast wie ein Szenenwechsel innerhalb eines Films. Noch am Morgen waren wir zwischen Wäldern und Bergen losgefahren, jetzt standen wir über einer Landschaft, die plötzlich viel stärker an den Westen erinnerte, wie wir ihn von früheren Reisen kannten. Genau das liebe ich an diesen langen Strecken: Man muss manchmal gar nichts „besichtigen“. Die Veränderung passiert einfach draußen vor dem Autofenster.
Irgendwann mussten wir uns trotzdem wieder losreißen. Bis Ellensburg war es nun nicht mehr allzu weit, und gegen 17 Uhr rollten wir schließlich auf den Parkplatz des Hampton Inn Ellensburg. Nach einem ganzen Tag im Auto wirkt selbst ein gewöhnliches Hotelzimmer plötzlich ausgesprochen einladend. Unser Zimmer 227 bot zwei große Betten, Fernseher, Schreibtisch und alles, was wir für eine Nacht brauchten. Kein spektakulärer Blick auf einen Nationalpark, keine Blockhütte mitten in der Wildnis – einfach ein ordentliches amerikanisches Hampton Inn. Manchmal ist genau das perfekt.
Vor allem war jetzt endlich Gelegenheit, sich ein bisschen auszubreiten, die Taschen abzustellen und kurz so zu tun, als wäre der Tag damit beendet. War er natürlich nicht. Denn irgendwann meldete sich der Hunger, und der ließ sich von der Aussicht auf zwei bequeme Hotelbetten nicht beeindrucken. Also wieder runter, wieder ins Auto und weiter zum Roadhouse Grill. Nach McDonald’s am Mittag durfte es am Abend schließlich etwas Ordentliches sein.
Das Restaurant passte wunderbar zu diesem Tag: amerikanisch, unkompliziert und mit Portionen, bei denen niemand Gefahr lief, anschließend noch heimlich die Minibar plündern zu müssen. Auf dem Tisch landete unter anderem ein 12-oz Ribeye, begleitet von Brokkoli, Spargel und einer Ofenkartoffel, auf der so viel Käse lag, dass der Begriff Beilage schon fast eine Untertreibung war. Dazu gab es Caesar Salad mit knusprigem Brot. Nach einem langen Fahrtag war das genau die richtige Art von Abendessen: nichts Filigranes, nichts, das mit einer Pinzette auf dem Teller angerichtet worden war, sondern Essen, bei dem schon beim Servieren klar war, dass danach niemand mehr über Hunger sprechen würde.
Während wir dort saßen, konnte man den Tag noch einmal wunderbar Revue passieren lassen. Eigentlich war heute gar nichts Spektakuläres geplant gewesen. Kein Nationalpark, keine große Wanderung, keine Sehenswürdigkeit, für die man morgens besonders früh aufstehen musste. Es war schlicht unser Weg von Bigfork nach Ellensburg gewesen. Und trotzdem hatten wir an diesem einen Tag Montana hinter uns gelassen, Idaho durchquert, Washington erreicht, einen Harley-Laden um ein paar T-Shirts erleichtert und schließlich über dem gewaltigen Columbia River gestanden.
Genau deshalb mag ich Roadtrips. Nicht jeder Tag braucht ein großes Ziel. Manchmal ist die Strecke selbst das Programm. Nach dem Essen fuhren wir zurück ins Hampton Inn, und diesmal gab es wirklich keinen weiteren Programmpunkt mehr. Die Taschen standen bereits im Zimmer, die Betten warteten und nach den vergangenen beiden Tagen hatte auch niemand mehr den Ehrgeiz, Ellensburg bei Nacht noch kulturell zu erschließen. Wir hatten genug gesehen, genug Kilometer gesammelt und definitiv genug gegessen. Morgen würde es weiter Richtung Westen gehen. Aber für heute durfte der Ford auf dem Parkplatz bleiben. Und wir im Bett.









