Auf den Spuren von Wyatt Earp – Revolverhelden, Galgenhumor und die gigantischen Kakteen der Sonora-Wüste
Der Morgen beginnt im Shady Dell Trailer Park ausgesprochen friedlich. Die Sonne scheint bereits durch die Bäume, unsere silbernen Wohnwagen glänzen im Morgenlicht, und von unseren feierfreudigen Nachbarn ist weit und breit nichts zu sehen. Offenbar hat die gestrige Veranstaltung doch ihre Spuren hinterlassen. Besonders unsere Nachbarin, die sich am Abend mit bemerkenswerter Ausdauer an ihrer persönlichen Version von Dinner for One versucht hat, scheint heute keinen gesteigerten Wert auf einen frühen Start zu legen. Ob sie es letztendlich noch bis in ihren Wohnwagen geschafft hat oder die Nacht irgendwo zwischen Eingangstür und Gartenstuhl verbracht hat, bleibt leider ungeklärt. Jedenfalls herrscht nebenan absolute Funkstille. Uns soll es recht sein, denn so haben wir die Gemeinschaftsduschen ganz für uns allein. Nach einer erfrischenden Dusche und einem gemütlichen Frühstück vor unserem Airstream sind wir jedenfalls wieder bereit für neue Abenteuer.
Bevor wir aufbrechen, drehe ich noch eine ausgiebige Runde über das Gelände. Bei Tageslicht sieht dieser außergewöhnliche Trailer Park fast noch schöner aus als am Abend zuvor. Überall stehen liebevoll restaurierte Wohnwagen aus den Fünfzigerjahren, einer glänzender als der andere. Kleine weiße Gartenzäune, bunte Gartenstühle, alte amerikanische Autos und sogar ein historisches Taxi sorgen dafür, dass man sich tatsächlich um einige Jahrzehnte zurückversetzt fühlt. Besonders das kleine Diner mit seiner rot-weißen Fassade sieht aus, als müsste jeden Moment ein Kellner mit Pomade im Haar und einer Kaffeekanne in der Hand herauskommen. Ich könnte hier noch stundenlang fotografieren. Stefan kennt das inzwischen und wartet geduldig, während ich versuche, auch noch den letzten verchromten Türgriff aus einem möglichst interessanten Winkel abzulichten. Aber irgendwann müssen wir uns von unserem kleinen Ausflug in die Fünfzigerjahre verabschieden. Schließlich steht heute ein ganz anderes Jahrhundert auf dem Programm.
Unser erstes Ziel ist Tombstone, und allein dieser Name klingt schon nach staubigen Straßen, rauchenden Colts und Männern, die grundsätzlich schlechte Laune haben, wenn jemand ihren Whiskey verschüttet. Viel passender könnte ein Ort im Wilden Westen kaum heißen. Schon bei der Einfahrt begrüßt uns der berühmte Schriftzug „The Town Too Tough to Die“, also die Stadt, die zu zäh ist, um zu sterben. Das klingt nach einer ziemlich selbstbewussten Ansage für einen Ort, dessen berühmteste Einwohner teilweise nicht einmal das dreißigste Lebensjahr erreicht haben.

Tombstone verdankt seinen Ruhm vor allem einer Schießerei, die am 26. Oktober 1881 gerade einmal rund dreißig Sekunden dauerte und trotzdem bis heute Stoff für unzählige Westernfilme liefert. Damals gerieten Wyatt Earp, seine Brüder Virgil und Morgan sowie Doc Holliday mit einer Gruppe Cowboys aneinander. Am Ende waren drei Männer tot, mehrere verletzt und Tombstone hatte seine berühmteste Geschichte. Hollywood machte daraus später einen Mythos, bei dem die Guten meistens besonders treffsicher und die Bösen zuverlässig schlechte Verlierer sind. Dass die tatsächlichen Verhältnisse damals wesentlich komplizierter waren, interessiert einen ordentlichen Western natürlich nur am Rande. Schließlich will das Publikum Schießereien sehen und keine langwierigen juristischen Auseinandersetzungen.

Als wir durch die historische Allen Street schlendern, fehlt eigentlich nur noch die passende Filmmusik von Ennio Morricone. Die Straße ist breit und staubig, auf beiden Seiten stehen alte Holzhäuser mit überdachten Gehwegen, und vor den Saloons sitzen Männer mit Cowboyhüten, Lederwesten und beeindruckenden Schnurrbärten. Manche sehen aus, als hätten sie ihre Kleidung tatsächlich seit 1881 nicht mehr gewechselt. Andere dürften ihre Revolverheldenkarriere erst nach dem Frühstück begonnen haben. Dazwischen klappern Pferdehufe über die Straße, eine Postkutsche fährt vorbei, und vor dem O. K. Corral versammeln sich bereits die nächsten Besucher. Das Ganze ist natürlich eine gewaltige Touristenattraktion, aber eine ausgesprochen unterhaltsame. Tombstone spielt seine Rolle als Westernstadt mit einer solchen Begeisterung, dass man sich nur zu gerne darauf einlässt.

Wir lassen uns treiben, schauen in die alten Geschäfte, bewundern die historischen Fassaden und beobachten die Cowboys, die sich offensichtlich auch ohne Pferd ganz hervorragend beschäftigen können. Besonders amüsant finde ich, wie selbstverständlich hier jeder mit seinem Revolvergürtel herumläuft. In Deutschland würde vermutlich innerhalb weniger Minuten ein größeres Polizeiaufgebot anrücken, während man hier höchstens gefragt wird, ob man ein gemeinsames Foto machen möchte. Auch die zahlreichen Saloons sind einen Blick wert. Dunkle Holztüren, breite Veranden und Schilder, die bereits aus einiger Entfernung versprechen, dass hinter ihnen mindestens Whiskey, schlechte Entscheidungen und möglicherweise eine Schlägerei warten. Natürlich alles streng touristisch und heutzutage vermutlich mit deutlich besseren Versicherungsbedingungen als damals.
Zwischendurch entdecken wir das Bird Cage Theatre, eines der bekanntesten Gebäude Tombstones. Früher war das Theater eine Mischung aus Vergnügungslokal, Saloon und Glücksspielhölle. Hier wurde getrunken, gespielt, getanzt und gelegentlich auch geschossen. Angeblich sollen in den Wänden noch zahlreiche Einschusslöcher aus jener wilden Zeit stecken. Wenn man sich vorstellt, was diese Mauern alles erlebt haben, wirken unsere gestrigen Nachbarn im Shady Dell plötzlich ausgesprochen gesittet. Dort wurde wenigstens nur mit Bierdosen hantiert und nicht mit geladenen Revolvern.
Besonders beeindruckt uns das alte Tombstone Courthouse. Das prächtige Backsteingebäude mit seinem Turm wurde 1882 errichtet und beherbergt heute ein Museum, in dem man sich wunderbar in die Zeit des Wilden Westens zurückversetzen lassen kann. Schon beim Betreten merkt man, dass die amerikanische Justiz damals eine etwas andere Vorstellung von Gemütlichkeit hatte. Wir schauen uns die alten Gerichtssäle mit ihren schweren Holzbänken an, entdecken historische Dokumente, Waffen, medizinische Instrumente und zahlreiche Gegenstände aus dem Alltag der damaligen Bewohner. In einer Ecke steht sogar ein alter Bankschalter, der aussieht, als wäre er für Menschen gebaut worden, die grundsätzlich davon ausgehen mussten, dass der nächste Kunde möglicherweise mit vorgehaltener Waffe eine Auszahlung verlangt.

Die Räume sind liebevoll eingerichtet, und besonders die alten Möbel haben es mir angetan. Schwere Schreibtische, dunkle Holzschränke, lederbezogene Sessel und Regale voller Bücher. Alles wirkt so authentisch, dass man beinahe erwartet, ein grimmiger Richter würde gleich zur Tür hereinkommen und uns wegen unerlaubten Fotografierens zu drei Tagen Wasser und Brot verurteilen. Auch die damaligen medizinischen Möglichkeiten werden ausgestellt. Angesichts der Instrumente bin ich ausgesprochen froh, dass wir unsere Reise nicht hundert Jahre früher unternehmen. Schon der Anblick reicht aus, um spontan gesund bleiben zu wollen.
Im Innenhof wartet schließlich das wohl eindrucksvollste Ausstellungsstück: ein Galgen. Zwei Schlingen hängen von einem schweren Holzbalken, darunter befindet sich die hölzerne Plattform mit einer Treppe. Kein besonders gemütlicher Anblick, aber ein ziemlich deutlicher Hinweis darauf, dass man es mit der Rechtsprechung damals ernst meinte. Zumindest mit der Vollstreckung. Ob die Urteile immer genauso sorgfältig zustande kamen, steht auf einem anderen Blatt. Wer hier wegen eines Verbrechens verurteilt wurde, musste jedenfalls nicht auf jahrelange Berufungsverfahren hoffen. Der Weg vom Gerichtssaal zum Galgen war erfreulich kurz. Aus Sicht der Verurteilten vermutlich etwas zu kurz.

Nach so viel Justizgeschichte wollen wir uns natürlich auch noch ansehen, wo die damaligen Revolverhelden und sonstigen Pechvögel ihre letzte Ruhe gefunden haben. Also fahren wir zum berühmten Boothill Graveyard, einem Friedhof, dessen Name bereits vermuten lässt, dass hier nicht ausschließlich Menschen liegen, die friedlich im hohen Alter eingeschlafen sind. „Boot Hill“ bezeichnete im Wilden Westen Friedhöfe, auf denen besonders viele Männer begraben wurden, die so plötzlich starben, dass sie ihre Stiefel noch anhatten. Ein ausgesprochen pragmatischer Name, wenn auch nicht gerade geeignet für eine würdevolle Traueranzeige.

Schon am Eingang empfängt uns ein großes Schild, das die berühmten Toten von Tombstone aufzählt. Darunter natürlich Billy Clanton und die McLaury-Brüder, die bei der Schießerei am O. K. Corral ums Leben kamen. Der Friedhof selbst liegt auf einem staubigen Hügel außerhalb der Stadt. Zwischen Kakteen und trockenem Gestrüpp stehen einfache Holzkreuze und Grabmarkierungen, häufig nur von einem kleinen Steinhaufen umgeben. Große Marmordenkmäler sucht man hier vergeblich. Wer im Wilden Westen das Zeitliche segnete, bekam offenbar selten ein aufwendiges Familiengrab mit lebenslanger Pflegegarantie.
Was uns allerdings besonders fasziniert, sind die Inschriften auf den Grabsteinen. Manche sind schlicht und traurig, andere so makaber, dass man sich das Lachen kaum verkneifen kann. Da liegt beispielsweise Lester Moore, dessen Grabinschrift verkündet: „Here lies Lester Moore, Four slugs from a .44, No Les, No More.“ Frei übersetzt: Hier liegt Lester Moore, vier Kugeln aus einem 44er, kein Lester mehr. Das ist schwarzer Humor in seiner reinsten Form. Noch besser gefällt mir der Grabstein eines Mannes, der angeblich versehentlich gehängt wurde. „He was right, we was wrong, but we strung him up and now he’s gone.“ Man hatte also den Falschen erwischt, was man im Nachhinein durchaus bedauerte. Eine Entschuldigung kam allerdings etwas spät. Ob alle diese berühmten Inschriften tatsächlich historisch verbürgt sind, darf man bezweifeln, aber zur Atmosphäre dieses Friedhofs passen sie hervorragend.
Besonders bemerkenswert finde ich auch das Schild mit der Aufschrift „No Guns Please – Graveyard is Full“. Keine Waffen bitte, der Friedhof ist voll. Das nenne ich eine klare Ansage. Während wir zwischen den Gräbern umherlaufen, brennt die Sonne inzwischen erbarmungslos vom Himmel. Schatten gibt es praktisch keinen, und die trockene Hitze lässt einen ziemlich schnell verstehen, warum sich die Menschen hier früher bevorzugt in dunklen Saloons aufgehalten haben. Wir machen noch einige Fotos, werfen einen letzten Blick über die staubigen Gräber und verabschieden uns schließlich von Tombstone. Ein Ort, der zwar kräftig vom eigenen Mythos lebt, aber genau deshalb unglaublich viel Spaß macht. Hier darf der Wilde Westen ruhig ein bisschen übertreiben.

Unser nächstes Ziel ist der Saguaro National Park bei Tucson. Nach all den Cowboys, Revolverhelden und Galgen wird es Zeit für etwas Natur. Wobei „etwas Natur“ in diesem Fall eine ziemliche Untertreibung ist, denn hier wachsen Kakteen, gegen die unsere heimischen Zimmerpflanzen aussehen wie schlecht gelaunte Zahnstocher. Schon auf der Fahrt verändert sich die Landschaft deutlich. Die Berge werden karger, die Vegetation niedriger, und immer häufiger tauchen diese riesigen grünen Gestalten am Straßenrand auf, die aussehen, als würden sie mit erhobenen Armen den Verkehr regeln.
Als wir am Park ankommen, zeigt das Thermometer inzwischen Temperaturen um die 45 Grad. Das ist keine normale Sommerhitze mehr, das ist ein Zustand, bei dem man ernsthaft darüber nachdenkt, ob die Sonne heute vielleicht ein bisschen übermotiviert ist. Ein freundlicher Ranger erklärt uns, dass die Wanderwege wegen der extremen Hitze vorübergehend gesperrt sind. Eine Entscheidung, die wir ohne größere Diskussion akzeptieren. Bei diesen Temperaturen hätte mich ohnehin niemand freiwillig auf eine längere Wanderung geschickt. Ich bin zwar durchaus bereit, für ein schönes Foto ein paar Kilometer zu laufen, aber irgendwo hört die Begeisterung auf. Spätestens dann, wenn man befürchten muss, auf halber Strecke als menschliche Rosine zu enden.

Zum Glück lässt sich der Park auch hervorragend mit dem Auto erkunden. Wir folgen dem Scenic Drive, der sich durch eine Landschaft schlängelt, die aussieht, als hätte jemand sämtliche Kakteen Arizonas zu einer großen Familienfeier eingeladen. Überall stehen Saguaros, manche einzeln, andere in ganzen Gruppen, und jeder scheint seine ganz eigene Persönlichkeit zu besitzen. Einige wachsen kerzengerade in den Himmel, andere strecken ihre Arme in alle möglichen Richtungen. Manche sehen aus, als wollten sie uns freundlich zuwinken, andere wirken eher so, als hätten sie gerade eine ausgesprochen schlechte Nachricht erhalten und würden verzweifelt die Hände über dem Kopf zusammenschlagen.
Diese gewaltigen Kakteen können bis zu 15 Meter hoch werden und mehrere hundert Jahre alt werden. Besonders erstaunlich ist, wie langsam sie wachsen. Bis ein Saguaro seine ersten Seitenarme entwickelt, können viele Jahrzehnte vergehen. Wenn man also einen dieser riesigen grünen Gesellen mit fünf oder sechs Armen vor sich stehen sieht, schaut man auf ein Lebewesen, das vermutlich schon hier stand, als Wyatt Earp noch durch Tombstone spazierte. Ein ziemlich beeindruckender Gedanke. Während wir Menschen ständig damit beschäftigt sind, möglichst schnell irgendwo anzukommen, stehen diese Kakteen einfach seit hundert Jahren in der Wüste herum und lassen sich nicht aus der Ruhe bringen.
Natürlich müssen wir immer wieder anhalten und fotografieren. Besonders die großen Exemplare haben es uns angetan. Stefan stellt sich neben einen der Riesen, und plötzlich wird einem erst richtig bewusst, welche Dimensionen diese Pflanzen erreichen können. Von Weitem sehen sie aus wie harmlose grüne Säulen, aus der Nähe erkennt man die tiefen Rippen und unzähligen Stacheln. Eine Umarmung würde ich hier jedenfalls nicht empfehlen. Auch die anderen Kakteen sind beeindruckend. Zwischen den Saguaros wachsen Opuntien, deren flache Glieder mit Stacheln übersät sind, und diese herrlich chaotischen Cholla-Kakteen, die aussehen, als hätte jemand einen ganzen Haufen stacheliger Äste zusammengeklebt. Besonders die hellen Chollas leuchten in der Sonne beinahe golden. Wunderschön anzusehen, aber vermutlich ungefähr so kuschelig wie eine Drahtbürste.
Immer wieder entdecken wir kleine Pflanzen, die sich zwischen Steinen und trockenem Gestrüpp behaupten. Es ist erstaunlich, wie viel Leben diese scheinbar lebensfeindliche Landschaft hervorbringt. Wasser ist hier Mangelware, Schatten ebenfalls, und trotzdem wächst und gedeiht alles auf seine ganz eigene Weise. Die Tiere haben sich ebenfalls perfekt angepasst. Besonders interessant sind die Jackrabbits, diese langohrigen Hasen, deren Ohren beinahe größer wirken als der restliche Kopf. Mit ihnen können sie überschüssige Körperwärme abgeben, was bei diesen Temperaturen sicherlich ausgesprochen praktisch ist. Ich hätte heute jedenfalls nichts gegen zwei zusätzliche Klimaanlagen am Kopf einzuwenden.

Je länger wir durch den Park fahren, desto faszinierender wird diese Landschaft. Die gewaltigen Kakteen stehen vor den Bergen, darüber spannt sich ein tiefblauer Himmel, und die Sonne taucht alles in ein unglaublich klares Licht. Es ist heiß, trocken und teilweise so still, dass man beinahe glaubt, die Hitze hören zu können. Gleichzeitig hat dieser Ort eine ganz besondere Schönheit. Keine üppigen Wälder, keine rauschenden Wasserfälle, keine grünen Wiesen. Stattdessen eine Landschaft, die mit erstaunlich wenig auskommt und gerade deshalb so beeindruckend ist. Wir genießen die Fahrt, machen unzählige Fotos und sind am Ende ausgesprochen froh, wieder in unserem klimatisierten Auto zu sitzen. Die Klimaanlage hat heute definitiv einen Orden verdient.
Nach diesem heißen Ausflug freuen wir uns auf unser Hotel in Tucson. Und zwar ganz besonders auf den Pool. Den haben wir bei der Buchung schließlich nicht ohne Grund berücksichtigt. Nach einem Tag bei 45 Grad klingt ein Sprung ins kühle Wasser ungefähr so verlockend wie ein Sechser im Lotto. In Gedanken sehe ich uns bereits gemütlich am Beckenrand liegen, vielleicht noch ein bisschen schwimmen und anschließend völlig entspannt den Abend genießen. Genau so stellt man sich das vor, wenn man nach einem langen Tag durch die Wüste zurück in die Zivilisation kommt. Allerdings hat offenbar niemand das Hotelmanagement über unsere Pläne informiert.
Als wir ankommen, stellen wir nämlich fest, dass der Pool heute bereits anderweitig vergeben ist. Budweiser veranstaltet hier eine exklusive Werbeparty. Mit Musik, Getränken, fröhlichen Menschen und allem, was zu einer ordentlichen amerikanischen Bierveranstaltung dazugehört. Nur leider ohne uns. Wir dürfen zwar im Hotel übernachten, aber der Pool ist für die geschlossene Gesellschaft reserviert. Das muss man sich einmal vorstellen: Da sucht man sich extra ein Hotel mit Swimmingpool aus, fährt bei Temperaturen durch die Wüste, bei denen selbst die Kakteen vermutlich über einen Umzug nach Alaska nachdenken, und dann wird einem erklärt, dass man leider nicht ins Wasser darf, weil dort gerade andere Leute Bier trinken.
Von unserem Hotelzimmer aus können wir das fröhliche Treiben sogar beobachten. Unten wird geplanscht, gelacht und gefeiert, während wir hinter der Fensterscheibe stehen wie zwei Kinder vor einem Süßwarengeschäft, das ausgerechnet heute geschlossen hat. Überall Budweiser-Dosen, gut gelaunte Menschen und ein Swimmingpool, der uns geradezu höhnisch entgegenfunkelt. Ich finde das ausgesprochen ungerecht. Schließlich hätte ich auch problemlos ein Budweiser getrunken, wenn man mich dafür ins Wasser gelassen hätte. So anspruchsvoll bin ich nun wirklich nicht. Aber offenbar reicht die Bereitschaft zum Bierkonsum allein nicht aus, um in diesen exklusiven Kreis aufgenommen zu werden.
Wir beschließen schließlich, dass wir uns die gute Laune von einer amerikanischen Brauerei nicht verderben lassen. Wenn schon kein Pool, dann wenigstens ein ordentliches Abendessen. Und was könnte nach einem solchen Tag besser geeignet sein als ein saftiges Steak? Also machen wir uns auf den Weg zum Texas Roadhouse. Dort weiß man wenigstens, wie man Gäste glücklich macht. Rustikale Einrichtung, eine herrlich ungezwungene Atmosphäre und Fleischportionen, bei denen man sich ernsthaft fragt, ob die Rinder in Texas möglicherweise eine andere Größenordnung erreichen als bei uns zu Hause.
Wir bestellen Ribeye-Steaks und lassen es uns richtig gut gehen. Nach den vielen Eindrücken des Tages schmeckt das Essen besonders gut. Das Fleisch ist wunderbar saftig, die Beilagen reichlich, und spätestens nach den ersten Bissen ist die Budweiser-Poolparty gedanklich weitgehend erledigt. Sollen die anderen doch in ihrem Bier schwimmen. Wir haben Steak. Und zwar richtig gutes.

Anschließend ist es noch viel zu früh, um einfach ins Hotel zurückzufahren. Also drehen wir noch eine Runde durch Downtown Tucson. Die Stadt überrascht uns mit einer ausgesprochen bunten Mischung aus historischen Gebäuden, mexikanischen Einflüssen und moderner Straßenkunst. Besonders die farbenfrohen Fassaden haben es uns angetan. Hier leuchtet ein Haus in kräftigem Türkis, daneben strahlt eine Wand in Orange, und ein paar Meter weiter entdeckt man ein Gebäude, das offenbar sämtliche verfügbaren Farben gleichzeitig ausprobieren wollte. Dazwischen stehen alte Backsteinhäuser, kleine Geschäfte und Restaurants, deren Fassaden teilweise mit riesigen Wandgemälden verziert sind.

Tucson wirkt ganz anders als die Städte, die wir bisher auf unserer Reise besucht haben. Die Nähe zu Mexiko ist überall spürbar, und gerade diese Mischung aus amerikanischem Südwesten und mexikanischer Lebensfreude macht die Stadt interessant. Wir fahren langsam durch die Straßen, halten immer wieder für ein Foto an und genießen die letzten Eindrücke dieses langen Tages. Nach den staubigen Westernkulissen von Tombstone und der stillen Wüstenlandschaft des Saguaro National Parks ist das lebhafte, farbenfrohe Tucson ein schöner Kontrast.
Irgendwann machen sich allerdings die vielen Kilometer und die Hitze bemerkbar. Wir fahren zurück ins Hotel, wo die Budweiser-Gesellschaft hoffentlich inzwischen genug Bier getrunken hat, um den Pool wenigstens für die Nacht wieder freizugeben. Für uns kommt das natürlich zu spät. Wir sind müde, satt und voller Eindrücke. Und während wir es uns in unserem Hotelzimmer gemütlich machen, lasse ich den Tag noch einmal Revue passieren.
Man kann wirklich nicht behaupten, dass unsere Roadtrips langweilig wären. Und eines steht nach diesem Tag fest: Beim nächsten Hotel mit Pool erkundige ich mich vorher, ob zufällig eine Brauerei das Schwimmbecken gemietet hat. Nicht, dass wir irgendwann noch in einem Hotel landen, in dem McDonald’s eine exklusive Badewannenparty veranstaltet.





















































