Hallo L.A. – zwei Anfänger, ein dicker Jeep und ein Bett über Los Angeles
Im ICE von Stuttgart nach Frankfurt beginnt unser großes Abenteuer zunächst ausgesprochen zivilisiert: Wir sitzen gemütlich auf unseren Plätzen, draußen zieht die Landschaft vorbei, und noch trägt jemand anderes die Verantwortung dafür, dass wir in die richtige Richtung fahren. Ein Zustand, den man genießen sollte, solange er anhält. Nach drei Florida-Reisen wagen wir uns nämlich zum ersten Mal in den Westen der USA. Bisher kennen wir Amerika mit Ferienhaus, Papa und seiner Frau – also gewissermaßen mit familiärer Reiseleitung und eingebauter Auskunftsstelle. Diesmal reisen wir allein. Ohne Papa, der weiß, wie alles funktioniert, und ohne unsere Töchter. Nadine und Bianca sind mit ihren 18 und 20 Jahren inzwischen groß genug, um uns ziehen zu lassen. Ob wir groß genug sind, ohne fachkundige Begleitung durch Amerika zu kommen, wird sich zeigen.
Am Frankfurter Flughafen läuft erfreulicherweise alles wie am Schnürchen. Einchecken, Sicherheitskontrolle, fertig – beinahe enttäuschend für Menschen, die sich innerlich schon auf kleinere Katastrophen vorbereitet haben. So bleibt sogar noch Zeit, durch die Terminalhallen zu bummeln und Dinge zu betrachten, die man vor einer Fernreise offenbar dringend braucht: sündhaft teure Handtaschen, Parfüm in Familienpackungen und einen kleinen Snack zu Preisen, bei denen man hofft, wenigstens den Teller behalten zu dürfen. Schließlich stehen wir am Gate und sind bereit für Los Angeles. Los Angeles! Bislang kennen wir die Stadt hauptsächlich aus dem Fernsehen, wo grundsätzlich entweder jemand berühmt ist, verfolgt wird oder mit sehr weißen Zähnen am Pool sitzt. Wir wären für den Anfang schon zufrieden, wenn wir unsere Koffer wiederfinden.

An Bord der Lufthansa machen wir es uns für die nächsten Stunden bequem, soweit das in einem Flugzeug eben vorgesehen ist. Das Personal kümmert sich aufmerksam um uns, Essen und Getränke kommen regelmäßig vorbei, und das Unterhaltungsprogramm sorgt dafür, dass wir nicht den gesamten Atlantikflug über die verbleibende Reisezeit ausrechnen müssen. Filme, Serien, Spiele – wir haben schließlich Urlaub und damit endlich Zeit, uns ausgiebig nicht entscheiden zu können. Zwischendurch schauen wir nach draußen, als gäbe es über den Wolken plötzlich etwas sensationell Neues zu entdecken, und freuen uns ein bisschen mehr auf das, was vor uns liegt. Die Stunden vergehen erstaunlich gut. „Wie im Flug“ wäre jetzt die passende Formulierung, aber ein gewisses sprachliches Mindestniveau möchten wir wenigstens bis zur Landung halten.
Um 16:30 Uhr setzen wir sanft auf dem Los Angeles International Airport auf. Wir sind tatsächlich in Kalifornien! In meinem Kopf läuft bereits der Vorspann zu unserem ganz persönlichen amerikanischen Roadmovie, während der Rest von mir erst einmal versucht, nach dem langen Sitzen wieder eine überzeugende aufrechte Haltung einzunehmen. Jetzt noch die Einreise – jener Programmpunkt, bei dem man vorsichtshalber besonders unverdächtig schaut und sich gerade deshalb fragt, ob man womöglich verdächtig aussieht. Doch auch hier: alles schnell, freundlich und unkompliziert. Niemand möchte uns länger behalten, und als wir zum Gepäckband kommen, sind sogar unsere Koffer schon da. Offenbar haben heute sämtliche Beteiligten beschlossen, uns einen ausgezeichneten ersten Eindruck zu vermitteln. Wir nehmen das dankend an und verzichten darauf, nach dem Haken zu suchen.
Mit den Koffern im Schlepptau geht es zum Shuttlebus von Alamo. Wir richten uns gedanklich gerade auf eine ordentliche Wartezeit ein, da biegt das Ding schon um die Ecke. Nach zwei Minuten. Zwei! Da wartet man zu Hause länger darauf, dass einem jemand die Frage beantwortet, ob er noch einen Kaffee möchte. Hier dagegen fährt unser Bus praktisch auf Stichwort vor. Langsam bekommen wir den Verdacht, Kalifornien habe von unserer Ankunft erfahren und sich ordentlich ins Zeug gelegt. Nach drei Reisen unter Papas Florida-Regie ist es natürlich auch schön festzustellen, dass Amerika uns offenbar ebenfalls ohne ihn hineinlässt und sogar weitertransportiert.
Die kurze Fahrt zur Autovermietung wird zur ersten kleinen Besichtigungstour. Wir schauen aus den Fenstern, nehmen alles in uns auf und finden allein die Tatsache aufregend, dass wir jetzt durch Los Angeles fahren – wenn auch vorerst in einem Mietwagenzubringer, aber jeder große Auftritt braucht schließlich einen bescheidenen Anfang. Am Alamo-Schalter wartet dann die nächste erfreuliche Überraschung: Gebucht haben wir einen Midsize-SUV, doch die freundliche Dame spendiert uns ein Upgrade. Draußen steht ein Jeep Grand Cherokee mit gerade einmal 6000 Meilen auf dem Tacho und glänzt in der Sonne, als hätte er sich extra für uns noch einmal frisch machen lassen.
Wir stehen davor und sind auf Anhieb sehr einverstanden mit dieser Entwicklung. So haben wir uns das vorgestellt: Wir, der amerikanische Westen und ein ordentliches Auto, das schon im Stand aussieht, als hätte es wichtige Verabredungen mit endlosen Straßen und spektakulären Landschaften. Gut, vermutlich würde es auch ausgesprochen souverän vor einem Supermarkt stehen, aber so weit sind wir gedanklich noch nicht. Erst einmal werden die Koffer verstaut und die Plätze eingenommen. Papa ist nicht dabei, die Töchter sind nicht dabei, und nun sitzt auch kein ICE-Lokführer mehr vorne, der weiß, wo es langgeht. Dafür haben wir einen glänzenden Jeep und jede Menge Vorfreude. Das muss fürs Erste reichen.

Wobei wir uns für die Sache mit der richtigen Richtung vorsichtshalber doch noch fachkundige Unterstützung holen: Wir richten das Navi ein. Mein Vater wird gewissermaßen durch ein kleines Gerät an der Windschutzscheibe ersetzt, das uns hoffentlich ähnlich zuverlässig durch Amerika lotst, allerdings ohne persönliche Florida-Erfahrungen beisteuern zu können (Die hier im Westen eh nicht nützen würden). Stefan startet den Motor, und dann rollen wir tatsächlich los. Zum ersten Mal fahren wir durch den amerikanischen Westen, mit unserem eigenen Reiseplan und einem Hotel als Tagesziel. Das Ferienhaus als feste Ausgangsbasis hat ausgedient. Ab jetzt reisen die Koffer mit, und wir müssen uns selbst merken, wo wir abends wohnen.
Für die erste Nacht haben wir uns das Westin Bonaventure in Los Angeles ausgesucht. Schon von außen macht das Hotel deutlich, dass es nicht vorhat, bescheiden irgendwo herumzustehen. Runde, verspiegelte Türme ragen in den Himmel, gläserne Aufzüge fahren daran entlang, und das Ganze sieht aus, als könnte es bei Bedarf geschlossen ins Weltall starten. Wir wollten eigentlich nur übernachten, haben aber offenbar versehentlich die Kommandozentrale einer Raumstation gebucht. Mir gefällt das ausgesprochen gut. Wenn schon zum ersten Mal Los Angeles, dann darf die Unterkunft ruhig aussehen, als hätte ein Architekt nach dem dritten Kaffee sämtliche Hemmungen verloren.

Drinnen geht es ähnlich eindrucksvoll weiter: Über uns stapeln sich offene Ebenen, dazwischen schweben die Aufzüge auf und ab, und unten gibt es sogar Wasserflächen. Man weiß gar nicht, wo man zuerst hinschauen soll. Ich bemühe mich um den Gesichtsausdruck einer Frau, die ständig in solchen Hotels absteigt, scheitere aber vermutlich schon daran, dass ich mit offenem Mund nach oben starre. Dazu hängen hier Filmplakate, denn das Bonaventure hat längst eine eigene Hollywood-Karriere. Eine Plakette am Aufzug erinnert an die Dreharbeiten zu „True Lies“ mit Arnold Schwarzenegger. Hier war also Arnie unterwegs, und jetzt kommen wir. Er mit Pferd, wir mit Rollkoffern – jeder eben mit dem, was er gerade zur Hand hat.
Unser Zimmer liegt in der 29. Etage. Das klingt am Empfang zunächst einfach nach einer erfreulich hohen Zahl, bekommt im gläsernen Aufzug allerdings sehr schnell eine ausgesprochen anschauliche Bedeutung. Unten wird alles kleiner, draußen taucht immer mehr Stadt auf, und ich bin mit Schauen so beschäftigt, dass ich beinahe vergesse, dass wir eigentlich nur zu unserem Zimmer wollen. Andere Hotels hängen ein Bild in den Aufzug. Hier fährt man vorsichtshalber gleich durch die Aussicht.

Kaum ist die Zimmertür offen, zieht es uns ans Fenster. Da liegt Los Angeles vor uns: Straßen, Häuser, Hochhäuser, dahinter die Hügel – und in der Ferne tatsächlich der Hollywood-Schriftzug. Eben noch im ICE ab Stuttgart, jetzt schauen wir aus dem 29. Stock nach Hollywood. Mein Kopf braucht einen Moment, um diese Entwicklung angemessen zu verarbeiten. Die bodentiefen Fenster helfen dabei sehr, denn sie lassen praktischerweise kaum Raum, sich mit etwas anderem zu beschäftigen. Koffer auspacken? Später. Erst einmal müssen wir hier stehen und überprüfen, ob das alles auch nach fünf Minuten noch so unglaublich aussieht.
Hinter uns wartet ein großes Bett mit einer geradezu unverschämten Menge an weißen Kissen. Es sieht aus, als könnte man darin für mehrere Tage verschwinden und anschließend als deutlich besserer Mensch wieder auftauchen. Dazu diese Aussicht – ich wäre durchaus bereit, den weiteren Reiseverlauf vom Fenster aus zu verfolgen. Stefan müsste mir nur gelegentlich etwas zu essen bringen und die Vorhänge aufziehen. Andererseits haben wir nun einmal einen Jeep gemietet, und dessen Unterkunft kostet stolze 35 Dollar pro Nacht. Für diesen Betrag hoffe ich sehr, dass er ebenfalls Aussicht hat und morgens jemand fragt, ob er gut geschlafen hat.
Die Parkgebühr müssen wir kurz verdauen. Da freut man sich über ein kostenloses Upgrade und erfährt wenig später, dass das Auto jetzt offenbar selbst gehobene Ansprüche an die Unterbringung stellt. Aber gut, wir sind in Los Angeles, und unser Urlaub soll schließlich nicht damit beginnen, dass wir im Hotelzimmer sitzen und ausrechnen, wie viele Chicken Nuggets man für 35 Dollar bekommen würde. Also beschließen wir, den Wagen wenigstens noch einmal auszuführen. Wenn er schon so teuer schläft, kann er vorher auch noch etwas leisten.

Außerdem müssen wir wach bleiben. Unsere innere Uhr hält die kalifornische Ortszeit für einen groben Verwaltungsfehler und fordert mit zunehmender Dringlichkeit ein Bett. Wir setzen Neugier dagegen. Stefan schnappt sich die Autoschlüssel, und kurz darauf sind wir wieder unterwegs, ohne großes Besichtigungsprogramm, einfach erst einmal schauen. Den Weg zurück darf sich das Navi merken. Irgendjemand in diesem Auto muss schließlich noch einen klaren Kopf behalten.
Wir fahren durch Downtown, vorbei an den Hochhäusern, deren Fenster jetzt nach und nach zu leuchten beginnen, und weiter über den Sunset Boulevard. Allein diese Straßennamen! Zu Hause biegt man irgendwo in die Hauptstraße ein, hier fährt man über den Sunset Boulevard und hat sofort das Gefühl, gleich müsste jemand die passende Filmmusik einspielen. Neonreklamen ziehen vorbei, Restaurants, Geschäfte, schicke Autos – und wir mittendrin in unserem Grand Cherokee. Ich schaue nach links, nach rechts und möglichst auch noch gleichzeitig nach vorne, weil ich auf keinen Fall etwas verpassen möchte. Vermutlich könnte man mir gerade eine beleuchtete Tankstelle zeigen, und ich würde begeistert feststellen, wie unglaublich amerikanisch sie aussieht.
Mit der Zeit mischt sich allerdings ein sehr handfestes Bedürfnis unter die Begeisterung: Hunger. Für unseren ersten Abend in dieser weltberühmten Metropole fällt die Wahl deshalb auf ein Haus der internationalen Gastronomie, dessen kulinarische Handschrift uns bereits vertraut ist. McDonald’s. Man muss sich nach so einem langen Reisetag schließlich nicht unnötig unter Druck setzen. Weiße Tischdecken und eine ausführliche Erklärung der Tageskarte würden uns jetzt vermutlich ohnehin nur einschläfern.
Wir bestellen Chicken Nuggets, und was soll ich sagen: Die schmecken hier besser. Knuspriger, goldener, überhaupt deutlich überzeugender. Vielleicht liegt es an Amerika, vielleicht am Hunger, vielleicht auch daran, dass wir seit Stunden alles großartig finden. Eine wissenschaftliche Untersuchung scheitert daran, dass die Beweisstücke zu schnell aufgegessen sind. Wir sind uns jedenfalls einig: hervorragender Auftakt. Andere beginnen ihren Los-Angeles-Aufenthalt mit Champagner auf einer Dachterrasse. Wir sitzen vor frittiertem Huhn und sind keinen Deut weniger glücklich.
Zurück am Bonaventure überlassen wir den Jeep dem Valet-Service. Für 35 Dollar darf sich jetzt gern jemand anderes Gedanken darüber machen, wie man dieses stattliche Fahrzeug ordentlich in eine Parklücke bekommt. Wir haben für heute genug geleistet: einen Ozean überquert, ohne meinen Vater nach Los Angeles gefunden, einen filmberühmten Aufzug benutzt und die amerikanische Nugget-Qualität überprüft. Mehr kann man von zwei frisch eingereisten Urlaubern nun wirklich nicht verlangen.
Oben im Zimmer zieht es uns noch einmal ans Fenster. Unter uns glitzert die Stadt, auf den Straßen sind weiter Autos unterwegs, und irgendwo da draußen wartet all das, was wir in den nächsten Tagen entdecken wollen. Vorhin hätte ich hier noch stundenlang stehen können, inzwischen gewinnt das Bett mit deutlichem Vorsprung. Wir kriechen unter die Decke, werfen einen letzten Blick auf die Lichter und überlassen Los Angeles für den Rest des Abends sich selbst. Die Stadt kommt bestimmt ein paar Stunden ohne uns zurecht. Und falls nicht, ist ja immerhin der Gouverneur mit unseren Aufzügen vertraut.





