Dalton Highway – heute gibt es kein Zurück
Um halb sieben war ich wach. Nicht langsam, nicht gemütlich und schon gar nicht mit diesem friedlichen Urlaubsgefühl, bei dem man erst einmal überlegt, welcher Wochentag eigentlich ist. Mein erster Weg führte schnurstracks zum Fenster. Nach dem gestrigen Schneetag hing schließlich einiges davon ab, was sich dahinter abspielte. Noch einmal einen kompletten Tag in Fairbanks mit Outdoorläden, Fudge und der Suche nach irgendwelchen touristischen Restposten totzuschlagen, wäre zwar theoretisch möglich gewesen, aber wir hatten inzwischen einen beachtlichen Teil des örtlichen Einzelhandels persönlich kennengelernt. Außerdem wartete da draußen immer noch etwas auf uns, das wir gestern zweimal vergeblich versucht hatten zu erreichen: der Arctic Circle.
Draußen war es noch stockdunkel. Aber zwischen den schwarzen Umrissen der Bäume funkelten Sterne. Kein Schneefall, keine dicken Flocken, kein weißes Inferno – einfach ein klarer Himmel. Ich stand vermutlich selten so begeistert vor einem dunklen Hotelfenster. Damit war die Sache entschieden. Jetzt musste nur noch Stefan aus dem Bett, was angesichts der Uhrzeit und seines noch ausgeprägten Schlafbedürfnisses möglicherweise die erste größere Herausforderung des Tages werden würde. Erstaunlicherweise funktionierte aber auch das, das Frühstück erledigten wir im Schnellverfahren und kurz nach sieben saßen wir bereits im Auto. Gestern hatte uns Alaska ziemlich eindeutig vor die Tür gesetzt. Heute wollten wir es noch einmal wissen.

Auf dem Steese und später dem Elliot Highway lag weiterhin Schnee, aber der entscheidende Unterschied zum Vortag war sofort spürbar: Die Schneedecke war inzwischen festgefahren. Wir kamen gut voran. Richtig gut sogar. Bald tauchte der Hilltop Truckstop auf, an dem wir gestern unseren ersten Versuch abgebrochen hatten, wenig später passierten wir das Pipeline Visitor Center, bis zu dem wir es am Nachmittag beim zweiten Anlauf geschafft hatten. Heute fuhren wir einfach weiter. Keine Diskussion, kein Herumüberlegen. Der Arctic Circle hatte gestern gewonnen, und wir waren schlechte Verlierer.

Je weiter wir Fairbanks hinter uns ließen, desto einsamer wurde die Landschaft. Links und rechts standen die Bäume schwer unter dem frischen Schnee, irgendwo daneben oder über uns tauchte immer wieder die Trans-Alaska-Pipeline auf und verschwand anschließend wieder zwischen den Hügeln. Die Straße zog sich kilometerweit durch diese weiße Landschaft, manchmal schnurgerade, dann wieder über Kuppen und durch Senken, und eigentlich hätte das alles unglaublich friedlich sein können – wären da nicht gelegentlich Dinge am Straßenrand aufgetaucht, die einem sehr anschaulich erklärten, dass diese Strecke im Winter durchaus ihre Tücken hatte.
Zum Beispiel ein ausgewachsener Lastwagen, der kopfüber im Straßengraben lag. Nicht leicht schräg. Nicht ein bisschen festgefahren. Das komplette Ding lag da wie ein Käfer, den jemand auf den Rücken gedreht hatte. Wir betrachteten ihn im Vorbeifahren und bekamen damit eine recht plastische Vorstellung davon, was hier passieren konnte, wenn man die Bodenhaftung verlor. Umkehren? Kam trotzdem nicht infrage. Wir hatten schließlich gestern schon ausreichend Vernunft gezeigt.
Nach ungefähr 85 Meilen erreichten wir schließlich die Abzweigung zum Dalton Highway. Und allein das große Holzschild am Straßenrand fühlte sich schon ein bisschen an wie das Eingangstor zu einer anderen Welt: Welcome to the James W. Dalton Highway – Gateway to the Arctic – The Road to Prudhoe Bay. Genau hier begann jene Straße, von der wir vorher natürlich gelesen hatten. Die legendäre Haul Road, gebaut für die Versorgung der Trans-Alaska-Pipeline und der Ölfelder im hohen Norden, 416 Meilen bis Deadhorse.
Eine Straße, die nicht dafür angelegt worden war, Urlauber bequem durch Alaska zu chauffieren, sondern tonnenschwere Trucks, Maschinen, Material und alles andere nach Norden zu bringen, was dort gebraucht wurde. 1974 war sie innerhalb weniger Monate als Arbeitsstraße entstanden und erst viel später vollständig für den öffentlichen Verkehr freigegeben worden. Das klang nicht unbedingt nach klassischem Mietwagenprogramm. Was natürlich exakt der Grund war, warum wir jetzt dort hineinfuhren.

Gleich am Anfang stand vorsorglich ein gelbes Schild: HEAVY INDUSTRIAL TRAFFIC – PROCEED WITH CAUTION. Man hätte es auch etwas freier übersetzen können mit: Ihr dürft hier fahren, aber bildet euch bloß nichts darauf ein. Der Dalton gehörte den Trucks. Das wurde uns ziemlich schnell klar. Wenn sich irgendwo vor uns eine riesige Schneefahne erhob, wusste man schon lange bevor man das eigentliche Fahrzeug erkennen konnte, dass gleich mehrere Dutzend Tonnen Arbeitsgerät angeflogen kamen. Und „angeflogen“ trifft es erstaunlich gut. Die Jungs waren nicht zum Landschaftgucken hier. Sobald einer dieser riesigen Trucks auftauchte, hielten wir uns möglichst weit rechts und ließen ihn machen. Besonders bei Gegenverkehr war das eine ausgesprochen vernünftige Idee, denn die Kombination aus Schotter, Schnee, Eis und einem entgegenkommenden Sattelschlepper hatte etwas, das einen sehr schnell von der Schönheit der Landschaft ablenken konnte.
Auch auf dem Dalton entdeckten wir irgendwann einen Truck, der es nicht ganz auf der Straße gehalten hatte. Ein weiterer lag beziehungsweise stand ziemlich verlassen im Graben, und spätestens jetzt war klar, dass die Warnschilder hier nicht zur folkloristischen Dekoration aufgestellt worden waren.
Trotzdem fühlte sich die Fahrt erstaunlich gut an. Stefan hatte schnell heraus, wie man auf dieser Piste am besten unterwegs war. Wo es die Straßenbreite zuließ, suchte er sich zwischen Schlaglöchern, Schnee und ausgefahrenen Spuren die angenehmste Linie, vor Kuppen und unübersichtlichen Kurven hielten wir uns konsequent rechts, und so fanden wir irgendwann unseren Rhythmus. Anfangs hatte ich bei jedem entgegenkommenden Truck noch das Bedürfnis, mich mitsamt Sitz ein Stück weiter nach rechts zu verschieben, später wurde selbst das beinahe normal.

Und dann begann der Dalton, uns für sämtliche Zweifel zu entschädigen. Die Landschaft war einfach großartig. Keine spektakulären Sehenswürdigkeiten, die alle fünf Kilometer mit einem Parkplatz angekündigt wurden, sondern diese unglaubliche Weite. Die Straße lief vor uns über Hügel, verschwand irgendwo hinter einer Kuppe und tauchte auf der nächsten Anhöhe wieder auf. Daneben zog sich immer wieder die Pipeline durch die Landschaft, schnurgerade einen Hang hinauf, durch Täler und über kilometerweite Flächen. Die Bäume standen weiß bereift am Straßenrand, auf manchen Abschnitten war die Fahrbahn noch komplett mit Schnee bedeckt, auf anderen schaute bereits der helle Schotter hervor. Manchmal konnte man kilometerweit sehen und hatte trotzdem das Gefühl, dass dort draußen schlicht niemand war. Keine Häuser, keine Orte, keine Tankstellen, keine Cafés. Nur Straße, Pipeline, Trucks und Alaska.
Was auf der Karte entlang des Dalton wie ein Ortsname aussieht, sollte man übrigens nicht automatisch mit unseren Vorstellungen von Ortschaft verwechseln. Nach rund 56 Meilen erreichten wir Yukon River Camp. Das war hier schon beinahe eine Metropole, bestand aber im Wesentlichen aus Restaurant, Motel, Tankstelle und einer kleinen Informationsstelle. Für uns war vor allem ein Bestandteil interessant: die Tankstelle. Wir waren zwar mit vollem Tank aus Fairbanks gestartet, aber bis hierher hatte es keinerlei Möglichkeit gegeben nachzutanken, und vom Yukon River bis zum Arctic Circle lagen noch einmal knapp 60 Meilen vor uns. Anschließend mussten wir denselben Weg natürlich auch wieder zurück. Auf einer Straße, auf der Tankstellen ungefähr so häufig vorkamen wie Fußgängerzonen, entwickelte man plötzlich eine ganz neue Wertschätzung für eine Zapfsäule.
Und wir hatten Glück. Die Tankstelle war noch geöffnet. Also gerade noch, denn im Camp wurde bereits geputzt und zusammengeräumt. Wir erfuhren, dass dies der letzte Betriebstag vor der Winterpause war. Besser hätten wir unseren Besuch kaum timen können. Einen Tag später hätten wir hier möglicherweise vor einer geschlossenen Tankstelle gestanden und hätten anfangen können auszurechnen, wie viele Kilometer unser Mietwagen wohl noch aus reiner Willenskraft fährt. Also tankten wir sicherheitshalber nach. In dieser Gegend erschien es plötzlich völlig vernünftig, jeden verfügbaren Tropfen Benzin mitzunehmen.

Danach ging es weiter nach Norden. Und nun wurde aus der Fahrt langsam eine kleine Jagd nach diesem einen Schild. Arctic Circle. Irgendwo da vorne musste es stehen. Mit jeder Kuppe erwartete ich beinahe, es endlich zu sehen, aber stattdessen kam eine weitere Kuppe. Und noch eine. Die Landschaft veränderte sich ständig. Mal führte der Dalton durch dichten Wald, dann öffnete sich die Aussicht über kahle Hügel, anschließend schlängelte sich die Straße wieder durch ein Tal. Der Himmel hatte sich inzwischen zugezogen und die Farben bestanden hauptsächlich aus Weiß, Grau, Braun und dem dunklen Grün der Fichten. Eigentlich eine ziemlich reduzierte Farbpalette – und trotzdem konnte ich mich kaum sattsehen.
Zwischendurch bekamen wir noch einmal sehr anschaulich vorgeführt, wer hier wirklich arbeitete. Einige Passagen waren so steil beziehungsweise eng, dass die großen Trucks sie offenbar nicht einfach gleichzeitig befuhren. Wir beobachteten, wie einer wartete, während sein Kollege auf der gegenüberliegenden Seite durch die Senke und anschließend den Hang hinaufkam.
Erst als der andere oben war, setzte sich der nächste in Bewegung. Spätestens da war unsere anfängliche Vorstellung, diese Fahrer würden eben ein bisschen Lkw durch Alaska fahren, endgültig erledigt. Diese Männer bewegten ihre riesigen Fahrzeuge mit einer Selbstverständlichkeit über eine verschneite Schotterpiste, bei der wir schon mit unserem vergleichsweise handlichen Auto ausgesprochen aufmerksam unterwegs waren. Und sie machten das nicht einmal als Urlaubserlebnis, sondern jeden Tag. Respekt.
Irgendwann tauchte dann tatsächlich ein Schild auf, bei dem der Puls sofort ein kleines bisschen schneller wurde. Arctic Circle. Nicht mehr irgendwann, nicht mehr theoretisch – jetzt waren wir da. Bei Mile 115 bogen wir von der Straße ab und fuhren durch die Birken und Fichten auf den kleinen Parkplatz. Und dann stand es vor uns: dieses große braune Schild mit der Weltkugel und der Aufschrift
Arctic Circle – Dalton Highway Alaska – Latitude 66°33’.
Gestern hatten wir noch am Hilltop Truckstop gestanden und eingesehen, dass wir es vermutlich nicht schaffen würden. Wenige Stunden später hatten wir unseren zweiten Versuch an der Pipeline ebenfalls abbrechen müssen. Und jetzt standen wir tatsächlich hier, nördlich des Polarkreises, mitten im Nirgendwo Alaskas. Natürlich machten wir Fotos. Viele Fotos. Sehr viele Fotos. Das Schild allein. Wir vor dem Schild. Einer vor dem Schild. Der andere vor dem Schild. Selbstauslöser. Selfie-Stick. Andere Position. Noch einmal zur Sicherheit. Schließlich fährt man nicht mal eben 200 Meilen von Fairbanks hierher, um anschließend festzustellen, dass auf dem einzigen gemeinsamen Foto einer die Augen geschlossen hat.
Dabei ist der Arctic Circle selbst streng genommen eine ziemlich unspektakuläre Angelegenheit. Man fährt über eine gedachte Linie auf der Erdoberfläche. Es gibt keinen Schlagbaum, die Temperatur fällt nicht schlagartig um zehn Grad und auch die Eisbären stehen nicht zur Begrüßung bereit. Ohne Schild würde man vermutlich einfach vorbeifahren und nichts bemerken. Aber genau dieses Schild war für uns in diesem Moment etwas Besonderes. Es markierte den nördlichsten Punkt unserer Reise und war gleichzeitig der Beweis dafür, dass sich unser zweiter Anlauf gelohnt hatte. Gestern hatte Alaska Nein gesagt. Heute hatte es offenbar seine Meinung geändert.
Wir machten noch eine kleine Pause und stärkten uns, bevor wir uns wieder auf den Rückweg machten. Weiter Richtung Coldfoot oder gar Deadhorse wollten wir ohnehin nicht. Ein Wegweiser erinnerte uns daran, welche Dimensionen diese Gegend hatte: Coldfoot 60 Meilen, Deadhorse 300 Meilen. Für uns war am Arctic Circle Schluss. Wir hatten erreicht, weswegen wir hergekommen waren, und vor uns lagen noch mehr als 200 Meilen zurück nach Fairbanks. Außerdem wussten wir inzwischen, dass eine Straße in Alaska morgens und nachmittags durchaus zwei völlig unterschiedliche Persönlichkeiten besitzen kann.
Und genau das zeigte sich ziemlich schnell. Auf der Hinfahrt waren große Teile des Dalton noch weiß und festgefahren gewesen. Inzwischen hatte der Verkehr den Schnee stellenweise weggeräumt beziehungsweise in eine braune, nasse Mischung verwandelt, die mit einer Straße nur noch entfernt verwandt war. Aus der Schneepiste wurde eine Schlammpiste. Unser Auto zog hinter sich eine beeindruckende braune Fahne her, und auf manchen Abschnitten fühlte sich der Untergrund ausgesprochen rutschig an. Kurven und Gefälle sorgten immer wieder dafür, dass der Wagen kurz die Richtung diskutieren wollte, bevor Stefan ihn wieder überzeugte, dass wir weiterhin lieber auf der Straße bleiben würden. Die sauberste Phase unseres Mietwagens war damit endgültig vorbei.
Trotzdem kamen wir gut voran. Die Trucks begleiteten uns weiterhin, die Pipeline tauchte immer wieder neben uns auf und die Landschaft zog nun in umgekehrter Reihenfolge vorbei. Was am Morgen noch fremd und ein bisschen einschüchternd gewirkt hatte, kam uns inzwischen beinahe vertraut vor. Da war wieder das Yukon River Camp, da die langen Steigungen, die endlosen Geraden und irgendwann schließlich die Abzweigung zurück auf den Elliot Highway. Gegen 16 Uhr hatten wir den Dalton hinter uns. Der Elliot Highway war inzwischen sogar weitgehend schneefrei, und nach all dem Schotter, Schnee und Matsch fühlte sich eine normale Straße plötzlich beinahe luxuriös an.
Gegen Viertel vor sechs rollten wir wieder in Fairbanks ein. Seit kurz nach sieben waren wir unterwegs gewesen, hatten mehr als zehn Stunden im Auto und auf dem Dalton verbracht und waren entsprechend hungrig. Gestern war uns das Airport Way Family Restaurant aufgefallen, ein klassisches amerikanisches Diner, dessen Fassade mit „Open 24 Hours“, Breakfast, Burgers, BBQ und ungefähr allem anderen warb, was man auf einen Teller legen kann. Nach diesem Tag musste niemand mehr lange über Restaurantalternativen diskutieren.

Drinnen sah es genauso aus, wie man sich ein amerikanisches Family Restaurant vorstellt: Holzwände, rote Sitzbänke, schlichte Tische und keinerlei Versuch, aus einem Abendessen ein Lifestyle-Konzept zu machen. Perfekt. Ich bestellte ein Ribeye Steak mit Ofenkartoffel und Mais, Stefan bekam einen Cheeseburger mit Pommes. Nach dem ganzen Tag auf dem Dalton hätte man uns vermutlich auch zwei Scheiben Toast servieren können und wir wären zufrieden gewesen, aber das Essen war richtig gut und damit ein ausgesprochen passender Abschluss.
Wir saßen dort und waren immer noch völlig begeistert von diesem Tag. Keine große organisierte Tour, kein Besucherzentrum mit Eintrittskarte, kein durchgetaktetes Ausflugsprogramm. Nur wir, unser Mietwagen, eine verschneite Straße, jede Menge Trucks und 200 Meilen Alaska bis zu einem Schild mitten im Nirgendwo.
Gestern hatte uns der Schnee noch am Hilltop Truckstop ausgebremst.
Heute hatten wir den Arctic Circle erreicht.
Und genau deshalb war dieser Tag jede einzelne verdammte Meile wert.





































