Hoodoos am Morgen, Santa Fe am Abend
Zwischen Ah-Shi-Sle-Pah und Stadtleben

6:30 Uhr. Der Wecker klingelt, und wir sind sofort wach. Nicht ausgeruht – aber entschlossen. Ein neuer Roadtrip-Tag wartet, und dafür steht man auch mit Jetlag-Resten und müden Knochen auf. Das Frühstück im Motel dagegen hätte man problemlos verschlafen können. Kaffee, der schmeckt, als hätte er jahrelang in einer staubigen Abstellkammer auf Bewährung gestanden, und Donuts, die so hart sind, dass man kurz überlegt, ob sie gestern schon Teil der Geologie-Ausstellung waren. Fazit: Nein. Einfach nein.

Frühstück bei Denny’s

Zum Glück gibt es Hoffnung in Form eines Denny’s. Gestern Abend noch im Vorbeifahren entdeckt, heute Morgen unsere Rettung. Richtiger Kaffee. Warm. Trinkbar. Plötzlich fühlt sich alles wieder machbar an. Roadtrip-Helden-Modus aktiviert.

Bevor wir Durango endgültig den Rücken kehren, nutzen wir das gute Morgenlicht für einen letzten Rundgang durch die Innenstadt. Jetzt, bei Tageslicht, wirkt alles noch ein bisschen freundlicher. Bunte Fassaden, alte Backsteinbauten, entspannte Straßen – Durango macht es einem leicht, es zu mögen. Die Kameras laufen warm, wir bleiben immer wieder stehen, drehen uns noch einmal um. Einer dieser Orte, bei denen man denkt: Hier könnte man auch länger bleiben. Aber nicht heute.

Denn heute wartet etwas ganz anderes. Unser Ziel: Ah-Shi-Sle-Pah Wilderness. Die Wegbeschreibung dorthin ist… nennen wir es kreativ. Zusammengestückelt aus Internetforen, Erfahrungsberichten und dem festen Glauben, dass wir irgendwann schon richtig abbiegen werden. Unser Navi hätte uns mit hoher Wahrscheinlichkeit irgendwo im Nirgendwo abgesetzt und gesagt: Sie haben Ihr Ziel erreicht. Ohne Ziel, versteht sich.

Also verlassen wir Durango, lassen Zivilisation, Kaffee und Donuts hinter uns und fahren los. Richtung Landschaft. Richtung Abenteuer. Richtung „Mal schauen, ob wir hier wirklich richtig sind“. Der Tag ist noch jung. Und wir auch – zumindest gefühlt.

Weg zur Ah-Shi-Sle-Pah Wilderness

Als wir endlich ankommen, passiert erst mal… nichts. Kein Parkplatz mit Schild, kein Besucherzentrum, kein „You are here“. Nur Landschaft. Weite. Und dann dieser Moment, in dem man aussteigt, sich umdreht – und merkt: Okay. Das hier ist definitiv nicht normal.

Weg zur Ah-Shi-Sle-Pah Wilderness

Wir stehen mitten in der Ah-Shi-Sle-Pah Wilderness und fühlen uns schlagartig wie in einem sehr aufwendig gestalteten Science-Fiction-Film, nur ohne Filmcrew, ohne Absperrband und ohne Sicherheitshinweise. Vor uns breitet sich ein Gewirr aus Hoodoos aus – Felsformationen, die aussehen, als hätte jemand Pilze gezüchtet, dann vergessen, sie zu ernten, und die Natur hätte gesagt: Passt schon, lass stehen.

Die Dinger stehen da in allen Varianten. Schlank, gedrungen, schief, elegant, absurd. Manche wirken, als hätten sie Hüte aufgesetzt, andere wie misslungene Skulpturen aus einem Kunstkurs mit sehr viel Freiheit. Die Farben wechseln ständig: Beige, Grau, Ocker, zwischendrin Rostrot, manchmal fast weiß. Je nach Lichteinfall sehen sie jedes Mal anders aus – und wir merken schnell: Fotos lügen hier nicht, sie sind einfach nur unzureichend.

Ah-Shi-Sle-Pah Wilderness

Wir laufen los. Kein Weg, kein Geländer, keine Richtung. Einfach rein. Der Boden ist weich, sandig, teilweise zerfurcht, und man muss aufpassen, wo man hintritt. Es ist still. So still, dass man automatisch leiser spricht, obwohl niemand da ist, der einen hören könnte. Kein Wind, kein Verkehr, kein Mensch. Komplett allein. Ein Luxus, den man heute fast nicht mehr kennt.

Zwischen den Hoodoos öffnen sich kleine Schluchten, dann wieder weite Flächen. Man steigt ein paar Meter hoch, schaut zurück – und sieht plötzlich, wie surreal das alles eigentlich ist. Diese Landschaft wirkt nicht „gewachsen“, sie wirkt gebaut. Als hätte jemand ein Modell entworfen und dann vergessen, es wieder abzubauen.

Je länger wir bleiben, desto mehr verliert man jedes Gefühl für Zeit. Es gibt nichts abzuhaken, keinen Aussichtspunkt mit Geländer, kein „weiter zum nächsten Highlight“. Alles ist Highlight. Und gleichzeitig keines. Genau das macht es so besonders. Man ist nicht Besucher, man ist einfach da.

Irgendwann setzen wir uns. Einfach so. Schauen. Schweigen. Und denken kurz darüber nach, wie absurd es ist, dass dieser Ort existiert – und wie absurd es wäre, wenn hier plötzlich ein Reisebus vorfahren würde. Tut er aber nicht. Wird er vermutlich auch nie.

Als wir später wieder zum Auto zurückgehen, fühlt es sich an, als würden wir aus einer anderen Welt auftauchen. Keine große Geste, kein Abschiedsmoment. Nur dieses leise Gefühl, gerade etwas gesehen zu haben, das man nicht erklären muss – und auch nicht sollte.

Der Rückweg zur nächsten asphaltierten Realität hat es noch einmal in sich. „Straße“ ist hier ein dehnbarer Begriff, eher eine lose Vereinbarung zwischen Mensch, Natur und dem, was irgendwann mal ein Fahrzeugweg war. Wir holpern, ruckeln, tasten uns vor – und sind kurz unsicher, ob wir gerade vorwärtsfahren oder einfach nur würdevoll altern. Aber: Wir kommen raus. Irgendwie. Und genau das reicht.

Kaum sind wir wieder auf festem Untergrund, wird es still im Auto. Nicht, weil uns die Worte fehlen, sondern weil links und rechts plötzlich wilde Mustangs auftauchen. Einfach so. Sie stehen da, grasen, schauen kurz rüber, als wollten sie sagen: Ach, ihr schon wieder. Keine Absperrung, kein Warnschild, kein Instagram-Spot. Nur Pferde, Weite und diese unfassbare Ruhe. Manche traben gemächlich davon, andere bleiben stehen. Majestätisch, unbeeindruckt, komplett bei sich. Wir natürlich nicht – Kameras raus, Fenster runter, Staunen an.

Mustangs

Dann geht es weiter auf dem U.S. Route 550 Richtung Santa Fe. Die Landschaft zieht sich, wird weiter, offener, und irgendwann tauchen die ersten Anzeichen von Stadt auf. Zivilisation. Ampeln. Menschen. Ein kleiner Kulturschock nach all der Einsamkeit.

Unser erster offizieller Stopp in Santa Fe ist – völlig überraschend – ein Harley-Davidson of Santa Fe. Natürlich. Manche Dinge ändern sich nie. Ein bisschen durch den Laden schlendern, ein bisschen gucken, ein bisschen so tun, als würden wir nicht schon wieder etwas brauchen. Bikerseele kurz lüften, tief durchatmen, weiter.

Danach steuern wir unser Best Western an. Nicht mitten im Zentrum, sondern etwas außerhalb, dafür direkt an der Cerrillos Road – der praktischen Lebensader Richtung Downtown. Kein romantisches Boutique-Hotel, kein historisches Adobe-Gebäude, sondern funktional. Sauber. Verlässlich. Nach diesem Tag genau richtig.

Best Western Santa Fe

Wir checken schnell ein, werfen das Gepäck ins Zimmer – und sind keine zehn Minuten später wieder unterwegs. Downtown ruft. Und wenn Santa Fe ruft, geht man besser hin.

Unser erster Anlaufpunkt ist die Santa Fe Plaza. Normalerweise das Herz der Stadt, heute allerdings eher Filmkulisse mit Sperrzone. Verkehr? Fehlanzeige. Stattdessen Kabel, Scheinwerfer, Kamerawagen und Menschen, die sehr beschäftigt aussehen und dabei so tun, als würden sie uns nicht sehen. Also parken wir etwas abseits und nähern uns der Sache zu Fuß – neugierig, aber unauffällig. Spoiler: Unauffällig klappt nur so mittel.

Es ist erstaunlich entspannend, Filmleuten bei der Arbeit zuzuschauen. Viel Warten, wenig Bewegung, gelegentlich jemand mit Funkgerät, der sehr wichtig nickt. Wir bleiben eine Weile stehen, schauen, spekulieren, welcher Film das wohl wird (keine Ahnung), und fühlen uns kurz ein bisschen wie Statisten ohne Vertrag.

Irgendwann meldet sich jedoch ein sehr bodenständiges Bedürfnis: Hunger. Also verlassen wir die Plaza und treiben Richtung San Francisco Street. Dort werden wir fündig – im San Francisco Street Bar & Grill. Kein Schickimicki, keine Touristenpreise, dafür ehrliches Essen und Portionen, die nicht so tun, als wären sie Kunst. Genau unser Ding. Das Essen ist richtig gut, die Stimmung entspannt, und für einen Moment sind wir einfach nur zufrieden.

Nach dem Essen kehren wir zurück zur Plaza und lassen uns auf einer Bank nieder. Das Filmset ist inzwischen verschwunden – offenbar ist Hollywood heute früh ins Bett gegangen. Dafür hat die lokale Jugend übernommen. Aufgemotzte Autos drehen ihre Runden, Motoren brummen, Musik wummert leise, und zwischendurch donnert eine Harley vorbei, als wolle sie akustisch klarstellen, wer hier das Sagen hat.

Das unerwartete Highlight des Abends liefert allerdings ein Feuerwehrauto, das mehrfach im Kreis fährt. Nicht im Einsatz. Einfach so. Die Feuerwehrleute winken fröhlich, die Stimmung ist gut, niemand scheint sich zu wundern. Santa Fe eben.

Mit zunehmender Dunkelheit tauchen immer mehr Straßenkünstler auf. Musik, Jonglage, kleine Shows – nichts Aufdringliches, alles angenehm beiläufig. Man bleibt stehen, schaut kurz zu, klatscht, geht weiter. Die Plaza lebt, ohne laut zu sein. Ein ziemlich gutes Talent.

Spät am Abend machen wir uns schließlich auf den Rückweg zum Hotel. Stefan sichert routiniert die Fotos – Ordnung muss sein – während ich gedanklich schon abschalte. Bett. Ruhe. Ende.

Gute Nacht, Santa Fe.

Du hast uns heute sehr angenehm überrascht.

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