Flamingos, Prozessionen und ein Abend, der bis Mitternacht geht
Nachdem wir uns gestern vom Camper Cagliari Park aus den direkten, funktionalen Weg durch die staubigen Straßen in die Stadt angetan hatten – ungefähr so spannend wie eine Gebrauchsanweisung für Klappstühle –, entschieden wir uns heute für die Kür. Stefan und ich hatten die Route schon am Vorabend ausgekundschaftet und für „deutlich fotogener“ befunden. Also heute Morgen: Vorbei am Santuario di Nostra Signora di Bonaria, dessen Fassade in der Morgensonne leuchtet wie ein Versprechen, und dann hinunter zum Hafen.
Dort wehte uns nicht nur eine frische Brise entgegen, sondern auch eine fette Entschuldigung der Natur. Erinnert ihr euch an unsere verzweifelte Flamingo-Suche in San Teodoro? Die Vögel hatten dort mit kompletter Abwesenheit geglänzt, als hätten sie sich zuvor abgesprochen. Heute Morgen am Hafen von Cagliari hatten sie offensichtlich ein schlechtes Gewissen: Ein ganzer Schwarm dieser rosa Luftakrobaten segelte in präziser Formation direkt über unsere Köpfe hinweg. Majestätisch, lautlos, fast provokant schön – wie eine Postkarte, nur echt und mit echten Flügelschlägen. Versöhnung geglückt, ihr Vögel.

Der nette Herr vom Parkplatz hatte uns mit der Aussicht auf einen antiken Markt zum Hafen gelockt, der angeblich auch am Ostersonntag die Massen begeistert. Was wir fanden: Nichts. Kein Stand, keine klapprigen Kommoden, keine überteuerten Silberlöffel. Der Markt existierte entweder nur in seiner Fantasie, oder er findet an einem anderen Ostersonntag statt, den wir verpasst haben. Beides möglich.
Flexibilität ist unsere Superkraft. Also investierten wir die Energie in das Projekt „Koffein und Zucker“ und steuerten das Café Bistrot direkt an der prachtvollen Via Roma an. Während wir Erwachsenen die lebensnotwendige Cappuccino-Dosis aufnahmen und die Kinder ihren Kakao als hochoktanigen Treibstoff nutzten, starteten wir eine systematische Großoffensive auf die Schoko-Cornetto-Vorräte der Theke. Ich sage es offen: Falls nach uns noch jemand ein Gebäck mit Schokofüllung begehrte – Pech gehabt. Der komplette Bestand ruht nun in unseren Mägen. Ein glorreicher Sieg für das Team Roadtrip, mit leichtem Koffeinzittern in den Fingern als Beweis unseres Engagements.
Danach trennten sich die Wege. Nadine, Oli und die Kids traten den verdienten Rückzug zum Camper an und quetschten sich in den sardischen Linienbus. Stefan und ich ließen uns noch ein wenig durch die Gassen treiben – die Stille nach dem Schoko-Sturm nutzend, um Speicherkarten und Seelen mit dem restlichen Charme Cagliaris zu füllen. Am Hafen entlang, durch die Altstadt, vorbei an Motiven, die man fotografiert, obwohl man gar nicht weiß warum – einfach weil das Licht in diesen Gassen immer einen Grund findet.
Und dann passierte das, was man auf Reisen nicht planen kann und hinterher nie vergisst.
Wir bogen um eine Ecke – und der Lärm der Via Roma war schlagartig weg. Ersetzt durch eine feierliche, fast greifbare Stille. Wir waren mitten in eine Osterprozession geraten. Nicht am Rand, nicht als Beobachter hinter einer Absperrung, sondern einfach so, unverhofft, mittendrin.
Es war wie eine Zeitreise. Männer in schneeweißen, traditionellen Gewändern schritten mit einer Ernsthaftigkeit durch die engen Gassen, die uns sofort verstummen ließ. Auf ihren Schultern trugen sie eine prächtige, mit roten Blumen geschmückte Statue des auferstandenen Christus, der golden in der Mittagssonne leuchtete und bei jedem Schritt leicht zu schwingen schien. Begleitet wurden die Träger von Carabinieri in Gala-Uniformen mit ihren markanten blauen und roten Federbuschen – ein Anblick, der dem Ganzen eine staatstragende Würde verlieh, die man normalerweise nur aus Büchern kennt.
Auf den Fotos sieht man, wie die Männer innehalten, die Statue absetzen, kurz verschnaufen – und man sieht in ihren Gesichtern, dass das hier kein touristisches Spektakel ist, sondern echte, tief verwurzelte Tradition. Rundherum standen die Menschen in den Eingängen der Palazzi, blickten andächtig von den schmiedeeisernen Balkonen herab, folgten dem Zug im Gleichschritt. Der Duft von Weihrauch lag in der Luft, und die Stille der Menge in diesen schmalen Häuserschluchten hatte etwas, das sich schwer beschreiben, aber sofort fühlen lässt. Wir standen einfach da und ließen es auf uns wirken. Kameras hoch, aber leise. Dieser Moment verdiente Respekt.
Ein würdiger Abschied von Cagliari – und wir hatten ihn uns nicht einmal verdient, wir waren einfach zufällig zur richtigen Zeit um die richtige Ecke gebogen. Manchmal hat der Reisegott einen guten Tag.
Um 11:30 Uhr zurück am Campingplatz, 30 Minuten Puffer bis zum Check-out um 12:00 Uhr. Der Camper von Oli und Nadine stand bereits abfahrbereit, glänzend und korrekt entsorgt in der Startaufstellung – Streber muss es immer geben. Bei uns folgte das klassische Last-Minute-Programm: Grauwasser raus, Frischwasser rein, alles was lose war verstauen damit es in der ersten Kurve nicht zum Geschoss wird. Pünktlich in die Sitze, Cagliari im Rückspiegel.
Wer nach der SS 125 dachte, er habe das landschaftliche Maß aller Dinge gesehen, wurde auf der Fahrt Richtung Westen eines Besseren belehrt. Die Natur hatte offensichtlich beschlossen, den Farbregler für Sättigung einmal komplett aufzudrehen. Überall am Straßenrand leuchtete es in einem Gelb, das so intensiv war, dass man fast eine Sonnenbrille für die Vegetation brauchte – wilder Ginster in einem Blüh-Rausch, der die gesamte Landschaft in ein großes, strahlendes Meer aus Gold verwandelt hatte. Man fuhr durch diese Kulisse wie durch einen Filter, der die Wirklichkeit um zwei Stufen zu schön macht, und dachte: Das kann doch nicht sein. War es aber.

Die Passeggiata del belvedere di Nebida klammerte sich an die Klippen über dem Meer und bot Ausblicke, für die Fotografen ihr letztes Objektiv verkaufen würden. Was diesen Ort aber besonders macht, ist der Kontrast: Mitten in der blühenden Idylle thronen die Ruinen der alten Bergbauanlagen wie steinerne Zeugen einer vergangenen Welt.
Man spaziert zwischen Kakteen und gelben Blütenmeeren, während unter einem die rostigen Überreste der Verladeanlagen in den Abgrund ragen – melancholisch und spektakulär zugleich, ein Bild, das man nicht vergisst. Stefan saß auf einer Bank im Schatten mit dem Gesicht eines Mannes, der gerade sehr zufrieden mit dem Leben ist. Emi und Noah saßen am Geländer und diskutierten etwas ernsthaft, das wir vermutlich nie erfahren werden. Die Sonne stand hoch, die Luft roch nach Salz und Ginsterblüte.

Nächster Stopp: Masua. Und wer dachte, er hätte an der Costa Verde nun wirklich alles gesehen, bog um die letzte Kurve – und da stand er. Der Pan di Zucchero.
Über 130 Meter senkrecht aus dem Wasser, weißer Kalkstein im Gegenlicht, das Meer drumherum in einem Türkis das unfair schön ist. Man hat dieses Bild hundertmal gesehen – auf Postkarten, in Sardinien-Büchern, auf Instagram – und dann steht man davor und versteht sofort: Das wirkt live noch gewaltiger. Die schiere Größe dieses einsamen Monolithen, der da so selbstvergessen im Wasser thront, macht einen für einen Moment sehr klein und gleichzeitig sehr glücklich. Wir suchten uns ein Plätzchen mit freier Sicht, ließen die Beine baumeln und staunten. Manchmal ist das genug.

Die Weiterfahrt nach Fluminimaggiore entpuppte sich als Fortsetzung des Farbfestivals. Die Hügel rechts und links der Straße waren unter einem Teppich aus wildem Ginster begraben, der so aggressiv intensiv leuchtete, dass man kurz das Gefühl hatte, jemand hätte einen riesigen Eimer gelbe Farbe über die gesamte Küstenregion gekippt – rein aus Begeisterung. Dieses Kurven-Kino der Extraklasse schmiegte sich eng an die steilen Hänge, servierte nach jeder Kehre neue Ausblicke auf das glitzernde Meer und ließ unsere beiden Camper im Rückspiegel wie verloren gegangene Spielzeugautos wirken. Wir kehrten ständig in Haltebuchten ein, einfach um zu begreifen, dass diese Farbkombination aus Knallgelb, Tiefblau und Stahlblau tatsächlich keine Bildbearbeitung war, sondern unsere Realität.
Dann: die Cala Domestica. Ein Ort, der so spektakulär in die Landschaft gemeißelt ist, dass man sofort versteht, warum Piraten ihn als Versteck ausgewählt hätten. Eingekesselt von schroffen, schwindelerregenden Kalksteinfelsen liegt ein Teppich aus feinstem Sand, der in ein Türkis übergeht, das in den Augen fast wehtut. Man steht da, blinzelt ungläubig und denkt: Sardinien, jetzt übertreibst du aber.
Die Bucht ist eine optische Übertreibung in jede Richtung. Links türmen sich die Felsen so steil auf, dass man den Kopf in den Nacken legen muss, um ihren Abschluss zu sehen. Rechts öffnet sich die Wand in zerklüftete Schichten aus gebändertem Gestein – gold, schwarz, graugrün – die aussehen, als hätte jemand Jahrmillionen Geologie in eine einzige Felswand gepresst. Dazwischen: diese unfassbare Ruhe. Das Wasser ist so klar, dass man jeden Stein auf dem Grund zählen könnte. Irgendwo draußen schaukelt ein einzelnes Segelboot, als hätte es beschlossen, nirgendwo sonst mehr hinzufahren. Man kann das verstehen.

Nadine traf die vernünftigste Entscheidung des Tages und gönnte sich am Strand eine wohlverdiente Auszeit. Den Rest von uns packte der Entdeckergeist. Wir wollten wissen, was hinter der Kulisse steckt – was hinter diesen Felsen liegt, was der Tunnel bedeutet, den man von unten ahnen kann. Also kraxelten wir los, über die zerklüfteten Klippen auf der rechten Seite, zwischen Geröll und Salzgras, Hände an den Fels, Augen auf den Weg. Das Gestein hier ist faszinierend aus der Nähe – dunkel schimmernd, mit metallischen Adern in türkis und ockergelb, als wären die Felsen von innen beleuchtet. Stefan fotografierte jeden zweiten Stein, als wären wir auf einer Mineralienexpedition. Was nicht ganz falsch war.

Und dann stand man vor dem Tunnel. Ein natürlicher Durchgang im Fels, so niedrig dass man den Rücken krümmen muss, so dunkel dass man kurz innehält, so eindeutig ein Portal, dass selbst der nüchternste Mensch kurz Pirat werden möchte. Kopf einziehen. Durch. Auf der anderen Seite: eine zweite Bucht. Kleiner, wilder, vollständig von Felsen eingeschlossen, das Wasser in einem fast unwirklichen Blaugrün, eine Stille, die nochmal eine Stufe tiefer geht als die erste Bucht. Ein verborgener Ort, den man sich nicht verdient hat durch eine Wanderung oder einen Eintritt, sondern einfach durch den Entschluss, nicht am Strand sitzen zu bleiben.
Wir setzten uns auf die Felsen, ließen die salzige Gischt um die Nase wehen und hielten einfach inne. Stefan und ich schautem uns an, sagten nichts. Manchmal ist das die richtige Reaktion.
Den Rückweg über die Felsen nahmen wir langsamer. Nicht weil es schwieriger war, sondern weil man diesen Ort nicht einfach so hinter sich lässt. Auf der langen Holzbrücke, die zurück zum Parkplatz führt, drehten wir uns noch einmal um – und da lag die Bucht, wieder vollständig still, als hätten wir sie nie betreten.
Der Weg ins Hinterland über Buggerru fragte fahrerisch alles ab, was die Camper-Reise bisher gefordert hatte. Die Straße fraß sich in engen Serpentinen unerbittlich die Hänge hinauf, um sich kurz darauf in halsbrecherischen Kehren wieder ins Tal zu stürzen. Ein ständiges Kräftemessen zwischen den Motoren und der sardischen Topografie – und gleichzeitig eine wilde, unberührte Schönheit, die man von der Küste aus gar nicht erahnen kann.
Um 16:30 Uhr rollten wir schließlich bei Giuseppe und Andrea auf Coru e Bentu ein. Der Name bedeutet „Herz und Wind“, und treffender hätte man diesen Ort hoch über Fluminimaggiore nicht taufen können. Nach der Hauptstadt am Morgen und der wilden Küste am Mittag legte sich die Ruhe hier oben wie eine Decke über uns. Unterbrochen nur von der Begrüßungskommission: Gänse im Gänsemarsch, Hunde mit schwänzelnder Erwartung, irgendwo Pferde. Es war, als würde man in eine andere Welt eintreten – die Version der Welt, in der es langsamer geht und die Dinge den richtigen Platz haben.

Was Coru e Bentu aber wirklich besonders macht, ist das, was man nicht fotografieren kann. Das Gefühl, nicht auf einem Campingplatz zu sein, sondern bei Freunden. Andrea – gebürtige Deutsche – und Giuseppe empfingen uns mit einer Herzlichkeit, die ehrlich und ungekünstelt war. Wir stellten die Camper mitten auf die grüne Wiese, zwischen Hühner und wenige Meter von den grasenden Pferden entfernt. Camping-Romantik in reinster Form.

Um 20:30 Uhr: „Kommt zum Abendessen.“ Kein Zögern unsererseits. Was dann folgte, war kein Dinner – das war Familienanschluss. Wir saßen bei Giuseppe und Andrea in ihrer Wohnung, am echten Tisch, zwischen echten Menschen. Es wurde gegessen und gelacht und geredet, als würden wir uns seit Jahren kennen.
Giuseppe, der gelernte Koch ist, hatte aufgetischt, was Sardinien zu bieten hat: Oktopus-Salat, so zart und geschmackvoll wie ein Gedicht. Hausgemachte Ravioli. Frische Oliven. Brot aus der Bäckerei seines Bruders, das so duftete, dass man es schon beim Hinschauen essen wollte. Und dann floss der Rotwein, und dann der Myrto – dieser sardische Likör, der süß und beerig ist und eine Durchschlagskraft hat, die man erst beim zweiten Glas vollständig versteht.
Die Zeit verschwand. Wir unterhielten uns über Gott und die Welt, über Sardinien und Reisen und das Leben hier oben auf diesem Hügel, und irgendwann schauten wir auf die Uhr und es war 23:30 Uhr. Beseelt, glücklich und mit dem Gefühl, an diesem Abend etwas Echtes erlebt zu haben, traten wir den kurzen Weg zurück zu den Campern an, die im Mondlicht mitten auf der Wiese standen.
Cagliari am Morgen, Flamingos und Prozession dazwischen, der Pan di Zucchero und die Piratenbucht am Nachmittag, und dieser Abend am Ende. Dieser Ostersonntag hatte wirklich alles, was Sardinien ausmacht – und ein bisschen mehr.



























































